Law & Order: Special Victims Unit 13x06

Auch in der Gefahr, dass ich mich (weiterhin) wiederhole: Es hat schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht, Law & Order: Special Victims Unit zu verfolgen, wie in dieser Staffel. Nach dem kleinen Durchhänger vor zwei Wochen mit Missing Pieces läuft die Dick-Wolf-Serie nun wieder zur Hochform auf. Und das mit einer Episode, die in dieser Art und Weise fast in den ersten Staffeln der Serie hätte auftauchen können.
Denn True Believers macht das, was in den Anfängen der Produktion öfter passiert war: Sie erklärt das Vergewaltigungsopfer zum Fix- und Angelpunkt der Handlung. Natürlich geht so etwas nur mit einer wirklich guten Gastdarstellerin - zum Glück beherrscht die gerade erst 19 Jahre alt gewordene Sofia Vassilieva (vor allem bekannt aus Medium) ihr Handwerk. Sie spielt das Opfer Sarah Walsh von der ersten Sekunde an glaub- und schreckhaft. Sie sorgt auch zur Auflösung am Ende für die schauspielerische Überzeugungskraft, die für einen nicht zu pathetischen Abschluss der Episode führen kann.
Und all das ist extrem wichtig bei dieser Episode. Denn der Zuschauer wird von Beginn an in die Perspektive der Angegriffenen integriert. Soll heißen: Wir folgen Sarah bis zu ihrer Wohnung, wo sie „plötzlich“ (natürlich weiß man, dass gleich etwas passiert - aber natürlich nicht, was...) von einem afro-amerikanischen Mann aus der Nachbarschaft überrascht, mit einer Pistole bedroht und vergewaltigt wird. Zum Unterschied zu manch anderer Folge kennen wir also bereits den Täter und sind nun gespannt, wie dieser gefasst wird.
Damit macht True Believers etwas ganz Geschicktes: Wir fühlen mit der Vergewaltigten. Und klar - das kommt in mehreren Episoden vor. Aber hier wechseln wir damit in das Gefühlsleben von Det. Olivia Benson (Mariska Hargitay, der es - wie so oft - von Beginn an (gefühlsmäßig) wie uns geht. Wir durchleben damit wie sie all die Hochs und Tiefs des Falls: von der Verhaftung des Verdächtigen über die (vermeintlichen) Lügen des Opfers bis hin zu dem findigen Anwalt (klasse dargestellt von André Braugher), der das Opfer als Lügnerin und die NYPD als lausig arbeitende Polizisten hinstellt und damit den Fall zum Kippen bringt.
Auch das ist ein klasse Zug der Episode: Sie stellt nicht nur Sarah und Benson in den Mittelpunkt, sondern lässt auch allen anderen Cops der Einheit Platz. Hier sei vor allem Det. Amaro (Danny Pino) herausgestellt. Denn er ist derjenige, dessen Vorgehensweise ohne Suchbeschluss zunächst von ADA Cutter (zum Glück wieder dabei und wieder klasse vor Gericht: Linus Roache) und dann dem Anwalt des Angeklagten in Frage gestellt wird. Hier kann Benson wiederum nicht helfen, da sie nicht das Gleiche gesehen hat wie ihr Partner (dass der Angeklagte die Pistole schnell unter die Couch geschoben hat).
Womit wir wieder bei Benson wären. Die ganze Episode fühlt sich nämlich an, als ob sie der Anfang dessen wäre, was lange angekündigt war: dass Benson im Verlauf der Staffel eine kleinere Rolle einnehmen wird (Hargitay möchte ja kürzer treten). Erstmals merkt man dem Charakter an, dass ihm genau solche Fälle so nahe gehen, dass sie ernsthaft ans Aufhören denkt. Und mit dem Fehlen ihres bisherigen Partners Det. Stabler hat sie auch nicht mehr den Menschen an ihrer Seite, der ihr immer wieder Sicherheit und Stabilität geben konnte. In der tollen Schlussszene mit Bayard Ellis (André Braughers - wiederholt gesagt - genial gespielter Charakter) wird klar, dass sie händeringend nach Ausgleichen sucht. Darüber hinaus schafft die Schlussszene es aber auch, den Charakter von Braugher um einiges sympathischer und nachvollziehbarer darzustellen als im restlichen Verlauf der Episode (die ihn kaltblütig und stereotypisch erscheinen lässt).
Fazit
Eine schlichtweg klasse Episode. Kleinen Punkteabzug gibt es für die letztendlich ganz kurz aufgebrachten, typischen afro-amerikanischer Mann vs. blondes Mädchen Vorurteile. Gerade weil diese ansonsten prima vermieden werden, hätte es den Ausspruch des Vaters von Sarah nach der Urteilsverkündung einfach nicht gebraucht.
Davon abgesehen aber einfach toll, was die Serie in dieser Staffel bisher zeigt. Das hätte wohl selbst der optimistischste Fan sich kaum denken können...
Nebenbei soll natürlich auch noch kurz die tolle Anlehnung an alte Homicide: Life on the Street-Zeiten von Richard Belzers Det. Munch (der Cragen Dann Florek wieder erstklassig vertritt) und André Braughers Det. Frank Pembleton erwähnt werden. Kaum trifft Munch auf dem Revier der SVU auf Braughers Ellis und behandelt letzteren wie einen alten Bekannten, entgegnet dieser: „Kennen wir uns?“, woraufhin Munch ihm seinen mittlerweile erworbenen Sergeant-Status vorhält (während Homicide: Life on the Street schaffte Munch die Prüfung zum Sergeant nicht...). Die Mimik der beiden während dieser Szenen spricht Bände und lässt uns durch diesen kleinen, aber feinen „Fourth-Wall“-Moment schmunzeln.
Verfasser: Sebastian Detzler am Samstag, 5. November 2011(Law & Order: Special Victims Unit 13x06)
Schauspieler in der Episode Law & Order: Special Victims Unit 13x06
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