Vikings 6x06

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Das Ableben von prominenten Charakteren in dem Historiendrama Vikings ist nichts Außergewöhnliches. Wie bereits mehrfach in der Vergangenheit herausgestellt, werden wir Zuschauer dadurch in schöner Regelmäßigkeit daran erinnert, dass in dieser Welt niemand unsterblich ist, nicht einmal die zentralen Helden und Heldinnen dieser Saga. Was jedoch bleibt, ist die Erinnerung an ebenjene Lichtgestalten, die wir teilweise seit Jahren auf Schritt und Tritt begleitet und deren Schicksal wir hautnah miterlebt haben. Die Galionsfigur schlechthin ist seit jeher Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel), eine historische Persönlichkeit, die das Format „Vikings“ wie kein anderer geprägt hat und dessen Vermächtnis auch noch Jahre nach seinem Tod - sowohl innerhalb der Erzählung als auch mit Blick auf die Außenwahrnehmung der Serie - von immenser Bedeutung ist.
Doch nicht nur Ragnar hat seine Spuren auf den verschiedenen Figuren, seinen Nachkommen, der Handlung und uns Zuschauern hinterlassen. Aufseiten der Fans hat sich von der ersten Staffel an schnell ein weiterer Charakter in den Vordergrund geschoben, der schon sehr lange ebenso ein Aushängeschild der Serie wie Ragnar Lothbrok ist: Lagertha. Die von Katheryn Winnick mit beispielhaftem Einsatz, Empathie und Überzeugung gespielte Schildmaid ist für viele Fans das Herz und die Seele von „Vikings“. Keine andere Schauspielerin und kein anderer Schauspieler kann bis dato so viele Auftritte verzeichnen wie die energetische Winnick, die neben ihrer Tätigkeit als Darstellerin inzwischen auch auf den Platz hinter die Kamera gewechselt ist und als Regisseurin für das History-Drama gearbeitet hat. Zusammen mit dem Serienschöpfer Michael Hirst hat Katheryn Winnick einen außerordentlichen weiblichen Charakter jüngerer TV-Geschichte geschaffen - ein emotionaler Fels in der Brandung sowie eine komplexe Kämpfernatur, eine liebende Mutter und eine selbstbestimmte Führungsfigur in Personalunion. Ein Vorbild, in vielerlei Hinsicht.
Shieldmaiden
Warum jetzt genau an diese Stelle all die lobenden Worte auf Winnick und ihre Rolle als unverwüstliche Lagertha? Weil die Serie mit der Episode Death and the Serpent eine Ära enden lässt. Die Ära von Lagertha, die am Ende der Folge ihren vorbestimmten Tod stirbt und gen Walhalla zieht. Tatsächlich wird diese tragische, wenngleich logische Entwicklung zuvor mehrfach angedeutet. Lagerthas gesamter bisheriger Handlungsstrang in der sechsten Staffel umgab eine gewisse Note von Finalität, das Verlangen nach einem Abschluss war förmlich greifbar. Und dennoch sitzt dieser emotionale Schlusspunkt trotz übler Vorahnung passgenau, geht es doch weniger um das Wie - letztlich ist es der dem Wahn verfallene Hvitserk (Marco Ilso), der Lagerthas Schicksal besiegelt -, sondern vielmehr um das Leben, das Lagertha in all ihrer Konsequenz geführt und das nun ein verdientes Ende hat.
Fate of the Gods
Bevor die ehemalige Königin von Kattegat abtritt, hat sie jedoch noch ihre Pflicht zu erfüllen. Dabei geht es ihr nicht nur darum, ihre Gefolgschaft vor dem Angriff der Banditen um den gesetzlosen White Hair (Kieran O'Reilly) zu beschützen. Nein, mit dem Tod von ihrem Enkelsohn Hali (Ryan Henson) durch die Hand von White Hair hat dieser Konflikt auch eine persönliche Komponente. Lagertha will Gerechtigkeit, sie will Rache. Gemeinsam mit Gunnhild (Ragga Ragnars), ein paar Schildmaiden und den verbliebenen Dorfbewohnern lockt sie die unvorsichtigen Gauner in eine Falle, aus der nur wenige entkommen können. Ein kleines Labyrinth mit diversen tödlichen Vorrichtungen entpuppt sich als smarter Schachzug, auch wenn die Verluste - erneut erwischt es zahlreiche Kinder - nicht ausbleiben. Doch White Hairs Bande, die anfangs noch recht geschickt vorgeht, wird entscheidend dezimiert, bis nur noch der skogarmaor selbst übrigbleibt und Lagertha zum Duell herausfordert.
White Hair und seine Krieger poltern zwar etwas unbedacht in die Falle, doch die Inszenierung dieses hektischen Gemetzels ist diese vermeidbare Naivität wert. Mit einer unheimlichen Dynamik sausen wir durch die vielen actionreichen Szenen, das Chaos ist exzellent koordiniert, mitreißend orchestriert und wunderbar abwechslungsreich. Der Übergang zum Zweikampf zwischen Lagertha und White Hair ist dann ebenfalls sehr stimmig und bringt einen guten Tempowechsel hin zu einer kleinen Verschnaufpause mit sich, bevor im Eins gegen Eins Schwerter und Äxte wild umherfliegen. Auch diese Sequenz ist bedacht in Szene gesetzt, White Hairs brachiale Kraft trifft auf die überragende Technik und jahrelange Kampferfahrung Lagerthas. Es ist ein packendes Hin und Her, das Lagertha mit einer geschickten Aktion für sich entscheiden kann. Doch diese finale Auseinandersetzung, die sie alleine führen musste, hat sie schwer verwundet.
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Worship
Natürlich wäre es logisch, wenn Lagertha in ihrem Zustand ihre Kräfte sammeln würde und sich erst dann nach Kattegat aufmacht, um Bjorn (Alexander Ludwig) und die anderen aufzusuchen. Man könnte der Serie vorwerfen, dass sie sich allein aus dramaturgischen Gründen in ihre alte Heimat schleppt, doch mein Eindruck ist, dass Lagertha ganz genau weiß, wie lange sie noch zu leben hat. Und nun, nachdem sie Hali gerächt und ihre Leute erfolgreich beschützt hat, kann sie endlich aus dem Leben treten und Ruhe finden. Nach all den Jahren der Kriegstreiberei und all den blutigen Konflikten, in denen sie sich aufgrund ihrer Loyalität mal für mal wiederfand, kann sie Schwert und Schild nun beiseitelegen. Ein Hauch von Schicksal umgibt sie in ihrem letzten Moment, wurde ihr doch einst vom Seher Kattegats vorhergesagt, dass sie zu Händen eines Sohnes ihres Mannes sterben wird. Vielleicht hat auch diese Eingebung sie zurück in die Stadt geführt, vielleicht haben die Götter um Allvater Odin endlich Erbarmen mit ihr, vielleicht erwartet sie in den glorreichen Hallen Walhallas an der Seite Ragnars endlich Frieden.
Im ersten Augenblick mag der Tod von Lagertha und wie dieser zustande kommt etwas unbefriedigend, für manche vielleicht sogar irritierend sein. Niemand anderes hat einen legendären Heldentod mehr verdient, oder? Doch mir gefällt, wie dezent und demütig man vorgeht, schmälert Lagerthas Ableben - untermalt von einer herrlichen Ballade zu Ehren Lagerthas - durch den verrückten Hvitserk doch in keiner Weise das Vermächtnis dieser legendären, enorm respektierten und verehrten Persönlichkeit innerhalb der Wikingergesellschaft. Lagerthas Taten und wie sie als gutes Beispiel vorangegangen ist, das sind die Dinge, warum man sich an sie erinnern wird. Deswegen hat auch der Moment, als White Hair und seine Bande geschlagen sind und Gunnhild ihre Ehrerbietung für Lagertha kundtut, so ein unglaubliches Gewicht. Lagertha muss nicht von tausenden jubelnden Kriegern gefeiert werden. Die Anerkennung aller für ihre Integrität, ihre Hilfsbereitschaft und ihre Selbstlosigkeit macht sie unsterblich.
Big mistake
Und nun? Der Verlust von Lagertha ist ein harter Schlag ins Kontor, sowohl mit Blick auf ihre Rolle als Leitfigur in der Gemeinschaft der Wikinger als auch auf persönlicher Ebene für Charaktere wie Bjorn, Torvi (Georgia Hirst) oder Ubbe (Jordan Patrick Smith). Was wird mit Hvitserk geschehen, dessen Furcht vor Ivar (Alex Hogh Andersen) ihn komplett in die Finsternis geführt hat und der allem Anschein nach nicht die Verantwortung für den Tod von Lagertha übernehmen will? Es bleibt uns nur abzuwarten, in der Welt der Wikinger hat sich in „Death and the Serpent, Vikings“ schlagartig einiges verändert und die aus diesen großen Veränderungen folgenden Konsequenzen stehen wie so oft in den Sternen.
The people's king
So werden wir hier nicht nur mit einer gehörigen Portion Action und einem schwerwiegenden Charakterabschied konfrontiert. Nein, auch an der innenpolitischen Front der Wikinger geht es deutlich und ein Stück weit überraschend voran. Nicht umsonst endete die letzte Episode, The Key, mitten in der Wahl, wer denn nun der erste König über Norwegen werden soll. Zu Beginn standen die Chancen für Bjorn noch ganz gut. Doch nun sieht er in „Death and the Serpent“ seine Felle (oder besser: Holzteile) davonschwimmen, denn: Harald (Peter Franzen) triumphiert! Ja, die Wahl von Bjorn zum König über alle Wikinger Norwegens war dann wohl doch etwas zu offensichtlich, Harald ist gemeinsam mit Kjetill (Adam Copeland) erfolgreich auf Stimmenfang gegangen und hat die Mehrheit der Jarls und Kleinherrscher hinter sich vereinen können. Hoch lebe also König Harald, der sich seinen Lebenstraum erfüllt hat und fortan die Geschicke in Norwegen leiten wird.
Die Blicke Haralds, die dieser Bjorn während der Wahl zuwirft, sind unbezahlbar. Und die Reaktion Bjorns, der am Ende mit leeren Händen dasteht, ebenso. Peter Franzen und Alexander Ludwig spielen dieses wortlose Duell ganz famos mit ihren Augen und vielen unscheinbaren Gesichtsregungen aus, die mehr als tausend Worte sagen. Haralds gönnerhafte Selbstdarstellung nach seinem Wahlerfolg setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf. Bjorn merkt man indes in jeder Faser seines Daseins ob dieses Verrats eine unglaubliche Wut an. Aber Wahl ist Wahl, jeder hatte eine faire Chance, nicht wahr? Und Harald hat seinen zukünftigen Vasallen einfach das Blaue vom Himmel versprochen - ob er sich daran halten wird, ist völlig irrelevant. Was kümmert ihn schon sein Geschwätz von gestern? Harald ist ein durchtriebener Politiker, der seine eigenen Interessen über alles andere stellt. Doch wer hat etwas anderes erwartet?

Fair fight
Für Bjorn wird die Luft im Handumdrehen dünner, Harald weiß immerhin um die Strahlkraft, die von Ragnar Lothbroks berühmt-berüchtigtem Erstgeborenen ausgeht. Irgendwie kann man die Argumentation Haralds aber auch nachvollziehen, der der Dynastie Ragnars ein Ende bereiten will. Dessen Söhne haben ihren Herrschaftsanspruch stets als gottgegeben verstanden und mit ihren Konflikten untereinander unter anderem einen verheerenden Bürgerkrieg ausgelöst. Es ist an der Zeit, dass die alten Eliten abgesetzt werden! Doch Haralds Selbsternennung zum vom Volk bestimmten König über Norwegen hat auch ein kleines Geschmäckle, zeigt sich doch im Gespräch mit dem ausmanövrierten Olaf (der jetzt sehr aufpassen muss) das wahre Gesicht von Harald. Wie dem auch sei, Haralds Aufstieg und Bjorns plötzlicher Fall bringen ohne Zweifel ordentlich Schwung in die Kiste und wirbeln den vermeintlichen Status quo in Vikings schön durcheinander.
Bjorn muss letztlich fliehen, hat es Harald doch auf seinen Kopf abgesehen. Für ein wenig Irritation sorgt indes Kjetills Rolle in diesem politischen Machtkampf. Er hat sich mit Harald verbündet, um Profit daraus zu schlagen (er will König über Island werden), dann eilt er jedoch Bjorn zur Hilfe, als dieser umgebracht werden soll. So richtig werde ich aus Kjetills Motiven nicht schlau. Wird er im letzten Moment geläutert oder hat er schon den nächsten Plan geschmiedet? Dass Harald ein falscher Fuffziger ist, dürfte dem Hünen nun mehr als klar sein, dementsprechend kann er wohl auch nicht viel von einem Bündnis mit dem neuen König von Norwegen erwarten. Als die Situation für Bjorn dann äußerst prekär aussieht, tritt eine neue Figur in Erscheinung, die Bjorn schließlich die Flucht ermöglicht: der von Eric Johnson (The Knick) gespielte Wikinger Erik, ein geheimnisvoller Zeitgenosse, der sich selbst als Gesetzloser und Söldner bezeichnet und sich von der Rettungsaktion Bjorns sicherlich eine saftige Belohnung erhofft.
Settling scores
Erik? Da klingelt doch was: Bei diesem Charakter könnte es sich um eine Version des sagenumwobenen Erik Thorvaldsson, auch bekannt als Erik der Rote handeln. Dieser fand sich Zeit seines Lebens unter anderem auf Island wieder und ging als Gründer der ersten skandinavischen Siedlung in Grönland - ein Name, den er geprägt haben soll - in die Geschichtsbücher ein. Die Charakterbeschreibung passt schon einmal, auch der echte Erik war Übermittlungen zufolge kein Kind von Traurigkeit und ein überführter Mörder. Mit Ubbe und Torvi gibt es bereits zwei Interessenten, die nach einem unbekannten Land im Westen suchen wollen, während Bjorn aktuell jede Art von Unterstützung gebrauchen kann. Warten wir mal ab, wie sich Erik inzwischen der zahlreichen etablierten Figuren positionieren wird.
No hard feelings
Komplett auf sich allein gestellt, selbst wenn er zuletzt viel dafür getan hat, seine Position zu stärken, ist derweil Ivar in Kiew am Hofe von Oleg (Danila Kozlovsky). Dort läuten in Death and the Serpent jetzt die Hochzeitsglocken für den Prinzen und seine Geliebte, Katia (Alicia Agneson), die das perfekte Ebenbild von Ivars toter Frau Freydis darstellt. Der Eindruck verstärkt sich, dass Oleg äußert ausgebuffte Psychospielchen mit Ivar treibt, erscheint mir die Trauung doch wie ein großer Vorwand, um den Knochenlosen zu provozieren und komplett ratlos zurückzulassen. Die Blicke Olegs sind verräterisch, als würde es in die nächste Runde dieser undurchsichtigen Schachpartie gehen, in der jeder Zug fatal sein kann. Um die Machtdemonstration perfekt zu machen, geben sich Oleg und Katia dann vor den Augen Ivars dem leidenschaftlichen Beischlaf hin, als würde man Ivar unmissverständlich klarmachen wollen, welche Rolle er hier in der Kiewer Rus spielt: gar keine. Kenne deinen Platz und begehre nicht auf. Sonst gnade dir Gott. Oder eben der impulsive Oleg...
Es ist nach wie vor offen, woher Oleg seine Informationen hat oder ob er einfach nur geschickt darin ist, Ivar zu lesen. Von seherischen Fähigkeiten des selbsternannten Prophets gehe ich nach wie vor nicht aus, vielmehr glaube ich an ein dichtes Informationsnetzwerk, das er sich aufgebaut hat, wodurch er seine Feinde und Freunde perfekt kontrollieren kann. Nun wird sich zeigen, ob Ivar auf diese freche Provokation eingehen wird oder ob er sich weiter bedeckt hält und an einer Alternative zu Oleg arbeitet. Solange in Norwegen noch der Baum brennt, verspürt der Handlungsstrang in der Kiewer Rus keinerlei Zeitdruck. Andererseits ist der Moment angesichts der Differenzen in Skandinavien alles andere als ungünstig, um zuzuschlagen. Jedoch muss dafür auch erst einmal Olegs Armee und Flotte bereit sein. Und bis es so weit ist, können sich der russische Prinz und der gefallene Wikingerkönig noch ein paar saftigen Duellen auf mentaler Ebene hingeben.
Hier noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x07, The Ice Maiden:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 9. Januar 2020Vikings 6x06 Trailer
(Vikings 6x06)
Schauspieler in der Episode Vikings 6x06
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