Star Trek: Enterprise 3x17

Was erwartet uns?
Die Crew der Enterprise findet ein abgestürztes Schiff der Xindi-Insekten. Archer möchte unbedingt deren Nachkommen am Leben halten, die in Brutkammern den Absturz überlebt hatten. Sein erneut übermäßig irrationales Verhalten beschwört eine Meuterei seiner Crew herauf…
Dies & das
- Michael Grossman feierte hier sein Regie-Debüt bei Star Trek.
- Andre Bormanis und Mike Sussmann arbeiteten hier erstmals zusammen.
- An der MACO-Front sehen wir Major Hayes in seinem vierten Auftritt. Außerdem die bereits mehrfach eingesetzten Corporal Chang und Hawkins.
Fun under fire?
„I understand how Captain Archer feels. If one of my subordinates disobeyed an order of mine I'd knock him on his ass.“ (Hayes)
„There are Rules even in war. We have to save those children.“ (Archer)
„I'm not here for fun. I'm here on official ships business; to get my neural pressure session.“ (Trip)
Déjà-vu again and again
Nachdem ich zuletzt mal wieder so richtig über die Dreistigkeit aufregen konnte, eine bestehende Trek-Episode und diverse Filme zu einer „neuen“ Dreiviertelstunde auf der aktuellen Enterprise zu verwursten, haben wir es nun erneut mit dem latenten Gefühl des Déjà-vu zu tun.
Grundsätzlich kann man sich natürlich schon zu Beginn fragen, ob nicht der direkte Weg nach Azati Prime der einzig richtige sein müsste. Doch wenn man bedenkt, wie wenig die Crew bisher über die Xindi-Insekten in Erfahrung bringen konnte, musste Archer den Befehl geben, das Wrack zu untersuchen. Die Chance, Waffen, Antriebstechnologie, Schwachstellen des Schiffes und der Individuen zu studieren würde sich in der verbleibenden Zeit sicherlich nicht ein zweites Mal bieten. Aus diesem Grund hatte ich gegen den Abstecher an sich auch keine Einwände. Lieber auf den letzten Drücker gut vorbereitet ankommen, als vor der Zeit und ohne Plan, was man unternehmen könnte...
But
Nun folgt jedoch die oben bereits angekündigte Einschränkung. So schön und überzeugend die visuelle Umsetzung auch einmal mehr sein mag, so atmosphärisch die Kulissen und mitreißend die Inszenierung daherkommen, kann hier erneut keiner die Herkunft des Ausgangsmaterials leugnen. Zu deutlich sind die Parallelen zu der großartigen „Alien“-Filmen. Die Erkundung des Wracks, das abgelegen auf einem Planeten liegt, das Ambiente des Interieurs, die tropfenden, eklig-wabernden „Eier“ und - als Sahnehäubchen - die Attacke auf Archer mit einer Fuhre Schleim. All das ist erneut eine zu deutliche Anleihe und kostet die Episode in der Summe locker einen ganzen Bewertungspunkt.
Und ... nein! Ich will mich in Sachen Ideenklau nicht künstlich anstellen. Aber immer wieder auf bekannte Motive zurückzugreifen ist schlicht ein wenig zu einfach. Star Trek: Enterprise und auch Star Trek: Voyager haben sich in diesem Bereich einen so schlechten Namen gemacht, dass die Sensibilität beim Produktionsteam inzwischen schlichtweg ein wenig ausgereifter sein sollte. Damit sind dann auch der kritischen Worte ausreichend gewechselt.
Always look on the bright side
Nimmt man die Schwächen des Setups genügsam zur Kenntnis und lässt sich auf das ein, was die Episode umzusetzen versucht, entwickelt sich unter Regie des Trek-Newcomers Michael Grosman erneut eine starke Charakterepisode, die mit gepfefferten Dialogen, überzeugenden Emotionen und der serieneigenen Kontinuität spielt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass erneut Mike Sussman einen Anteil an der Story hatte. Keiner versteht es wie er, aus den Charakteren das herauszuholen, was sie im Kern definiert.
Aber der Reihe nach.
Man mag in oben erwähntem Moment, als Archer vom Schleim getroffen wird, schon vermuten, dass dieser Vorfall nicht ohne Konsequenzen für den Handlungsverlauf bleiben wird. Man mag auch sofort eine Verbindung sehen, als der Captain befiehlt, sich um die Nachkommen der Xindi zu kümmern. Man mag sein komplett irrationales Verhalten in der Folge ebenfalls definitiv darauf zurückführen, dass er einem fremden Einfluss ausgesetzt ist. All das könnte und müsste wahrscheinlich in der Summe gegen eine gelungene Episode arbeiten.
Doch gelingt es Sussman und Bormanis, eine Thematik zu entwickeln, die an dieser Stelle im Verlauf der Season von größter Bedeutung ist. Nämlich das ohnehin wenig ausgeglichene, irrationale, sprunghafte, aggressive und unberechenbare Verhalten des Captains zu beleuchten und die Reaktionen seiner Offiziere zu dokumentieren.
Bisher blieb es bei irritierten Blicken, versuchten Wiederworten, Denkanstößen und peinlich berührten Momenten des Schweigens („Anomaly“, „The Shipment“, „Similitude“, „Stratagem“, „Harbinger“). Diesmal jedoch überschreitet Archer die inzwischen sehr feine Linie zwischen dem Vertrauen seiner Crew und einem offenen Konflikt bereits mit seinem ersten Befehl. Den Aufenthalt zu verlängern und sich ernsthaft um die schlüpfenden Kinder des Feindes kümmern zu wollen, kann angesichts der Situation nicht sein Ernst sein. Sicherlich kann man die eloquente Argumentation sogar noch irgendwie schlucken, nur steht definitiv zu viel auf dem Spiel. Das wissen Trip und T'Pol - und sie zeigen es in aller Offenheit.
Hier zeigt sich ein Autoritätsverlust, der sich über die bisherige Season aufgebaut hat. Archer befand sich dabei schon mehrfach am Rande des Erträglichen und muss nun (ironischerweise ohne eigenes Verschulden) die Quittung dafür einstecken. Seine engsten Vertrauten wenden sich von ihm ab und beginnen, hinter seinem Rücken über Sinn und Unsinn der Befehle zu diskutieren.
Man könnte sicherlich einschränken, dass Archers Verhalten und vor allem die Reaktionen darauf am Ende verpuffen, weil es sich eben nicht um eine realen Situation handelt, sondern
um einen fremden Einfluss, der sein Verhalten ausgelöst hat. Dennoch darf man bei dieser Kritik eines nicht vergessen: Genau wie wir in Twilight durch eine verpönte Reset-Button-Episode erfahren, was passieren würde, sollte die Mission scheitern, erleben wir hier die Auswirkungen, sollte Archer seinen persönlichen Ermessensspielraum noch weiter ausnutzen oder sogar in irrationaler und unverantwortbarer Weise weiter überschreiten. Es ist meiner Ansicht nach mindestens ähnlich wertvoll dieses was-wäre-wenn-Spielchen zu erleben, eben um den Geschehnissen einen festeren Rahmen zu geben und zu verdeutlichen, dass eben irgendwo Grenzen gesetzt sind und man sich nicht auf alles verlassen kann.
Sicherlich wäre es mutig gewesen, Archer wirklich am Rande der Unzurechnungsfähigkeit zu zeigen, seine Crew wirklich das Kommando übernehmen zu lassen und dann auf die Konsequenzen dieser Handlungen einzugehen. Innerhalb des Arcs und zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt in der Gesamthandlung ist die gewählt Form für mich jedoch angemessen.
Zu dieser zentralen Geschichte um Archer und seine meuternde Crew gesellt sich auch erneut das Motiv der Streithähne Reed und Hayes. Diese scheinen ihre Zwistigkeiten inzwischen aber auf einer etwas niveauvolleren Ebene auszutragen, dabei verbal immer noch schonungslos vorzugehen, aber immerhin auch im Zweifel Mut zur Einsicht zu beweisen: Hätten die Autoren das Potential dieser Nebenhandlung bereits in früher erkannt und kontinuierlich weiterverfolgt, hätten Culp und Keating sicherlich das Zeug für einige wundervolle Performances mehr gehabt. Aber besser (zu) spät als nie.
Ein weiterer klarer Pluspunkt: Sussman und Bormanis gelingt es erneut, Anthony Montgomery zu einem wichtigen Mitglied des Kollektivs zu machen. Schon seit einigen Episoden trat die Figur des Mayweather aus ihrem Schattendasein heraus, und wurde zumindest zu einer gleichwertigen Nebenfigur. Sollte dieser Trend anhalten, dürfte es bald keine Probleme mehr mit Charakter und Darsteller geben. Seine Szene, als er Major Hayes auf eigene Faust überwältigt ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.
Für Kontinuität sorgen zudem die beiden MACOs Chang und Hawkins, die bereits mehrfach mit von der Partie waren.
Sicherlich: Man kann der Episode mangelnde Originalität nachweisen. Man kann auch auf den Kniff einer Fremdeinwirkung auf Archer hinweisen und dabei den Effekt der Handlung in Frage stellen. Ich jedoch halte sie für eine in der Grundkonzeption stark an Twilight angelehnte Episode, die sich einzig über die famosen Effekte, die stimmungsvolle Atmosphäre, die durchgängig brillanten Darstellerleistungen und Dialoge sowie durch den oben beschriebenen „was-wäre-wenn“-Effekt definieren lässt. Gutes Unterhaltungs-TV kann manchmal eben durchaus einen langen Bart tragen.
Gib dem Kind einen Namen
Meine Geschichtslehrerin hat früher immer gesagt: Daher der Name Bratkartoffel. Genauso ist es auch bei den Enterprise-Titeln. Kennt man einen Korn des Inhalts, kennt man den Titel. Oder ist vielleicht das Schiff als Brutstätte für Zwietracht gemeint? Archer als Brutstätte für außerirdische Keime? Nein? Gut - dann ist es eben mal wieder nur ein klassisch-banaler Titel einer in dieser Kategorie enorm unkreativen Serie.
Fazit
Hatchery spielt passabel mit der fortlaufenden Archer-Thematik und präsentiert dabei eine durchaus spannende Handlung als Spitze des Eisberges im Umgang zwischen Crew und Captain. Durch kompetente Dialoge, gelungene Charakterisierungen und eine starke Atmosphäre verblassen diesmal die wieder viel zu eindeutigen Schwächen des Setups und die starken Anleihen an eine beliebte Genre-Reihe und hinterlassen eine gute Arc-Episode, die auf den nahenden Höhepunkt der Season hinarbeitet.
Ein kleiner Hinweis: An dieser Stelle setze ich mit den Enterprise-Reviews voraussichtlich bis nach Beendigung des Trek-Countdowns im Juli aus. Dann geht es aber mit Vollgas in die letzten Episoden von Season 3. Nächste Woche geht es bei den Niners um den wohl größten Shake-up einer Trek-Serie. Mittendrin: Ein bekannter und beliebter Klingone.
Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 3. April 2016(Star Trek: Enterprise 3x17)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 3x17
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?