Star Trek: Enterprise 3x11

Vorwort
Ein frohes neues Jahr Euch allen! Das für heute angekündigte Review zum fünften Kinofilm hat sich leider in meinem Weihnachtsurlaub verflogen und landet erst etwas später. Zur Überbrückung und Entschädigung setze ich heute aber schon mal das Review-Projekt zur Archer-Crew fort.
Was erwartet uns?
Ex-Crewman und Zeitagent Daniels ist zurück und schickt Captain Jonathan Archer und T'Pol auf eine heikle Mission durch Raum und Zeit, um einen drohenden und hinterhältigen Angriff durch die Xindi in der Vergangenheit der Erde zu verhindern...
Dies & das
- Matt Winston alias Daniels kehrt endlich zurück. Der glänzend funktionierende Charakter des zeitreisenden Agenten sorgt wieder für wenig Antworten und viele neue Fragen. Außerdem wird durch ihn der Xindi-Konflikt mit dem TCW verbunden.
- Gaststar Leland Orser ist in Hollywood eine feste Größe: Er spielte zum Beispiel in „Alien 4“, „Der Soldat James Ryan“ oder „Daredevil“ mit. In Sachen Trek konnte man ihn ebenfalls bereits in drei Rollen bewundern.
- Zwei interessante Informationen: Veränderungen in der Zeitlinie sind im 30. Jahrhundert nicht sofort spürbar und in den Aufzeichnungen von Daniels Zeit ist der Konflikt mit den Xindi gar nicht existent.
Bubblegumtalk
„If Daniels is the time traveler he claims to be, why doesn't he find out for himself? -
It took him a long while to get permission to interact with me. There are clearances. He said it would take to much time. - I would think he had all the time in the world.“ (T'Pol und Archer)
„In one individual we have managed to find the worst qualities of this era: greed, violence, moral corruption.“ (T'Pol)
„Nice ray gun. Am I supposed to believe that thing's for real?“ (Loomis)

Eine Frage des Anspruchs
Und es ist wieder einmal soweit... seit The Xindi hatten sich die beiden flächendeckend eher unbeliebten Produzenten Berman & Braga mit dem Schreiben von Episoden zurückgehalten (wobei ihr Einfluss auf jede einzelne Episode natürlich trotzdem immens gewesen sein dürfte). Für den Jahresausklang Anno 2003 kehrten sie jedoch mit dieser im Voraus groß angekündigten Zeitreise-Episode zurück.
Die Eröffnungssequenz scheint dabei bereits aus einer vollkommen anderen Serie entrissen worden zu sein. Der widerlich-schmierige Loomis, die herumstreunenden Prostituierten und die verlassene Lagerhalle... alles eher Elemente einer klassischen X-Akte. Den Auftritt des schillernd-bunten Xindi-Reptils nehmen wir da natürlich einmal aus...
Genau dieser kurze Auftritt aber definiert die Gangart der Episode. Es geht um Spaß und Entertainment.
Wer Berman und Braga kennt, weiß aber auch sofort, was mit dieser Gangart einhergehen wird. Nämlich eine an inhaltlicher Fülle nicht gerade erstickende Episode. Ausnahmen (Cogenitor) bestätigen natürlich die Regel - Carpenter Street ist jedoch keine.
Und genau mit diesem, sich immer wieder bestätigenden Vorurteil über die Autoren-Qualitäten der beiden Enterprise-Bosse im Hinterkopf, muss man diese neue Episode letztlich auch bewerten.
Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache
Erfreulich ist ohne Zweifel der längst überfällige Auftritt des immer wieder tollen Matt Winston alias Daniels. Sein Charakter war seit den Geschehnissen auf der zerstörten Erde der Zukunft verschollen und taucht nun rund anderthalb Jahre später wieder auf - und ist rätselhafter als je zuvor. Seine Erklärungen über nur langsam durch die Zeit "kriechende" Veränderungen der Zeitlinie sind gewohnt vage und zunehmend unbefriedigend. Ebenso seine Ausführungen darüber, dass der Xindi-Konflikt in „seiner“ Zukunft nie geschehen ist. Hier riecht es nach einem überdimensionalen Reset-Button. Ich befürchte das Schlimmste.
Dennoch ist es schön, den mysteriösen Zeitagenten wiederzusehen. Allein sein Auftauchen lässt auf eine baldige Vermischung des TCW-Arcs mit dem Xindi-Arc hoffen. Und das wäre nicht das Schlechteste... wenn man oben geäußerte, böse Ahnung einmal außer Acht lässt.
Nun denn. Daniels und das ganze Drumherum einmal hingenommen, führt der Weg für Archer und T'Pol geradewegs in das Jahr 2004.

Natürlich denken die beiden Bs, dass es kein besseres, weil amüsanteres Szenario gibt, als unsere Helden in „unsere“ Zeit zu schicken. Das mag für die im Vergleich eher steifen Vorgänger-Crews auch gestimmt haben. Diese hatten teilweise haarsträubende Abenteuer in den so ungewohnten Zeitebenen zu durchleben gehabt. Die Crew um Archer ist aber leider gerade was Humor und lockeren Umgang angeht ohnehin so nah an unserer eigenen Zeit angesiedelt, dass es für den Captain und die sowieso wenig begeisterungsfähige T'Pol kaum eine Veränderung darstellen dürfte, ob sie nun 2004 oder 2151 durch die Straßen einer großen amerikanischen Stadt laufen.
Dieser Denkfehler der Produzenten wird der Episode jedoch erstaunlicherweise gar nicht wirklich zum Verhängnis, da die ausgewählten Szenen mit dem Diebstahl des Autos, dem Knacken des Geldautomaten und besonders dem Weg durch das Drive-in durchweg auf einer sympathischen Ebene überzeugen können und zumindest in Schemen an die herausragenden Comedy-Elemente des vierten Kinoabenteuers der Classic-Crew erinnern.
In Schemen ist dabei aber leider wirklich eine notwendige Ergänzung.
Denn weder in dieser Hinsicht, noch in Sachen Spannung oder Suspense gelingt der ganz große Wurf. Alles ist nett und sicherlich auch großformatig, aber letztlich doch wieder typisch Berman & Braga.
Alleine schon die Frage, was hier von Seiten der Xindi eigentlich vor sich geht, bringt nichts als Kopfschmerzen.
Kopf aus
Erstens: Laut dem Ende der Episode Rajiin besitzen die Xindi bereits alle Informationen über die Menschen, die sie zum Bau ihrer (Plan-B)-Biowaffe benötigen. Warum zur Hölle also müssen sie nun im Jahr 2004 von jeder existierenden Blutgruppe ein „Testobjekt“ beschaffen, um beginnen zu können? Natürlich kann man als Zuschauer selber in die Bresche springen und erklären, dass die titelgebende Sklavin Rajiin ausschließlich die notwendigen Informationen zur Konzeption einer Waffe erbracht hat, nun aber der Feinschliff anhand des "anzugreifenden Materials“ (also des menschlichen Blutes) am Objekt selber vorgenommen werden muss. Solche Erklärungen leuchten definitiv auf einer abstrakten Ebene noch ein. Aber ich möchte so etwas gelegentlich auch einmal auf dem TV-Schirm vorgekaut bekommen. Das ist hier kein „ratet-mal-wie-wir-die-Handlung-meinen“, sondern eine TV-Serie, die sich auch mal selbst erklären darf. Was sonst bleibt ist Ratlosigkeit oder zumindest das Gefühl, dass die Produzenten selber nicht wissen, was sie da eigentlich tun.

Ganz nebenbei dachte ich, dass der Rat sich vorerst gegen den Einsatz des Ersatzplanes B ausgesprochen hatte. Nicht umsonst bastelt Degra ja fleißig an der finalen Waffe. Warum also versucht der Xindi am Ende die unfertige Waffe in der Vergangenheit einzusetzen? Hatte er einen Kurzschluss? Darf er so etwas ganz alleine entscheiden? Oder gibt es tatsächlich rivalisierende Fraktionen innerhalb des Rates, die sich nicht an Absprachen halten möchten? Frage über Fragen.
Zweitens: Besitzen die Xindi die Fähigkeit zur Zeitreise? Wenn ja, warum gehen sie nicht mit ihrer Waffe zurück in die Vergangenheit der Erde und machen sie gleich dort platt? Warum greifen sie in einer Zeit an, in der die Menschheit ein gut bewaffnetes Schiff zur Verfügung hat? Hier könnte man annehmen, dass der Xindi-Future-Guy, den es ja laut des Season-Auftakts gibt, seine Schäfchen durch die Zeit schickt und den Zeitpunkt selber bestimmt (also nur das Tor öffnet). Eben genau so wie Daniels es mit Archer und T'Pol macht. Doch auch diese Vermutung hätte man durch eine kurze Szene, in der man gleichzeitig diesen Informanten der Xindi hätte visuell einführen können, unterstützen können. Auch hier wird wieder nichts Halbes und nichts Ganzes geboten. Alles nur ein großes Etwas, dass alleine keinen Sinn macht, irgendwas bedeuten könnte und in der Summe keinen Appetit auf mehr macht.

Drittens: Wofür brauchen die Xindi überhaupt diesen schmierigen Loomis? Können sie nicht einfach jeweils einen Vertreter der verschiedenen Blutgruppen ausfindig machen und zu sich beamen? Oder können sie nicht Beamen? Aber Zeitreisen durchführen können sie. Joar. Die Idee, einen kaum vertrauenswürdigen Kriminellen zu engagieren und sich Leichen in ein Lagerhaus bringen zu lassen, ist absurd und lässt die Xindi in einem ganz schwachen Licht erscheinen.
Und wo ich gerade mal dabei bin: Seit einigen Episoden frage ich mich nun schon, warum die Xindi in ihrer Ratskammer zwar darüber sprechen, dass die Enterprise in ihrem Raumsektor unterwegs ist, diese aber nicht einfach mal zu stoppen versuchen. Warum lassen sie Archer und seine Leute durch die Gegend fliegen und der Waffe immer näher kommen? Wenn sie mit allen Schiffen angreifen würden, wäre die Crew schnell geliefert und Degra könnte seine Waffe einfach in Ruhe fertig bauen. Tja... und wenn ihr rätselhaftes Verhalten dann doch zum Plan gehört - was für ein verdammt schlechter Plan ist das dann eigentlich?
Um nun noch einen Schritt weiter zu gehen: Warum überhaupt eine Waffe als Test voranschicken und dann fast ein Erdenjahr brauchen um den "großen Bruder" fertig zu stellen? Was ist das für eine Logik, den Feind auf sich aufmerksam zu machen? Meinen die Xindi, die Menschen würden nicht versuchen die Initiatoren des Angriffs zu finden? Okay, Archer hatte Hilfe vom Future-Guy der Suliban, aber vielleicht hätten er und seine Crew das Ganze ja auch ohne Hilfe herausgefunden. Nicht, dass mir das erst jetzt auffallen würde - aber ich dachte, es kämen langsam mal Antworten auf diese nicht so abwegigen Fragen.
Stattdessen kommt diese Episode um die Ecke und trampelt über Sinn und Verstand hinweg - voller Getöse, knackebunter Effekte und Überraschungen. So kann es nicht gehen.
Drumherum hilft auch nicht
Erwähnenswert ist noch, dass scheinbar alle Komponisten in Urlaub waren. Kann natürlich auch sein, dass Dennis McCarthy das ewige Nörgeln nicht mehr hören konnte und deshalb diesmal kaum Musik beigesteuert hat.
Orser rettet als Loomis zwar einiges, spielt routiniert, kann aber unter dem Strich nicht im Gedächtnis bleiben. Gleiches gilt für alle anderen Darsteller - die Dialoge mögen schlicht zu wenig fordernd gewesen sein. Keiner kann sich aus der Einheitssuppe hervorspielen.
Die Schlussszene im Jahr 2004 ist die beste Idee der Episode und zudem eine willkommene Abwechslung.

Was bleibt?
Es gibt Action, Verfolgungsjagden, düstere Gassen, böse Jungs, gute Jungs, undurchsichtige Gestalten, Cops, Prostituierte, Gauner und einen Besuch im Burger-Paradies.
Wenn man sich das vor Augen hält, bin ich froh, dass meine Hoffnung auf einen Zweiteiler (bei erster Ankündigung der groben Handlung) damals nicht erfüllt wurde - 45 Minuten im Jahr 2004 haben mir vollkommen gereicht.
Carpenter Street bietet genug Unterhaltung, um über die Zeit Interesse zu wecken, viel zu wenig Tiefe, um einer Analyse standzuhalten und eine dem Arc unwürdige, weil viel zu unlogische Handlung, die sich selber so wenig ernst zu nehmen scheint, dass es nach Highlights wie Twilight und zumindest ambitionierten Stoffen wie Similitude eine Schande ist. Letztere wollte zumindest etwas - und scheiterte. Diese hier will gar nichts - und bekommt nicht mal das richtig hin. Schade.
Gib dem Kind einen Namen
Eine Episode über die Straße ins erzählerische Nirvana kann auch gerne so heißen. Klang für die Ohren der Produzenten halt mal wieder zu cool um wahr zu sein.

Fazit
Berman & Braga schreiben erneut, was sie am besten können: Eine versucht bombastische, überfrachtete, quietschbunte, wild zusammengemixte und leidig unterhaltsame, aber gleichzeitig ebenso blutleere, widersprüchliche und ärgerliche Event-Show, die keinen echten Fan der Serie oder des Arcs überzeugen kann, aber vielleicht den einen oder anderen Gelegenheitsseher begeistern wird. Dennoch: Nicht mal auf Popcorn-Niveau ein Highlight.
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 2. Januar 2016(Star Trek: Enterprise 3x11)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 3x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?