24: Live Another Day 1x08

Day 9: 6:00 P.M.-7:00 P.M. veranschaulicht, was die Serie 24 in ihren besten Momenten so kompromisslos und stark machte. Wann immer der Zuschauer dank seiner bisherigen Sozialisation durch konventionelle Erzählformen im Actionfernsehen davon ausging, dass die drakonische Androhung eines Bösewichts nun wirklich nicht in die Tat umgesetzt werden könnte, weil der Held dies schon irgendwie zu verhindern wisse, schlug die Serie zu und offenbarte ihr unnachgiebiges Naturell.
Unbedingte Kompromisslosigkeit
So war es bei George Mason (Xander Berkeley), so war es bei Ryan Chappelle (Paul Schulze) und so war es nun auch bei US-Präsident James Heller (William Devane). Der Tod des letztgenannten kam dabei weniger überraschend, da man als langjähriger 24-Zuschauer durchaus damit rechnen konnte, dass Jack Bauer (Kiefer Sutherland) eben nicht immer im letzten Augenblick dazwischenspringt, um das Schlimmstmögliche zu verhindern. So oft es Bauer auch schon gelang, die Welt vor dem Untergang zu retten, so viele Opfer musste er auch bereits beklagen, die er eben nicht mehr retten konnte. Nur eine Episode zuvor war London zum Ziel mehrerer Drohnenanschläge geworden.
Weiterhin fühlt sich Hellers rabiater Tod durch eine Drohnenrakete an wie eine Mischung aus den beiden zuvorgenannten dramatischen Todesfällen. Wie George Mason opferte sich Heller, um größeren Schaden von unschuldigen Zivilisten abzulenken. Wie bei Ryan Chappelle dachte ich bis zur Detonation der Rakete, dass nun doch noch irgendetwas Unvorhergesehenes geschehen würde, wodurch Heller gerettet werden könnte. So jedoch bleibt nichts mehr von ihm übrig, seine physische Existenz wurde geradezu ausradiert - unmittelbarer und trostloser war 24 selten. Und dann bekommt Heller nicht mal einen stillen Countdown, mit dem einst Ryan Chappelle so würdevoll verabschiedet worden war.
Die Tode von Mason und Chappelle hinterließen bei mir damals größeren Eindruck als dieses Mal der von Heller. Das mag einerseits daran liegen, dass die Erzählstruktur von 24 in der zweiten respektive dritten Staffel noch neu und überraschend war. Andererseits hatten diese beiden Charaktere weit mehr Zeit, sich zu entwickeln und dem Zuschauer so einen größeren emotionalen pay off zu ermöglichen. Sicher, Heller war schon in drei Staffeln zuvor präsent, doch seine Wiedereinführung in 24: Live Another Day fühlte sich für mich eher wie ein Neustart denn eine Fortsetzung an.

Trotzdem: Der gewaltsame, makabre Tod Hellers war äußerst effektiv und beendete eine Episode, die vor allem von großer Emotionalität und weniger von mitreißender Action geprägt war. Zudem gibt es weder ein historisches noch ein 24-serieninternes Vorbild dafür, dass sich ein US-Präsident an den Feind ausliefert, um weitere Angriffe zu verhindern. Jack Bauer scheint selbst nicht mehr wirklich daran zu glauben, als er gegenüber Heller diesen einen Satz betont, der die amerikanische Außenpolitik in der Popkultur so treffend beschreibt wie kein zweiter: „The United States do not negotiate with terrorists.“ („Die Vereinigten Staaten verhandeln nicht mit Terroristen.“)
Realpolitische Implikationen
In seinem Pragmatismus ist 24 bei der Verwerfung dieses Mantras scheinbar schon einige Schritte weiter als die amerikanische Realpolitik. Wie am plötzlichen Auftreten neuer islamistischer Gotteskrieger im Irak (Isis), in Nigeria (Boko Haram) oder am Horn von Afrika (al-Shabaab) zu erkennen ist, wäre die amerikanische Hegemonialmacht besser beraten, würde sie sich auf Verhandlungen einlassen statt reflexartig mit der eigenen militärischen Übermacht zu drohen.
Die Terroristenführerin aus 24, Margot Al-Harazi (Michelle Fairley), ist in ihrer (angedeuteten) Großmütigkeit dann jedoch wieder eher der Fantasie eines Drehbuchautors entsprungen. Sie überlegt tatsächlich, die gekaperten Drohnen zu zerstören, nachdem sie ihr persönliches Rachekommando gegen Heller abgeschlossen hat. Sohn Ian (Liam Garrigan) ist damit keineswegs einverstanden. Sie seien nun schon zu weit gekommen, um lediglich das kleinkarierte Rachemotiv zu erfüllen. Es würde durchaus in die 24-Tradition passen, würde sich Ian über die Anweisungen seiner Mutter erheben und die Kontrolle der Drohnen an sich reißen.
Die Spekulationen nach dem Ende dieser Episode, die sich ein bisschen wie das verfrühte Staffelfinale anfühlt, dürften jedenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Gibt es noch mächtigere Hintermänner, die ein ökonomisches oder politisches Interesse an der Drohnentechnik haben? Könnte Adrian Cross (Michael Wincott) ihr Verbindungsmann sein? Ist Steve Navarro (Benjamin Bratt) nur sein Lakai oder dient auch er mächtigeren Interessen?

Während die kommenden Episoden mit der Suche nach den Drohnen und der Aufdeckung einer etwaigen Verschwörung wohl wieder etwas actionlastiger sein dürften, konzentrieren sich Drehbuchautor Robert Cochran und Regisseur Jon Cassar in Day 9: 6:00 P.M.-7:00 P.M. auf die leiseren, emotionalen Momente. In einer mitreißenden Rede überzeugt Heller seinen treuen Mitstreiter Jack davon, dass es keine andere Wahl gäbe, als sich zu ergeben.
Grandioses Spiel
Dann nimmt Heller leise Abschied von seiner ahnungslosen Tochter Audrey (Kim Raver), die sich nur ein kleines bisschen darüber wundert, dass ihr Vater mitten in einer internationalen Krise plötzlich alte Familienfotos betrachten will. Zunächst sind nur Jack Bauer und Stabschef Mark Boudreau (Tate Donovan) eingeweiht, später erfährt auch Ron Clark (Ross McCall) von der präsidentiellen Nacht-und-Nebel-Aktion. Wofür diese Szene mit ihm nötig war? Ob dies ein Hinweis darauf ist, dass Clark später noch einmal eine wichtigere Rolle spielen wird? Es fällt schwer, bei 24 nicht ständig ins Spekulieren zu geraten.
Als es schon zu spät ist, findet Audrey im Arbeitszimmer ihres Vaters seinen Abschiedsbrief. Es dauert nicht lange, bis sie in Marks traurigen Augen liest, dass auch er in Hellers Plan eingeweiht war. Sie wehrt sich eine ganze Weile gegen die Gewissheit, dass ihr Vater die richtige Entscheidung getroffen hat, wird aber von Mark darin bestärkt: „Your father was the greatest man I ever knew. It was a privilege to serve him.“ („Dein Vater war der größte Mann, den ich jemals gekannt habe. Es war ein Privileg, ihm dienen zu dürfen.“) Trotzdem obsiegt bei Audrey natürlich die Verzweiflung darüber, dass der geliebte Vater dem Tode geweiht ist.
Um abschließend sicherzustellen, dass sich auch Jack Bauer dieser Größe bewusst ist, eröffnet ihm Heller kurz vor seinem Tod noch, dass er ihm eine präsidentielle Begnadigung ausgestellt habe. Zum ersten Mal scheint er sich in dieser Staffel wirklich sicher zu sein: „This is the right way for me to go.“ („Das ist der richtige Weg für mich.“) Erhobenen Hauptes schreitet er aufs hell erleuchtete Spielfeld des Wembleystadions. Wenig später drückt Margot Al-Harazi auf den Knopf.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 17. Juni 2014(24: Live Another Day 1x08)
Schauspieler in der Episode 24: Live Another Day 1x08
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