Star Trek: Enterprise 2x20

Star Trek: Enterprise 2x20

It's alive! Die perfekte Frankenstein-Analogie: Genau wie die Kreatur des berüchtigten Doktors darf nun auch Travis Das Phantom Mayweather seine Lebendigkeit unter Beweis stellen. Ein glorreicher Moment für den Charakter - aber auch für die Serie? Ein Gastreview von Björn Sülter.

Anthony Montgomery als Travis Mayweather (r.) in der „Star Trek: Enterprise“-Episode „Horizon“. / (c) UPN
Anthony Montgomery als Travis Mayweather (r.) in der „Star Trek: Enterprise“-Episode „Horizon“. / (c) UPN

Was erwartet uns?

Während die Crew ein Weltraumphänomen untersucht, kehrt Mayweather auf das Frachtschiff seiner Familie zurück und erfährt, dass sein Vater verstorben ist. Das Wiedersehen verläuft jedoch noch in anderer Hinsicht mehr als unerwartet, als Fremde angreifen und sein Bruder seiner ersten Prüfung als neuer Captain entgegensieht... Auf der Enterprise werden T'Pol und Phlox inzwischen in die Welt der Horrorfilme eingeführt.

Dies & das

  • Die E.C.S. Horizon ist das Schiff von Mayweathers (Anthony Montgomery) Familie, auf dem er geboren wurde und lange Zeit lebte und arbeitete.
  • Laut Montgomery wäre es sein Wunsch gewesen, Nichelle Nichols hätte seine Mutter gespielt - leider wurde nichts daraus.
  • Neben Travis' Mutter Rianna werden wir seinen Bruder Paul und seine Freunde Juan und Nora kennenlernen.
  • Für die Tische auf der Horizon haben die Produzenten die alten Star Trek: Voyager-Tische aus der Messe wieder ausgegraben... unverkennbar!
  • Das aktuelle Datum ist der 10. bis 14. Januar 2153 - wir haben also den zweiten Jahreswechsel hinter uns.
  • In den bisherigen 18 Monaten besuchte die Crew 22 bewohnte Planeten und legte dabei 150 Lichtjahre zurück.
  • Die Crew soll auf Anweisung von Admiral Forrest (Vaughn Armstrong) 30 Lichtjahre zurückreisen, um ein planetares Phänomen zu beobachten.
  • Die E.S.C. Horizon ist 50 Jahre alt. Zephram Cochrane (James Cromwell) designte den Antrieb und laut Gerüchten soll er jedes einzelne Reaktorgehäuse persönlich unterzeichnet haben - deshalb ist Trip (Connor Trinneer) an einer Tour sehr interessiert. Er bekommt sie leider nicht.
  • Mayweather hat seine Familie seit vier Jahren nicht gesehen.
  • Sein Vater, der Captain des Frachters war, starb bereits Ende 2152. Doch die Nachricht seiner Mutter erreichte Travis nie.
  • Travis' Bruder Paul ist nun neuer Captain des Frachters. Seine Mutter ist sowohl Chef-Ingenieur als auch Doktor an Bord.
  • Travis' Raum an Bord war die Kabine B-6 - sie wurde für seine Rückkehr wieder hergerichtet.
  • Als Kind zeichnete Travis eine Sternenkarte mit allen Orten, die er besuchen wollte.
  • Trip überreicht Travis vor dem Besuch ein elektronisches Fotoalbum für seine Mutter.
  • Archer (Scott Bakula) hat selber einmal über den Dienst auf einem Frachtschiff nachgedacht.
  • Reed (Dominic Keating) hat seine Familie zehn Jahre nicht gesehen.
  • Die Filmnacht an Bord findet nun täglich statt - nicht mehr wöchentlich. Zum Auftakt gibt es drei Klassiker des Horror-Genres: „Frankenstein“, „Braut des Frankenstein“ & „Sohn des Frankenstein“.
  • Seit sie den Western mitverfolgte, war T'Pol (Jolene Blalock) bei keiner weiteren Filmnacht.
  • T'Pol hält Frankenstein für eine gute Demonstration der menschlichen Reaktionen auf Vulkanier...
  • Nebenbei: die Vulkanierin ist wirklich schon einen weiten Weg gekommen - sie isst Popcorn mit den Fingern.

Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: Enterprise%26ldquo;-Episode %26bdquo;Horizon%26ldquo; © UPN
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Von Dates, Stolz und Counselors

I don't understand how sitting in a darkened room constitutes fraternizing.“ - „It's a communal experience. Tell you what, let's make it a night. Dinner in the Captains mess at 1800, movie at 1930. You'll be my date.“ - „I beg your pardon.“ - „I'll be the perfect gentleman, and if you don't like the movie I'll never ask you to sit through another one.“ (T'Pol und Archer)

I know for a fact that your father was proud of you.“ - „With all respect, Sir, I'm not so sure he was.“ - „Did he ever tell you about the letter he sent me? It was almost two and a half years ago. There were a few candidates I was looking at for helm officer, I was having a little trouble deciding so I contacted their former CO's hoping for a more personal evaluation.“ - „What did he say?“ - „He wrote the shortest recommendation. Just one sentence. He said he'd never met a more natural stick and rudder man in his life and I'd be a fool if I didn't choose you. When I saw how you handled yourself at the helm, I knew he was right.“ (Archer und Mayweather)

Starfleet should think of letting families on board starships.“ - „You must be joking!“ - „No one would ever get homesick.“ - „Yes? Well, they had better post a psychologist on board because I'd need one if my parents were roaming the corridors.“ (Mayweather und Reed)

Der Mann, der immer lächelt

Kaum ein Mitglied der Besatzung lebte bisher so ausschließlich vom Spott der Fans wie Anthony Montgomery. Von frühen Witzen darüber, dass niemand seinen Rollen-Namen kannte (Marryweather-who?) oder zuordnen konnte bis hin zu makabren Späßen darüber, dass ein Hirntod des jungen Piloten kaum eine Veränderung bringen würde („Dead Stop“) reichte das Spektrum der Gemeinheiten in den Foren. Und auch ich war ja bisher selten zimperlich und bewegte mich mit meinem Rumgehacke hart an der Grenze zum Nervtöten.

Dabei ist ihm der Zustand dieser völligen Charakterunterentwicklung bisher nur zu maximal 50 Prozent anzulasten gewesen. Zwar reichte seine Palette in den meisten Episoden kaum über ein völlig weltfremdes Grinsen hinaus, die Autoren schafften es jedoch auch selten, ihn sinnvoll in die Handlung einzubinden. Einzig in „Fortunate Son“ und „Detained“ durfte er einige wenige Minuten Beachtung genießen. Ansonsten war er stets der Mann am Rande des Geschehens, der „Aye, Sir“-Sager, dekoratives Element am Steuerpult und kindlich-naives Grinsekätzchen der Brückencrew. Ein Charakter zum Aus-der-nächsten-Luftschleuse-feuern - aber irgendwie doch sympathisch bis zur Schmerzgrenze. Habe ich da Wesley gehört?

Nun aber - ich persönlich hatte schon nicht mehr damit gerechnet - ließen sich die Autoren zu einer ganzen Episode über Ensign Travis Mayweather und seinen familiären Background herab. Mangels Alternativen muss diese Episode deshalb nun über die schauspielerischen und erzählerischen Dimensionen des Darstellers Montgomery und der Figur des Travis Mayweather entscheiden - so unfair das auch sein mag.

Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: Enterprise%26ldquo;-Episode %26bdquo;Horizon%26ldquo; © UPN
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Ich will es gerne vorweg nehmen - Anthony Montgomery erhält in Horizon ausreichend Gelegenheit, sich zu beweisen. Und es gelingt ihm in den meisten Fällen auch. Die Szenen mit seinem Bruder Paul, seiner Mutter Rianna und besonders mit Archer zu Beginn der Episode sind tadellos gespielt. Kompliment. Dazwischen jedoch verfällt der Gute immer wieder kurz in seine statischen Bewegungen und vor allem in seine unnatürliche Intonation. Es kann hier jedoch nur ein Resümee geben: Montgomery kann durchaus überzeugen - wenn das Material etwas hergibt. Allerdings ist für ihn die Schauspielerei offensichtlich harte Arbeit und nicht - wie zum Beispiel bei den viel natürlicheren Trinneer, Keating & Billingsley - auf einer Riesenportion Talent gewachsen. Das ist zwar ein klarer Nachteil, lässt aber immerhin hoffen, dass er sich weiter entfaltet und andere Gelegenheiten erhält, an den Herausforderungen zu wachsen und als Darsteller zu reifen. 

Nun aber weg von der - zugegebenermaßen - interessantesten Frage der Woche und hin zu den technischen und inhaltlichen Aspekten der Episode.

Wieder Frachter, wieder Captainproblem, wieder böse Jungs

Wie schon in „Fortunate Son“ bringt der Abstecher in die Welt der Frachtschiffe eine willkommene Abwechslung und zeigt, wie dreckig, unbequem und technisch rückständig die Serie an sich auch hätte sein können. Das rustikale Design der Horizon passt vielleicht sogar einen Tick besser in meinen Vorstellungsbereich (von vor Beginn der Ausstrahlung im September 2001). Allein die Randnotiz, dass Warpsprünge über Lautsprecher angesagt werden, damit niemand vom ruckartigen Beschleunigen zu Boden gerissen wird, ist ein klasse Einfall. Ob mir diese Basis für die NX-01 ebenfalls besser gefallen hätte oder ob gerade der nun vorhandene Kontrast zwischen „Stolz der Flotte“ und dem, was gerade noch aktuell war, den Reiz ausmacht - ich mag es nicht entscheiden.

Dennoch: Einen Großteil der Stimmung macht allein der Ort des Geschehens aus. Weitere Abenteuer im Bereich der Frachtschiffe sind gerne willkommen.

I can't live without music

Dazu gesellt sich - und das kann man gar nicht deutlich genug herausstellen - eine unfassbar gute Musikuntermalung. Zwar sind die Klänge der Serie schon seit Wochen einer geradezu steilen Qualitätssteigerung unterworfen, hier jedoch gelingt erstmals ein wirklich perfekter Score, der sofort ins Ohr geht, auffällt, dabei nie stört, Emotionen verstärkt, überraschende Wege geht und jede Minute zu fesseln weiß. Seit The X-Files habe ich keine bessere Musik gehört. Kudos. Es wirkt tatsächlich so, als stünden nicht nur inhaltliche Veränderungen an, sondern als würde auch im Bereich Rahmenbedingungen mächtig gefeilt - Komponisten wie Brian Tyler („Canamar“), Velton Ray Bunch (u. a. „Judgement“) und nun auch Mark McKensey bereichern die Serie auf einer Ebene, die aufgrund der Ignoranz von Rick Berman viel zu lange vernachlässigt wurde. Mehr davon!

Keine Nichols, aber gut

Zudem können die Gastdarsteller allesamt überzeugen - auch wenn mir der Wunsch von Anthony Montgomery (geäußert im Jahr 2002), Nichelle Nicholls als seine Mutter zu besetzen, aus dem Herzen sprach. Gerade für ihn, der Frauen wie Whoopi Goldberg und eben Nichelle Nicholls als Idole seiner Jugend zitiert, wäre dies sicherlich ein Geschenk gewesen. Ganz zu schweigen von den Fans, die die legendäre Darstellerin der Uhura bestimmt gerne ein weiteres Mal im „Trek“-Kosmos gesehen hätten. Aber auch die vorhandene Riege an Darstellern macht ihre Sache gut. Besonders Travis' Bruder Paul alias Corey Mendell Parker bleibt positiv im Gedächtnis.

Einziger Makel der Episode bleibt die Handlung. Sie beschränkt sich leider auf das Zitieren diverser Stereotypen - die konkurrierenden Geschwister, die vermittelnde Mutter, der unnahbare und abweisende Bruder, die Vorwürfe aufgrund des Verlassens der Familie, das versöhnliche Ende. Das alles kann zwar nie überraschen, weiß aber zu unterhalten - eben weil die Charaktere auf der menschlichen Ebene überzeugen.

In der Nebenhandlung, die (wie bereits in „Stigma“) eine ernsthafte und traurige Grundstimmung durch komödiantische Einwürfe konterkariert, versuchen Trip und Archer, T'Pol zum Besuch einer weiteren Movie-Night (Thema: „Frankenstein“) zu bewegen. All das kommt über das Prädikat unterhaltsam zwar nicht hinaus, entlockt jedoch den einen oder anderen hysterischen Lacher. Den Denkansatz von T'Pol, Soval die „Frankenstein“-Filme zu zeigen, um ihm die menschliche Intoleranz gegenüber Andersartigen deutlich zu machen, würde ich zum Beispiel gerne einmal wieder aufgegriffen sehen. Man kann zwar bestimmt wieder über die Kombination der beiden Handlungsstränge streiten, ins Gehege kommen sie sich aber nicht.

Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: Enterprise%26ldquo;-Episode %26bdquo;Horizon%26ldquo; © UPN
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Unter dem Strich hat sich der Abstecher in die Welt des Travis Mayweather durchaus gelohnt. „Horizon“ kann problemlos mit der normalen Charakterepisode der Woche aus allen anderen Serien mithalten - bleibt gegen deren Glanzlichter (wie etwa „Family“ aus Star Trek: The Next Generation oder „Someone to Watch Over Me“ aus Star Trek: Voyager) aber natürlich chancenlos. Doch das ist hier ausnahmsweise mal kein Grund zur Panik.

Gib dem Kind einen Namen

Irgendwie ganz schön zynisch, der Titel [qoteme=Horizon] - diese überdeutliche Anspielung auf den sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont für Anthony Montgomery - in diesem Falle ja sogar Horizont ohne Silberstreif. Wäre übrigens auch auf Deutsch denkbar gewesen: „Horizont ohne Silberstreif“ - hach. Dennoch danke, dass die Standard-„Famlienangelegenheiten“ diesmal Pause machen. Auch schön, dass niemand darauf gekommen ist, die Episode „Horizont“ zu nennen... Was soll man an der 1:1-Version also meckern?

Fazit

Endlich Einblicke in das am meisten vernachlässigte Mitglied der Crew - dank einer routinierten Story und begünstigt durch überzeugende Gastdarsteller, starke Kulissen und einem richtig guten Score immerhin ein noch mittelprächtiges Vergnügen. 

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 6. Juni 2015
Episode
Staffel 2, Episode 20
(Star Trek: Enterprise 2x20)
Titel der Episode im Original
Horizon
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 16. April 2003 (UPN)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 31. Oktober 2004
Autor
André Bormanis
Regisseur
James A. Contner

Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x20

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