Star Trek: Enterprise 2x17

Was erwartet uns?
Als Archer (Scott Bakula) und Trip (Connor Trinneer) in einem Shuttle die Heimatwelt der Enolianer verlassen wollen, werden sie fälschlicherweise verhaftet und auf einen Gefangenentransport zur Strafkolonie Canamar gebracht. Bevor der Irrtum korrigiert werden kann, wird das Schiff von einem der Insassen gekapert. Archer und Trip müssen sich somit auf ein gefährliches Spiel einlassen...
Dies & das
- John Shiban liefert hiermit seine dritte Autorenarbeit nach „Minefield“ und „Dawn“ ab. Letztere war ja gewissermaßen eine wenig geglückte Neufassung von „Enemy Mine“ mit Dennis Quaid und Canamar ist dann wohl die Trek-Variante von „Con Air“ mit Nicolas Cage. Wer Spaß dran hat...
- Auch hier wurde aufgrund der Columbia-Katastrophe eine späte Änderung vorgenommen: Das in der Atmosphäre verglühende Transportschiff mit Kuroda an Bord war als Effekt bereits fertig, wurde dann aber komplett entfernt. Deshalb ist die Folge knappe 30 Sekunden kürzer als geplant.
- Nausicaaner gelten als sehr aggressiv und ungeduldig.
- Enolianer sind für den wohl größten Warenumschlagsplatz im Sektor bekannt.
Gestatten: Archer. Angepisst.
„Captain, my superiors will want a report on what happened.“ (Enolianer) - „I'll give you one right now. Kuroda is dead. The other eleven are under guard and, as you are aware, my engineer and I were falsely arrested! We almost wound up in Canamar... Makes me wonder how many others don't belong there! You wanted a report? You've got one!“ (Archer)

No need to underwhelm us
Die letzten Wochen haben zweierlei bewiesen: Erstens ist Star Trek: Enterprise zu hoher Qualität auf verschiedenen Ebenen in der Lage und zweitens kann die Serie diese Qualität auch konstant über mehrere Folgen halten. „Stigma“, „Cease Fire“ und „Future Tense“ erforschten mit großem Erfolg drei Aspekte des Serienuniversums. Was nun eigentlich noch fehlt, ist eine Anhebung des Niveaus bei den „Mitläufer“-Folgen. Zwar kann es die Serie auch in dieser Kategorie meist schon halbwegs mit allen Vorgängern aufnehmen, etwas mehr Fleisch an einigen Stellen wäre jedoch noch möglich - und willkommen. Wie befohlen kommt diese Woche „Canamar“ daher und gibt uns eine weitere Chance, die Qualität einer reinen stand-alone-Folge zu untersuchen.
Come fly with me
In den frühen Spoilern wirkte die Folge wie ein ganz billiger Abklatsch des Erfolgsfilms „Con Air“ mit Nicolas Cage und John Malkovich. Dafür sprach auch, dass Autor John Shiban ja bereits mit seiner zweiten Arbeit „Dawn“ eine Story am Rande der Plagiatsklage erstellt und teilweise ganze Sequenzen eins zu eins aus „Enemy Mine“ mit Dennis Quaid übernommen hatte. „Wer einmal klaut, dem traut man nicht(s mehr zu)“ könnte es also heißen. Dieses Vorurteil ist aber bestimmt fehl am Platz und bei Shiban auch (siehe seine Episoden bei The X-Files) nicht zutreffend.
Um den Vorwurf gleich noch weiter abzuschwächen, muss ich gestehen, dass „Canamar“ meine (zugegebenermaßen nicht sehr hohen) Erwartungen dann auch übertroffen hat. Zwar sind die genannten Einflüsse überdeutlich, dafür ist die Ausführung jedoch durchgehend über jeden Verdacht erhaben. Die Eröffnungssequenz, in der zwei Crewmitglieder aus dem scheinbar verfluchten Shuttlepod 1 entführt werden und nun gerettet werden müssen, ist zwar ein alter Hut, wird aber spannend und mysteriös dargestellt. Auch die unkomplizierte und herzliche Beteiligung der sehr kooperativen Regierung der Enolianer kommt der Wirkung des Auftakts zugute.

Der von übereifrigen Sicherheitsbeamten begangene Fehler, die beiden Offiziere auf den Gefangenentransport nach Canamar (dem titelgebenden Gefängnisplaneten) zu verfrachten, wird sofort eingeräumt und bedauert. Zudem wird ohne bürokratisches Geschwafel ein Treffen mit dem Transportschiff organisiert und der Abgesandte des Volkes bleibt sogar (auf T'Pols (Jolene Blalock) energisches Bitten hin) an Bord, um weitere „Fehler“ vermeiden zu können. All das ist eine willkommene Abwechslung zu all den stereotypen Aliens der Woche, die meistens irrational, intrigant, feindselig und unsympathisch daherkommen.
Zwar kann man leise Zweifel am Rechtssystem der Spezies üben - dieser Aspekt spielt jedoch für die Folge (leider) überhaupt keine Rolle.
Während also die Planungen, Archer und Trip zu befreien, bereits nach wenigen Minuten weit gediehen sind, verändert sich die Situation an Bord schlagartig. Archer und Trip werden zwar informiert, dass ihre Freilassung naht, sofort bricht jedoch eine Gefangenenrevolte los, die zur Konsequenz hat, dass nun ein Schwerverbrecher namens Kuroda (Mark Rolston) das Schiff befehligt. So weit, so „Con Air“.
Bonding with the enemy
Nichts ist es also mit einer problemlosen Rettung - zum Glück glauben die Mithäftlinge jedoch, dass Archer und Trip die Wachen bestochen haben, um freizukommen. Ein vielleicht auf den ersten Blick etwas naiver und unglaubwürdiger Sachverhalt, der aber wohl eher auf ein korrumpiertes Justizsystem schließen lassen soll. Wie dem auch sei: Archer wird dank seiner Fähigkeiten kurzerhand zum Piloten des Schiffs „ernannt“ und beginnt, sich mit Kuroda zu arrangieren.
Viel mehr gibt es zum Plot der Episode kaum zu sagen. Archers Spiel geht auf und nach einigen Irrungen und Wirrungen sowie finalem Schusswechsel sind die beiden Offiziere wieder wohlbehalten auf der Enterprise, während Kuroda mit dem Schiff untergeht. Nun klingt diese Schilderung vielleicht nicht wirklich preisverdächtig originell, dennoch schafft John Shiban es, über die gesamte Dauer eine sehr interessante, spannende und unterhaltsame Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Archer hinterlässt hierbei den angemessenen Eindruck als diplomatischer, nachdenklicher und gewitzter Captain, indem er es problemlos versteht, Kuroda auf seine Seite zu ziehen und gleichzeitig Fluchtpläne zu schmieden. Dabei wirkt der Antagonist der Episode keineswegs leichtgläubig oder dumm. Archer ist tatsächlich überzeugend und gewinnt an Format. Trip hingegen ist fast ausschließlich für den Comedyaspekt zuständig.
Der neben ihm sitzende Außerirdische namens Zoumas wirkt auf eine realistische und nie überzeichnete Art und Weise völlig entnervend. Selbst der Zuschauer kann ihn trotz der wenigen Szenen kaum ertragen und Trips schwindende Geduld gut nachvollziehen. Jar-Jar Binks („Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung“) hätte definitiv einen Bruder im Geiste gefunden. Connor Trinneer und Scott Bakula spielen hier in völlig unterschiedlichen Bereichen ihr Können aus - kudos!

Zusätzlich zu den ebenfalls starken Gastdarstellern (besonders Mark Rolston als Kuroda) wirkt auch das Setdesign positiv auf das Gesamtbild ein. Das Innere des Transports ist nahezu klaustrophobisch dreckig. Ein schöner Kontrast zu der eigentlich auch nicht sehr geräumigen Brücke der Enterprise. Aber auch die Effektcrew leistet wieder ganze Arbeit. Alle Schiffe der Enolianer wirken neuartig und originell. Hinzu kommen schöne Blickwinkel in Planetennähe, die zum Beispiel die NX-01 aus einer anderen Sichtweise präsentieren als gewohnt. Ein weiteres Sonderlob geht dieses Mal jedoch an den - was „Star Trek“ angeht - noch völlig unbekannten Komponisten Brian Tyler. Sein Score bricht geradezu aus dem TV-Schirm heraus. Dramatik, Gefühl, Rasse und viele ungewöhnliche Effekte und Instrumente runden den bisher besten Score der zweiten Staffel ab.
Gib dem Kind einen Namen
„Canamar“ ist wirklich ein toller und höchst origineller Titel. Warum? Na, weil endlich mal nicht die Handlung beschrieben wird: Das titelgebende Gefängnis taucht nämlich in der Episode gar nicht auf! Auch auf Deutsch behielt man diese Granate eins zu eins bei - und auch hier: kein Gefängnis weit und breit. Irre!
Fazit
Canamar ist ein stereotyper Actionfüller für Gelegenheitsseher und erfordert keine besonderen Kenntnisse der Serie. Wer „Con Air“ nicht kennt, Remakes liebt oder sich schlicht auf eine routinierte und in sich gelungene Mainstreamdreiviertelstunde einlassen kann, mag zufrieden sein.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 25. Mai 2015(Star Trek: Enterprise 2x17)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x17
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?