Kritik der neuen FOX-Dramaserie 9-1-1

© ngela Bassett als Athena Grant in „9-1-1“ (c) FOX
Für erfahrene Serienmacher wie Ryan Murphy, Brad Falchuk und Tim Minear dürfte es ein Leichtes sein, eine Pilotepisode wie die ihrer neuen Dramaserie 9-1-1 zu produzieren. Die Figuren kennt man allesamt aus unzähligen vergleichbaren Formaten, die visuelle Umsetzung ist nicht besonders einfallsreich, ebenso die dargestellten Fälle der Woche. Was könnte einen wie Murphy also dazu bewogen haben, sein Serienimperium um einen neuen Eintrag zu erweitern, der so vernachlässigenswert ist wie dieser hier? Ein Zyniker würde behaupten, er wolle sich damit nur weiter die Taschen vollmachen.
Find a way to cope
Tatsächlich ist eine andere Erklärung schwer zu finden. Nichts an der Pilotepisode überrascht, nichts ist neu, nichts unterscheidet sie von anderen Generika dieser Bauart. Wozu braucht man noch „9-1-1“, wenn man schon jede Woche Chicago Fire schauen kann? Ich habe darauf keine Antwort. Eines indes ist auffallend: der beachtlich besetzte Cast. Das stimmt aber nur so lange freudig, bis man realisiert, dass diese Könner auf absehbare Zeit allesamt in einer durchschnittlichen Serie „gefangen“ sein werden, statt sich anspruchsvolleren Projekten zu widmen.
Immerhin verschwenden Murphy und Konsorten keine Zeit mit langwieriger Exposition, sondern tauchen sogleich ins Geschehen ein. Als Erzählerin dient „the actual first responder“ Abby Clark (Connie Britton), die uns sogleich nahelegt, dass es unterschiedliche Formen des Notfalls gibt - den persönlichen, den ein jeder Mensch tagtäglich zu durchleben hat, und den professionellen, den nur sie und ihre Mitstreiter täglich erleben. In ihrem Falle ist die persönliche Tragödie in ihrem brachliegenden Liebesleben zu suchen, vielmehr aber noch in der Tatsache, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist.
Diese Art Hintergrundgeschichte erhalten nur wenige andere Figuren, die zufälligerweise auch von den renommiertesten Darstellern verkörpert werden. Polizistin Athena Grant (Angela Bassett) ist im Dienst meistens ziemlich taff, hat zu Hause aber ähnliche Probleme wie jeder andere auch - obwohl, vielleicht ist ihres doch ein bisschen spezieller als das des Durchschnitts-Los-Angelenos. Ihr Ehemann Michael (Rockmond Dunbar) hat sich nämlich erst kürzlich ihr gegenüber als schwul geoutet, was er nun auch gegenüber den beiden gemeinsamen Kindern nachholt, sehr zu Athenas Missfallen.
Den knallharten no nonsense-Charakter sowie die für den Rettungsberuf gemachte Einzelgängerin mit Herz hätten wir also vorgestellt. Guter Zeitpunkt, um zum kompetenten Anführer mit schwieriger Vergangenheit überzugehen. Bobby Nash (Peter Krause) weiß in nahezu jeder Notfallsituation, was zu tun ist, er geht kühl kalkulierend und mit klarem Verstand voran. Um zu dieser Person zu werden, musste er jedoch ein tiefes Tal durchschreiten. Zehn Jahre lang kämpfte er mit der Alkoholsucht, bis ihm die Kirche einen Weg gewiesen hat, diese hinter sich zu lassen. Thank you, Jesus!
Don't go chasing waterfalls
Er ist das genaue Gegenteil des aufbrausenden Jungspunds Buck (Oliver Stark), in dem er sich aber natürlich auch ein Stück weit wiedererkennt. Hinzu kommt, dass Buck ein verdammt guter Feuerwehrmann ist, was sich gut trifft, da er und Nash für das fire department arbeiten. Wäre da nur nicht seine nervenzehrende Angewohnheit, das Feuerwehrauto zu nutzen, um schneller zu einem Date zu kommen. Soll wohl witzig sein, LOL. Komplettiert wird das Team von Henrietta Wilson (Aisha Hinds), einer weniger aufbrausenden Version von Athena, sowie von Howie Han (Kenneth Choi), von dem wir bisher nur wissen, dass er seinen Beruf dafür ausnutzt, Frauen ins Bett zu bekommen.
Falls sich das alles ein bisschen wie Rescue Me für Arme liest, ist das genau so intendiert. Die großartige FX-Serie arbeitete auch mit Stereotypen, hatte aber wenigstens eine tolle visuelle Umsetzung und grandiose Dialoge zu bieten - beides sucht man in 9-1-1 vergeblich. Die Fälle der Woche - in der Pilotepisode sind es sage und schreibe drei - können das nicht aufwiegen. Sie sind entweder manipulativ (das Baby in der Wand) oder schlichtweg langweilig (die Würgeschlange). Immerhin beschert uns die letzte Rettungsgeschichte ein Wiedersehen mit Skinny Pete (Charles Baker) aus Breaking Bad.
Am Ende darf dann auch noch jede Figur, die sich etwas hat zuschulden kommen lassen, ihre Lektion lernen. Buck bekommt doch noch einmal eine letzte Chance - oh Wunder, gehört sein Schauspieler doch zur Stammbesetzung - und Athena will nun doch versuchen, sich mit ihrem homosexuellen Ehemann gütlich zu einigen. Abbys private Probleme bleiben bestehen, aber immerhin darf sie feststellen, dass es keinen Ort auf der Welt gibt, an dem sie lieber arbeiten würde als in der Notrufzentrale. Herzlichen Glückwunsch zur Berufswahl, Abby!
Trailer zu Episode 1x02: „Let Go“