Star Trek: Enterprise 2x10

Star Trek: Enterprise 2x10

Wenn für Ängste und Schwäche kein Platz ist und Funktionieren über Wohlbefinden gestellt wird, finden unsere Dämonen andere Wege, uns Verletzlichkeit zu zeigen. Hoshi muss erkennen, dass ihr Weg zu einer souveränen Offizierin noch nicht zu Ende ist. Ein Gastreview von Björn Sülter.

Beschäftigt sich mit tiefgründigen Fragen: Linda Park als Hoshi Sato in der Serie „Star Trek: Enterprise“ / (c) Paramount Pictures
Beschäftigt sich mit tiefgründigen Fragen: Linda Park als Hoshi Sato in der Serie „Star Trek: Enterprise“ / (c) Paramount Pictures

Was erwartet uns?

Nachdem Hoshi Sato das erste Mal den Transporter benutzen musste, stellt sie sonderbare Veränderungen an sich fest; Mannschaftsmitglieder ignorieren sie und ihr Körper scheint sich aufzulösen…

Dies & das

Transporterangst

You go first. If you get back to Enterprise in one piece, I'll be right behind you.“ (Sato)

I'm not talking about the storms, I'm talking about my molecules!“ (Sato)

Transporter technology is fairly new. I'm sure humans were equally as frightened when the automobile was introduced, or the airplane. New forms of transport take a while to get used to.“ (Phlox)

I hope you don't plan on beaming me anywhere for a long time!“ (Sato)

The Next Next Phase

Nach der Vorankündigung vermutete ich einen reinen Abklatsch der starken Episode The Next Phase aus Star Trek: The Next Generation - ich sollte mich jedoch täuschen. Zumindest teilweise. Vanishing Point ist zwar durchaus dreistes Recycling - dafür aber auch sehr erfolgreich und stimmig.

Dreist deshalb, weil die Grundideen nicht nur aus einer Folge stammen, sondern glatt aus zwei verschiedenen zusammengemischt wurden. Erst einmal genannte Episode The Next Phase, in der Geordi LaForge (LeVar Burton) und Ro Laren (Michelle Forbes) denken, sie seien tot und würden von niemandem mehr wahrgenommen. Aus dieser Episode (und natürlich auch aus Filmen wie zum Beispiel „Ghost - Nachricht von Sam“) direkt importiert sind der Versuch, durch Berühren von Gegenständen Aufmerksamkeit zu erregen (Geordi und Data Hoshi und Archer) und das Miterleben, wie der eigene Tod erklärt wird (Ro, Picard und Crusher/Hoshi, Archer und ihr Vater). Außerdem die Szene, in der Archer durch Hoshi hindurch läuft (damals Picard durch Ro) und die Bedrohung des Schiffes durch Fremde, die es zu verhindern gilt (damals Romulaner/heute unbekannte Fremde). Die zweite ausgeschlachtete Folge ist Distant Voices aus Star Trek: Deep Space Nine.

Damals durchlebte Bashir ein skurriles Szenario, während er bewusstlos in der Krankenstation lag und gelegentlich undeutliche Stimmen hörte (die seiner Kollegen, die um sein Bett standen). Hier durchlebt Hoshi einen skurrilen Traum, während sie ab und an Reed und Trip hört, die versuchen, sie zurückzuholen. Ähnlich, aber doch grundverschieden wurde die Thematik zum Beispiel auch in Remember Me aus Star Trek: The Next Generation behandelt. Definitiv ein Sammelsurium alter (Trek-)Hüte also.

Erfolgreich und stimmig jedoch auch deshalb, weil man Ideenklau selten so innovativ und gefühlvoll umgesetzt gesehen hat. Kombiniert mit der ohnehin in der Serie thematisierten Angst vor dem Transporter und Hoshis immer wieder aufkommenden latenten Ängsten und Unsicherheiten macht die Episode schlicht Sinn. Und die abschließende Enthüllung, dass Hoshi alles nur geträumt hat, verleiht dem Ganzen dann noch eine nachdenkliche Note. Ein weiteres Plus ist die sich daraus ergebende besser zu erklärende Darstellung des doch recht wirren Szenarios - ganz anders als eben in The Next Phase, wo man nie erfuhr, warum zum Beispiel die Wände und Türen „nachgeben“, Stufen, Sessel, Konsolen und der BODEN jedoch nicht. Hier ist es Hoshis Gedankenwelt - alle logischen Probleme (warum kann sie einige Knöpfe „ein wenig“ drücken?) lösen sich so in Luft auf. Ein gelungener Kniff in Bezug auf das alte Material.

Alone in the Dark meets Lost in Space

Dazu kommt noch die (auch schon in Carbon Creek angewandte) unterschwellige Charakterentwicklung - zwar verpuffen die Reaktionen und Verhaltensweisen der restlichen Crew, dafür sagt das Szenario eine Menge über Hoshis Innenleben aus. Kritik an dieser Verfahrensweise ist sicher berechtigt, da zum Beispiel Trips Bedauern letztlich nie so geäußert wurde - aber die Tatsache, dass Hoshi sich seine Reaktion genau so vorstellt, ist keinen Deut uninteressanter.

Ihn scheint sie somit in einem besonderen Licht zu sehen - warum sonst würde sie denken, dass er so unter dem Unfall leidet? Ich denke, hier kann man Absicht unterstellen. Allerdings wurde in den bisherigen Episoden nichts in dieser Richtung angedeutet. In Dr. Phlox (John Billingsley) hingegen scheint sie eine sehr abstrakte Persönlichkeit zu sehen - unberechenbar, abweisend, unzugänglich. Vielleicht sollten die beiden mal einen Kaffee trinken gehen. Ihre Versagensängste manifestieren sich in Archer (der keinerlei Geduld zeigt) und T´Pol (die eisig wirkt) - hier scheint noch immer eine unterbewusste Barriere zu bestehen, die noch nicht abgebaut ist (trotz der Fortschritte in letzter Zeit). Dazu kommt das Gefühl, nicht „dazuzugehören“, das sich in der Essensszene mit der Männerrunde ausdrückt, die im übrigen von allen Darstellern perfekt getragen wird.

Hoshi scheint in Bezug auf ihre Sozialkompetenz und ihr Selbstbewusstsein noch einiges vor sich zu haben - ein langer Weg, den wir hoffentlich mit der sympathischen Frau begehen dürfen.

Interessant ist aber auch die Darstellung ihres Vaters. In der Szene mit Archer wirkt er - wie auch die komplette Unterhaltung an sich - vollkommen weltfremd und entrückt. Hier wird es für einen Moment aufdringlich deutlich, dass irgendwas an der Umgebung nicht stimmen kann. Es sei denn, man geht von einem gestörten Verhältnis der beiden aus. Die Serie spielt hier den surrealen Aspekt der Szenerie perfekt aus. Im Nachhinein - und in Verbindung mit Hoshis Versuchen, T´Pol und Archer auf sich aufmerksam zu machen - vielleicht die stärkste Szene der Episode. Die Angst, nicht wahrgenommen und vor allem nicht erstgenommen zu werden, schwingt hier permanent mit und wird erneut von den Beteiligten großartig transportiert.

Die Episode zeichnet das Bild einer jungen und noch nicht gefestigten Persönlichkeit, die an den komplexen Anforderungen ihres Jobs und der ungewohnten Situation mehr als andere in ihrem Umfeld zu zerbrechen droht. Ihre Ängste, für die in dieser Welt kein oder nur wenig Platz ist, kehren sich nach innen und dominieren ihre Gefühlswelt. Ein Prozess der Reife, des Erwachsenwerdens, aber auch des Wachsens an sich und den Aufgaben.

Linda Park zeigt dabei durchweg ihre schauspielerischen Fähigkeiten - und macht somit nicht zum ersten Mal deutlich, dass man sie viel häufiger einsetzen könnte und müsste.

Recycle me

Der Trend zu recycelten Stories geht jedoch (leider) unaufhörlich weiter. Originelle Konzepte waren zwar auch schon in der Serie zu finden, doch finde ich es - vorsichtig ausgedrückt - befremdlich, dass die Produzenten so häufig auf bekannte Stoffe zurückgreifen.

Beste Beispiele für Plot-Recycling innerhalb der Serie sind bisher:

  • Strange New World - jede Serie hatte früh diese „alle-drehen-durch“-Folge
  • Terra Nova - das Klischee-Desaster der ersten Season - zum Weinen vorhersehbar und flach
  • Civilization - in bester Kirk-Manier einen Planeten retten und ne Frau aufreißen...
  • Oasis - das konstante Gefühl des aufdringlichen Dejà-Vu
  • Marauders - schon Terence Hill & Bud Spencer retteten Siedler vor finsteren Mexikanern...
  • The Communicator - fast schon Civilization Redux, zumindest vom Feeling
  • The Andorian Incident - stereotyper Entführungsplot, aber stimmungsvoll und unterhaltsam
  • Dear Doctor - bewährte Erzählform, doch im Gesamtbild bisher mit die beste Episode
  • Detained - routiniertes Knastdrama, durch den Gesamthandlungsbogen aufgewertet
  • Vanishing Point - Ideenklau á la carte, aber durchweg spannend und mit Pfiff aufgelöst

Müssen zehn Recyclingfolgen aus insgesamt erst 36 wirklich sein? Das lasse ich mal einfach so dahingestellt.

Dabei bin ich überzeugt, dass es noch viele neue Geschichten zu erzählen gäbe. Vanishing Point beweist zwar, dass Recycling richtig durchgeführt ohne Probleme zur einer guten und zufriedenstellenden Episode führen kann; dennoch vermute ich, dass nur wirklich kreative Ideen, die die innere Logik der Serie ausleuchten, die Konturen der Charaktere schärfen oder schlicht und ergreifend Konfliktfelder generieren, zu besseren Einschaltquoten führen würden. Die Zahl derer, die bereit sind, Star Trek hauptsächlich der sympathischen Crew und des vertrauten Gefühls wegen zu schauen, nahm schon zu Zeiten von Star Trek: Voyager dramatisch ab - selbst ich konnte mich die letzten Jahre manchmal kaum zum Einlegen der Tapes aufraffen. Hier hätte man von Beginn an entgegensteuern müssen.

Dennoch sei festzuhalten, dass Vanishing Point ganz sicher nicht die Wurzel allen Übels ist - im Gegenteil. Einzig der festzustellende Trend gibt weiter mehr als Anlass zur Sorge.

Gib dem Kind einen Namen

Vanishing Point ist ein gelungener, mysteriöser Titel, der sowohl Hoshis Ängste als auch den technischen Aspekt der Handlung betont. Die deutsche Variante „Vermisst“ outet sich auf den zweiten Blick dann sogar als eine noch schlauere Idee, die dem Original klar den Rang abläuft: Hoshi vermisst Aufmerksamkeit und das Gefühl, „vermisst“ zu werden. Nun „vermisst“ sie den Kontakt zu ihren Freunden (durchlebt also ihre Angst). Klasse!

Fazit

Eine emotional gelungene Hoshi-Folge, die zwar erneut auf bekannten Storyelementen fußt, durch gewiefte Kniffe jedoch eine eigenständige Richtung entwickelt. Recycling der feineren Art.

Verfasser: Serienjunkies.de am Samstag, 9. Mai 2015
Episode
Staffel 2, Episode 10
(Star Trek: Enterprise 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Vermisst
Titel der Episode im Original
Vanishing Point
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 27. November 2002 (UPN)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 24. Oktober 2003
Autoren
Michael Rapaport, Natalia Baron
Regisseur
David Straiton

Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 2x10

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