Star Trek: Enterprise 3x08

Was erwartet uns?
Captain Jonathan Archer wird von einer Raumverzerrung getroffen, die interdimensionale Parasiten in seinem Hirn zurücklässt. Diese hindern ihn daran neue Langzeiterinnerungen abzuspeichern. Da Doktor Phlox nicht in der Lage ist, etwas gegen die außerhalb des bekannten Raum-Zeit-Kontinuums existierenden Wesen zu unternehmen, wacht Archer jeden Morgen auf, ohne zu wissen, dass seit seiner Infektion bereits viel Zeit vergangen ist...
Dies & das
Die Parasiten existieren außerhalb von Raum und Zeit.
Die Anomalien in der Ausdehnung haben die unterschiedlichsten Effekte auf Lebensformen.
Obwohl sie nicht zur Sternenflotte gehört, wird T´Pol (Jolene Blalock) in dieser alternativen Realität zum Captain befördert.
Nach Cold Front und The Breach sitzt zum dritten Mal der als Tom Paris bekannte Robert Duncan McNeill auf dem Regiestuhl - bisher hat er nie enttäuscht.
Gary Graham alias Soval war zuletzt in The Expanse zu sehen - ein weiterer Auftritt der interessanten Figur.
Mike Sussman war bereits zusammen mit Phyllis Strong für herausragende Episoden verantwortlich (Dead Stop, The Catwalk, Future Tense und Regeneration) - mit Anomaly zeigte er in Season 3 zudem bereits, dass er es auch problemlos alleine kann. Hier nun erneut!
Die Handlung der Episode erinnert von der Ausgangssituation an den wirklich empfehlenswerten Nolan-Film „Memento“.
Shifted dynamics
“We've taken nine prisoners, but the brig was only designed for two. I'm not sure what to do with the others.” - “Blow them out the airlock.” (Reed und Trip)
“What in the world were you thinking when you rammed that ship?” - “I chose the logical course of action.” (Trip und T´Pol)
“Since the captain got sick this mission's taken one wrong turn after another.” (Trip)
“It couldn't have been easy for you, telling me the same story over and over again for 12 years.” - “I don't always tell it in detail.” (Archer und T´Pol)
“I hope I've told you this before, but I'm very grateful for everything you've done for me.” (Archer)
“We know they're from another spatial domain. Apparently they also exist outside of time. If we can eliminate all the parasites it's possible the Captain's infection will never have occurred.” - “History may be altered. Captain Archer will have remained in command of Enterprise; our mission in the Expanse could have an entirely different outcome.” (Phlox und T´Pol)
Wo stehen wir?
War gerade die letzte Episode wieder mitten in den Xindi-Arc eingetaucht, hatte ich mir für das nun folgende Abenteuer sicherlich keine dieser bisher so erfolglosen Einzelepisoden gewünscht, die den Arc größtenteils nur am Rande berühren. Extinction und Exile waren zuletzt beide gnadenlos abgeschmiert, wogegen eine konkrete und konzentrierte Beschäftigung mit der Rahmenhandlung zu Highlights wie Anomaly und The Shipment geführt hatte.
Doch handelt es sich bei Twilight eigentlich wirklich um ein Einzelabenteuer? Ja und nein. Und vielleicht liegt genau in diesem Umstand die Stärke der Episode.
Der Mix machts
Hier haben wir es mit einer Geschichte zu tun, die ausschließlich auf der Basis der Rahmenhandlung ihre komplette Emotionalität entfalten kann. Bereits der Teaser, in dem Archer (Scott Bakula) erwacht und auf der Brücke die Zerstörung der Erde durch die Xindi verfolgen muss, ist ein Knaller. Warum ist Archer in sein Quartier eingesperrt? Warum trägt T´Pol eine Starfleet-Uniform? Warum ist die Enterprise überhaupt in Erd-Nähe? Und was zur Hölle ist in der Zwischenzeit geschehen?
Genau auf diese Art und Weise muss ein Teaser mit der Fantasie und dem Interesse der Zuschauer arbeiten. Bereits in Impulse zeigten die Produzenten, dass sie dieses Prinzip nun endlich verstanden haben und anwenden können. Mehr davon!
Wie wir erfahren, sind zwölf Jahre vergangen. Archer wurde verletzt und kann keine Langzeiterinnerungen mehr bilden. So weit, so „Memento“. Sicherlich hat Autor Mike Sussman hier schamlos bei Christopher Nolans Meisterwerk aus dem Jahre 2000 abgekupfert. Das Konzept ist jedoch dadurch keineswegs angestaubt - und bei einem derart originellen Vorbild ist gut geklaut eben auch halb gewonnen.
Die Erzählform ist dabei sicherlich ein wenig problematisch. Dadurch, dass wir uns mit T´Pol und Archer in einer für uns nicht realen Zukunft der Serie befinden und eine sicherlich ebenfalls nicht real werdende Vergangenheit in Rückblenden erzählen lassen, muss man das Augenmerk vom Spannungsfaktor weg und hin auf die Charaktere, die Dialoge und die Emotionen richten. Es steht nun einmal fest, dass Archer irgendwie geheilt werden wird, dass die Mission anders verlaufen wird, als hier zu sehen ist und, dass am Ende alles Geschehene für die Charaktere einfach verpuffen muss. Das waren schlicht die tausendmal erlebten Restriktionen innerhalb der Serie zu diesem Zeitpunkt.
Emotionen
Dennoch funktioniert die Episode auf der Basis des Season-Arcs. Alleine die Frage, was bei einem Scheitern der Mission aus der Erde und der liebgewonnenen Crew werden würde, hält das Interesse konstant am Kochen. Zugute kommt der Atmosphäre natürlich auch, dass wir es mit einer äußerst deprimierenden und verstörenden Zukunftsvision zu tun haben.
Trip (Connor Trinneer) ist ein verbissener, abgeklärter und kühler Captain geworden, dem sein bekannter Charme vollkommen und endgültig verloren gegangen ist: Auf seine Art definitiv ein Opfer des Krieges.
Phlox (John Billingsley) ist auf seine Heimatwelt zurückgekehrt und studiert dort die Krankheit des Captains. Mayweather ist - an dieser Stelle wird es schon wieder tragikomisch - bei einem nicht weiter spezifizierten Scharmützel ums Leben gekommen (der arme Anthony Montgomery).
Reed (Dominic Keating) und Sato (Linda Park) zeigen nur äußerliche Veränderungen, wenngleich Malcolm fast noch herber und älter wirkt, als ohnehin schon.
Und letztlich ... Archer und T´Pol.
Die oft so kühle Vulkanierin hat sich der Pflege ihres Captains verschrieben - ob aus Mitgefühl, aus Dankbarkeit oder aus Liebe bleibt offen. Doch gerade diese Interpretationsfreiheit macht Spaß. Sie erlebt jeden Tag mit Archer bewusst, während dieser jeden Morgen alles auf Neue vergessen hat. Wie weit sich die Beziehung zwischen den Beiden für T´Pol entwickelt hat, wird nicht deutlich. Fakt ist, dass es nur eine einseitige Beziehung sein kann.
Das ist es, was Drama stark macht: Die Effekte einer Handlung auf Charaktere erleben und nachempfinden können. Die Tatsache, dass alles letztlich nicht real ist, schmälert dabei den bleibenden Eindruck nicht - eben genau weil die Geschehnisse auf einer akuten und realen Bedrohung innerhalb der Serie beruhen.
Perfektion
Das ist im Übrigen nicht zuletzt ein Verdienst der großartigen Darsteller, die allesamt Glanzlichter setzen und erneut zeigen, was für eine starke Gruppen talentierter Männer und Frauen sich in dieser Serie tummelt. Besonders hervorzuheben sind dabei natürlich Scott Bakula, der einen gebrochenen Mann mit einer leisen Perfektion umsetzt, die jeden Kritiker verstummen lassen muss. Dazu die merklich lockerere Jolene Blalock als T´Pol und der von Connor Trinneer passgenau gespielte gealterte Trip, der den ganzen Schmerz der vergangenen Jahre auf den Schultern zu tragen scheint.
Das Produktionsniveau ist zudem erneut über jeden Zweifel erhaben - erneut gelingt es Robert Duncan McNeill das Maximum an optischer Finesse aus dem zu Grunde liegenden Material herauszuholen. Aus dem kammerspielartigen Cold Front bastelte er einen kalten und beängstigenden SF-Krimi, aus dem zweigeteilten The Breach-Skript ein Kammerspiel mit grandiosen Action-Einlagen in atemberaubenden Kulissen. Dennoch ist Twilight sein bisheriges Highlight, das seinen visuellen Stil am besten transportiert.
Man muss es einfach einmal hervorheben: McNeill ist durch seine Regiearbeiten seit seiner Zeit auf der Voyager zu einem herausragenden Fachmann avanciert, der mit Someone to watch over me ein wundervolles humoristisches Highlight seiner eigenen Serie verantwortete und zudem bei einigen starken Episode aus Dawson's Creek auf dem großen Stuhl Platz nahm. Nun zeigt er hier seine Qualitäten in Bezug auf Drama und Action - alles gelingt ihm wie von selbst.
Der zweite Trumpf ist aber natürlich der Autor: Mike Sussman zeigt allen seinen Mitstreitern mit dieser Episode, wie eine eigenständige Story innerhalb eines großen Handlungsbogens funktionieren kann ohne das reine SF-Element zu untergraben und ohne auf einen markanten Wiedererkennungswert zu verzichten.
Seine aktuelle Episode ist somit ein glanzvolles Highlight der Serie, des Arcs und der Trek-Historie. Der Serie, weil Charakterdrama, Kontinuität und Setup gepflegt werden. Des Arcs, weil die emotionale Grundierung der Charaktere stattfindet und die Wichtigkeit der Mission definiert wird. Der Trek-Historie, weil es zeitlose Werke wie diese sind, über die man auch in vielen Jahren noch wohlwollend sprechen wird.
Und um mich nicht um das Thema herum zu winden: Den eigentlich verpönt-verhassten Resetbutton am Ende empfand ich ausnahmsweise nicht als störend. Sussman hat mit hier eine pseudo-glaubwürdige und nicht vorhersehbare Variante erdacht, die zumindest versucht, das Ende zu rechtfertigen. Wenn man diesen Weg gehen muss, dann bitte so.
Gib dem Kind einen Namen
Und auf einmal gibt es auch mal wieder einen treffenden wenn auch simplen Titel: Man spielt hier sowohl auf Archers Dämmerzustand an, wie auch metaphorisch (Abenddämmerung) auf das Ende der Menschheit und auf den unwirklichen Charakter der Handlung (Zwielicht). Klasse! Im Deutschen versuchte man, alles in ein Wort zu bringen und lag mit „Dämmerung“ für meinen Geschmack absolut richtig. Kudos!
Fazit
Twilight ist einer dieser großen Momente, den jede Serie von Zeit zu Zeit aus der Trickkiste zieht: In einer Liga mit The City on the Edge of Forever, Yesterday's Enterprise, The Visitor und Timeless, gelingt Autor Mike Sussmann eine perfekte Symbiose aus Arc-Fortführung, Charakterdrama, Zukunftsvision und dem akzeptabelsten Einsatz eines Resetbuttons der Trek-Historie. Großes TV!
Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 1. November 2015(Star Trek: Enterprise 3x08)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 3x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?