Vikings 6x03

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Es gibt sie immer wieder, diese Vikings-Episoden, in denen Serienschöpfer Michael Hirst anscheinend gar nicht anders kann, als ein Großteil des gesamten Ensembles an Charakteren abzuklappern und all die verschiedenen Handlungsstränge fortzubewegen, auch wenn es nur ein kleines Stück nach vorne ist. Das Risiko dabei ist, dass der rote Faden verloren geht (sofern es überhaupt einen gibt) und man als Zuschauer aufgrund all der wilden Szenenwechsel kaum zur Ruhe kommt, um die neuesten Entwicklungen innerhalb der Serie aufzusaugen, zu verarbeiten und einzuordnen. Auf der anderen Seite können solche Folgen, in denen munter zwischen den Figuren und Schauplätzen hin- und hergesprungen wird, auch reichlich Spaß machen, weil es eben keine Zeit für Ruhepausen gibt und im Sauseschritt mehrere verschiedene Schicksale auf einen Schlag behandelt werden. Auf welcher Seite man sich letztlich als Beobachter von außen wiederfindet, ist wie so oft sehr subjektiv.
Ich für meinen Teil kann Ghosts, Gods and Running Dogs ganz gut verzeihen, dass es allein mit Blick auf den Ablauf der Handlung diese Woche etwas chaotischer zugeht und sich die Miniszenen in dieser Episode häufen. Derartige Momentaufnahmen hätte man eventuell besser zusammenfassen können, jedoch überwiegt die meiste Zeit das Gefühl, dass die Sprunghaftigkeit der zerstückelten Erzählung einen besonderen Vorteil mit sich bringt: „Vikings“ lebt! Zum Beginn der finalen sechsten Staffel des Historiendramas wurde für einige zentrale Figuren nicht nur eine Art Neustart in Ausblick gestellt, man zeigte vor allem auf, wie viele Charaktere sich aktuell in der Serie tummeln und welche Rolle sie im weiteren Verlauf der Geschichte spielen könnten. Das Format ist mal wieder prall gefüllt mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, die allesamt ihre eigene Motivation haben und bestimmte Ziele verfolgen - und von denen einige zwangsläufig irgendwann miteinander kollidieren werden...
Lions and dogs
Fassen wir es so zusammen: Nach dem meiner Ansicht nach soliden, wenngleich insgesamt recht verhaltenen Auftakt der sechsten Staffel kommt jetzt etwas Schwung in die Kiste. Und zwar überall. Am vergleichsweise gemäßigsten geht es in der Kiewer Rus zu, in der Oleg (Danila Kozlovsky) zusammen mit Ivar (Alex Hogh Andersen) und seinem Schützling Kronprinz Igor (Oran Glynn O'Donovan) zurück in die Hauptstadt gereist ist. Dort angekommen versucht Ivar, seinen neuen (Sauf-)Bruder im Geiste zu entlocken, wie er sich eigentlich den Angriff auf Kattegat vorgestellt hat. Für solche Pläne und Gespräche ist später aber noch genug Zeit, zunächst muss erst einmal Olegs Machtposition gefestigt werden. Und so wird mal fix sein letzter noch lebender Bruder Dir (Lenn Kudrjawizki) unterworfen, auf die demütigendste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann: Dir wird erst gefoltert und dann wie ein räudiger Köter in einen Zwinger gesperrt. Obendrein wird seine linke Wange von einem Eisenring durchbohrt, an dem eine Kette befestigt ist.
Man bekommt ja fast ein wenig Zweifel, ob Oleg überhaupt noch in Richtung Skandinavien aufbrechen wird, läuft es für ihn an Ort und Stelle doch momentan äußerst gut. Aber man merkt dem sadistischen Prinzen auch an, dass ihm die Kultur und der Glaube seiner Wikingervorfahren durchaus wichtig ist und er scheinbar weniger mit dem orthodoxen Christentum anfangen kann. Auf die Frage, ob Oleg tatsächlich hellseherische Fähigkeiten hat, gibt es eine einfache Antwort: nein, zumindest mit Blick auf seinen Bruder Dir, wobei es diesem binnen weniger Tage jetzt doch ziemlich schlecht ergangen ist. Dirs geheime Ehefrau war zuvor eine Mätresse Olegs, die diesen um seinen Segen gebeten hatte, Dir heiraten zu dürfen. Oleg war somit im Bilde und kannte die Schwachstelle seines Bruders.
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Ghosts
Ich kann gar nicht wirklich sagen, woran es liegt, aber irgendwie sagt mir der Handlungsstrang im fernen Rus-Reich zu. Möglicherweise ist es die Andersartigkeit der Szenerie, von der eine angenehme Frische ausgeht, sind die schneebedeckten Landschaften und vereisten Wälder doch mal eine nette Abwechslung zu bekannten Schauorten. Der Überraschungsangriff auf Dir und seine Gefolgschaft ist visuell ansprechend umgesetzt und auch die charmanten Szenen zwischen Ivar und Igor, die sich immer besser verstehen, wissen zu gefallen. In der Summe machen wir in der Kiewer Rus „nur“ einen kleinen Schritt vorwärts, doch als Zuschauer verbringe ich inzwischen gerne Zeit inmitten der neuen Charakteren vor Ort und der fremden Kultur, die diese umgibt. Ähnlich wie die ersten Ausflüge nach England, Frankreich oder auch in die mediterranen Regionen, die Bjorn (Alexander Ludwig) einst bereist hat, bietet man uns so einen interessanten Kontrast zur gewohnten Welt der Wikinger.
Diese steht in Ghosts, Gods and Running Dogs ebenfalls nicht still, sondern wird gleich mehrfach erschüttert. Während die Nebengeschichte um Oleg und Ivar allen voran im Zeichen von Vierbeinern steht (der Moment, als Oleg mit einem Hund interagiert und das Tier nach dem Gesicht des Prinzen schnappt, ist ganz großartig von Kozlovsky gespielt), konzentrieren sich die neuesten Ereignisse rund um die Nordleute auf die beiden anderen Aspekte des Episodentitels: Geister und Gottheiten. Der gezeichnete Hvitserk (Marco Ilso) fühlt sich zum Beispiel verfolgt und sieht allerlei Trugbilder, insbesondere seiner großen Liebe Thora (Eve Connolly), schrecklich entstellt aufgrund ihrer Verbrennungen. Aber nicht nur die tote Thora beschäftigt Hvitserk, auch seine Mutter Aslaug und deren Tod gehen ihm durch den Kopf. Und dann ist da noch sein Bruder Ivar, die Wurzel allen Übels, der ihn stoisch beobachtet und wie ein dunkler Schatten über ihm hängt.
Es ist interessant, welchen Weg man nun mit Hvitserk einschlägt, wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich dessen Verhältnis zu Thora gar nicht als so intensiv und innig in Erinnerung habe. Doch Marco Ilso, in dieser Rolle jetzt auf einmal dem Wahnsinn so nah, spielt den gefallenen Wikinger überzeugend und sehr eindringlich. Aus Hvitserk, der sich früher noch eher beschwingt und mit einer gewissen Vorfreude kopfüber in etwaige Schlachten gestürzt hatte, ist jetzt die blasse Hülle einer Person geworden, die schwere psychische Leiden durchlebt. Ob Hvitserk unter diesen Umständen ein guter Kandidat dafür ist, die Handelsgeschicke der Wikinger entlang der Seidenstraße zu leiten, darf bezweifelt werden. Diesen Plan stellt Ubbe (Jordan Patrick Smith), nun Stellvertreter von Bjorn, den es abermals in den Krieg zieht, letztlich dem Volk vor. Kattegat soll zu einem neuen Knotenpunkt in der Welt werden, ein reger Austausch an Waren und wahrscheinlich auch Wissen mit anderen ist die Idee, ob nun mit England, Frankreich, Ländern aus dem Mittelmeerraum oder vielleicht sogar China.
Open for business
Ein gute, logische Idee. Und Ubbe erscheint mir als ein glaubwürdiger, zielorientierter Vollstrecker dieser neuen Doktrin, die zu der Entdeckerphilosophie der Wikinger passt. Zum Entdecken gehört für die Nordmänner seit Anbeginn aber auch das Erobern und Kämpfen dazu und in diesem ewigen Kreislauf findet sich zum Beispiel ein Bjorn wieder, der ja eigentlich ein neues Zeitalter hatte ausrufen wollen, jetzt aber in alte Muster verfällt beziehungsweise verfallen muss. Stichwort alte Muster: Es ist wohl ein ungeschriebenes Gesetz, dass jede Herrscherfigur in „Vikings“ relativ fix vor fleischliche Versuchungen gestellt werden muss. Die Avancen von Ingrid (Lucy Martin), denen Bjorn wenig später erliegt (die Götter wollen es ja so, ist doch klar), sind ein Element der Episode, das ich als ziemlich abgedroschen erachte, weil es wirklich schon tausendmal zuvor durchexerziert wurde.
Womöglich will man uns so dezent darauf hinweisen, dass Bjorn in dieser Hinsicht seinem Vater Ragnar (Travis Fimmel) in nicht viel nachsteht und dass es die Wikinger eh nicht so mit der Treue haben (zumindest, was Bettgeschichten angeht). Etwas ermüdend ist diese Entwicklung dennoch. Bjorns Frau und Königin Gunnhild (Ragga Ragnars) ist derweil schwanger, was Bjorns Verhalten umso fragwürdiger macht. Spannend ist auch, dass man es eher der freiheitsliebenden Gunnhild zugetraut hätte, ihren Posten in Kattegat aufzugeben. Doch sie will für ihren Gatten und König die Stellung halten, während wir spekulieren dürfen, ob der Gruppe in Kattegat zeitnah neuer Ärger ins Haus stehen könnte, wenn eventuell Gunnhild und Ingrid aneinandergeraten. Bei Gunnhild mache ich mir da eher weniger Sorgen, gibt sie sich doch schon die gesamte Zeit über wahrlich majestätisch, sehr gefasst und von Ingrid unbeeindruckt. Sie weiß, dass Bjorn sie liebt und Ingrid niemals das haben wird, was sie hat. Aber weiß das auch Ingrid? Oder lässt es die junge Bedienstete drauf ankommen?

Come and see
Während also in Kattegat ein bisschen mit den Stühlen gerückt wird, zieht Bjorn mit Kjetill (Adam Copeland) an seiner Seite aus, um Harald (Peter Franzen) aus den Fängen von König Olaf (Steven Berkoff) zu befreien. Letzterer spielt sich wie gewohnt herrlich auf und lässt sich zu einigen lyrischen Ergüssen hinreißen, in denen er über die Bedeutung von Schicksal und der Einflussnahme der nordischen Götter um Allvater Odin sinniert. Harald, verlottert und zerzaust, geht da eher pragmatischer vor: Er war schwer verwundet, Olaf hat ihn gefangen genommen und sein Königreich für sich beansprucht. War es der Wille der Götter, dass es so gekommen ist? Oder einfach nur die Natur der Sache, das egoistische, menschliche Wesen, aus dem Nachteil eines anderen einen Vorteil für sich selbst zu ziehen? Als Harald dann ein wenig mit Olafs Diener Canute (Connor Rogers) scherzt, wird klar, dass der entthronte Herrscher gar nicht den Kontakt zu Bjorn gesucht hat, um wieder seine Freiheit zu erlangen. Es handelt sich vielmehr um eine Falle für den neuen König von Kattegat.
In diese tappen Bjorn und seine Truppen eher leichtsinnig, so smart ein Angriff im Schutz der Dunkelheit auch ist. Ehe sie sich versehen, sind sie jedoch mitten im Wasser von einer imposanten Feuerwand umgeben, während sie aus der Ferne mit Pfeilen beschossen werden. Die bildgewaltigen Aufnahmen, untermalt von den fast schon wahnhaft-berauschten Kommentaren Olafs, erinnern ein klein wenig an Blackwater, die neunte Episode der zweiten Staffel von Game of Thrones, und machen einiges her. Jedoch stellt man sich schon die Frage, wie diese Falle logistisch in die Tat umgesetzt werden und wie Bjorn so unbedarft auf diesen Trick reinfallen konnte. Nach heftigen Verlusten guckt er daher nun erst einmal wie ein begossener Pudel in die Röhre, eine seiner ersten wichtigen Amtshandlungen als König von Kattegat war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag ins Wasser... Aber auch diese Erfahrung muss der junge Anführer machen. Fragt sich nur, welche Lehren er daraus ziehen wird.
The wreck of humanity
Eine Art Rückschlag erlebt auch Bjorns Mutter Lagertha (Katheryn Winnick), die ja seit kurzem eigentlich ein ruhiges Leben abseits von Mord und Totschlag führen möchte... „Forget it, Lagertha. It's ,Vikings'.“ Doch, bevor wir dazu kommen, müssen wir noch einmal kurz Torvi (Georgia Hirst) hochleben lassen, die sich von ihrem Lebensgefährten Ubbe nicht so einfach aufs Abstellgleis verfrachten lässt. Wenn sie und Ubbe schon bald auf eine neue Reise aufbrechen, soll sich Lagertha um ihre beiden Kinder Hali und Asa kümmern. Und, da Torvi erneut schwanger ist, sollte sie aus Sicherheitsgründen eventuell auch in Skandinavien bleiben - schlägt zumindest Ubbe vor. Da hat dieser aber die Rechnung ohne Torvi gemacht, die ihre Ziehmutter Lagertha mit Stolz erfüllt, als sie Ubbe die Leviten liest und diesem deutlich macht, dass das Entdecken neuer Welten und das freiheitliche Leben als Wikinger nicht nur Männern, sondern auch Frauen vorbestimmt ist, ob diese nun schwanger sind oder nicht. Ein breites Grinsen kann man sich da kaum verkneifen, nachdem sich Torvi und Lagertha zugeprostet haben...
Die Stimmung wird dann jedoch wie erwartet getrübt. Ein Ritual, bei dem Torvi um den Schutz der Götter für Lagerthas neue Heimat bittet, kann das drohende Übel nicht abwenden: Der verbannte White Hair (Kieran O'Reilly) und seine Männer attackieren ein paar der Dörfer, die sich in der Nähe von Lagerthas Bleibe befinden. Diese wurde zuvor bereits zu einer Art Schutzpatronin der vielen Frauen ernannt, die ihre Männer und Söhne verloren haben. Gemeinsam wollten sie das harte Leben, das sie alle führen, bei den Hörnern packen. Und jetzt ist es zu einem feigen Angriff gekommen, bei dem sich die Banditen an den Frauen vergangen, gemordet, geplündert und gebrandschatzt haben. Als wäre man nur für einen Moment unachtsam gewesen und dafür bestraft worden, so wie Heimdall in der Geschichte Lagerthas, der Wächter der Götter, der seinen Posten eigentlich nie verlassen darf, weil sonst zu viel auf dem Spiel steht. Und genau in dieser Position findet sich nun Lagertha wieder, für die es ein Stück weit ihre Bestimmung ist, für andere einzustehen und diese zu beschützen, so sehr sie auch Abstand zu dieser Rolle sucht, die mit Blutvergießen und großem Leid einhergeht.
Doch die Menschen fühlen sich zu ihr hingezogen, sie wissen, dass sie sich auf Lagertha verlassen können. Und Lagertha möchte dieser Verantwortung nach wie vor gerecht werden, sie kann solche Gräueltaten nicht tatenlos geschehen lassen und tolerieren. Das zeichnet sie als Charakter aus, ihre Integrität und ihr Pflichtbewusstsein, auch wenn es auf persönlicher Ebene ein wenig tragisch ist, weil sie wegen diesen besonderen Eigenschaften wahrscheinlich niemals Ruhe finden wird. Jemand wie Lagertha bemitleidet sich jedoch nicht selbst, das hat sie noch nie getan - und so gräbt sie wieder ihre Klinge aus und bereitet sich auf das vor, was ihr in die Wiege gelegt wurde. Nicht das blinde Töten grässlicher Widersacher und das Stillen einer perversen Blutlust. Sondern das bereitwillige Annehmen einer Führungsrolle, ihr natürlicher Instinkt, andere, wehrlose Menschen zu schützen und Empathie für diejenigen zu zeigen, die extrem gelitten haben und ihre Hilfe brauchen. Lagerthas Privatkrieg steht bevor und meine Sorge um ihre Enkelkinder, von denen sich Ubbe und Torvi sehr zweideutig verabschiedet haben, ist gewaltig. Wir dürfen gespannt sein.
Hier abschließend noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x04, All the Prisoners:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 12. Dezember 2019Vikings 6x03 Trailer
(Vikings 6x03)
Schauspieler in der Episode Vikings 6x03
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