Star Trek: Enterprise 2x19

Was erwartet uns?
Archer wird aufgrund seines bisherigen Verhaltens im Zusammenhang mit den Klingonen vor ein klingonisches Gericht zitiert und muss sich auf einen alten und desillusionierten Verteidiger verlassen...
Dies & das
- Der klingonische Commander heißt Duras - der Name ist bekannt als Worfs (Michael Dorn) Widersacher aus Star Trek: The Next Generation. Es handelt sich hier um einen Vorfahren des verschlagenen Klingonen.
- Ein weiterer Charakter namens Kolos wird gespielt vom beliebten J. G. Hertzler, der in Star Trek: Deep Space Nine über Jahre den Klingonen Martok verkörperte.
- Ein Schiff wird als Bortas bezeichnet - ebenfalls Name des Schiffes des klingonischen Kanzlers Gowron in Star Trek: The Next Generation.
- Der Strafplanet Rura Pente kam bereits im sechsten Kinofilm Star Trek: The Undiscovered Country vor. Ebenso das klingonische Gericht - damals waren es Kirk (William Shatner) und McCoy (DeForest Kelley), diesmal Archer (Scott Bakula).
- Die Handlung wird noch in den Episoden Bounty und dem Cliffhanger The Expanse weitergesponnen.
- Das klingonische Imperium basierte einst auf dem Erwerb von Ehre durch wirklich bedeutende Dinge wie Charakterstärke.
- Archer dachte bisher, alle Klingonen wären Krieger. Nicht sehr schlau, Herr Captain - wie hätte diese Spezies sich dieser Logik folgend jemals entwickeln können?
- Kolos, Archers Verteidiger, ist seit 50 Jahren in diesem Bereich tätig.
- Archer soll auf Rura Penthe sein Lebensende verbringen.
- T´Pol (Jolene Blalock) kennt anscheinend noch einige klingonische Offizielle, die bereit sind wegzusehen...
- Kolos bleibt auf eigenen Wunsch in Rura Penthe.
- Ab sofort ist Archer für das klingonische Imperium ein verurteilter Flüchtiger.
- Zum ersten Mal in Star Trek: Enterprise sehen wir die klingonischen Schmerzstöcke.
Klingontalk
„My father was a teacher, my mother a biologist at the University. They encouraged me to take up the law. Now all young people want to do is take up weapons as soon as they can hold them. They are told there is honor in victory. Any victory. What honor is there in a victory over a weaker opponent? Had Duras destroyed that ship he would have been lorded as a hero of the Empire for killing helpless refugees. Klingons were once a great society when honor was earned through integrity and acts of true courage not senseless bloodshed.“ (Kolos)
„'Jonathan Archer you are condemned to the dilithium mines on the penal colony Rura Penthe for the remainder of your life.'“ (Klingonischer Magistrat)
„'So, are all humans like this?' - 'Like what? Fair?' - 'Stupid!' - 'It's in our nature.'“ (Kolos und Archer)
„I've been an advocate for 50 years and I've spent the last 20 of them standing in that tribunal playing my part...holding my tongue, and all the while honorable men were being sent to places like this without the benefit of defense and then I was assigned your case. You told me that on your world a few courageous people made a difference. I'm not sure I have the courage but I know I'll never be able to restore honor to my people as a fugitive.“ (Kolos)
Der Rezensent legt den Schmerzstock bereit
Gerade nach den bisherigen Klingonen-Ausflügen der jungen Serie hielt sich meine Begeisterung über weitere Geschichten rund um die ehrenhaften Krieger in sehr engen Grenzen. Schon bei Bekanntgabe der Story von Broken Bow im Jahre 2001 wollte mir nicht in den Kopf, warum gerade wieder die inzwischen fast totgesendeten Klingonen einen wichtigen Anteil an der Handlung des Pilotfilms der neuen Serie bekommen sollten. Rückblickend waren sie jedoch dort bisher am überzeugendsten (weil am wenigsten präsent). Sie stellten nur das "bekannte" Element am Rande dar - und funktionierten als Solches auch. In Unexpected, Sleeping Dogs und vor allem im diesjährigen Intellekt-Erdrutsch Marauders verkamen sie hingegen immer rasanter zu schmerzverursachenden Karikaturen ihrer selbst. Storygewordene Schmerzstöcke sozusagen.
Es gab also wirklich keinen Grund, sich auf Judgment zu freuen, außer...
- ... der Tatsache, dass mit J. G. Hertzler ein altbekannter Mime unter das üppige Make-up zurückkehrte. Zwar nicht in der bekannten und äußerst beliebten Rolle des General Martok, aber immerhin wieder als Klingone.
- ... den in Aussicht gestellten Neubauten der Gerichtskulissen aus Star Trek - The Undiscovered Country und einem Abstecher auf den Strafplaneten Rura Penthe (aus eben dem gleichen Film).
Doch konnten diese Anfälle von Nostalgie wirklich ganz alleine eine ganze Episode tragen?
Sicher nicht
Zuerst einmal sorgte der Beginn bei mir erneut für moderates Kopfschütteln. Wieder dieses „rein-in-die-Handlung“-Gefühl, das wir bereits zu häufig und vor allem gerade erst letzte Woche in The Crossing ertragen mussten. Keine Erklärung. Kein Setup. Einfach ab in den Gerichtssaal. Was ist passiert? Wie kommt Archer hierher? Wie konnte er überhaupt entführt werden? Interessiert keinen. Kostet Sendezeit. Muss man nicht wissen.
Doch! Alles interessante Fragen, die man sicher nicht immer (sofort) beantworten muss, die bei Star Trek: Enterprise aber leider auch zu häufig in der Luft hängen bleiben. So auch hier - aber dazu später mehr.

Nun viel Positives
Nimmt man den Ausgangspunkt der Handlung aber erst einmal als gegeben hin, spürt man als erstes die erdrückende Wirkung der Kulissen und Effekte. Die Außenaufnahmen sind atemberaubend - und das klingonische Gericht lässt ebenfalls keine Kritik zu. Opulent, groß, stimmungsvoll - wenn man sich dagegen die schleichende Ideenarmut der Sets in Star Trek - Nemesis anguckt, es ist noch nachträglich zum Weinen.
Star Trek: Enterprise übertrifft hier erneut alle Erwartungen und dazu die kühnsten Hoffnungen. Kompliment!
Dennoch: der Kern der Episode müssen Story, Charaktere sowie Darsteller und nicht nur die Verpackung sein. Und genau in diesen Punkten liegt bei Judgment eine weitere Stärke.
Zuerst einmal wird J. G. Hertzler den Erwartungen voll gerecht. Sein Kolos ist weder ein billiger Martok-Klon, noch sind die Masken sich zu ähnlich. Herzler erschafft eine völlig neue Figur - einen gebrochenen und desillusionierten Mann, der sein Leben der Gerechtigkeit widmen wollte, durch die Veränderungen in seiner Gesellschaft jedoch zum schweigenden Mitläufer wurde. Die Tatsache, dass Archer sein Feuer wieder entfacht, ist vielleicht etwas einfach, durch Bakulas engagiertes Spiel jedoch glaubwürdig geraten.
Damit sind wir auch gleich beim zweiten Punkt. Scott Bakula, der sich ja in den einschlägigen Foren Woche für Woche Kritik an seinem Spiel gefallen lassen musste, dreht schauspielerisch immer mehr auf. Sein Captain Archer ist gereifter und stärker denn je. Ein Mann der aus seiner Emotionalität und seinen Schwächen Kraft schöpfen kann, der aber auch immer auf der feinen Linie zwischen Recht und Unrecht wandelt. Neben Avery Brooks und seinem Benjamin Sisko besitzt Star Trek: Enterprise klar den differenziertesten Captain. Glaubwürdig, weil nicht immer rational - sympathisch, weil menschlich und im ständigen Kampf gegen seine Fehler und nach und nach lernfähiger. Ein Leader mit Herz. Klasse.
Auf Judgment bezogen zeigt sich das zum einen in seinem Umgang mit dem Gericht (hart aber herzlich) und zum zweiten in seinen Konversationen mit Kolos, den er deutlich härter anpackt, als dieser sich das wohl hat träumen lassen. Er rüttelt ihn wirklich auf und rührt damit auch den Zuschauer an. Hertzler und Bakula funktionieren perfekt zusammen - hoffentlich gibt es eine weitere Chance für eine Begegnung.
Die weiteren Charaktere agieren im Rahmen ihrer Rollen. Weder der Ankläger Orak, noch der Richter, noch Duras oder die Crew der Enterprise können sich besonders in den Vordergrund spielen - das ist hier aber aufgrund der Präsenz der beiden Protagonisten auch nicht nötig oder möglich. Was mir jedoch trotzdem auffiel - nach knapp zwei Dritteln war Trip (Connor Trinneer) noch überhaupt nicht aufgetaucht - ein sonderbares Gefühl, das vermuten lässt, dass er bisher tatsächlich in (fast) jeder Episode durchgehend präsent war, selbst wenn der Fokus gar nicht auf seiner Figur lag. Zum Schluss erhielt er dann jedoch auch hier noch einige Zeilen... aber das nur als Beobachtung am Rande.
Der Handlung an sich Komplimente zu machen, wäre sicherlich übertrieben. Dennoch: es handelt sich hier um eine durchweg gelungene Abhandlung über Mut, Ehre, Standhaftigkeit und den Willen, Missstände zu beseitigen. Wir erfahren interessante Details über die Klingonen, die einen Bogen von den bisher gezeigten hin zu den späteren spannen könnten und erleben so nebenbei, dass es doch noch Dinge über diese Soezies zu sagen gibt. Hier schafft es Autor David A. Goodman, eine Story in bester Ron-Moore-Tradition zu schreiben. Moore war in den Vorgängerserien immer für die besten Klingonen-Stories verantwortlich - so zum Beispiel für Sins of the Father, Reunion & Redemption (aus TNG), The House of Quark, The Sons of Mogh, Rules of Engagement, Looking for Par´Mach in all the Wrong Places, Soldiers of the Empire, You are Cordially Invited ... & Once More Unto the Breach (aus DS9 und sicherlich mit das Beste an Klingonen-Episoden überhaupt) und natürlich auch für Barge of the Dead“ (die klar beste Star Trek: Voyager-Klingonen-Episode).
Goodman folgt hier ganz klar diesem Beispiel und gewinnt so auf ganzer Linie. Er macht die Klingonen wieder greifbar und glaubhaft und vor allem - dreidimensional.
Judgment ist für sich alleine genommen bestimmt keine ganz große Episode - allerdings könnte es sich hier um den Auftakt zu einem wirklich interessanten Klingonen-Arc handeln. Die Zukunft wird es zeigen.
Der Rezensent leistet Abbitte
Zum Abschluss möchte ich nun noch einmal zum Anfang zurückkehren. Wie gesagt, konnte ich mich mit dem abrupten Beginn zunächst nicht anfreunden. Nun - das Ende ist in dieser Hinsicht nicht besser, da man Archers Rettung nur als Randnotiz stehen lässt und kaum darauf eingeht.
Damit wird aber eines klar: hier wurde nicht mangels Motivation oder guten Ideen gekürzt, sondern um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wer braucht denn schon eine unergiebige Szene, in der Archer (ob nun glaubwürdig gestaltet oder nicht) vom Schiff entführt wird? Und wer braucht T´Pols Verhandlungen mit hochrangigen und korrupten Klingonen über Archers Freilassung? Wer muss sehen, wie Reed sich durchkämpft, das Schiff ihn letztlich aufnimmt und alle gemeinsam wegfliegen? Richtig: keiner. Und hier muss ich auch mich und meine Ansichten hinterfragen. Judgment ist genau genommen ein 1.5-Teiler, der vorne und hinten abgeschnitten wurde und nur blanken Inhalt übrig lässt.
Wenn eine Episode ihren Fokus so stark darauf richtet, dem wirklich bedeutenden Aspekt Tribut zu zollen, ohne Sendezeit für belangloses Trara-Beiwerk zu verschwenden, kann man eigentlich nur gratulieren. Dazu muss es aber auch so gut funktionieren wie hier - Beispiele wie The Crossing zeigen, dass es auch ganz anders geht und ohne Message, Tiefgang und frische Ideen ein fehlender Rahmen alles nur noch schlimmer machen kann. Doch Judgement gewinnt auf ganzer Linie.
Gib dem Kind einen Namen
Mit Judgment wurde erstaunlicherweise nur der zweit-naheliegendste Titel gewählt. Ich hätte mit "Trial" gerechnet. Aufbruch in eine bessere Titel-Welt? Auf Deutsch heißt es diesmal "Das Urteil". Na gut - passt und tut nicht weh.
Fazit
Die bisher beste Klingonen-Episode der Serie - in dieser Form, gespickt mit tollen Darstellern, atemberaubenden Effekten und Kulissen sowie einer starken Handlungsführung können die überstrapazierten Gegenspieler gerne zurückkehren. Dank an David A. Goodman für ein feines Stück Star Trek!
Verfasser: Tim Krüger am Sonntag, 31. Mai 2015(Star Trek: Enterprise 2x19)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x19
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?