Star Trek: Enterprise 3x14

Star Trek: Enterprise 3x14

Wenn eine Episode cleverer ist als der Zuschauer, darf man gerne mal applaudieren. Aus dem Nichts erfreut uns die Staffel hier mit einem Lehrstück in Sachen kreativer Problemlösung, gibt dem Arc dabei neue Energie und lässt uns rosarot in die Zukunft blicken...

Szenenbild aus der Episode „Stratagem“ / (c) UPN
Szenenbild aus der Episode „Stratagem“ / (c) UPN

Was erwartet uns?

Captain Jonathan Archer befindet sich in zerlumpter Kleidung und mit langen, ergrauten Haaren an Bord eines Shuttles - in Gesellschaft von Degra, dem Xindi. Als dieser erwacht und sich an nichts erinnern kann, erklärt Archer ihm, dass seit den Streitigkeiten zwischen Menschen und Xindi drei Jahre vergangen sind und die beiden inzwischen zusammenarbeiten würden...

Dies & das

  • Autor Terry Matalas hatte vorher die Episode Impulse geschrieben.
  • Für Randy Oglesby ist dies bereits der fünfte Auftritt als Degra.
  • Drehbuchautor Mike Sussman wurde zunehmend zum Mann der Stunde. Alle seine Arbeiten - zuletzt Anomaly und Twilight wurden zu Highlights der Serie - auch diesmal macht er im Zusammenspiel mit Matalas keine Ausnahme. Ohne Sussman und Chris Black wäre der Xindi-Arc nicht denkbar gewesen.
  • Degra hat eine Frau und zwei Kinder.
  • Der Xindi-Rat wurde installiert, nachdem die Heimatwelt zerstört wurde um die Rassen zu vereinen und eine neue Heimat zu finden.
  • Phlox kann Erinnerungen unterdrücken.
  • Das Datum ist der 15. Dezember 2153.

Es kommt Zug in die Sache

...seven million lives were extinguished in front of my eyes. I asked myself, how many of those were children?“ (Degra)

We were told humans were ruthless but I didn't know you were also skilled at deception!“ (Degra)

The captain's certainly drinking a lot. - The doctor gave him an anti-intoxicant.“ (Sato und T´Pol)

Too bad he didn't go for the Andorian ale. That would have loosened him up.“ (Trip)

As long as they don´t know we were here ... we can leave them with a mystery.“ (Archer)

Captain's Starlog: supplemental. Hopefully the journey to Azati Prime will be the final leg in our search for the Xindi weapon.“ (Archer)

Von Zweifeln zerfressen

Es begann mit Unbehagen: Bei Ansicht der ersten Minuten von Mike Sussmans und Terry Matalas Beitrag zum Xindi-Arc beschlichen den Rezensenten böse Vermutungen, es würde erneut auf eine dieser was-wäre-wenn-Episoden hinauslaufen, die so gerne kurz vor Schluss mittels Reset-Button alles auf Anfang zurücksetzen.

Hatte dieser Kniff der grandiosen Episode Twilight, die ebenfalls aus Sussmans Feder stammte, nicht im Geringsten geschadet, wäre eine erneute Anwendung hier sicherlich unglaubwürdig und verheerend gewesen.

Aber was rede ich... es kam zum Glück alles ganz anders.

Erleichterung

Der Moment, als Archer Degra die Injektion gibt und aus den Shuttle-Kulissen heraustritt, ist schlichtweg köstlich und erfrischend.

Und doch: Wie schon bei der ebenfalls starken Episode Judgment regte sich sofort die Frage, wie man Degra, den Erfinder der Superwaffe, wohl überhaupt hatte einfangen können? Wurden wir um diese elementare Information einfach betrogen? Sollten wir uns eine Errungenschaft dieser Größenordnung selber zusammenreimen müssen? Nein, nein und nochmals nein. Denn auch hier liefern die Autoren Maßarbeit. Per Rückblende genau zur rechten Zeit erfahren wir, was kurz nach dem Zusammentreffen der Crew mit Shran geschehen war. Wir sehen, dass die Enterprise den Testbereich der Xindi noch nicht verlassen hatte und den wehrlosen Degra samt zweier Gefolgsleute gefangen nehmen konnte. Mittels einer magischen Amnesie-Technik des Doktors (...) entwickelte sich dann das Schauspiel.

Wenn ein Autor die Zuschauer derart geschickt auf falsche Fährten lenkt und dabei immer wieder positiv zu überraschen weiß, kann man mit Lob gar nicht großzügig genug umgehen.

Zu neuen Höhen

Doch was versucht Archer hier eigentlich genau? Exakt das ist die zentrale Frage der Episode. Er geht einen Weg, der gewitzter nicht sein könnte. Ohne Bumm-bumm sondern mit Köpfchen nähert er sich einer Informationsquelle, die möglicherweise den Schlüssel zum Auffinden des Standortes der finalen Waffe der Xindi beinhaltet. Dazu nutzt er ein Vorgehen, das jeden langjährigen Trekkie sofort zum Schmunzeln bringen muss. Wenn man sich vor Augen hält, wie oft Crews von außen manipuliert wurden, in falschen Realitäten gefangen waren oder schlicht als Spielbälle anderer Mächte dienten, ist Archers Idee, Degra eine kleine Inszenierung zu präsentieren geradezu die perfekte Rache für etliche Episoden aller Trek-Inkarnationen. Bis ins Kleinste wird die Geschichte von drei Jahren, die Degra durch die harte Gefangenschaft vergessen haben soll, zusammengesponnen und alle Mitglieder der Crew sind gleichberechtigt am Gelingen dieser Aktion beteiligt.

Dabei ist es natürlich auffällig, dass es besonders Sussman und auch Chris Black viel besser gelingt, alle Crewmitglieder sinnvoll in die Handlung einzubeziehen. Sogar Mayweather wirkt ausschließlich in Folgen dieser Autoren wie ein wichtiges Mosaiksteinchen innerhalb der Stories. So und nicht anders muss man ein Ensemble behandeln. Schön, dass es in der Serie Autoren gab, die diese Kunst verstanden.

Zudem gelingt es Randy Oglesby alias Degra erstmals, seiner Figur wirklich Leben und Tiefe einzuhauchen. Auch das mag natürlich an den Fähigkeiten der beteiligten Autoren liegen, aber auch Oglesby scheint hier endlich ein genaueres Verständnis und Interesse für den Charakter aufzubringen, der über böse, biestig und brummelig hinausgeht. Sein eigener Horror über das Töten von sieben Millionen Lebewesen auf der Erde wirkt aufrichtig und glaubwürdig. Degra ist genau wie Archer ein Mann, der mit Hingabe und unter Einsatz jedes Mittels versucht, sein Rasse und nicht zuletzt seine Familie zu retten. In diesem Spiel aus Manipulation und Intrigen sind Archer und Degra verwandte Seelen mit dem gleichen Ziel, die nur durch das zufällige Los ihrer Herkunft voneinander getrennt sind. 

Es sind genau diese Zutaten, die einen Konflikt glaubwürdig machen: Sympathische aber kompliziert gestrickte Helden, finstere aber zunehmend konfliktreiche Gegenspieler und eine Handlung, die beide auf glaubwürdige Art miteinander verbindet. Das ist immer die Stärke von Star Trek: Deep Space Nine gewesen und erhält hier im Kleinen ein qualitativ gleichwertiges Pendant auf der NX-01.

Blind ist er nicht, der Rezensent

Natürlich kann man gerne hinterfragen, ob ein Bluff dieser Größenordnung von einer einsamen Crew dieser Größe mit den vorhandenen Ressourcen zu bewerkstelligen ist.

Selbstverständlich darf man auch Zweifel daran hegen, dass der Doktor einfach so in der Lage ist, selektiv Erinnerungen bei den Xindi zu löschen. Und das noch mehrfach. Doch bin ich innerhalb einer derart erfrischenden Episode zu Zugeständnissen bereit.

Gerade dann, wenn so viel Wert auf das Anreichern mit kleinen aber feinen Puzzleteilen gelegt wird, die zur Kontinuität der Serie beitragen. So kann man vermuten, dass das Leck den Erzählungen von Trip und Reed aus Shuttlepod One entstammt. Die Flasche Andorianisches Ale hatte Archer gerade erst von Shran erhalten und das Scheitern des Waffentests bringt eine Erwähnung von Gralik aus The Shipment. Eine gute Story wird erst unter Zugabe solcher Zutaten großartig. Und genau das ist hier erfreulicherweise geschehen.

Eines muss ich zudem gestehen: Archers zweiter Bluff, das vermeintliche Erreichen von Azati Prime, hat nicht nur bei Degra gewirkt. Gerade noch vor dem bemitleidenswerten Xindi wurde mir klar, dass die Crew hier ein zweites Mal in die Trickkiste gegriffen hatte. Solch einen Effekt erzielt man ausschließlich durch Timing auf dem Papier und im Schneideraum - Kudos!

Auch der Rest stimmt

Technisch und schauspielerisch gibt es ebenfalls wenig auszusetzen. Jay Chattaway lässt seinen Score zwar ein weiteres Mal auf seichtem Niveau dahinplätschern und entfernt sich wieder meilenweit von seinem persönlichen Highlight Anomaly, kann jedoch der Episode damit nicht schaden.

Mike Vejar, der zuletzt wenig gutes Material bekam und eigentlich nur durch The Catwalk positiv auffiel, arbeitet solide und souverän, ohne dabei in große Originalität zu verfallen.

Scott Bakula leistet ganze Arbeit, in dem er einen schauspielenden Nicht-Schauspieler glaubwürdig verkörpert und dabei zwischen Realität und Fiktion perfekt zu wechseln versteht.

Die Effekte sind standesgemäß erstklassig, wenngleich es sich hier natürlich eher um eine Charakter- und Dramaturgie-lastige Episode handelt.

Auf Kurs

Der Arc wurde hier also endgültig wieder auf Kurs gebracht. Mit dem Aufbruch nach Azati Prime legte man die Basis und übertrug die Spannung auch auf die Zuschauer. Schade, dass dieses Niveau nicht die komplette Season durchzogen hat.

Wenn man sich einmal vor Augen führt, wer von den Autoren zum Gelingen des Xindi-Arc beigetragen hat, wird es ganz finster für die ausführenden Produzenten Rick Berman und Brannon Braga. Während die beiden zweimal böses Mittelmaß ohne Esprit und Leben abgeliefert hatten, begeisterten Autoren wie eben Sussman, Black, Matalas und Friedman. Nur in deren Episoden konnte die Gesamthandlung wirklich überzeugen - nur hier wurden die Figuren lebendig, die Bedrohung greif- und die innere Kontinuität sichtbar. 

Fazit

Wow! Stratagem ist eine vollkommen unerwartete und vor allem durchweg clevere Episode über eine ganze andere Methode, das Xindi-Problem anzugehen und führt dabei nicht nur die Ereignisse aus Proving Ground geschickt weiter, sondern bringt vor allem den Season-Arc auf eine höhere Schiene und entwickelt nebenbei Degra zu einer greifbaren und präsenten Figur innerhalb des Gesamtgeflechtes. Die Autoren Mike Sussman & Terry Matalas treffen dabei alle richtigen Töne und zeigen, auf welchem Niveau sich die Serie abspielen kann und muss. Danke für eine wirklich originelle Dreiviertelstunde!

Nächste Woche wird es spannend: Am Samstag erleben wir ein emotionales Highlight aus DS9, am Sonntag folgt ein brüllend lauter Action-Knaller von der Voyager. Mehr Kontrast geht nicht.

Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 31. Januar 2016
Episode
Staffel 3, Episode 14
(Star Trek: Enterprise 3x14)
Deutscher Titel der Episode
Kriegslist
Titel der Episode im Original
Stratagem
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 4. Februar 2004 (UPN)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 23. Januar 2005
Autor
Fyvush Finkel
Regisseur
Michael Vejar

Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 3x14

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?