Vikings 6x02

Vikings 6x02

Familie ist alles: In The Prophet erfahren wir mehr über den neuesten Zugang im großen Vikings-Ensemble, während Bjorn eine schwierige Entscheidung treffen muss. Die sechste Staffel des Historiendramas kommt im Großen und Ganzen eher zögerlich aus den Startlöchern, selbst wenn an einer Stelle besonders auf die Tube gedrückt wird.

Vikings (c) History
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© ikings (c) History

Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt.

Was der unsterbliche Barde einst im Rahmen seines Theaterstücks „Heinrich IV., Teil 1“ so unvergesslich zu Papier gebracht hat, könnte für die neueste Herrscherfigur in Vikings zutreffender nicht sein. König Bjorn (Alexander Ludwig) von Kattegat ist bei weitem nicht der erste seiner Zunft, der sich angesichts pikanter politischer Umstände in einer unangenehmen Zwickmühle wiederfindet. Wenn man genau überlegt, war dies schon immer ein sehr wichtiges Element der Serie: die Rolle von zentralen „Führungskräften“, wie diese handeln und welche Auswirkungen ihre Entscheidungen und Taten letztlich nach sich ziehen - für sie selbst, aber auch für ihre Gefolgschaft, die Menschen, die ihr Vertrauen in sie setzen, oder vielleicht gar keine andere Wahl haben, als ihnen zu gehorchen und treu ergeben zu sein.

Vikings“ hat sich stets um Figuren wie Ragnar, Ecbert von Essex, Lagertha, Harald, Alfred the Great und viele weitere Persönlichkeiten gedreht, die sich ihren Weg an die Spitze ihrer Gesellschaft gebahnt haben oder von Geburt an den Platz an der Sonne für sich beanspruchen konnten. Jene Charaktere müssen neben ihren persönlichen Zielen und Wünschen stets auch berücksichtigen, welche Konsequenzen ihre Taten für die Allgemeinheit nach sich ziehen. Manch einer hat diese anspruchsvolle Aufgabenstellung besser bewerkstelligt als andere, doch ein Vergleich der verschiedenen königlichen Gemüter ist nahezu unmöglich, weil die Voraussetzung in der jeweiligen Lebenssituationen eines jeden Einzelnen von ihnen und die Umstände, die sie umgeben, so spezifisch sind, dass Herrscher nicht gleich Herrscher ist. Für diese verantwortungsvolle Position gibt es kein allgemeingültiges Lehrbuch. Und das muss nun auch langsam Bjorn erkennen, der weiterhin rätselt, wie er diese Rolle erfüllen soll.

The great struggle

Zum einen hat er den Bewohnern von Kattegat versprochen, dass sich das Königreich neu aufstellen und mehr in den Handeln mit anderen Parteien investieren wird, um einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung zu erfahren. Zum anderen holt Bjorn jetzt aber eine alte Schuld gegenüber Harald ein, dem er dabei helfen soll, sein altes Reich zurückzuerobern. Was tun? Bjorn möchte gegenüber seinem Volk zu seinem Wort stehen und eine florierende Zukunft auf den Weg bringen. Andererseits ist er ein Ehrenmann, durch und durch, der nicht vergessen hat, was Harald für ihn getan hat. Man merkt dem jungen Anführer an, dass er sich unsicher ist, und in dieser Unsicherheit wendet er sich eben an die Menschen, deren Meinung er wertschätzt und die mit ihrer Erfahrung von großem Nutzen sein könnten: seine Familie.

So richtig voran kommt er aber auch trotz deren Ratschläge und Einschätzungen nicht, weil es letztlich eben doch seine Entscheidung ist, die zählen wird. Ein unschönes Dilemma für Bjorn, das man nachvollziehen kann, wenngleich man aber auch festhalten muss, dass sich dieser Teil der Episode phasenweise ein wenig hinzieht. Bjorn klopft nicht nur seine Liebsten ab, er sucht auch den spirituellen Kontakt zu höheren Kräften, die ihn letztlich auch nicht weiterbringen. Außer, dass sie ihn davor warnen, sich nicht von seinen Göttern abzuwenden, egal, was in der Zukunft auch passieren mag. Ja, man kann die missliche Lage Bjorns verstehen, sie wird aber auch arg ausgekostet - und zwar noch lange, nachdem uns als Zuschauer längst bewusst ist, was für ein verzwickter Konflikt sich da im Inneren des Wikingerkönigs zusammengebraut hat...

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Our way

Was fehlt, ist letztlich ein klassischer call to action, eine Art Initialzündung, die in dieser Episode noch ausgespart wird, wodurch die Handlung in Skandinavien allen voran trockener Exposition und notwendigem Stühlerücken dient, um weitere Plotentwicklungen vorzubereiten. So kann Bjorn zum Beispiel seinen Halbbruder Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Torvi (Georgia Hirst), die Mutter seiner Kinder, davon überzeugen, ihre große Reise gen Westen zu verschieben (ein Treffen mit dem mysteriösen Wanderer Othere muss also verschoben werden), um die Geschicke in Kattegat zu leiten, während Bjorn Harald zur Hilfe eilen will. Wieder einmal kehrt ein König, der seinem Volk den Aufbruch in eine neue Ära versprochen hat, den Rücken zu, um in der Fremde Krieg zu führen. Dass dies bisher selten gut ausgegangen ist, hat die Vergangenheit gezeigt. Bedauerlich, dass auch Bjorn in diese Falle tappt, doch er ist nun einmal, wer er ist, und deshalb kann er Haralds Gesuch nach Unterstützung nicht ignorieren. Es passt zu seiner Figurenzeichnung, es wäre aber auch interessant gewesen, wenn er diesen Kreislauf durchbrochen hätte. Doch dann gäbe es auch keinen Konflikt...

Die Folgen von Bjorns Entscheidungen deuten sich bereits an: Lagertha (Katheryn Winnick) rückt zum Beispiel ins Visier von Ivars alten Handlangern um White Hair (Kieran O'Reilly), die Bjorn im Staffelauftakt noch verschont und verstoßen hatte. Lagertha, die sich schnell an ihr neues Leben im Ruhestand gewöhnt hat und diesen genießt, wird zur Zielscheibe, ihr Sohn kämpft abermals in Kriegen, die nicht seine sind, und Kattegat ist verwundbar. Hinzu kommt ein potentieller Unruhestifter wie Kjettil Flatnose (Adam Copeland), der allein aus Island zurückgekehrt ist und Ubbe bei seiner Ankunft nur die halbe Wahrheit erzählt. Ubbe sieht man Kjettil gegenüber in einem Moment eine gewisse Skepsis an, Bjorn geht da schon weitaus forscher mit dem bärtigen Hünen ins Gericht. Die Entscheidung, Kjettil mit auf Bjorns Feldzug zu nehmen, mutet ein wenig wahllos und konstruiert an. Als müsse man irgendwie dafür sorgen, dass Kjettil mit Bjorn weiterzieht, um eine ungewisse Spannung aufzubauen, bis Kjettil irgendwann vielleicht sein wahres Ich offenbart, die bestialische Seite, die wir in der letzten Staffel auf Island gesehen haben.

Während der verschollene Floki weiterhin nur erwähnt wird und man ohnehin nicht allzu viel auf die Berichte Kjettils geben kann, ist somit in Kattegat alles für den eigentlichen Kickstart der Staffel oder zumindest einen Teil der Handlung angerichtet. Der besorgniserregende Zustand des rachsüchtigen Hvitserks (Marco Ilso) wird erneut kurz thematisiert, was wir uns offensichtlich vormerken sollen, und Bjorn wird noch kurz von Gunnhilds (Ragga Ragnars) Dienerin Ingrid (Lucy Martin) in Versuchung geführt, was obendrein verdeutlichen soll, dass es der neue König von Kattegat momentan alles andere als leicht hat, einen klaren Kopf zu bewahren. Mit der Hilfe seiner Familie kann er jedoch erst einmal ein klein wenig aufatmen und sich fokussieren, auch wenn ich sicherlich nicht der einzige bin, dem Übles hinsichtlich Bjorns Entscheidung schwant.

Family business

Das Thema Familie und welche Rolle diese bei wichtigen Lebensentscheidungen spielen kann, ist auch im zweiten großen Handlungsstrang von The Prophet recht präsent - jedoch in etwas anderer, kaltblütigerer Form als in Kattegat rund um Bjorn Ironside. Wir erhalten neue Informationen zu Prinz Oleg (Danila Kozlovsky), der im Zuge eines nicht sehr subtilen Puppenspiels am Hofe von Kiew Einblicke in sein tiefstes Inneres gewährt. Die Vorführung zielt eindeutig auf Olegs eigene Lebensgeschichte ab, der seine Frau und deren Liebhaber um die Ecke brachte und sich dadurch in der Folge selbst große Schmerzen bereitete, die mittlerweile einer rasenden Wut und immensem Misstrauen gegenüber allem und jedem gewichen sind. Dieses Misstrauen gilt sogar für seine eigene Familie, genauer seinen drei Brüdern, von denen einer bereits verstorben ist. Igor (Oran Glynn O'Donovan), der Sohn des toten Bruders, ist wiederum der Kronprinz des Rus-Reiches. Wer also den jungen Erben Igor kontrolliert, kontrolliert das Königreich.

Wie sich dann wenig später im beschaulichen Novgorod herausstellt, geht Oleg über Leichen, um seine Herrschaftsanspruch zu manifestieren. So wird mir nichts, dir nichts sein Bruder Askold (Blake Kubena) von ihm vergiftet, der aktuelle Vormund des Kronprinzen, womit der Weg für Onkel Oleg frei ist. Doch Prinz Dir (Lenn Kudrjawizki), Bruder Numero 4, kann diese Tat nicht einfach so durchgehen lassen und macht mobil, woraufhin Oleg wiederum ein weiteres Ass aus seinem Ärmel zieht und Prinz Dir da trifft, wo es diesem am meisten wehtut. Er zaubert Dirs geheime Ehefrau hervor und besitzt somit das perfekte Druckmittel, um weiter Igors neuer alter Vormund zu sein und um seine Flucht aus Novgorod zu ermöglichen. So geht man mit seiner aufmüpfigen Familie um: gnadenlos effizient und mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen. Und wenn man sich am Ende den feixenden Ivar (Alexander Hogh Andersen) ansieht, dann könnte man fast meinen, der Wikinger hätte ein neues, strahlendes Vorbild gefunden.

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Don't you want to dance?

Glasklarer geht es kaum: Ivar erkennt sich natürlich ein Stück weit wieder in Oleg, der sich von seiner Familie nicht in irgendeine Position drängen lässt, sondern sich das nimmt, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Ivar, der jüngste von Ragnars Söhnen, wurde aufgrund seiner Behinderung stets belächelt und vertröstet, bis er sich irgendwann erhoben und aggressiv seine Ziele verfolgt hat. Das ging eine Zeit lang gut, bis er gestürzt wurde. Und jetzt findet er sich am Boden wieder, jedoch an der Seite eines vielleicht noch viel grausameren, egoistischeren Weggefährten, mit dem sich Ivar problemlos identifizieren kann. Oleg agiert aktuell eine Stufe über Ivar, dessen warme Seite wir zum Beispiel im Zusammenspiel mit Igor zu sehen bekommen. Vielleicht, weil Ivar auch den verängstigten Igor sehr gut verstehen kann. Er ist nur ein unschuldiges Kind und kann sich keine Vorstellungen machen, welches Erbe auf seinen Schultern lastet, welche Bedeutung er für die Vorherrschaft im Reich der Rus einnimmt.

Doch auch hier ahnt man bereits, dass der unberechenbare Oleg seinen gewaltigen Schatten weit vorauswirft und Igor deshalb durchaus gefährlich lebt. Was, wenn Oleg sich irgendwann einmal dazu entscheidet, Igor zu töten, um in der offiziellen Thronfolge aufzusteigen? Wie wird Ivar dann reagieren? Für ihn ist Oleg ein Mittel zum Zweck, der tanzwütige, teils manische Prinz kann jederzeit in alle Richtungen ausschlagen. Mit der Charakterisierung Olegs möchte man die Zuschauer ohnehin auf Trab halten, damit wir uns niemals allzu sicher sind, was dieser als Nächstes tut. Die Figur an sich ist weiterhin stereotypisch übertrieben inszeniert, ich muss aber auch zugeben, dass das abwechslungsreiche Spiel von Danila Kozlovsky recht unterhaltsam ist und Oleg mit Abstand die aufregendste Personalie darstellt, die diese Folge zu bieten hat.

Keys to the kingdom

Der Reiz des Unbekannten überwiegt hinsichtlich Oleg doch sehr, kann man ihn logischerweise doch noch überhaupt nicht einschätzen. Als er die Geschichte erzählt, wie er seinen Beinamen „der Prophet“ erhalten hat, nimmt man diese Informationen erst einmal interessiert auf. Ihm gelang es einst, Konstantinopel zu erobern, doch die Stadt konnte nicht gehalten werden, und so kam es zu Friedensverhandlungen. Im Zuge dieser wäre Oleg beinahe tödlich vergiftet worden, hätte er in der Nacht zuvor nicht davon geträumt, dass genau dies geschehen würde. Das klingt nach einer soliden origin story, deren Glaubwürdigkeit jedoch sofort infrage gestellt werden kann, als Askold von Oleg vergiftet wird. Hat Oleg Ivar die Geschichte nur erzählt, um ihn davon in Kenntnis zu setzen und zu warnen, was gleich passieren wird? Oder verfügt Oleg wirklich über hellseherische Fähigkeiten?

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Frau von seinem Bruder Dir, die dieser nicht vor Oleg geheim halten konnte. Eine Eingebung des Propheten? Oder schlichtweg die Vorzüge einer exzellenten Aufklärung? Um Oleg wuseln immer wieder maskierte Handlanger herum, als wären sie Teil einer Spezialeinheit des Prinzen, der durch dieses Instrument seine Macht nicht nur erhalten, sondern noch weiter ausbauen kann. Nachdem der erste Eindruck von Oleg in der Auftaktepisode der sechsten Staffel von Vikings aus meiner Sicht eher mittelmäßig war, finde ich diesen neuen Charakter nun doch um einiges interessanter als erwartet. Nicht, weil seine lapidare Grausamkeit so schockierend oder die Parallelen zu Ivar so faszinierend sind. Nein, in einer Folge, die insgesamt zwar mehr als solide ist, in der aber auch viele altbekannte Fässer aufgemacht werden, ist Prinz Oleg aus der Kiewer Rus wie eine Art X-Faktor, von dem ein frischer Wind ausgeht.

Hier abschließend noch der Trailer zur „Vikings“-Episode 6x03 Ghosts, Gods and Running Dogs:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 6. Dezember 2019
Episode
Staffel 6, Episode 2
(Vikings 6x02)
Deutscher Titel der Episode
Der Prophet
Titel der Episode im Original
The Prophet
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 4. Dezember 2019 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 5. Dezember 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 5. Dezember 2019
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Stephen St. Leger

Schauspieler in der Episode Vikings 6x02

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig

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