Star Trek: Enterprise 1x13

Star Trek: Enterprise 1x13

Hätte Qualität Flügel, Dear Doctor würde binnen kürzester Zeit unser Sonnensystem verlassen. Star Trek: Enterprise liefert diesmal ein echtes Highlight ab. Ein Gastreview von Björn Sülter.

Phlox in „Star Trek: Enterprise“ / (c) UPN
Phlox in „Star Trek: Enterprise“ / (c) UPN

Was erwartet uns?

Die Crew findet ein Pre-Warp-Shuttle mit schwerkranken Außerirdischen an Bord und begleiten diese zu deren Heimatwelt um bei der Bekämpfung einer Seuche zu helfen. Als einer der Anführer des Volkes Archer um Warp-Technologie bittet, erfährt dieser erstmals, wie schwer es ist auf der anderen Seite des Zauns zu stehen...

Dies & das

  • Am Anfang der Episode bekommt Phlox (John Billingsley) Post von seinem Kollegen Dr. Jeremy Lucas, einem menschlichen Arzt, der auch am Austauschprogramm teilnimmt und zurzeit auf Denobula stationiert ist.
  • Sato (Linda Park) hat bemerkt, dass Phlox die meisten Briefe an Bord erhält.
  • Phlox und Sato scheinen sich häufiger privat zu treffen. Außerdem bringt Phlox ihr anscheinend seine Sprache bei und unterhält sich mit ihr bei Tisch auch auf diese Weise, was teilweise zu herrlichen inhaltlichen Verwechslungen führt.
  • Dr. Lucas scheint über die Paarungszeit der Denobulaner amüsiert zu sein... anscheinend geht es auf Phlox Heimatwelt ziemlich wild zu.
  • Phlox behandelt auch Tiere... zumindest schaut Archer (Scott Bakula) mit Porthos vorbei, da dieser wieder zu viel Käse bekommen hat.
  • Zum ersten Mal sehen wir in „Star Trek“ eine echte Kinovorstellung an Bord - in Cold Front hatten sich bereits Sato, Reed (Dominic Keating) und Mayweather (Anthony Montgomery) über einen grausam schlechten Film unterhalten. „Sunset Boulevard“ wird als nächstes im Bordkino gezeigt werden.
  • Auf Denobula schaut man seit Ewigkeiten keine Filme mehr - das eigene Leben sei deutlich interessanter, sagt der charmante Dr. Phlox.
  • Denobulaner mögen keine Berührungen - dennoch küsst Cutler den Doktor auf die Wange.
  • Auf den meisten Planeten überlebt nur eine Spezies den Evolutionsprozess... hier sind es zwei.
  • Phlox hat drei Frauen, von denen jede noch zwei weitere Männer neben Phlox hat.
  • Cutler ist an Phlox interessiert, beide wollen es jedoch auf sich zukommen lassen.
  • Phlox hätte beinahe das Gegenmittel vor Archer geheim gehalten, da er bezweifelt, dass dieser die richtige Entscheidung treffen würde. Der Captain kommt jedoch auch zu der Ansicht, dass die Menschen nicht zum Gottspielen ins All geflogen sind.

Was die heutige Episode angeht, spricht Phlox hier wahre Worte

The opportunity to observe your species on their first deep space venture has proven irresistable.“ (Phlox)

Star Trek kehrt zu Star Trek zurück

Titel und Trailer ließen es vermuten: Die erste richtige Phlox-Episode erwartete uns. Nach Wochen der nahen Bedeutungslosigkeit darf John Billingsley endlich zeigen, ob er zu mehr imstande ist, als den schrägen Außerirdischen mit Herz zu geben. Und glücklicherweise: er ist zu viel, viel mehr imstande.

Der sympathische Mime liefert eine hochgradig differenzierte Darstellung eines zwar etwas sonderbaren Zeitgenossen, der aber jederzeit zu seiner Überzeugung steht und für sie eintritt.

Auf der einen Seite geht er mit Ensign Cutler ins Bordkino, nur um die Zuschauer zu beobachten und sich an ihren emotionalen Reaktionen zu erfreuen (Trip (Connor Trinneer) heult wie ein kleines Kind), er bringt Sato seine Sprache bei und scheint auch sonst gerne mit ihr etwas zu unternehmen - im Falle der gefährdeten Zivilisation bricht jedoch eine wissenschaftliche Überzeugung und Ernsthaftigkeit aus ihm heraus, die man gar nicht erwartet hätte. Er analysiert das Problem (die Krankheit) unterkühlt und vollkommen rational und ist in letzter Konsequenz bereit, die Rasse sterben zu lassen, obwohl er ein Heilmittel gefunden hat - es sei schlicht der Wille der Natur und der Gang der Evolution. Über diese radikale Denkweise mag man geteilter Meinung sein - das Recht, einfach einzugreifen und der Evolution seinen Willen aufzuzwingen hat allerdings auch niemand - ganz klar. Oder doch nicht? Und wenn jemand dieses Recht haben sollte: Wer wäre dann dieser jemand? Ein Mitglied der eigenen Spezies? Oder weiter gefasst, eben jeder beliebige Besucher einer anderen Welt?

Generell interessant ist auch die Idee, innerhalb einer Kultur zwei gleichberechtigte Spezies zu zeigen, die sich im Evolutionsverlauf beide durchgesetzt haben. Wenn die eine der beiden auszusterben droht, die andere bisher ihre Fähigkeiten durch die etwas dominantere nicht entfalten konnte - wer soll hier entscheiden, was zu tun ist? Hat die aufstrebende, bisher eher zweitrangige Spezies nicht eine Chance verdient? Die Chance, die die Evolution ihr zuteilen will? Phlox ist absolut in seiner Ansicht - Archer genau entgegenlaufend, aber mindestens ebenso absolut. Beide haben zumindest in einigen Punkten nachvollziehbare Argumente zu bieten. Der wissenschaftliche Standpunkt, der Vergleich mit der Erde und den Neandertalern - dagegen das schlichte Mitgefühl, die Tatsache, dass man keine Zivilisation sterben lassen kann - selten wurde ein dermaßen kontroverses Thema so geschickt entfaltet - selten wurde am Ende überhaupt nicht getrickst - wurde keine Last-Minute-Lösung aus der Tasche gezaubert.

Archer ist völlig alleine mit seiner Entscheidung - und ich wette, dass mindestens 50 Prozent der Zuschauer verständnislos den Kopf schütteln werden. Und sie haben genauso Recht - wie Unrecht. Wir haben es hier mit einem Konflikt zu tun, den keiner entscheiden darf und kann - alleine schon deshalb ist Archers Nichteinmischung eine gute Entscheidung, wenn vielleicht auch eine feige oder inhumane. Vielleicht! Ein ewiges Sich-im-Kreis-Drehen wird hier keinem erspart bleiben, der bereit ist, sich auf die nötigen Gedankenspiele einzulassen.

Cutler und Phlox in %26bdquo;Star Trek: Enterprise%26ldquo; © UPN
Cutler und Phlox in %26bdquo;Star Trek: Enterprise%26ldquo; © UPN

Endlich zaubern die Autoren hier eine Episode, die sich wirklich mit den Fragen über eine nötige Oberste Direktive beschäftigt - und wie der Weg zu dieser aussehen könnte. Endlich lassen sie Archer nicht wie einen egomanischen Weltall-Polizisten agieren. Endlich erlauben sie, dass Fragen auch gestellt werden, wenn die Antworten wehtun. Mehr davon!

Allein schon die emotionale Ebene, diese Anteilnahme an den Geschehnissen lässt die Dimensionen der Episode erahnen. Die Autoren ziehen hier alle Register ihres Könnens, indem sie nicht nur eine Themen-Episode kreierten, sondern gleichzeitig ein grandioses Porträt des bisher unterforderten Doktors präsentieren und John Billingsley in bester Manier ins Rampenlicht rücken. Fast nebenbei erfahren wir liebevolle Dinge über das Leben an Bord - Cutler, die wir bereits aus Strange New World kennen, fühlt sich zu Phlox hingezogen, des Doktors Kultur wird angesprochen, eine Freundschaft zwischen Sato und Phlox scheint sich zu entwickeln, der Captain muss mit Hund Porthos zum Schiffsarzt, da das kleine Kerlchen zu viel Käse bekommen hat, T'Pol (Jolene Blalock) hat ein Loch im Zahn und darf sich ebenfalls zum Allround-Mediziner Phlox begeben (ich wette, sie hat nach Breaking the Ice zu viel Pekannuss-Kuchen gegessen) und außerdem bekommen wir noch das Bordkino zu sehen... was für ein Power-Paket!

Neben all diesen Fakten sei angemerkt, dass inzwischen fast alle Mitglieder der Crew in ihre Rollen hineingewachsen sind. Sogar T'Pol stört mich gar nicht mehr... Einzig der völlig außen vor gelassene Travis tut mir aufrichtig leid - er sitzt nur, weiterhin debil grinsend, an seiner Konsole und wirkt noch nicht einmal dabei wirklich überzeugend - ein Trauerspiel, von dem er zur zweiten Season eigentlich erlöst werden müsste. Nur damit es noch einmal klar wird: Ich habe nichts gegen Anthony Montgomery, im Gegenteil - ich finde den Darsteller sehr sympathisch. Wenn die Autoren aber nicht in der Lage sind, einen Charakter sinnvoll einzubringen, hat es keinen Wert, ihn jahrelang mit durchzuschleppen. Und bisher hat Montgomery in seiner einzigen richtigen Episode kein bisschen überzeugen können - er agierte stocksteif, blass und unglaublich laienhaft. Dazu dieses begeisterte Dauergrinsen... das war vielleicht die ersten Folgen glaubhaft, aber langsam sollte er mal die Mimikbremse einschalten... wir werden ja sehen, was passiert.

Ich will aber nicht mit diesem deprimierenden Darsteller-Schicksal abschließen - Dear Doctor steht inhaltlich auf einer Stufe mit den Trek-Glanzlichtern dieses (medizinisch-sozial-philosophischen) Gebietes: Star Trek: Deep Space Nines The Quickening und Star Trek: Voyagers Critical Care, um nur zwei zu nennen - TV in absoluter Perfektion dargeboten - danke dafür!

Gib dem Kind einen Namen

Dear Doctor ist simpel aber perfekt gewählt. Der Titel enthält Cutlers Interesse an einer Beziehung, die Freundschaft mit Sato und die Brieffreundschaft mit Dr. Lucas. Außerdem beinhaltet der Titel natürlich das Episodenkonzept des Briefes an den Kollegen. Auch hier: klasse!

Was die deutsche Variante angeht („Lieber Doktor“), wurde erneut wörtlich übersetzt - somit gibt es auch nichts zu beanstanden.

Fazit

Eine reine Freude! Nach den eher düsteren Vorgängern Cold Front und Silent Enemy bekommen wir hier nun eine grandiose Themenepisode präsentiert, die sich mit der noch nicht existierenden obersten Direktive und einem ethischen Dilemma befasst, das eigentlich nicht zu lösen ist. Ein brisantes Thema für die junge Crew, starke Charakterszenen mit Phlox, Archer, Cutler und Sato, eine glaubwürdige aufkeimende Romanze zwischen dem Doktor und Cutler, viele niedliche Szenen, die den Alltag an Bord darstellen und und und. Dear Doctor ist vollgestopft mit herausragenden Momenten und fesselt von der ersten bis zur letzten Minute - eigentlich sogar weit darüber hinaus. Denn Archers Entscheidung lässt sich kontrovers diskutieren. Etwas das „Star Trek“ oft geleistet hat und nun auch bei Star Trek: Enterprise zur bisher mit Abstand besten Episode der Serie führt. Kudos!

Verfasser: Lenka Hladikova am Sonntag, 28. Dezember 2014
Episode
Staffel 1, Episode 13
(Star Trek: Enterprise 1x13)
Deutscher Titel der Episode
Lieber Doktor
Titel der Episode im Original
Dear Doctor
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 23. Januar 2002 (UPN)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 13. Juni 2003
Autoren
Rashida Jones, Thomas McCarthy
Regisseur
James A. Contner

Schauspieler in der Episode Star Trek: Enterprise 1x13

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?