Star Trek: Enterprise 2x22

Was erwartet uns?
Während die Crew einen Planeten beobachtet, der zur Supernova wird, trifft man auf die Vissianer. Alle verstehen sich blendend, bis Trip sich mit einem Mitglied des dritten Geschlechts dieser Rasse anfreundet - einem namenlosen Wesen, das als Cogenitor bekannt ist...
Dies & das
- Andreas Katsulas sollte zumindest als Romulaner Tomalak aus Star Trek: The Next Generation bekannt sein - außerdem verkörperte er den unvergessenen G'Kar in Babylon 5. Ein wundervoller Darsteller und wirklich ein tolles Geschenk für die Fans!
- LeVar Burton (Geordi LaForge in „Star Trek: The Next Generation“) hatte in der ersten Staffel mit „Terra Nova“ und „Fortunate Son“ nicht gerade großes Glück bei der Auswahl seiner Episoden. Dieser Trend wendet sich nun mit „Cogenitor“ gleich gewaltig!
- Kein Erden-Schiff war jemals in solcher Nähe zu einem Hyper-Giant.
- Tucker (Connor Trinneer) bekommt ein Gegenmittel, das ihn 12 Monate vor Omicron-Strahlung schützt.
- Cogenitor machen nur 3 % der Bevölkerung des Planeten aus.
- Phlox (John Billingsley) sagt, dass die Bewohner von Rigel vier oder sogar fünf Geschlechter besitzen.
- Captain Archer (Scott Bakula) lernte das Tauchen durch Wellen, als er Body-Surfen in Oahu war.
Große Folge, große Worte
„It'll be nice to have a first contact where nobody is thinking about charging weapons.“ (Trip)
„Keep an open mind commander, you came on this mission to meet other species, no matter how many genders they may have.“ (Phlox)
„They've asked us for sampeling films, I put together a few suggestions.“ - „I'll see to it.“ - „You're in charge.“ - „Of the ship and the movies.“ (Archer und T'Pol)
„Maybe we could sleep together later.“ - „On Earth it's customary to ask a girl to dinner first, before spending the night with her.“ - „It's very different on Vissia. It's only when a woman enjoys her intimate time with a man that she will join him for dinner.“ (Velo und Reed)
„I'd like my name to be Trip. Just like yours.“ - „Actually my name is Charles.“ - „Then I would like my name to be Charles.“ - „I'm flattered.“ (Cogenitor und Trip)
„You did exactly what I'd do? If that's true then I've done a pretty lousy job of setting an example around here.“ (Archer)
„It's easy to misunderstand someone when you know nothing about their culture.“ (Vissianer)
„I guess I haven't been very good at getting through to you. If I had, you would have thought a lot harder before doing what you did.“ (Archer)
„You knew you had no business interfering with those people, but you just couldn't let it alone. You thought you were doing the right thing. I might agree if this was Florida or Singapore, but it's not, is it? We're in deep space, and a person is dead - a person who would still be alive if we hadn't made first contact.“ (Archer zu Trip)
Vorwort
Cogenitor ist eine dieser Episoden, die man ohne die letzten Momente der Handlung in die Besprechung einzubeziehen, überhaupt nicht angemessen bewerten kann. Die Stärken der Episode liegen hier nicht nur im Thema an sich oder gar in den innovativen Zutaten, sondern werden erst durch den Umgang mit der entscheidenden Situation definiert. Eine Situation, auf die es später noch genauer einzugehen gilt.
Traileralarm
Der Trailer versprach jedoch ein eher dürftig intelligentes, dafür aber scheinbar schweißtreibend amüsantes Stück Popcorn-„Trek“. Die Tatsache, dass UPNs Trailer-Department leider regelmäßig vollkommen sinnfrei die Abenteuer der Crew bewarb, sollte man sich dabei aber jederzeit vor Augen führen. Dennoch hielten sich meine Erwartungen in Grenzen - vom angekündigten Gastauftritt des erfrischenden Andreas Katsulas vielleicht einmal abgesehen.

Erstmal greift der Rezensent zur Kettensäge
Um mit der Besprechung fortzufahren, ist es an dieser Stelle jedoch erst einmal zwingend notwendig, die Episode in zwei Teile zu zerlegen. Der eine Teil erstreckt sich von Minute eins bis hin zu Minute 39. Der zweite besteht dann nur noch aus oben bereits angesprochener Situation am Schluss. Im ersten Teil entwickelt sich gleich von Beginn an etwas, das generell viel zu selten in „Star Trek“ zu sehen ist: ein positiver und erfreulich verlaufender Erstkontakt mit einer sympathischen und entgegenkommenden Spezies, die keinerlei Aggressionen oder Animositäten heraufbeschwört.
Drumherum
Archer zum Beispiel darf mit dem charmanten Captain der sogenannten Vissianer einen Ausflug der ganz besonderen Art unternehmen. Hierbei kann sich Andreas Katsulas schauspielerisch leider kaum beweisen - sein Charakter kommt über den Status eines höchst besonnenen und sympathischen Mannes mit Stil nicht hinaus. Die Ausstrahlung des markanten Mimen ist jedoch in jeder Szene spürbar. Teilweise verantwortlich für den Makel seiner Unterbeschäftigung sind sicherlich die fast durchgängig belanglosen Dialoge, die ausschließlich den Rahmen für die grandiosen Aufnahmen während des Fluges bieten.
Währenddessen entwickelt sich auf der Enterprise einer der weiteren zwei Handlungsstränge. Reed (Dominic Keating), der ja ohnehin eine besondere Haltung dem weiblichen Geschlecht gegenüber an den Tag legt, nimmt sich einer Waffenspezialistin der Vissianer an. Während eines amüsanten Käse-Mahls und der Tour durch die Waffenkammer geben sich griffige und lebendige Dialoge die Klinke in die Hand. Dadurch gewinnt dieser Teil der Gesamtgeschichte deutlich mehr Drive, als die Archer-Handlung. Mit dem humoristischen Höhepunkt, eines doch sehr eindeutigen Angebots an den schüchternen Waffenoffizier, endet dieser Teil jedoch abrupt und findet keine weitere Verwendung. Schade - aber durchaus eine brauchbare Randnotiz für den zentralen Handlungskern von „Cogenitor“.
Der Kern
Dieser beschäftigt sich, wie der Name der Episode schon verrät, mit einem Geschöpf, dass in der Kultur der Vissianer das dritte Geschlecht darstellt. Und obwohl - wie Phlox auf Trips Bitte hin feststellt - sich keine Unterschiede in der geistigen Entwicklung zu den männlichen und weiblichen Geschlechtern finden lassen, werden diese „Cogenitor“ wie Geschöpfe zweiter Klasse behandelt. Ihre Existenz begründet sich nur auf den Beitrag zur Fortpflanzung. Sie werden paarungswilligen Familien zugeteilt, besuchen keine Schulen, lernen nicht lesen, dürfen keine eigenen Interessen verfolgen und haben noch nicht mal individuelle Namen.
Hierbei gelingt den Autoren Berman & Braga das Kunststück, sämtliche Dialoge über den auf diesem speziellen Schiff ansässigen Cogenitor vollkommen natürlich klingen zu lassen. Die kulturelle Besonderheit der Vissianer wirkt nie wie ein künstlich erzeugtes Mittel zum Zweck. Diese Glaubhaftigkeit kommt der Handlung sehr zugute. Interessant ist, dass gerade Trip, der in vielen der letzten Episoden eine gewisse neue Reife an den Tag legen durfte, sich kompromisslos für den Cogenitor einsetzt. Und nicht nur das: er lügt, er lehrt ihn lesen und gibt ihm eine Vorstellung davon, was es heißen könnte, individuelle Freiheit und Rechte zu erlangen.
Zu jeder Zeit kann man seine Handlungen nachvollziehen. Der moralische Aspekt fällt hierbei natürlich deutlicher ins Gewicht, als der inhaltliche. Ohne in Gefühlsduselei abzudriften, dürfte jedem schnell klar werden, dass es sich hierbei um den bisher wahrscheinlich schlimmsten Verstoß gegen die noch nicht existente (spätere) erste Direktive handelt, den die Serie bisher gesehen hat.
Und es sind genau diese Episoden, die in den vergangenen Jahren - und wenn man ehrlich ist eigentlich fast immer und in allen Serien - zum Schluss in die gleiche bekannte Spur zurückkehrten. Die Menschen haben einem für ihre Verhältnisse falsch handelnden Volk ihre Ideale vorgelebt und zumindest eine der betroffenen Seiten ist dafür ewig dankbar. Mission erfolgreich - und weiter. Als Archer - nach einem famosen und glaubwürdigen Monolog - die Entscheidung contra Cogenitor und contra Trip gefällt hatte, schien mir das Ende vom Lied klar. Was jedoch wirklich kam - und hier wechseln wir in den imaginären zweiten Teil der Episode - darauf war ich nicht vorbereitet.

Der Hammer
Wie Archer per Subraum vom Captain der Vissianer erfährt, hat der Cogenitor Selbstmord verübt. Durch seine Einmischung hat Trip einem völlig unvorbereiteten Wesen Möglichkeiten offenbart, für die weder das Wesen selbst, noch sein Volk bereit waren. Wenn sie es denn überhaupt müssen! Das zu beurteilen ist nämlich bestimmt nicht die Aufgabe der Sternenflotte. Das zu beurteilen ist aber noch viel weniger die Aufgabe von Trip.
Und hier ziehen Berman & Braga endlich einmal nicht die Notbremse. Endlich lassen sie ein Ende auch einmal gnadenlos konsequent und schmerzhaft sein. Archers Wutrede steigert sich mit jedem Satz. Seine Enttäuschung über den besten Freund, dessen bekanntes Temperament, das ihn und andere immer wieder in Schwierigkeiten brachte - man spürt, wie sehr Acher gehofft hatte, Trip sei inzwischen gewachsen und vor allem eines - erwachsen geworden. Der Konflikt zwischen den liebgewonnenen Charakteren ist körperlich spürbar und zeigt die Serie von ihrer besten Seite.
Interessant hierbei ist auch die Frage, ob Archer nicht in Wirklichkeit über sich selbst enttäuscht ist. Wie er richtig sagt, scheint er kein gutes Vorbild gewesen zu sein und somit seine Crew nicht erreicht zu haben. Und wirklich kann man Archers Verhalten in puncto Nichteinmischung ohne Probleme als undeutlich bezeichnen. Zwar lässt sich jegliche Entscheidung auf vielerlei Arten zurechtdrehen, dennoch kann der Captain nicht behaupten, einen vollkommen konsequenten Kurs gefahren zu sein. Er hat seine Fehler gemacht und gesteht Trip einen dieser Fehler nun nicht zu - oder vielmehr: er weiß um seine Mitschuld und lässt den Ärger und die Wut darüber an ihm aus. Das soll hier allerdings nicht im Geringsten negativ verstanden werden, denn Trip hat diese Ansprache natürlich verdient. Nur ist der unterschwellige Aspekt - die „geteilte“ Schuldfrage - ebenso interessant.
Doch was bedeutet eine solch überraschende - und couragierte - Entscheidung nun für die Serie? Was wird aus dem Buddy-Gehabe der beiden werden? Wie wird sich der gemeinsame Nenner verändern?
Diese Fragen dürfen zwar in ihrer Beantwortung keinen Anteil an der Wertung der Episode an sich besitzen - für die Bewertung der Serie sind sie jedoch äußerst relevant. Ebenso wie die Erkrankung T'Pols in „Stigma“, die seitdem keine - aber auch gar keine! - Verwendung mehr fand, wird der Umgang mit dem Bruch zwischen Captain und 2. Offizier das übergeordnete Niveau definieren. Hier heißt es in Zukunft (auf die Spitze getrieben): „Deep Space Nine“ oder „Voyager“? Aktionen dieser Art müssen Konsequenzen für die Beteiligten nach sich ziehen.
Das Verhältnis zwischen den beiden darf (zumindest vorerst) nicht das gleiche sein wie bisher. Sollte es jedoch trotzdem zu einer dieser „passiert-und-weg“-Lösungen kommen, dann bleibt mit „Cogenitor“ lediglich eine herausragende, weil mutige und kompromisslose Dreiviertelstunde. Für eine Show über Charaktere wäre eine fehlende Beschäftigung mit dem Thema jedoch ein Genickschuss erster Güte. Wie gesagt: „Deep Space Nine“ oder „Voyager“ - die Produzenten haben es in der Hand. Und dass es ihnen an Qualität nicht mangelt, haben Berman & Braga hier endlich einmal wieder ohne Einschränkungen bewiesen.
Technik & Co.
Bei all dieser inhaltlichen Dramatik sollen die technischen Aspekte jedoch nicht unbeleuchtet bleiben. LeVar Burton, der nach „Terra Nova“ und „Fortunate Son“ zur Serie zurückkehrt, leistet gute Arbeit, die drei Handlungsebenen zu vermischen. Er scheitert, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann, jedoch an der starken Episodenhaftigkeit der einzelnen Stücke. Es entsteht kein richtiger Fluss, viele Elemente werden nicht ausgeführt, sondern mit deutlicher zeitlicher Unterbrechung nur angerissen. Hier liegt das einzige spürbare Manko der Episode. Ein Manko, dass sich im Gesamtbild jedoch geschickt zu verstecken weiß.
Optisch hingegen kann man der Episode nichts vorwerfen. Sowohl die Außenaufnahmen, als auch das fremde Schiff und vor allem die Beleuchtung der bekannten Enterprise-Sets durch die Nähe zum Hyper-Giant tragen ungemein zur Atmosphäre bei.

An der Darstellerfront glänzen diese Woche sowohl Scott Bakula als auch Connor Trinneer. Beide können jede Sekunde überzeugen und bereichern ihre Charaktere um weitere Facetten. Jolene Blalock wirkt hingegen für meinen Geschmack eine Spur zu kalt - bei ihr merkt man am ehesten, dass sie feine Nuancen nicht effektiv genug auszuspielen weiß. In ihren besten Momenten ist T'Pol ein perfekter Charakter, an schwächeren Tagen gelingt ihr jedoch ab und zu nicht der Spagat zwischen Überlegenheit und Liebenswürdigkeit. Die Gastdarsteller halten alle einen gehobenen Durchschnitt - ohne dass jedoch besondere Glanzlichter zu verzeichnen sind.
Ohne die abschließenden drei Minuten wäre aus „Cogenitor“ eine gute, weil wertvolle und durchaus nachdenklich stimmende „Trek“-Episode geworden. Nur dem Mut der Produzenten, einmal nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, ist es zu verdanken, dass „Cogenitor“ jedoch sogar als unvergessliches Highlight bestehen bleiben wird.
Gib dem Kind einen Namen
Rick Berman & Brannon Braga sind eines ganz sicher nicht: Das haben wir in den letzten beiden Staffeln spätestens festgestellt: Meister origineller Titel. Hier ist es zwar mit „Cogenitor“ mal wieder passend, einen reduzierten Titel zu wählen, der den Dreh- und Angelpunkt der Handlung herausstellt, dennoch hätte ich für eine etwas abstraktere Variante wie etwa „Taking the Bait“, also „Der Versuchung erliegen“ (oder etwas in dieser Art) plädiert. Auf Deutsch bleibt es der „Cogenitor“: Eins zu eins. Das scheint das neue Motto der Staffel zu sein. Schlecht ist das sicher nicht.
Fazit
„Cogenitor“ zeigt, was Berman & Braga leisten können - wenn sie denn wollen. Viel Courage, Mut, herausragende Dialoge und perfekte Leistungen von Bakula und Trinneer stellen die Episode auf einen Sockel, den es in Zukunft erst wieder zu erklimmen gilt. Danke für ein außergewöhnliches Stück Fernsehen!
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 13. Juni 2015(Star Trek: Enterprise 2x22)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x22
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