Vikings 6x04

Vikings 6x04

In All the Prisoners zeigt sich Vikings mal wieder von seiner grausamsten Seite, selbst wenn die neueste Tragödie sich wenig überraschend ereignet. Gleichzeitig wird im Zuge politischer Ränkespiele vielerorts eifrig intrigiert, womit für die Charaktere aber auch einige Risiken einhergehen.

Szenenfoto aus der Vikings-Episode All the Prisoners (c) History
Szenenfoto aus der Vikings-Episode All the Prisoners (c) History
© zenenfoto aus der Vikings-Episode All the Prisoners (c) History

Vikings kann so herzlos sein. Wirklich niemand dürfte von dem Angriff der Banditen um den jähzornigen White Hair (Kieran O'Reilly) auf Lagertha (Katheryn Winnick) und ihre Dorfgemeinschaft überrascht gewesen sein, ebenso wenig wie von dem schrecklichen Resultat, das am Ende dieses Überfalls zu Buche steht. Und dennoch gehen die neuesten Entwicklungen innerhalb des Historiendramas durch Mark und Bein. Auf den Schock folgt jedoch sogleich die Frage, ob die Verantwortlichen um Serienschöpfer Michael Hirst hier nicht vielleicht einen Schritt zu weit gehen. „Vikings“ ist noch nie zimperlich gewesen, selten hat man sich zurückgehalten, wenn es um die Darstellung von Gewalt in Schlachten oder auch expliziten Folterszenen ging. In All the Prisoners trifft es jedoch die schutzlosesten, unschuldigsten Lebewesen, die es gibt: kleine Kinder, die in der Welt der Wikinger nicht weniger gefährlich als ihre erwachsenen Mitmenschen leben.

Im Zuge der Vorbereitung auf die baldige Konfrontation mit den abtrünnigen Nordmännern schwört Lagertha ihre Gemeinde zu Beginn der Episode mitreißend ein. Sie alle haben in einem früheren Leben gekämpft und auf dem Schlachtfeld heldenhaft ihren Mann beziehungsweise ihre Frau gestanden. Jetzt ist es an der Zeit, erneut zu kämpfen und sich zur Wehr zu setzen. Schildmaide vergangener Tage greifen zu den abgelegten Waffen, die Alten und die Schwachen unterstützen sie bei der Verteidigung des Dorfes so gut, wie sie eben können, und selbst die Kleinsten können ihren Beitrag leisten, dem bevorstehenden Übel Einhalt zu gebieten. Ein Gefühl von Aufschwung macht sich breit und überträgt sich auf uns Zuschauer, die wir alle Lagertha bei der Mobilmachung ihrer kleinen Kommune gespannt beiwohnen und jeden Erfolg der auf dem Papier maßlos unterlegenen Gruppe um die erfahrene Kriegerin so feiern, als wären wir selbst ein Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft.

Defend the dead

Doch so viel Zuversicht und Courage auch von Lagerthas leidenschaftlichem Plädoyer und dem Einsatzwillen ihrer Gefolgschaft ausgeht, so sehr ahnen wir bereits, dass der Kampf um ihre Leben einen hohen Preis einfordern wird. Und so kommt es zu einer blutigen, wilden Auseinandersetzung, an deren Ende die Angreifer zwar in die Flucht geschlagen werden können, doch die Verluste in den eigenen Reihen unglaublich schwer wiegen. Mehrere Kinder werden kaltblütig umgebracht, unter ihnen auch Bjorns und Torvis Sohn Hali (Ryan Henson), der vor den Augen Lagerthas von White Hair niedergestreckt wird. Bei der Darstellung dieser Tode wird nichts beschönigt. In einem Moment frage ich mich sogar, ob man überhaupt so weit gehen muss und eine gewisse Grenze nicht schon längst überschritten ist. Wie man mit diesen Bildern umgeht, muss man am Ende für sich selbst bestimmen. Ich tue mich ehrlich gesagt alles andere als leicht damit.

Und das schreibe ich mit vollem Bewusstsein darüber, dass sich „Vikings“ bereits zuvor das eine oder andere Mal jenseits des guten Geschmackes wiedergefunden hatte und ich derartige unbarmherzige Szenen einfacher akzeptiert habe, als es hier der Fall ist. Wie dem auch sei, in der Serie werden wir durch die kindlichen Opfer des Raubzuges abermals daran erinnert, dass in dieser grausamen Welt wirklich niemand sicher ist. Was Lagertha und ihren Mitstreitern bleibt, ist der Trotz und ihr gemeinsamer Mut, sich nicht geschlagen zu geben und dafür zu sorgen, dass die Toten nicht umsonst die Reise nach Walhalla antreten mussten. Mehrfach ist in dieser Folge Thema, was es eigentlich bedeutet, ein Teil der Wikingerkultur zu sein: dass Kriege und brutale Kämpfe zu dieser Lebensphilosophie gehören, genauso aber auch der unbändige Wille, sich nicht unterjochen zu lassen, frei zu sein und notfalls bis aufs Messer für diese Freiheit zu kämpfen. Das haben selbst die Jüngsten unter den Wikingern früh verinnerlicht. Und das erfüllt Lagertha, die genug Leid miterlebt hat, mit Stolz, auch wenn das viel zu frühe Ableben ihres Enkelkindes sie tief bewegt und sie sicherlich für einen kurzen Augenblick an ihren Göttern zweifeln lässt, an deren Seite Hali nun seinen Frieden finden wird.

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Rebirth

Während dieser Teil der Episode im Zeichen tragischer Verluste und einer actionreichen Kampfsequenz steht, geht es in den anderen Handlungssträngen von All the Prisoners eher verhalten zu. Hinsichtlich der neuesten Ereignisse in Kattegat weiß man nicht so recht, woran man aktuell ist, geht es hier doch munter drunter und drüber. Erneut führt man uns vor Augen, in was für einem miserablen Zustand sich Hvitserk (Marco Ilso) befindet, der nun scheinbar auch eine Rauschmittelsucht entwickelt hat und kurzerhand einen kalten Entzug über sich ergehen lassen muss, um wieder auf die Beine zu kommen. Ubbes (Jordan Patrick Smith) Idee, seinem jüngeren Bruder Verantwortung zu geben und ihn so wieder in die Spur zu bekommen, ist gar nicht mal so verkehrt. Doch Hvitserk entpuppt sich als hoffnungsloser Fall, der dermaßen von dem Geist Ivars gequält wird, dass er jeglichen Bezug zur Realität verloren zu haben scheint.

Marco Ilso überzeugt weiterhin in dieser herausfordernden Rolle, jedoch stelle ich mir auch die Frage, wie lange uns sein Charakter wohl noch von dieser Seite gezeigt werden wird. Als Zuschauer bin ich jetzt an dem Punkt angekommen, an dem ich Hvitserks aktuelle Situation sehr gut nachvollziehen kann und hier nun so langsam der nächste Schritt erfolgen sollte. Wenn Michael Hirst diese Nebengeschichte nämlich zu sehr ausreizt, verliert das Schicksal des bemitleidenswerten Hvitserks eventuell schneller seinen Effekt, als es dem Drehbuchautor lieb ist. Während Ubbe fleißig am Delegieren ist und Hvitserk gegenüber sehr hart durchgreift (eventuell erhofft sich Ubbe ja von der Verstoßung Hvitserks, dass dieser wieder zu sich selbst findet), wird Gunnhild (Ragga Ragnars) von einem schrecklichen Albtraum heimgesucht, der vielmehr einer Vision entspricht, was sich in Lagerthas Dorf zugetragen hat.

A matter of honor

Und was ist die einzige logische Konsequenz? Genau, Gunnhild legt ihre coole Rüstung an und lässt die Pferde satteln, um selbst nach dem Rechten zu schauen. Torvi (Geogia Hirst), die ihre beiden Kinder bei Lagertha gelassen hat, muss derweil in Kattegat bleiben, weil es ihre Pflicht ist, Ubbe zu unterstützen. Irgendwie fühlt sich das alles furchtbar konstruiert und umständlich erzählt an, aber gut, der Auftritt von Ragga Ragnars in sehenswerter Wikingermontur ist diese plötzliche Entwicklung durchaus wert. Überhaupt ist es gut, dass Gunnhild etwas zu tun bekommt und nach der Abreise von Bjorn nicht in Kattegat verkümmert. Dennoch ist es schon interessant, wie von vielen Figuren immer wieder betont wird, dass Kattegat zu einem florierenden Handelszentrum ausgebaut und der neue Nabel der Wikingerwelt werden soll - trotzdem suchen die unterschiedlichsten Charaktere immer recht schnell wieder das Weite, weil dieser Handlungsort aktuell eben wirklich nicht allzu viel hergibt.

Auch Bjorn (Alexander Ludwig) hat Kattegat den Rücken zugewandt, um Harald (Peter Franzen) zu Hilfe zu eilen. Nun findet sich der Wikingerkönig jedoch in einer unschönen Situation wieder. Nachdem der Überraschungsangriff auf Olaf (Steven Berkoff) misslungen ist, sitzt Bjorn mit seiner Armee (oder was noch davon übrig ist) vor Ort fest. Leider fehlt uns Zuschauern ein wenig der logistische Überblick, um Bjorns scheinbar ausweglose Lage komplett nachvollziehen zu können. Dafür präsentiert man uns jedoch eine spannende neue Option - Bjorn Ironside als König über ganz Norwegen. Warum nicht? Olaf bringt es auf den Punkt: Die ganzen unbedeutenden Kriege unter den Nordleuten, die ermüdenden Streitereien und ewigen Konflikte um Macht und Ländereien, die nervige Kleinstaaterei in Skandinavien - das alles bringt uns doch nicht weiter! Tatsächlich kommt nach mehr als fünf Staffeln Vikings jemand auf den glorreichen Einfall, alle Wikingervölker Norwegens unter eine Krone zu bringen. Einzig, dass die Idee von dem etwas sonderbaren Olaf kommt, stimmt da etwas skeptisch...

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King of all Norway

Wer auf dem Thron Platz nehmen soll? Bjorn natürlich. Abermals habe ich während der Sichtung dieser Folge das Gefühl, dass die Serie grundsätzlich in die richtige Richtung geht, aber so manche Entwicklungen doch sehr holprig auf den Weg gebracht werden. Woher kommt Olafs Motivation, diese politische Veränderung herbeizuführen? Und das, was jahrzehntelang anscheinend nicht möglich war, soll jetzt einfach so funktionieren? Ich habe den Eindruck, dass man kurz vor der Ankunft einer neuen, nie dagewesenen Bedrohung (siehe Oleg und Ivar) fix eine geeinigte Front der Wikinger etablieren will, damit sich der finale Konflikt von „Vikings“ umso epischer anfühlt. Wie gesagt: Mir gefällt die Idee, weil damit auch einige interne Konflikte einhergehen, die erst einmal geklärt werden müssen. Doch erneut fühlt es sich so an, als ob eine bestimmte Sache jetzt einfach passieren muss, anstatt dass man logisch darauf hingearbeitet hat.

Apropos mögliche interne Konflikte: Wer gar nicht so sehr von Olafs Vorschlag angetan zu sein scheint, ist Harald. Am Ende des ersten Treffens von Olaf, Bjorn und Harald verabschieden sich die beiden letztgenannten mit einer fast schon brüderlichen Geste. Als Olaf beim zweiten Treffen seinen Plan präsentiert, wirkt Harald sehr reserviert und nicht wirklich zufrieden. Er selbst hat schon immer damit geliebäugelt, König von ganz Norwegen zu sein. Aktuell hat er aber gar nichts zu melden, schlimmer noch: Er ist sogar von Bjorn abhängig. Da würde es mich nicht wundern, wenn es bei der angekündigten Zusammenkunft der Jarls zu ein paar interessanten Gesprächen kommen wird, in denen über die Zukunft der Wikinger zu entscheiden ist... Bjorn muss sich zusätzlich vor Kjetill (Adam Copeland) vorsehen, aus dem er zwar die Wahrheit herausbekommt, was wirklich auf Island vorgefallen ist, der jedoch von Bjorn unter Generalverdacht gestellt wird, für das Verschwinden und vielleicht sogar den Tod von Floki verantwortlich gewesen zu sein. Das will sich Kjetill wiederum nicht bieten lassen. Auf seiner persönlichen Abschussliste steht nun an erster Stelle der Name von Bjorn.

Hidden truths

Weit entfernt von all diesen politischen, intriganten Querelen kocht Ivar (Alex Hogh Andersen) in der Kiewer Rus sein eigenes Süppchen, das sich jedoch aus vergleichbaren Zutaten zusammensetzt. Denn auch der Knochenlose ist am Abwägen, wie seine nächsten Schritte aussehen und auf welches Pferd er setzen sollte. Zwar hält Oleg (Danila Kozlovsky) aktuell die Zügel in der Hand, doch Ivar weiß um die wichtige Rolle des jungen Kronprinzens Igor (Oran Glynn O'Donovan), mit dem er sich immer besser versteht. Und selbst den geschundenen Dir (Lenn Kudrjawizki) hält sich Ivar warm - man weiß ja nie, wohin die Reise letzten Endes gehen und wer im Reich der Rus das Sagen haben wird. Ivar tut gut daran, Oleg nicht blind zu vertrauen, auch wenn dieser ihm freudig berichtet, dass endlich eine Armee auf die Beine gestellt und eine mächtige Flotte gebaut wird, um die Invasion von Skandinavien zeitnah anzugehen. Oleg ist jedoch äußerst wankelmütig, das zeigt eine kurze Interaktion zwischen ihm und Ivar. Außerdem möchte Ivar nicht der verlängerte Arm von irgendeinem Großherrscher sein. Er ist immerhin ein Gott!

So spannend ich Ivars Vorgehen und seine riskanten Spielchen um politische Macht finde, so deutlich müssen wir aber auch festhalten, dass der Wikinger große Gefahr läuft, sich die Finger zu verbrennen. Die Gunst Igors könnte ein Vorteil für Ivar sein, aber was, wenn Oleg den Kronprinzen einfach abserviert? Auch ein Bündnis mit Dir erscheint mir momentan eher unwahrscheinlich, aber Ivar klopft eben alle Möglichkeiten ab, die sich ihm so bieten. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, flexibel zu sein und sich nicht zu früh auf eine Seite festzulegen. Gleichzeitig muss Ivar aber auch sehr gut abwägen, wie weit er dieses Spiel treiben kann und ob er den Bogen nicht irgendwann überspannt, was dann wiederum dazu führen könnte, dass er letztlich selbst abgestraft wird. Dem Handlungsstrang in Kiew tut diese Spannung auf jeden Fall gut. Doch ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der rücksichtslose, impulsive Oleg dem buten Treiben Ivars eher früher als später einen Riegel vorschieben wird.

Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Zu Weihnachten macht Vikings zunächst eine kleine Sendepause. Die nächste Episode erscheint somit erst am 1. Januar 2020 bei History beziehungsweise am 2. Januar 2020 in Deutschland auf Amazon Prime Video. Da ich mich zu dieser Zeit allerdings im Urlaub befinde, verzögert sich das dazugehörige Review um wenige Tage. Vielen Dank für Euer Verständnis.

Hier abschließend noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x05, The Key:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 19. Dezember 2019

Vikings 6x04 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 4
(Vikings 6x04)
Deutscher Titel der Episode
Das brennende Dorf
Titel der Episode im Original
All the Prisoners
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 18. Dezember 2019 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 19. Dezember 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 19. Dezember 2019
Autor
Michael Hirst
Regisseur
David Frazee

Schauspieler in der Episode Vikings 6x04

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen

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