Star Trek: Enterprise 3x12

Star Trek: Enterprise 3x12

Jemand möge dem Drehbuchautor den Unterschied zwischen „gute Idee“ und „gute Ausführung“ näherbringen. Archer diskutiert mit einem gefährlichen Extremisten und verkündet die gesalbte Weisheit der Menschheit. Sorry, aber das kann nur schiefgehen.

Bild aus der Episode „Chosen Realm“ der Serie „Star Trek: Enterprise“ / (c) Paramount/ Fotorausch Kiel
Bild aus der Episode „Chosen Realm“ der Serie „Star Trek: Enterprise“ / (c) Paramount/ Fotorausch Kiel

Was erwartet uns?

Die Crew der Enterprise kommt einem fremden Schiff zur Hilfe... doch handelt es sich bei diesen auf den ersten Blick hilflosen Wesen leider um religiöse Fanatiker, die zuerst das Schiff übernehmen und die NX-01 dann auch noch als Waffe gegen ihre Feinde im „Heiligen Krieg“ einsetzen wollen. Captain Archer muss alles aufbieten, seine Crew und das Schiff zu retten und Schlimmeres zu verhindern…

Dies & das

  • Für Roxann Dawson war es bereits der siebte Regie-Job bei der Serie.
  • Der neue Co-Produzent Manny Coto lieferte hier seine zweite Arbeit ab.
  • Conor O'Farrell spielte in der beliebten Episode Little Green Men eine Hauptrolle und war auch in Rogue Planet als einer der Jäger zu sehen.
  • Die Triannons glauben, dass die Anomalien der Atem der „Makers“ sind - außerdem haben sie noch nie von den Xindi gehört.

© Paramount
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Große Denker unter sich

Scientific progress has led many people astray.“ (D'Jamat)

Non-believers will be swept away. Not only Triannons, but every race within the Chosen Realm. - Doctrines like that make it real easy to wipe out everyone who doesn't agree with you.“ (D'Jamat und Archer)

When you sympathize with the enemy, you risk becoming the enemy.“ (D'Jamat)

Ähm. Ja. Wo beginnen?

Es gibt zwei Dinge, die diese Kritik auf jeden Fall enthalten muss:

  • Einen Kommentar zur Intention der Episode
  • Einen Kommentar zu einem ganz bestimmten Serien-Klischee

It was the worst of times…

Wenden wir uns zuerst einmal dem Thema von Manny Cotos zweiter Arbeit für die Serie zu. Star Trek war ganz bestimmt immer dann besonders stark, wenn aktuelle Ereignisse aufgegriffen und durch die Blume verarbeitet wurden: Trek-typisch eben. Eine zu plakative Behandlung eines brisanten Themas führte jedoch nicht erst einmal in der Geschichte der verschiedenen Inkarnationen in die Tiefgarage des Niveaus. In diesem speziellen Fall verwurstet Coto leider jedes noch so offensichtliche Klischee seines Aufhängers "religiöse Fanatiker wollen per Big Bang ihren heiligen Krieg beenden". Osama bin D'Jamat bewegt sich dabei mit seinen Phrasen im schmerzbefreiten Raum aus Saddam-Propaganda und Bush-Blabla. Dabei fällt die Bush-Rolle natürlich eigentlich Captain Archer zu. Dem weisen, starken Mann am Puls der Zeit. Dem Befreier. Archer weiß genau was geht und vermittelt seine Ideale voller Pathos und Hau-drauf-Argumentation. "Pure american style" - zum Abgewöhnen.

© Paramount
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Trotzdem hat Archer mit allem was er sagt im Kern natürlich Recht. D'Jamat und seine Gefolgsleute sind auf dem Holzweg und ihr Vorgehen ist nicht zu rechtfertigen. Sollte hier eine Parallele zu aktuellen Ereignissen jedoch so deutlich beabsichtigt gewesen sein, wie es mit dem Holzhämmerchen rüberkommt, macht Coto es sich viel zu leicht mit seiner Darstellung. In diesem Fall dient die Episode einzig als Propaganda-Vehikel der US-Regierung, indem der Feind des eigenen Volkes und seine Überzeugungen mitsamt der Begründung für deren heiligen Krieg ins Lächerliche gezogen werden. Sicherlich ist die Aussage, dass viele Kriege objektiv betrachtet über Nichtigkeiten geführt werden, eine wichtige und richtige Erkenntnis. Dennoch darf in politisch so instabilen Zeiten (damals wie heute) die Sensibilität der Menschen für ein anderes Volk nicht auf diese Art und Weise mit Füßen getreten werden. Hier gelingt der Spagat aus Statement und SF überhaupt nicht.

Kurzum: Die Idee war ohne Zweifel wertvoll. Die Verbindung mit den Sphären eine originelle Idee. In der dargebotenen Form ist die Episode jedoch weit von den Ufern des Erträglichen entfernt.

…and got even worse

Die größte Schande ist jedoch, dass Manny Coto erneut eines der beiden liebsten Serienklischees zitiert, um seine Handlung überhaupt auf den Weg zu bringen. Der schlimmste Fall wäre eine Entführung Archers gewesen... diesmal müssen wir allerdings nur eine erneute Übernahme der Enterprise durch harmlos wirkende Fremde miterleben. Die MACOs und Reeds Sicherheitstruppen scheinen die Talsohle ihrer Kompetenz zu durchschreiten. Anders ist dieser erneute Fall von "huch, wer da?" nicht zu erklären. Auf diese Art und Weise zerstört man eine Enterprise-Folge bereits im Ansatz. Nachsitzen!

Und bitte, bitte, bitte lasst uns nicht in dem Glauben, dass D'Jamat zwar Zugriff auf alle Dateien des Schiffes erlangt (was an sich schon aufs Übelste absurd ist), aber nichts über den Transporter herausfindet, den man ihm später als "Exekutionsmaschine" verkauft, um Archer zu retten. Und bitte, bitte, bitte, bitte, bitte haltet uns nicht für so dumm, dass wir ernsthaft glauben mögen, die Crew hätte kein Back-up ihrer Daten über die Sphären erstellt. Ein Knopfdruck D'Jamats und alle Arbeit war vergebens? Absolut klar! Wenn man sieht wie Reed und Co. in Sicherheitsfragen ihrem Job nachgehen, wundert das eigentlich auch niemanden mehr. Zum Heulen.

Ein Mann im tiefen Loch

Manny Coto hat sich hier ohne große Not sehr früh in seinem Wirken in die Bredouille geschrieben. Aus einem derart tiefen, selbstgeschaufelten Loch wieder herauszukommen, ist schon eine spannende Aufgabe. Doch so ist das mit dem Aufstieg und Fall: Als Messias willkommen geheißen, liefert er hier nun nach Similitude bereits die zweite zwar eindeutig ambitionierte Episode ab, verschenkt seine gute Basis aber eben auch zum zweiten Mal an eine fehlgeleitete Ausarbeitung.

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Allerdings muss auch Roxann Dawson einen Kommentar abbekommen... nachdem sie mit The Andorian Incident, Vox Sola und Dead Stop gleich dreimal hintereinander Highlights ablieferte, ging es zunehmend in den Keller. Dawn war Mittelmaß, Bounty gruselig, Exile wieder Mittelmaß und nun diese erneute Beleidigung des guten Geschmacks. Das Glück mit der Zuteilung der Episoden hat sie leider verlassen. Dass ihre Umsetzung daran jedoch selbstverständlich schuldlos ist, bleibt tröstender Fakt.

Die Suche nach Gnade

Bis zu diesem Zeitpunkt steht eindeutig die Null - die Episode hat nichts anderes verdient. Jedoch: Die Begründung, die Yarrick Archer für den heiligen Krieg gibt, bringt dem Machwerk gerade noch ein halbes Pünktchen ein. Zehn Tage oder doch nur neun? Wäre das Thema nicht so sensibel, es wäre zum Schreien komisch. Ich belohne hier also die dreiste Doofheit, einen netten Gag trotz unpassender Umstände zu erzählen. Dennoch: Dieses Niveau auf Dauer und die Tage jeder Serie sind gezählt. Alles andere ist reine Augenwischerei.

Gib dem Kind einen Namen

Ich wünsche mich an dieser Stelle in meinen eigenen, kleinen „Chosen Realm“. Dort soll es wunderbare politisch-relevante, menschlich-interessante und emotional-mitreißende Trek-Episoden geben. Episoden, die das Herz am rechten Fleck und ihr Hirn eingeschaltet haben. Ich unterstelle Manny Coto, dass er diesen Ort auch liebt - gefunden hat er ihn innerhalb dieser Serie bisher aber leider nicht. Am Rande: Der Name passt natürlich dennoch.

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Fazit

Schmerz, Schmerz, Schmerz. Auf diesem Niveau ist jede Form von Star Trek unerträglich. Dumm, klischeeüberladen, vorhersehbar und unfreiwillig komisch. Chosen Realm möchte gerne politisch relevant und brisant sein, wird aber zu einer Bankrotterklärung par excellence. Das Scheitern hat eben viele Gesichter: Hier zwar nicht das der Peinlichkeit wie bei Precious Cargo oder Bounty, dafür aber das der fehlenden Sensibilität, politischer Verblendung und Klischeenutzung.

Der Rezensent hat Bauchschmerzen

Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Fast fühle ich mich schuldig, dass ich die Qualität der bisherigen dritten Staffel als derart unrund empfinde. Aber gerade bei Episoden über Politik oder Ethik gehen die Meinungen einfach auseinander - ich kann auch durchaus akzeptieren, wenn jemand mehr in dieser oder anderen Episoden sieht als ich. Was ich aber immerhin versprechen kann: Es gibt Hoffnung am Horizont. Von diesem Punkt startete die Staffel in die deutlich stärkere zweite Hälfte - wer also kurz davor ist, den Überbringer der schlechten Nachrichten (also mich) für sein Gemoser zu steinigen, habe bitte noch etwas Geduld.

Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 9. Januar 2016
Episode
Staffel 3, Episode 12
(Star Trek: Enterprise 3x12)
Deutscher Titel der Episode
Das auserwählte Reich
Titel der Episode im Original
Chosen Realm
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 14. Januar 2004 (UPN)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 16. Januar 2005
Autor
Manny Coto
Regisseur
Roxann Dawson

Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 3x12

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?