Vikings 6x09

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Und auf einmal muss es ganz schnell gehen. In den letzten Episoden hatte sich Vikings-Schöpfer Michael Hirst noch reichlich Zeit genommen, um die Handlung der bisherigen sechsten Staffel des Historiendramas voranzutreiben. Das war auch bitter nötig, um sich gebührend von einem der unbestrittenen Hauptcharaktere zu verabschieden und gleichzeitig mit Bedacht das Bild einer neuen Welt nach diesem einschneidenden Ereignis zu zeichnen. Grob gesagt: Es musste sich allerorts einmal ordentlich geschüttelt werden, ein Prozess, der interessant zu beobachten war, aber auch nicht zu intensiv beleuchtet werden kann, da wie so oft die Zeit drängt. Denn: Die Russen sind da. Zwar noch nicht voll und ganz, jedoch mehr als jemals zuvor. Dementsprechend nimmt die Bedrohung aus dem tiefen Osten Europas in Resurrection jetzt endlich auch konkretere Formen an.
Doch der vielsagende Episodentitel ist ebenso ein Vorbote gewisser handlungsstrangübergreifender Themen sowie der Hinweis auf einen unerwarteten Rückkehrer, dessen Ausführungen man aber mit Vorsicht genießen sollte. Und damit steigen wir auch schon mitten ins Geschehen auf dem kargen Island ein, auf welchem zunächst die Ankunft von Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Torvi (Georgia Hirst) ausgelassen gefeiert wird. Als Überraschungsgast steht dann auf einmal der sagenumwobende Wanderer Othere im Türrahmen (Ray Stevenson, bei dessen Namensnennung im Vorspann sich bei mir sogleich ein bisschen Vorfreude breitgemacht hatte, zählt der stämmige Brite doch zu meinen Lieblingsschauspielern im Serienbereich), der ähnlich warm empfangen wird und Ubbe mit seinen Erzählungen über ein „goldenes Land“ weit im Westen von Island augenscheinlich völlig begeistern kann. Recht zufällig ist Othere auf dieses Fleckchen Erde gestoßen, das Ubbe als ein großes Ziel auserkoren hat. Doch, so positiv der Sohn Ragnars auch eingestellt ist: Man merkt der kleinen Fete im Dorf doch auch eine etwas eigenartige, verhaltene Stimmung an.
Risen from the dead
Das dürfte zum einen daran liegen, dass die Wikingersiedlung auf Island bekanntermaßen unter keinem guten Stern gegründet wurde und höchstwahrscheinlich der Teufel los wäre, wenn Ubbe herausfände, was hier wirklich vorgefallen war. Dementsprechend agiert allen voran Kjetill (Adam Copeland), einer der Missetäter schlechthin, sehr vorsichtig. Zum anderen sieht man auch dem zögerlichen Othere an, dass dieser nur bedingt frei aufspricht. Hat auch er ein dunkles Geheimnis, das er um jeden Preis bewahren will? Hat er. Und was für eins. Nachdem Otheres Gebete scheinbar mit dafür gesorgt haben, dass Torvi ihr Kind gesund zur Welt gebracht hat, ohne dafür ihr eigenes Leben lassen zu müssen („Not yet, my sweet Hali...“ - mein Herz!), spricht Ubbe dem Wanderer seinen Dank aus - nur, um ihn im nächsten Moment scharf anzuzählen: Othere ist ein Christ, ein Feind des heidnischen Wikingerglaubens, ein Widersacher Odins. Er ist eine Gefahr für die Gemeinschaft der Nordleute, die von der christlichen Ideologie unterwandert werden könnte.
Wir erinnern uns: Ubbe ist seit jeher nicht besonders gut auf das Christentum zu sprechen, trotz seiner zwischenzeitlichen Taufe und dem damit verbundenen Konfessionswechsel. Doch es kommt noch viel besser. Othere gibt sich als ein alter Mönch und Missionar zu erkennen, der einst in England gelebt und dann im Namen des Herren die Welt bereist hatte. Und obendrein heißt er gar nicht Othere, nein, sein Name ist... Athelstan. Augenblick mal... Athelstan? Der Athelstan, der in der ersten Staffel aus einem kleinen Kloster in Northumbrien von Ragnar Lothbrok entführt und mit nach Skandinavien gebracht wurde, über die Zeit zu einem der besten Freunde und engsten Vertrauten des Wikingerfürsten avancierte und zum Ende der dritten Staffel von Floki niedergeschlagen und gen Himmelspforte entsandt wurde? Der Athelstan? Langjährige „Vikings“-Fans dürften in diesem Moment ähnlich verwirrt sein, wie ich es bin. Handelt es sich um einen perfiden Geniestreich, eine Wiedergeburt, ja vielleicht sogar eine Auferstehung sondergleichen - oder einfach nur um einen gemeinen Kniff (siehe das „Katia-Freydis-Rätsel“ in Kiew), der für manche Zuschauer eventuell fast quatschige Züge annehmen könnte?
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Reborn
Hand aufs Herz: Im ersten Moment nach dieser weitreichenden „Offenbarung“ fühle ich mich doch glatt ein wenig auf den Arm genommen. Athelstan war in den ersten drei Staffeln von Vikings aufgrund seiner einzigartigen Position als Bindeglied zwischen Christentum und Wikingerglaube eine der spannendsten Figuren überhaupt, sein Ableben zu Händen Flokis war ein schockierender Einschnitt - für die Serie, für die Zuschauer, für Ragnar. Und jetzt kommt raus, dass er doch noch unter den Lebenden weilt? Die Informationen, die er über sich preisgibt, decken sich größtenteils mit dem Wissen, das wir über den jungen Athelstan haben. Andererseits könnte uns der alte Wanderer auch das Blaue vom Himmel erzählen, offensichtlich baut er in seine Lebensgeschichte auch die eine oder andere Lüge ein (der „natürliche“ Tod des echten Othere). So steht Ubbe vor der schwierigen Entscheidung, ob er Othere beziehungsweise Athelstan glauben und vertrauen kann oder eben nicht. Auf der geplanten Reise in Richtung Grönland könnte er sehr hilfreich sein. Aber aufgrund seines unehrlichen Charakters ist er auch eine Gefahr.
Wir Zuschauer kommen ebenfalls ins Grübeln. Zieht Michael Hirst zum Abschluss seiner Saga einen weiteren Zaubertrick aus dem Hut oder will er einfach nur Verwirrung stiften? Und sollte letzteres der Fall sein, schadet er damit eventuell sogar der Serie, weil man sich zu unglaubwürdig macht? Ich persönlich glaube nicht, dass es sich bei Othere um den alten Athelstan handelt, wie wir ihn in der ersten bis zur dritten Staffel kennengelernt haben. Es gibt zwar ein paar Indizien (das reservierte Auftreten, der augenscheinlich direkte Draht zu Gott), die aber auch leicht zu entkräften wären. Ein Beispiel: der Ehering von Floki. Was, wenn Othere den verschollenen Floki auf seinen Wanderungen durch Island gefunden und sich der alte Schiffsbauer ihm anvertraut hat? So konnte sich Othere eine Identität als Athelstan aufbauen und sich selbst schützen. Es darf munter spekuliert werden, warum sich Vikings abermals von einer eher ungewohnten Seite zeigt und fast schon zu einer Art „Mystery Box“ wird, in der alles drinstecken könnte.
Free spirit
In Kattegat erwartet uns derweil abermals eine große Zeremonie, nämlich die Hochzeit zwischen Bjorn (Alexander Ludwig) und Ingrid (Lucy Martin). Königin Gunnhild (Ragga Ragnars) hat die Dreiecksbeziehung durchgewunken, doch, wie sich zeigt, geht die Trauung bei weitem nicht so spurlos an ihr vorbei, wie es die stolze, pflichtbewusste Wikingerin es nach außen hin zeigt. Sie würde tatsächlich alles für Bjorn tun und glaubt felsenfest an dessen bedeutsame Rolle in der Welt der Wikinger. Dafür ist sie bereit, ein großes Opfer zu bringen und die Liebe ihres Gatten nicht für sich exklusiv zu beanspruchen. Doch, dass Bjorn diese selbstlose Geste von Gunnhild annimmt, sich neu vermählt und nicht in der Lage dazu ist, nur Gunnhild zu lieben, das löst unglaubliche Schmerzen bei ihr aus. Gunnhild ist eine tragische Figur, die jedoch zu keiner Sekunde ihre königliche Anmut und beispielhafte Haltung verliert. Sie steht über menschlichen Makeln wie Eifersucht und doch zeigt sie sich wenig später von ihrer menschlichsten Seite, als sie uns einen kurzen Einblick in ihr gebrochenes Herz offenbart.
Gegenüber Ingrid verhält sich Gunnhild fair, wenngleich sie der ehemaligen Bediensteten auch noch eine kleine Lektion mit auf den Weg gibt, die sich anfangs wie eine Art Drohung anhört. Die Geschichte über Freya klingt zunächst wie eine Mahnung, dass sich Ingrid ihrer Rolle an der Seite von „Halbgott“ Bjorn Ironside sehr bewusst sein muss, dass sie diese Beziehung nicht ausnutzen und Gunnhild nicht als Konkurrentin sehen darf. Am Ende der stimmungsvollen Montage sehen wir dann, dass Gunnhild wie Freya goldene Tränen weint, was verdeutlicht, wie viel ihr Bjorn wirklich bedeutet, und dass die Leute über sie behaupten und erzählen können, was sie wollen - Gunnhilds Liebe für Bjorn wird immer echt und aufrichtig sein und nie versiegen. Wenn das ihr Göttergatte nur so ähnlich sehen würde, doch ein klares Bekenntnis ist dem Wikinger nicht wirklich zu entlocken. Er ist mit den Gedanken überall, nur nicht bei Gunnhild, was die aktuelle Situation für sie umso trauriger und schmerzhafter macht.

United
Bjorn scheint momentan einfach nicht die emotionalen Kapazitäten zu haben, um sich denjenigen zu widmen, die ihm mehr als treu ergeben sind und alles für ihn tun würden. Ob sich das rächen wird? Es wird allmählich ernst im Konflikt zwischen den Wikingern Norwegens und Prinz Oleg (Danila Kozlovsky) aus der Kiewer Rus. Erik (Eric Johnson), neuerdings die rechte Hand Bjorns, wird zusammen mit ein paar Wikingern von einem Spähtrupp Olegs überrascht, die fleißig am Auskundschaften sind und dabei keine Gefangenen machen. Auf einmal geht es an dieser Front dann doch ziemlich zackig voran, die Wikinger werden definitiv auf dem falschen Fuß erwischt und müssen sich zusammenrotten, um ihre geringe Chance gegen die nahende Rus-Armee zu wahren. Das muss selbst König Harald (Peter Franzen) einsehen, der dem kriminellen Erik kurzzeitig noch ans Leder will, sich dann aber doch auf eine Allianz mit dem aufständischen Bjorn einlässt, um gemeinsam mobil zu machen. Ein bisschen putzig ist es ja schon, wie sich Harald ärgert, was für einen Stress er doch als neuer Herrscher über Norwegen hat. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. Tja, lieber Harald, König sein ist eben doch kein Traumjob - und alles andere als einfach...
Zu einem unerwarteten, aber, wenn wir mal ganz ehrlich sind, doch recht vorhersehbaren Wiedersehen kommt es dann ebenfalls: Ivar (Alex Hogh Andersen) trifft erneut auf Hvitserk (Marco Ilso). Man merkt es der Erzählung schon an, jetzt geht es auf einmal Schlag auf Schlag. So plötzlich, wie es einst zwischen den beiden Brüdern auseinandergegangen war, so abrupt finden die beiden in Resurrection nun wieder zueinander. Hvitserk begleitet Ivar auch sogleich zurück nach Kiew und von seiner Manie scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Oder hat ihm der Wahnsinn der letzten Wochen so übel mitgespielt, dass die Angst vor Ivar nun komplett gewichen ist und Hvitserk ein neues, anderes Bewusstsein erlangt hat? Möglich wäre es. Den Mord an Lagertha nimmt er zumindest sehr stolz auf seine Kappe, das Schicksal wollte es eben so. Und ebenjenes Schicksal hat ihn jetzt auch zurück zu seinem kleinen Bruder geführt, wobei nur schwer einzuschätzen ist, ob Hvitserk wirklich gemeinsame Sache mit Ivar machen wird oder im stillen Kämmerchen einen eigenen Plan ausgeheckt hat, um Rache für Thora zu üben.
Not Viking
Die Ereignisse überschlagen sich in der zweiten Hälfte der Episode ein wenig, wodurch die Handlung ein Stück weit aus dem Rhythmus kommt. Schade drum. Doch auch, wenn es zum Ende etwas gehetzt und holprig zugeht, präsentiert man uns noch die eine oder andere interessante Szene. Die Audienz von Ivar und Hvitserk vor Oleg deutet zum Beispiel daraufhin, dass es einzig Ivar ist, der in Katia (Alicia Agneson) das exakte Ebenbild von seiner toten Frau Freydis sieht. Alles also nur Einbildung und Symptom einer weitaus tieferen Wunde, die in seinem Inneren klafft? Als Nächstes bekommen wir eine erste richtige Vorstellung davon, wie das Heer von Oleg überhaupt aussieht und von was für einer Masse an Soldaten eigentlich die ganze Zeit geredet wird. Der Aufmarsch von Olegs Truppen ist durchaus imposant (wie haben all diese Truppen in das beschauliche Kiew reingepasst?) und gibt uns einen kleinen Vorgeschmack darauf, was uns im Midseason-Finale nächste Woche erwartet. Doch damit ist die Folge noch nicht beendet...
Denn, wenn man bisher davon ausgegangen ist, dass Oleg vor allem in Skandinavien einfallen will, um sein Reich zu vergrößern und um sich das zurückzuholen, was ihm zusteht, so eröffnet sich den Zuschauern zum Abschluss der Episode nun eine weitere Komponente dieser Invasion: Oleg ruft nämlich auch einen Glaubenskrieg aus und will die heidnischen Wikinger ein für alle Mal ausrotten. Er zieht für das Christentum in die Schlacht, was Ivar allem Anschein nach nicht wirklich bewusst war. Was bedeutet das für ihn? Ivar fühlt sich schon sehr den nordischen Gottheiten verpflichtet, hat diesen stets nachgeeifert und ist in deren Namen - bis er sich selbst zu einem Gott ernannt hat - ins Gefecht gezogen. Er hat natürlich auch seine Erfahrungen mit dem Christentum gemacht, davon ist aber nicht viel hängengeblieben. Mit der geheimen Allianz zu Prinz Dir hat Ivar noch ein Ass im Ärmel, aber selbst dieser folgt dem christlich-orthodoxen Glauben, der in der Rus vorherrscht. Es riecht nach einer Pattsituation für den Knochenlosen. Und Michael Hirst nutzt abermals die Gelegenheit, eines seiner Lieblingsthemen - den Glauben an sich, verschiedene Religionen und welche Konflikte sich daraus speisen - unterzubringen, was ja bereits in dem Handlungsstrang auf Island zu beobachten ist. Damit wird die Folge jedoch letztlich überladender, als sie sein müsste.
Hier abschließend noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x10, The Best Laid Plans:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 30. Januar 2020Vikings 6x09 Trailer
(Vikings 6x09)
Schauspieler in der Episode Vikings 6x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?