Vikings 6x07

Vikings 6x07

Die Episode The Ice Maiden steht voll und ganz im Zeichen des äußerst emotionalen, epochalen Abschieds von einem der zentralen Charaktere in Michael Hirsts Wikingersaga. Diese finale Ehrerbietung könnte wiederum verdienter und respektvoller nicht inszeniert sein. Die Welt von Vikings ist wahrlich nicht mehr die gleiche.

Vikings (c) History
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© ikings (c) History

Was für eine gemeine Folge. Nein, The Ice Maiden serviert uns nach der jüngsten Hiobsbotschaft aus der vergangenen Woche nicht umgehend den nächsten Nackenschlag, der durch Mark und Bein geht. Es wird dankenswerterweise auch nicht zurückgerudert. Man greift jedoch mit großem Erfolg und beachtlicher Effektivität die momentane Stimmungslage nach dem Ableben von Lagertha (Katheryn Winnick), über Jahre einer der Fixpunkte der Erzählung, perfekt auf und erweist diesem prägenden Charakter nun mit reichlich (verdientem) Pathos die letzte Ehre. Das Resultat ist ein hochemotionaler, bewegender, tränenreicher und mitreißend in Szene gesetzter Abschied von einer absoluten Lichtgestalt der Wikingerkultur. Bereits in der Kritik zur letzten Folge, Death and the Serpent, stimmte ich eine kleine Ode auf die unverwüstliche Schildmaid und ihre Darstellerin Katheryn Winnick an. Nun nimmt sich die Serie selbst die Zeit dafür und zieht eindrucksvoll den Hut vor dieser legendären Persönlichkeit, die im Rahmen einer epischen Zeremonie gen Walhalla entlassen wird.

Ist das gesamte Prozedere vielleicht zu rührselig? Übertreibt es Chefautor Michael Hirst mit all den warmen Worten, mit der tiefen Verbeugung vor der episodentitelgebenden „Ice Maiden“, mit den zahlreichen persönlichen Trauerbekundungen jahrelanger Weggefährtinnen und Weggefährten Lagerthas? Oder ist genau das und nichts anderes völlig angemessen? Wie so oft obliegt es natürlich jedem Zuschauer selbst, die große Emotionalität dieser Episode zu bewerten, inwiefern einen diese vollends packen und berühren kann. Ich für meinen Teil finde mich schnell inmitten der Trauergesellschaft wieder und erliege insbesondere am Ende von „The Ice Maiden“ dem Kampf mit meinen Tränen. Den Verantwortlichen ist die Bedeutung des Charakters, den sie hier gebührend zu Grabe tragen, vollkommen bewusst, also sparen sie auch nicht an einer fast schon pastoral-poetischen Symbolik, die bei der letzten Salbung Lagerthas zum Einsatz kommt. Doch diesen Rezensenten trifft besagter Ansatz mitten ins Herz, und ich habe das Gefühl, dass ich damit ganz und gar nicht allein auf weiter Flur stehe.

Farewell

Nach dem Tod Lagerthas zu Händen von Hvitserk (Marco Ilso), eine Entwicklung, über die man nach wie vor diskutieren kann, geht ein spürbarer Ruck durch die Wikingergesellschaft. Man möchte nicht zu bedeutungsschwanger von „einer Erschütterung der Macht“ sprechen, aber es ist definitiv nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Verlust extrem schwer wiegt. Auf den Menschen, die zu Lagertha aufgeblickt haben, als Inspiration und Vorbild. Auf Torvi (Georgia Hirst), für die Lagertha wie eine Mutter war. Oder auch auf Bjorn (Alexander Ludwig), ihr Sohn, den selbst in weiter Ferne von Kattegat ein Gefühl durchfährt, dass in seiner Heimat etwas Schreckliches geschehen ist. Aber wie konnte es so weit kommen? Es beginnt die Suche nach dem Mörder Lagerthas und der erste Verdacht fällt auf Hvitserk, der abwesend und nirgendwo zu finden ist. Während man in Kattegat also versucht, den Fall aufzurollen, bereitet man sich schon einmal vor, der Schildmaid aller Schildmaiden eine Beisetzung zu bereiten, die die Welt noch nicht gesehen hat und die einer Lagertha mehr als würdig ist.

Zuvor zieht es Torvi noch zurück in das Dorf von Lagertha, in welchem sie vom Tod ihres Sohnes Hali und über die gebeutelte Gunnhild (Ragga Ragnars) von den letzten Vorkommnissen rund um White Hair und dessen Räuberbande erfährt. Es ist nicht mehr als ein Update für die Charaktere, der Fokus liegt ganz klar auf Lagertha, ihrem Vermächtnis und ihrer Beerdigung. Speziell bei Torvi zeigt sich noch einmal der riesige Einfluss, den Lagertha auf sie hatte, ob man es nun in kleinen Unterhaltungen am Rande oder aber bei der Auswahl eines Menschenopfers als Begleiterin auf Lagerthas Reise nach Walhalla beobachten kann. Torvi hat sich stets sehr zu ihrer Mentorin hingezogen gefühlt und möchte dieser auch im Tod nicht von der Seite weichen. Doch was ist mit dem Kind, das Torvi in sich trägt? Lagertha dürfte Torvis im wahrsten Sinne aufopferungsvolle Geste zu schätzen wissen, doch die gefallene Kriegerin war auch immer ein Familienmensch und sich der Bedeutung von Familie sowie der wichtigen Rolle einer liebenden, unterstützenden Mutter bewusst. Diesem Vorbild kann Torvi bald erneut nacheifern, ganz zu schweigen davon, dass sie mit Asa bereits eine kleine Tochter hat, die sie nicht einfach so allein in dieser Welt zurücklassen kann.

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Mother of Norway

Den zeremoniellen Ablauf der Beerdigung von Lagertha verfolgt man dann durchaus gespannt, wobei die Riten der Wikinger mal wieder für etwas Erstaunen sorgen können. Nachdem eine junge Schildmaid - Gyda, benannt nach Lagerthas in jungen Jahren verstorbener Tochter - dazu auserkoren wurde, mit den Gang ins Jenseits anzutreten, wird diese feierlich präpariert. Dazu gehört auch ein wenig Liebesspiel und das Ausleben fleischlicher Gelüste, bevor Gyda dann vom „Engel des Todes“ erstochen wird. In diesen Szenen wandelt Vikings mal wieder zwischen Realität und Mythos, die gespenstischen Würdenträger der Wikinger und der Todesengel tragen zum fast schon überirdischen Flair des bedeutsamen Moments bei, dem wir hier beiwohnen. Menschenopfer sind zwar alles andere als fortschrittlich, doch Lagertha hat sich nach der Tradition der Nordleute eine treue Wegbegleiterin verdient, für die es selbst eine unbeschreibliche Ehre ist, verfrüht an der Seite der legendären Schildmaid in die Hallen der nordischen Gottheiten einzuziehen.

Was folgt, ist eine atemberaubende Zeremonie, von ungemein passenden, melodischen Klängen gefühlvoll begleitet, bei der Lagerthas Leichnam auf einem Schiff in einer vereisten Bucht platziert wird, das dann in Brand gesteckt wird und langsam ins kalte Nass einsinkt. Die technische Umsetzung des Ganzen, der wohltemperierte Ablauf, die starken Musikeinsätze und die schauspielerischen Darbietungen zwischendurch machen diese Sequenz zu einem erhabenen Erlebnis. Der Regisseur Steve Saint Leger leistet ganze Arbeit und findet eine wunderbare Balance zwischen dem gefühlsseligen Zollen von Respekt, einer in den starken Bildern verankerten, ergreifenden Epik und denkwürdigen Charaktermomenten, in denen einzelne Figuren noch einmal versuchen, das in Worte zu fassen, was Lagertha für sie getan hat und was sie nach ihrem Ableben hinterlässt. Torvis Abschied trifft abermals ins Schwarze, ebenso wie ihre kleine Gesangseinlage zum Ende der Folge. Doch ein besonderes Augenmerk sollte Bjorn gelten, der sich vor diesem Tag gefürchtet hat - und bei dessen Ausführungen man weiche Knie bekommt.

Death is not the end

Alexander Ludwig spielt hierbei hervorragend auf und lässt Bjorn Ironside, der rigorose Berserker Kattegats, der gerade erst einen schweren persönlichen Rückschlag hat hinnehmen müssen, sein Herz öffnen. Für einen Moment erkennt man in dem stämmigen Hünen den kleinen Jungen, der stets Halt in den Armen seiner Mutter gefunden hat. Bjorn fasst ein letztes Mal treffend zusammen („My shield, my hero...“), was ihm seine Mutter bedeutet, wie das Vermächtnis von Lagertha aussieht und welche Spuren sie auf dieser Welt hinterlassen hat. Es ist ein absoluter Gänsehautmoment, der sich durch die nahezu gespenstische Ruhe um Bjorn herum nur noch intensiviert. Alle Anwesenden erweisen der Mutter Norwegens die letzte Ehre und das gesamte Gewicht dieser Szenen, die großen Emotionen, die Trauer, der Stolz, all das überträgt sich auf mich als Zuschauer, als würde ich dort selbst am Wasser stehen und ein Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft sein, die Lagertha niemals vergessen wird.

Dieses besondere Crescendo gipfelt dann in dem langsamen Versinken des brennenden Schiffes im Eis, ein Augenblick, in dem die Zeit kurz stillzustehen scheint. Am Rande dieses Spektakels rennt die kleine Asa aufs Eis und blickt durch die dicke Schicht hinunter in die finstere Tiefe. Dort wird Lagertha von den Walküren in Empfang genommen, die sie nach Walhalla geleiten, wo sie nach all den Jahren endlich wieder an der Seite ihres geliebten Ragnars sein kann. Auf dem Grund zeichnen sich die Figuren der beiden ab, eng umschlungen, bis sich die Schemen vom Wasser verwischt in Luft auflösen. Michael Hirst entführt die Zuschauer abermals in eine tranceartige Zwischenwelt, wo die Legenden der Wikinger und ihr Glaube mit dem Hier und Jetzt verschwimmen, wo Sterbliche unsterblich werden und für immer in die Ahnen ihrer Nachfahren eingehen werden. Es ist ein meisterhafter Schachzug, der audiovisuell und emotional sensationell aufgeht und die Saga von Lagertha nicht besser abschließen könnte.

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A new world

Wobei: Ganz zu Ende geschrieben ist dieses Kapitel noch nicht, zumindest, wenn es nach Bjorn geht. Dieser schwört Rache für den Mord an seiner Mutter, womit das Leben von Hvitserk schlagartig noch weitaus weniger rosig werden könnte, als es eh schon ist. Noch sind die Beweise nicht erbracht, doch allen voran Ubbe (Jordan Patrick Smith) ahnt, was sein kleiner Bruder getan hat. Das zeigt sich auch in dem kleinen Aufeinandertreffen zwischen ihm und dem toten Seher von Kattegat, der in letzter Zeit mehrfach auf den Plan getreten und unheilvolle Informationen mit den Charakteren geteilt hat. Spannend ist hier, dass indirekt Ivar für den Tod von Lagertha verantwortlich ist (dieser hatte schon vor Jahren Rache geschworen, nachdem Lagertha seine Mutter Aslaug getötet hatte), sucht dieser doch aktuell Hvitserk wie eine Art Dämon heim, woraufhin Hvitserk im Wahn den Mord verübt hat. Das dürfte Bjorn aber wiederum herzlich egal sein, wenn er herausfindet, wer die Schuld für den Tod seiner Mutter trägt. Auf welcher Seite wird sich Ubbe in diesem sich anbahnenden Konflikt wiederfinden? Er hat zuletzt zu Hvitserk gehalten, wenn auch mit harter Hand, und will nur das Beste für ihn. Doch Bjorns und auch Torvis Wut und Verlangen nach Gerechtigkeit sind nachvollziehbar.

Ein wenig Gerechtigkeit verschafft sich auch Harald (Peter Franzen) in seiner neuen alten Heimat Vestfold, in der er nun als König von Norwegen Hof hält. Er befindet sich in einem absoluten Hoch und erfreut sich den Treueschwüren seiner Untertanen, die im Gegenzug jetzt erwarten, dass Harald auch seine Versprechen erfüllt. Abwarten. Wie Harald zum Thema Wahlversprechen steht, haben wir ja bereits letztens erfahren. Was zunächst einmal Priorität hat, ist ein klein bisschen Rache an Olaf (Steven Berkoff), der Harald vor nicht allzu langer Zeit hatte wegsperren lassen und momentan gar nicht glücklich darüber ist, dass sein Spitzenkandidat Bjorn gegenüber Harald den Kürzeren gezogen hat. Die Genugtuung ist dem König förmlich ins Gesicht geschrieben, nach ein paar genüsslichen Worten der Selbstbeweihräucherung und Provokation schmeißt er Olaf ins Kittchen, in dem dieser über seine Loyalität nachdenken soll, im Zweifel sogar, bis er verrottet. Willkommen in einer neuen Welt...

The impossible

Von einer neuen Welt beziehungsweise dem ominösen Plan für eine solche kann man auch hinsichtlich Prinz Oleg (Danila Kozlovsky) in Kiew reden, der in dieser Folge mal wieder in Rätseln spricht und es scheinbar gar nicht erwarten kann, einen Neuanfang zu forcieren. Von was, stellt sich nur die Frage... Es kündigt sich eine neue Zeitrechnung an, nicht nur im Kreise der Wikinger, sondern auch in der Kiewer Rus. Oleg sieht sich als Galionsfigur einer aufstrebenden neuen Bewegung, deren Resultate noch Zukunftsmusik sind. Schon bald wird er seinen Traum in die Tat umsetzen, und wir werden sehen, welche Rolle dabei Ivar (Alex Hogh Andersen) spielen wird. Will er ein großer Alleinherrscher sein, von Skandinavien bis in die Kiewer Rus? Oder ist sein Ziel eher spiritueller Natur, was bei seinen kryptischen Ausführungen ebenfalls vorstellbar ist?

In einem Moment scheint es mal wieder klick zwischen diesen beiden dominanten Charakteren zu machen, als Oleg darüber sinniert, dass die gesamte menschliche Existenz nur ein Kreislauf ist und er zum Anfang aller Dinge zurückkehren will. Finden er und Ivar doch noch einen gemeinsamen Nenner? Oder ist eine Allianz mit dem undurchsichtigen Oleg zu riskant? Während Eisprinz Igor (Oran Glynn O'Donovan) die Schlittschuhe schnürt (nicht nur in Kiew ist der bitterkalte Winter eingezogen, auch in Norwegen, was für einige wunderschöne Aufnahmen von schneebedeckten Wäldern und frostigen Kulissen sorgt) und Katia (Alicia Agneson) dekadent ihre „heiße Quelle“ genießt (irgendwas kochen sie und Oleg doch aus...), bekommt Ivar die Bestätigung, dass er im Fall der Fälle auf Prinz Dir bauen kann. Ein geheimer Botschafter übermittelt die Kunde, dass der Knochenlose nach der Befreiungsaktion von Dir bei diesem einen gut hat. Nun heißt es taktisch agieren und genau überlegen, wann man diese Trumpfkarte einsetzt. Dass etwas Großes in Ivars Heimat vorgefallen ist, erschließt sich dem Wikinger allem Anschein nach übrigens ebenfalls, als wäre es eine göttliche Eingebung. Wenn er nur wüsste...

Hier noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x08, Valhalla Can Wait:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 16. Januar 2020

Vikings 6x07 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 7
(Vikings 6x07)
Deutscher Titel der Episode
Die Mutter von Norwegen
Titel der Episode im Original
The Ice Maiden
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 15. Januar 2020 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 16. Januar 2020
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 16. Januar 2020
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Stephen St. Leger

Schauspieler in der Episode Vikings 6x07

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen

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