Star Trek: Enterprise 2x26

Was erwartet uns?
Die Erde wurde unvorbereitet durch eine außerirdische Sonde attackiert: Millionen Menschen sterben. Archer erfährt, dass die unbekannte Spezies mit ihrem nächsten Übergriff den kompletten Planeten zerstören will. Die Enterprise macht sich auf den Weg in die gefährliche Delphic Expanse... Zur gleichen Zeit schicken die Klingonen, die weiterhin um jeden Preis Archer gefangen nehmen wollen, ihre Schiffe hinterher…
Dies & das
Star Trek: Enterprise ist das absolute who-is-who der Serie! Neben dem immer wieder gerne gesehenen Admiral Forrest alias Vaughn Armstrong, der seinen zwölften Auftritt in dieser Rolle absolviert, bekommen wir auch zum insgesamt fünften Mal den vulkanischen Botschafter Soval alias Gary Graham zu sehen.

- Völlig überraschend taucht nach Shockwave auch Silik alias John Fleck als Anführer der Suliban wieder auf. Für den inzwischen sehr beschäftigten Mimen ist es der fünfte Auftritt nach Broken Bow, Cold Front, Shockwave; Part I und Shockwave; Part II. An seiner Seite erleben wir einmal mehr den mysteriösen Future Guy alias James Horan. Er war bisher ebenfalls in genannten Episoden außer „Shockwave, Part II“ zu sehen und bekommt damit seinen vierten Auftritt.
Als würde das nicht ausreichen, absolviert auch der aus Judgment bekannte Duras alias Daniel Riordan einen weiteren Auftritt - damit spinnt der diesjährige Cliffhanger in der Nebenhandlung auch noch die Geschehnisse aus Judgment und Bounty weiter.
- Interessant ist auch die Auflistung einiger Schauplätze der Episode: Neben der Enterprise und den bekannten Sets sind das die Brücke eines Klingonenschiffs, die Kammer des klingonischen Hohen Rates, die Brücke eines vulkanischen Schiffs, das Büro von Admiral Forrest, ein Suliban-Schiff, die Temporale Kammer von Silik, das Starfleet Hauptquartier und schließlich ein Starfleet Hangar.
Allan Kroeker ist der Regisseur für Cliffhanger - nicht nur bei den früheren Serien durfte er häufig zu diesem Zweck ran - auch in der ersten Season von Star Trek: Enterprise war er der Mann hinter Shockwave - und übernahm dann auch gleich noch den zweiten Teil.
- Die Zerstörung durch die Sonde deckt einen Bereich von 4000 Kilometern ab. Sie stürzte in Zentralasien ab.
- Es starben sieben Millionen Menschen. Darunter Trips (Connor Trinneer) Schwester Elizabeth, eine Architektin.
- Vor zwanzig Jahren kehrte ein klingonisches Schiff aus der Delphic Expanse zurück: alle Crewmitglieder waren anatomisch gesehen „umgedreht“ und noch am Leben.
- Das Erden-Schiff Intrepid wird von Captain Ramirez kommandiert.
- Die NX-02 befindet sich im Bau und wird in 14 Monaten fertig sein.
- Die Enterprise wird kampftauglicher gemacht.
- Acht oder neun Crewmitglieder werden laut Archers (Scott Bakula) Schätzung das Schiff vor dem Aufbruch verlassen.
- Ein Kampftrupp (genannt MACOs) unter dem Kommando von General Casey wird die Crew begleiten - auf Wunsch von Archer
- Von der Erde zur Delphic Expanse dauert es sieben Wochen.
Should I stay or should I go?
„It's interesting. You and I. The only aliens on board this vessel. To go, or to stay. For me it was a simple question of loyalty toward the Captain and the sad realization that he'll need me more than ever on such a crucial mission. But for you it is a more difficult decision. Does you allegiance lay with High Command or Captain Archer?“ (Phlox zu T´Pol)
Krawumm
Zum zweiten Mal geht eine Season zu Ende. Zum zweiten Mal war die Zukunft der Serie zwar gesichert, aber zur gleichen Zeit ungewisser als je zuvor.
War nach dem ersten Jahr das Konzept noch nicht zentraler Punkt der Diskussionen, drangen bereits mehrere Wochen vor Ende der Season Gerüchte nach außen, die einige grundlegende Veränderungen in Aussicht stellten. Epischer, größer und zielgerichteter sollte es demnach werden.
Die Notwendigkeit einer ausgeweiteten Generalüberholung konnte ich dabei nicht gänzlich nachvollziehen. Die Serie hat bereits von Beginn an ein durchaus befriedigendes Niveau gezeigt und hätte problemlos auch noch etwas länger dem bisherigen Pfad folgen können - das Finden der richtigen Stellschrauben, das Beiseitelassen von zu viel Recycling und somit eine stetige Steigerung des Gesamtniveaus natürlich vorausgesetzt. Zu diesem (doch recht) frühen Zeitpunkt aber bereits alles über den Haufen zu schmeißen, hielt ich für übereilt und schlicht unnötig.

Wie dem auch sei, mit „The Expanse“ sollte die Grundlage für eine andere Richtung der Serie gelegt werden. Für ein Fundament, das einerseits zwar aus dem TCW-Bogen der Serie erwächst, andererseits aber ohne vorherige Einführung unvermittelt über uns hereinbricht. Krawumm wäre in diesem Kontext vielleicht auch ein guter Episodentitel gewesen.
Ein Angriff auf die Erde macht Archer und seine Crew zur letzten Hoffnung auf ein Überleben der Menschheit (man stelle sich hier melodramatische Musikuntermalung und tosende Donnerschläge vor). Bereits in der Eröffnungssequenz wird deutlich: nichts ist mehr wie zuvor. Schwere Verluste, die Zerstörung riesig - der Rückruf der Enterprise lässt nicht lange auf sich warten.
Rest in peace, pleasure-cruise
Hier endet die friedliche Mission der NX-01 - und mit ihr der Grundgedanke des Forschens und Strebens nach neuen Erkenntnissen und neuen Freundschaften. Zuviel Pathos? Zugestanden. Aber auch mein erster Gedanke während der Ansicht von The Expanse.
Doch zum näheren hin-und-her-überlegen blieb zunächst keine Zeit. Ein spezielles Merkmal des Season-Finales, dass sowohl negativ als auch positiv zu bewerten ist, wurde nämlich bereits nach einigen wenigen Minuten deutlich: die Ideen der Autoren hätten wohl für einen - immer noch rasanten - Dreiteiler gereicht.
Erst der Angriff auf die Erde, dann die Szenen um Duras auf der klingonischen Heimaltwelt und schließlich der Auftritt der Suliban und ihres Anführers aus der Zukunft (Future Guy). Es gehen so viele verschiedene Dinge vor sich, dass keine Zeit zum Verschnaufen bleibt.
Bevor die Crew die Erde erreicht (hier werden auch gut und gerne Wochen übersprungen), gilt es noch, die Klingonen zu bekämpfen, Trips Sorge um seine kleine Schwester abzuhandeln, die Reaktionen der Crew im Schnelldurchgang einzufangen und eine kleine Flotte von Starfleet-Schiffen zu erleben, die beim (ersten) Sieg über Duras helfen.
Zu diesem Zeitpunkt sind gerade fünfzehn Minuten vergangen und der Kopf gerät mächtig ins Schwirren. Zeitraffer für Fortgeschrittene und bisher nicht unbedingt ein Merkmal der doch oft notorisch geschwätzigen und entspannten Serie.
Diese teilweise etwas träge Gangart der Serie (die von vielen immer wieder kritisiert wurde) lässt sich diesmal in keiner Szene finden. Rasante Wechsel, schnelle Gefechte und angemessen gebremste Charaktersequenzen befinden sich in perfektem Einklang. Dafür Kudos an Autoren und Regie.
Diese Charaktersequenzen, die „kleinen“ Szenen also, sind es auch, die den Actionanteil nicht erdrückend wirken lassen. Ob nun T´Pols (Jolene Blalock) Aussprache mit Phlox (John Billingsley) über einen Verbleib auf der Enterprise, ihre Diskussion mit Soval über eine mögliche Rückkehr nach Vulkan, die nächtliche (und bierselige) Unterhaltung zwischen Trip und Archer, sein Streit mit Reed (Dominic Keating) über eine ausbleibende Trauerfeier für Elizabeth oder die kollektive Szene mit der ganzen Crew - hier wird genau in der richtigen Dosis innegehalten und der Fokus auf das gelenkt, was wirklich zählt: die individuellen (menschlichen) Schicksale, ohne die eine emotionale Bindung an die eigentliche Handlung nie erreicht werden kann - ein Fehler, der zum Beispiel relativ zeitgleich mit Erscheinen der Episode ganz drastisch zu einem Scheitern von „Star Trek: Nemesis“ geführt hatte.
Ein Epos als Kurzfilm
Eine genauere Ausführung einiger Elemente hätte ich mir in diesem Zusammenhang aber doch gewünscht. So wäre mir eine Reaktion Sovals oder der Vulkanier allgemein auf T´Pols Entscheidung lieb gewesen. Ihr Entschluss wird (und muss) ernsthafte Konsequenzen für ihre Karriere und ihren Status haben, die in der gezeigten Form nicht annähernd deutlich werden. Außerdem handelt man die katastrophalen Verluste auf der Erde sehr schnell ab. Auch hier hätte ich mir einige Szenen (á la TV-Berichterstattung) gewünscht, die von der Crew angesehen werden und das Ausmaß der Geschehnisse in den richtigen Kontext heben. Wenn hier schon eine Parallele zu den Vorfällen des 11. September hergestellt werden sollte, muss auch die emotionale Grundierung stattfinden. In „Star Trek“ wird regelmäßig so viel zerstört, dass dieser neuerliche Angriff ohne weitere Vertiefung zu verpuffen droht. Ein Faktor, den die Autoren Berman & Braga scheinbar nicht realisiert haben.
Leute! Es sind sieben Millionen Menschen ums Leben gekommen! Wo ist die Aufarbeitung? Wo die Schicksale? Das einzige, was wir präsentiert bekommen, ist der Rachegedanke der Crew und einige Diskussionen um das Für und Wieder der Mission. Das ist nicht nur ein Bisschen zu wenig!
Doch im Zusammenhang mit der zur Verfügung stehenden Zeit ist alles durchaus zufriedenstellend komprimiert worden. Die Episode schafft einen sehr schwierigen Spagat und lässt dabei nur wenige Angriffspunkte zu. Das ist dann letztlich auch eine Leistung.
Sehen, Weghören, Staunen
Zudem zeigt die technische Seite größtenteils einen erfreulichen Querschnitt durch die bekannten Stärken der Serie. Von den (zugestanden etwas künstlichen) Bildern der Zerstörung über die Raumgefechte, zu den schönen Matte-Paintings von der Erde (und des Starfleet-Hauptquartiers) bis hin zur Delphic Expanse wirkt die Episode wie ein kleiner Kinofilm. Auf der anderen Seite verfiel man aber ausgerechnet hier wieder auf den Mr. Mainstream der Musikuntermalung; Dennis McCarthy liefert die gewohnt hochqualitative Dutzendware ab, die keiner wirklich von seinen sonstigen Arbeiten aller Serien unterscheiden kann. Warum die Produzenten nicht einen der talentierten Neulinge diese wichtige Episode bearbeiten ließen, bleibt mir völlig schleierhaft. Ein kleines Minus am Rande.
An der Darstellerfront bekommen wir hingegen die Creme de la Creme der Serie zu Gesicht. Von überraschenden Mini-Auftritten (Silik, Future Guy) bis hin zu gehaltvollen Gastvorstellungen (Soval, Forrest, Duras) geben sich sowohl tolle Schauspieler als auch interessante Charaktere in ungewohnter Rasanz die Klinke in die Hand. Hier wird (außer Shran) alles aufgeboten, was irgendwie in der Handlung Sinn zu machen schien.
In der Summe kann man der Episode also - außer den angeführten (minimalen) Minuspunkten - keinen wirklichen Vorwurf machen. Story, Darsteller, Technik, Atmosphäre - alles liegt weit über Soll und Muss. Wenn überhaupt kann die bereits mehrfach angesprochene Überladung des Plots als Makel herhalten. Berman & Braga wollten noch einmal mit einem wahren Kraftakt alles aufbieten, was ihnen passend erschien. Dabei nahmen sie weder Rücksicht auf die Verständlichkeit, noch auf die reguläre Erzählform der Serie was die Überbrückung größerer Zeiträume angeht. Einige Monate in knapp 45 Minuten abzuhandeln, sind schon ein heikles Experiment - wenn auch eines, das geglückt ist.
Doch was bleibt am Ende des Tages?
The Expanse;Star Trek: Enterprise ist genau genommen ein zweiter Pilotfilm im Westentaschenformat. Bei Star Trek: Deep Space Nine griff man zu Beginn der vierten Season auf den gleichen Kniff zurück, als man mit Star Trek: Deep Space Nine die Serie neu ausrichtete und definierte. Auch dort verwob man bereits bekannte Elemente mit neuen, frischen Ideen und Stilmitteln. Letztlich zum Vorteil.
Nachdenklich machte da schon eher die Ankündigung, dass man in der geheimnisvollen Delphic Expanse vermehrt auf komplexe SF-Konzepte ausweichen werde. Brannon Braga, ein wahres Genie im Bereich skurrile Aufmacher und hanebüchene Auflösungen, dürfte sich endlich einmal wieder nach Herzenslust austoben können. Und auch der Hinweis Sovals, dass die Gesetze der Physik in einigen Regionen nicht greifen, sorgt bei mir eher für Magenschmerzen als für Jubelschreie. Ohnehin nehmen es die Produzenten mehr und mehr leger mit dem Umsetzen wissenschaftlicher Fakten. Wenn sie nun noch die - eh oft zweitrangig scheinenden - Grundlagen vorsätzlich ignorieren, kann das eigentlich nur eine Entschuldigung oder Rechtfertigung für vollkommen abgedrehte Konzepte sein.
Für sich und den Moment genommen ist The Expanse ganz klar ein äußerst gelungener Appetizer, ein überlanger Trailer, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen soll und diesen Effekt auch durchaus erzielt. Wie auch in Shockwave wirkt das Break am Ende wie eine Vergewaltigung der Neugierde.

Apropos Neugierde
Zum Abschluss dieser Rezension noch ein Hinweis in eigener Sache. Nach meiner morgigen Kolumne zur kompletten zweiten Staffel gehen die Rezensionen zu Star Trek: Enterprise in eine längere Pause. Ich plane definitiv, die dritte und vierte Staffel noch in gewohnter Form zu besprechen - jedoch werde ich die kommenden Monate durch ein anderes Projekt zu sehr beansprucht. Was das ist, könnt ihr kommenden Samstag an dieser Stelle nachlesen. Und das ist ja passenderweise auch irgendwie ein kleiner Cliffhanger.
Gib dem Kind einen Namen
Ich vermute bei der Titelwahl „The Expanse“ ganz stark, dass sich die namensgebende Ausdehnung auf wachsende Zuschauerzahlen in Season 3 beziehen sollte. Ansonsten wäre noch eine erwünschte Ausdehnung der Produzentengehälter eine Möglichkeit. Oder waren Berman & Braga einfach wieder zu faul und haben einfach humorlos die handlungsrelevante Delphic Expanse im Titel verwurstet? Hach. Auf Deutsch hätte ich etwas wie „Ins Ungewisse“ oder „Eine neue Grenze“ bevorzugt. Aber wie immer ist eine 1:1-Variante wie „Die Ausdehnung“ natürlich weder verkehrt noch verboten.
Fazit
Wenn Größenwahn einen Namen bräuchte, hier würde er gefunden. Ein Trip für die Sinne, eine Denksportaufgabe für notorisch
Neugierige und ein Fest für Event-Freaks. Hier wird nie gekleckert wo Klotzen fast schon schwächlich erscheinen würde. Shockwave war gestern... hier kommt der neue und ultimative Enterprise-Blockbuster des Simsalabim-TVs. Prost!
Verfasser: Henning Harder am Samstag, 27. Juni 2015(Star Trek: Enterprise 2x26)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x26
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?