Star Trek: Enterprise 1x22

© oshi (Linda Park) und Trip (Connor Trinneer) in „Vox Sola“. / (c) UPN
Was erwartet uns?
Eine symbiotische Lebensform gelangt unbemerkt auf die Enterprise und spinnt einige Mitglieder der Crew in einer Art Netz ein. Hoshi muss versuchen, so schnell wie möglich mit der Kreatur zu kommunizieren, um das Leben ihrer Kollegen zu retten und die fremde Lebensform nach Hause zu bringen...
Dies & das
- Regie führte zum zweiten Mal nach The Andorian Incident die beliebte Roxann Dawson (Torres aus Star Trek: Voyager).
- Vaughn Armstrong ist neben seiner Paraderolle als Admiral Forrest und dem klingonischen Captain aus Sleeping Dogs in seiner dritten Rolle zu sehen. Insgesamt ist es bereits seine elfte in „Star Trek“ - er spielte seit Star Trek: The Next Generation in allen Serien mit.
- Archer (Scott Bakula) bekommt eine Kopie der Wasserball-Finales zwischen Stanford und Texas von Trip (Connor Trinneer) geschenkt.
- Reed (Dominic Keating) bastelt das erste stabile Kraftfeld - eine reife Leistung, die MacGyver sicher stolz machen würde!
Klare Worte
Porthos (zum Wesen hinter der Wand): „Woof, woof!“
„Torres“ rockt die Serie
Die zweite Star Trek: Enterprise-Regiearbeit von Roxann „Torres“ Dawson stellt sich erneut als positive Überraschung der Staffel heraus. Bereits mit ihrer ersten Folge „The Andorian Incident“ landete sie für mich einen Gewinner, an den man auch später noch gerne denken wird. Vox Sola schafft zusätzlich noch das Kunststück, eine kleine aber reife Story mit Charakterentwicklung UND starker Science-Fiction im wahrsten Sinne zu kombinieren.

Niners-Feeling
Auf der einen Seite haben wir da die vielen kleinen - aber extrem wichtigen - fast schon Star Trek: Deep Space Nine-artigen Charaktermomente. Der misslungene Erstkontakt mit den schrillen Kreetassanern (deren Anführer erneut hervorragend von Vaughn Armstrong verkörpert wird), Hoshis (Linda Park) Frustration, T'Pols (Jolene Blalock) gelassene, aber verletzende Ratschläge, die von allen Crewmitgliedern freudig erwartete Filmnacht an Bord, Archers schlechte Laune wegen des verpatzten diplomatischen Einsatzes, Trips Aufheiterungsgeschenk und der daraus resultierende Männerabend mit Chips, Bier und Wasserball (wer hat da wohl im Writers Room seine persönliche Sportvorliebe auf Archer projiziert?) und die Szene mit den Nebencharakteren Rostov (der auch gerne wiederkehren darf) und Kelly.
Alles herausragende Beispiele, wie man eine Crew als Einheit, als Familie zeigt, ohne in Kitsch abzugleiten. Mein Lieblingsmoment - und wohl einer der besten im Bereich Charakterentwicklung der Serie bisher - ist jedoch ohne Zweifel die Unterhaltung zwischen Hoshi und T'Pol: Erstere beklagt sich, dass T'Pol sie unfair behandele und ihr ständig über die Schulter schaue, als sei sie vollkommen inkompetent. T'Pol entgegnet ungewohnt sanft, dass sie die junge Frau nur an dem messe, was sie ihr zutraue - und das sei sehr viel. Wunderbar geschrieben und wunderbar gespielt - ganz große Klasse!
Heute im Bordkino: „Die Crew vs. Das glibberige Tentakelmonster“
Jedoch bleibt auch das Spannungsmoment natürlich nicht außen vor. Während all diese kleinen Geschichten ablaufen, sehen wir immer wieder, dass irgendetwas an Bord sein Unwesen treibt - eine glibberige, fast durchsichtige Kreatur, die anscheinend von den Kreetassanern zurückgelassen wurde. Bis sie jedoch bemerkt wird, ist es schon zu spät und schwupp fallen Archer, Trip, Rostov und Kelly ihr zum Opfer. Dass alle vier den Rest der Zeit im Kokon des Wesens hängen und wenig tiefsinnige Unterhaltungen zum Besten geben dürfen, tut dem unterhaltsamen Treiben jedoch keinen Abbruch.
Die zweite Garde der Crew kommt auf diese Weise dazu, einmal richtig Gas zu geben! Reed entwickelt ein stabiles Kraftfeld (wohl das erste dieser Qualität), Phlox (John Billingsley) versucht händeringend mehr über das Wesen zu erfahren, Mayweather (Anthony Montgomery) muss die Kreetassaner um Hilfe bitten und Hoshi bastelt mit T'Pol an einer Möglichkeit mit dem ungebetenen Gast zu kommunizieren.

All diese interessanten Aspekte der Rettungsmission laufen zum Schluss vollkommen organisch zusammen und führen zu einem überzeugenden Showdown, in dem klar wird, dass ohne das Wirken eines funktionierenden Teams, einer Einheit, ein solcher Erfolg nicht hätte erreicht werden können. Hoshi und T'Pol haben sich zusammengerauft und einen Weg gefunden, Phlox und Reed haben sich arrangiert und ihr Ziel erreicht, und Mayweather liefert durch seinen Alleingang noch im richtigen Moment den Weg zum Heimatplaneten der Kreatur - wobei er ebenfalls noch erfährt, dass sich die Kreetassaner zu Beginn der Episode vom öffentlichen Essen der Crew beleidigt fühlten (für diese Rasse scheinen Essen und Sex zu den intimsten Dingen zu zählen). Somit siegt am Ende die Familie und man befreit die bedrohten Kameraden - das Ganze jedoch ohne Kitsch und triefende Dialoge.
Rein technisch betrachtet
Auch in Sachen Effekte und Score punktet Vox Sola auf ganzer Linie - sicher kann man der technischen Umsetzung der außerirdischen Lebensform einen gewissen Trashfaktor nicht ganz absprechen, sie punktet jedoch einfach durch ihre Andersartigkeit. Die Musik untermalt alle Phasen der Episode perfekt und die Darstellerriege gibt sich fast keine Blöße. Fast. Anthony Montgomery erhält aktuell definitiv mehr Chancen, sich einzubringen. Und zuletzt sah das auch wirklich ganz brauchbar aus. Hier jedoch fällt er leider erneut durch sein äußerst hölzernes Spiel auf, als er über den Bildschirm auf der Brücke mit den Kreetassanern spricht. Der sympathische Mime kann solche Momente schlicht nicht tragen - er ist und bleibt das schwächste Glied in der Kette der Schauspieler. Damit wird man wohl leben müssen.
Dreingabe zum Verwöhnen
Zu guter Letzt bietet man uns dann noch ein wunderschönes Finale, in dem die Crew in Schutzanzügen mit der außerirdischen Lebensform im Gepäck, auf deren Heimatwelt ankommt und sie in märchenhafter Kulisse nach Hause bringt. So funktioniert Science Fiction, so funktioniert das oft zitierte awe and wonder. Kudos!
Dass die Lebensform nur Teil eines viel größeren Ganzen ist, passt außerdem perfekt zum Tenor der Episode und unterstreicht die mühevolle Kleinarbeit in Sachen Charakterentwicklung. So konstruiert man eine richtig gute Ensembleshow - jeder erhält Raum für seine Rolle, jeder leistet einen relevanten Beitrag und die finale Aussage der Haupthandlung läuft parallel zu den Erkenntnissen der Charaktere. Ich fühlte mich nach Ansicht der Episode extrem verwöhnt von einer wirklich tollen - weil klassischen - „Star Trek“-Episode, die Star Trek: Enterprise auf den rechten Weg zurück gebracht hat.
Gib dem Kind einen Namen
„Vox Sola“: Einfach schön: Die einsame Stimme. Zur Abwechslung mal wieder ein übertragend gemeinter etwas abgehobener Titel. Auch wenn Latein mir immer etwas pseudo-originell erscheint, ein richtig schöner Versuch, mehr Abwechslung zu schaffen.

Auch auf Deutsch entschied man sich für den lateinischen Titel „Vox Sola“ - und es ist zum Mäusemelken: Seit JAHREN warte ich darauf, dass mal ein lateinischer (oder anderweitig nicht englischer) Titel im Deutschen einfach beibehalten wird - in den Staaten ist Latein bestimmt nicht verbreiteter als hier. Doch bisher wurde in der Regel entweder eine neue Kreation oder eine gestelzte Übersetzung vorgezogen. Besonders lustig sind in diesem Kontext die Versuche der The X-Files-Übersetzer gewesen, die es tatsächlich schafften, gelegentlich vorkommende deutsche Originaltitel mit anderen deutschen oder gar anderssprachigen (!) Titeln zu versehen! Wie dem auch sei - aus oben genannten Gründen werde ich mich hier nicht beschweren.
Fazit
Wunderschönes und sehr sensibles Charakterportrait der kompletten Crew, gewürzt mit klassischer Science Fiction, jederzeit passender Action, märchenhaften Momenten und Denkansätzen von bleibendem Wert. Kompliment und Dank!
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 31. Januar 2015(Star Trek: Enterprise 1x22)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 1x22
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?