Vikings 6x01

Vikings 6x01

Der Auftakt der finalen sechsten Staffel von Vikings steht gemäß des vielsagenden Episodentitels im Zeichen zahlreicher Neustarts für die unterschiedlichen Charaktere. Trotz einiger Momente der ruhigen Selbstreflexion wird jedoch keine Zeit verschwendet, die nächste große Bedrohung am Horizont zu etablieren.

Vikings (c) History
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© ikings (c) History

Nein, liebe Vikings-Fans, mit Ragnarok, dem fulminanten Finale der fünften Staffel, war im Januar dieses Jahres das Ende der Fahnenstange für die langlebige History-Produktion noch längst nicht erreicht - dieser seriengewordenen Götterdämmerung mitsamt epischer Schlacht um Kattegat und vorläufiger Auflösung des ewigen Bruderkonflikts zwischen Ivar (Alex Hogh Andersen) und Bjorn (Alexander Ludwig) zum Trotz. Es geht tatsächlich noch ein bisschen weiter, ein letztes Mal zumindest, hat doch am gestrigen Mittwoch die sechste und auch abschließende Staffel des Historiendramas ihre US-Premiere gefeiert, die in Deutschland seit Donnerstag, den 5. Dezember wie gewohnt wöchentlich bei Amazon Prime Video zu sehen ist.

Serienschöpfer Michael Hirst hat mit seiner Crew abermals 20 Episoden auf die Beine gestellt, die die große Wikingersaga laut Hirst für alle „Vikings“-Jünger zu einem befriedigenden Ende führen sollen. Zum Auftakt präsentiert man uns mal wieder eine Doppelfolge, deren erster Teil konträr zum bevorstehenden Abschluss der Serie (der zweite Teil der sechsten Staffel wird im späteren Verlauf des Jahres 2020 ausgestrahlt) ein besonderes Augenmerk auf diverse Neuanfänge unterschiedlicher Figuren legt, welche nach den Ereignissen am Ende der vorangegangenen Staffel vor neuartigen Herausforderungen stehen und sich außerdem in ungewohnten Positionen wiederfinden. Strukturell und erzählerisch erfindet sich die Serie am Anfang ihres Ende zwar überhaupt nicht neu, dafür gibt man uns jedoch einen interessanten Blick auf die zentralen Charaktere der Geschichte, deren Leben teils gewaltige Veränderungen erfahren haben.

Skogarmaor

Am härtesten dürfte es in dieser Hinsicht wohl Ivar getroffen haben, der im direkten Duell mit seinem Halbbruder Bjorn den Kürzeren gezogen hat, aus Kattegat fliehen musste und sich nun in ganz neuen Gefilden befindet. Ivar, der nicht mehr nur körperlich, sondern auch ein Stück weit mental gebrochen ist, reist in New Beginnings zunächst entlang der legendären Seidenstraße, die ihn durch fremde Länder mit ihm völlig unbekannten Kulturen führt. Sein Ziel ist unklar, er befindet sich halt auf der Flucht, und so lässt er diese andersartigen Eindrücke etwas griesgrämig wie ein geprügelter Hund, jedoch gleichzeitig mit offenen Augen auf sich einprasseln. Schade, dass wir als Zuschauer nur in Form einer gelungenen, Fernweh weckenden Montage an Ivars wundersamer Reise ins Ungewisse teilnehmen, wäre es doch durchaus spannend zu sehen, wie er sich in dieser ungewohnten Umgebung konkret zurechtfindet.

Deserted places

Doch die Zeit drängt offensichtlich, also trifft Ivar recht zügig auf einen neuen Charakter, der im Vorfeld der sechsten Staffel bereits als das nächste große Übel angekündigt wurde und dem Knochenlosen in nicht viel nachstehen soll, wenn es um Skrupellosigkeit und etwaige Gräueltaten geht: Prinz Oleg (Danila Kozlovsky) aus der Kiewer Rus. Wir finden uns auf einmal tief in den schneebedeckten Wäldern Osteuropas wieder, in denen es einen allein vom Zusehen bereits fröstelt. Hier hat Ivars Reise vorerst ein Ende, wird er doch von Oleg in Gewahrsam genommen, dem Ivar durchaus bekannt ist, welchem gegenüber er allerdings große Skepsis hegt, was der Wikinger nun in seinem Reich zu suchen hat. Während sich das Duo etwas besser kennenlernt, tut sich für uns Zuschauer eine neue Welt auf, was gleich zu Beginn der Staffel eine willkommene Abwechslung darstellt. Dass wir jedoch mehr über den Kulturkreis der Rus, das Leben in der klirrenden Kälte und die imposante Hauptstadt Kiew erfahren werden, darf früh bezweifelt werden. Denn: Alle Wege führen letztlich zurück nach Kattegat...

Wie sich nämlich nach ein paar blutigen Grausamkeiten (ein Begleiter Ivars wird brutalst gefoltert und aus dem Leben getilgt) und kuriosen Annäherungsversuchen zwischen dem unberechenbaren Oleg und dem leicht überforderten Ivar herausstellt, haben sich hier anscheinend zwei gefunden. Beide Männer haben augenscheinlich einen mehr oder minder großen psychologischen Knacks, leiden an Größenwahn sowie Allmachtsvorstellungen und teilen dann noch das Trauma, einst von ihrer Liebsten hintergangen worden zu sein. Wenn das mal nicht die perfekte Grundlage für eine Allianz ist, die Oleg und Ivar zurück nach Kattegat bringen soll. Bessere Nachrichten könnte es für den entthronten König und den gefallenen, selbsternannten Gott wohl kaum geben.

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History - © History

A special relationship

Um den Ball und somit die Handlung unverzüglich ins Rollen zu bringen, ergibt die Einführung von Oleg - übrigens verkörpert von Danila Kozlovsky, der in der mittelmäßigen Direct-to-DVD-Produktion „Viking“ von 2016 mit dem Thema Wikinger bereits in Berührung kam - durchaus Sinn. Oleg stellt mal wieder eine völlig unbekannte Variable in der großen, umfangreichen Gleichung namens Vikings dar, über deren Auswirkung man zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren kann. Er ist kaltblütig, ambitioniert und, nun ja, eher ein „spezieller“ Typ Mensch. In Kombination mit Ivar könnte er ein launenhaftes duo infernale bilden, das den neuen Status quo innerhalb der Serie abermals ordentlich auf den Kopf stellen könnte. Einerseits.

Andererseits ist die anfängliche Vorstellung von Oleg jetzt nicht unbedingt sehr reizvoll und kratzt mitunter extrem an schallender Klischeehaftigkeit. Hinzu kommt, dass seine Motivation, in seine alte Heimat Norwegen zurückzukehren - er ist selbst Rus-Wikinger -, etwas schwammig erscheint. Oleg wird blitzartig eingeführt und etabliert, wodurch zwar eine gewisse Art der Dringlichkeit und Aufbruchsstimmung entsteht, jedoch gleichzeitig das Gefühl erzeugt wird, dass er als Charakter, was die Tiefe seiner Persönlichkeit und seines Wesen angeht, etwas auf der Strecke bleiben könnte. Mir persönlich geht das alles ehrlich gesagt zu schnell: In wenigen Szenen erhalten wir einen groben Abriss zu dieser Figur, wie sie tickt, was für seltsame Vorlieben Oleg pflegt (mit dem Heißluftballon über Kiew segeln zum Beispiel) und was ihn nachhaltig geprägt hat (der Verrat seiner Frau, die er eigenhändig umgebracht hat).

Dass er und Ivar sich auf einer Wellenlänge wiederfinden, ist mehr als deutlich. Der Ansatz, den Michael Hirst hier wählt, ist jedoch sehr unmittelbar, was einige Zuschauer aber wahrscheinlich gegenüber einer bedachteren Vorgehensweise präferieren. Die Idee ist wohl, beide Figuren im Laufe der Staffel immer mehr zusammenzubringen, so dass sich eine wertige Beziehung zwischen Ivar und Oleg entwickelt, im Rahmen derer wir tiefgründigere Einblicke in den Rus-Herrscher erhalten. Eine bekannte und bewährte Methode, wie die Vergangenheit gezeigt hat, siehe zum Beispiel Heahmund (‎Jonathan Rhys Meyers), eine Figur, bei der es ähnlich verlief. Dennoch kann ich mich nur schwer von dem wechselhaften Ersteindruck freimachen, den Oleg hinterlässt. Vielleicht schwingt da aber auch etwas die Befürchtung mit, dass wir den neuen, interessanten Handlungsort in der Kiewer Rus wahrscheinlich gar nicht weiter ergründen werden, da Hirst seine Wikinger eben schnellstmöglich wieder zurück in Skandinavien haben will.

Chasing shadows

Dort ist wiederum nach der Schreckensherrschaft von Ivar ein neues Zeitalter unter König Bjorn angebrochen. Dessen Vorstellung, die Nordleute von Kattegat anzuführen, ist weitaus basisdemokratischer und offener, als es noch im vorherigen Terrorregime Ivars der Fall war. Für Bjorn beginnt nun ebenfalls eine spannende, neue Zeit: Er ist jetzt der Entscheidungsträger, er trägt eine große Verantwortung und will sich selbst und allen anderen beweisen, was in ihm steckt - und zwar nicht als Krieger oder Feldherr, sondern als König. Der Ausbau von Handel, Expansionspläne, Urteile, die gefällt werden müssen, all das sind neue Herausforderungen von Bjorn, der einen anderen Weg als Ivar einschlägt und anstrebt, aus dem Schatten seines Vaters Ragnars herauszutreten. So stellt sich ihm automatisch die Frage, was für ein König er sein will.

Lässt er Gnade vor Recht ergehen, so, wie er Ivars Handlanger in die Verbannung schickt und nicht hinrichten lässt? Werden ihn solche gütigen Entscheidungen später wieder einholen? Soll er Harald (Peter Franzén) unterstützen, der tatsächlich noch am Leben ist, sein Königreich aber verloren hat und jetzt um Bjorns Mithilfe bittet, dieses gemeinsam zurückzuerobern? Harald war für ihn da und hätte an seiner statt stehen können. Zahlt Bjorn diese Schuld nun zurück? Oder lässt er in Kattegat endlich Frieden einkehren? Es ist offensichtlich nicht leicht für ihn, Antworten auf all diese Fragen zu finden. Könnte er sich doch nur auf seine Nächsten verlassen, mit denen er am liebsten zusammen eine neue Welt aufbauen würde. Doch die Menschen um ihn herum zieht es weiter, zu anderen Orten und zu eigenen Aufgaben. Und wer, wenn nicht Bjorn kann das verstehen... Er selbst hat sich im Laufe seines Lebens immerhin schon auf zahlreiche Abenteuer begeben, um seinen Weg und somit auch sich selbst zu finden.

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Humble servants

Bjorn ist ein Charakter, der in Vikings seit Beginn an eine Rolle gespielt und dem wir als Zuschauer bei seinem Wachstum - wortwörtlich, aber auch im übertragenen Sinn - beigewohnt haben. Nach seinen Anfängen als junger Berserker, seinem Vater Ragnar treu ergeben, komplizierten Konflikten mit seinem Onkel Rollo (Clive Standen), der ebenso Vaterfigur für Bjorn gewesen ist (bis heute wird spekuliert, ob er nicht sogar sein wahrer Vater ist), seinen Selbstfindungsreisen in weit entfernte Ländereien und seinen Aufstieg als Anführer, lebende Ikone der Wikinger und Sprachrohr seines Volkes, ist Bjorn nun an der Spitze angekommen. Und dort ist es bekanntermaßen einsam. Wir dürfen gespannt sein, wie die Regentschaft eines Bjorn Ironside aussehen wird, der seinen unglaublichen Wert auf dem Schlachtfeld mehrfach nachgewiesen hat, jetzt jedoch in ganz anderen Schuhen steckt, was eine neue Denke und auch eine diplomatischere Herangehensweise erfordert.

Gut, wenn man sich in dieser ungewohnten Drucksituation auf diejenigen verlassen kann, die einen immer unterstützt haben. Doch da haben wir schon das Problem: Ubbe (Jordan Patrick Smith) und die schwangere Torvi (Georgia Hirst) zieht es allem Anschein nach weit in den Westen, wahrscheinlich nach Grönland, auf der Suche nach einem neuen Land und Leben. Hvitserk (Marco Ilso) wirkt extrem instabil und ist rein äußerlich ein Schatten seiner selbst, der Verlust von seiner Geliebten Thora (Eve Conolly) wiegt viel schwerer, als man gedacht hätte. Und Bjorns Mutter Lagertha (Katheryn Winnick), gleich mehr zu ihr, will sich komplett zurückziehen und ihrem Sohn das Feld überlassen, der es sich verdient, seinen eigenen Weg zu gehen, ohne dass sie an seiner Seite mitmischt.

Bleibt noch Gunnhild (Ragga Ragnars), Bjorns Frau und somit auch die neue Königin über Kattegat, die ihrem Gatten ihren Rückhalt zusichert. Die Szenen zwischen den beiden sind voller Warmherzigkeit und Verständnis, doch so richtig mag man dem Braten nicht trauen. Gunnhild, die in der zweiten Hälfte der fünften Staffel ihren ersten Auftritt hatte, wurde bereits als sehr eigenständige, rigorose Kämpfernatur etabliert, der Freiheit ungemein viel bedeutet. Beißt sich ihr unermüdliches Streben nach Unabhängigkeit nicht mit ihrer Beziehung zu Bjorn und ihrer neuen Rolle als Königin, die ihr in gewisser Art und Weise Fesseln anlegt? Oder gibt es einen gesunden Zwischenweg? Ihre Liebe gegenüber Bjorn erscheint aufrichtig, doch vielleicht sollte man das Ganze auch mit ein bisschen Vorsicht genießen.

A different kind of life

Für Lagertha ist derweil wie bereits erwähnt die Zeit gekommen, aus dem Scheinwerferlicht zu treten und ein ruhiges Leben zu führen, abseits der Wikingergesellschaft, in der sie verehrt und gefeiert wird. Auch sie ist eine Figur, deren langen, mühseligen, facettenreichen, aber auch sehr schmerzhaften Weg wir intensiv miterlebt haben. Es ist nur verständlich, dass die seelisch sowie physisch gezeichnete Schildmaid ihre Rüstung an den Nagel hängen und ein Leben in Frieden und Ruhe führen will, weit weg von den Machenschaften der Wikinger. Und so sucht sie sich ein idyllisches Fleckchen im skandinavischen Nirgendwo, an dem sie auf einer kleinen Farm heimisch werden möchte, so wie damals, in ihren jungen Jahren an der Seite ihres geliebten Ragnars, als alles noch so viel leichter war... Es ist schwer vorstellbar, dass ein Aushängeschild wie Lagertha wirklich in den - wohlgemerkt absolut verdienten - Ruhestand versetzt wird. Doch Katheryn Winnicks empathische Darbietung und die Erinnerungen daran, was ihr Charakter alles durchgemacht hat, sorgen dafür, dass sich diese Entwicklung verdient anfühlt und man sich auch schweren Herzens damit arrangieren könnte.

Für einen kurzen Augenblick steht dann aber unser aller Herz still, denn Lagertha, ein letztes Mal in ihrer Rüstung gekleidet, trägt ihr Schwert zu Grabe, um die Abkehr von ihrem Leben als Kriegerin und Anführerin auch symbolisch deutlich zu machen. Kurz habe ich gedacht, dass sie in diesem Moment den Freitod wählt, denn bereits zuvor wird suggeriert, dass sie an diesem neuen Ort inmitten alter Geister Frieden finden wird. Doch Aufgeben zählt letztlich nicht zum Wortschatz Lagerthas, die lieber einen Neuanfang sucht und das vom Leben genießen will, was ihr noch bleibt. Es kommt schon etwas Wehmut auf, wenn man sich diese Szenen ansieht. Aber es kommen auch Zweifel. Wie heißt es noch so treffend in einem der größten Mafia-Epen unserer Zeit: „Just when I thought I was out, they pull me back in.“ Man wünscht als langjähriger Zuschauer dieser Figuren ihren Frieden, so absurd es klingen mag. Aber ob sie ihn auch wirklich finden wird?

Hier abschließend noch der Trailer zur 6. Staffel der US-Serie Vikings:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 5. Dezember 2019

Vikings 6x01 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 1
(Vikings 6x01)
Deutscher Titel der Episode
Im Reich der Rus
Titel der Episode im Original
New Beginnings
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 4. Dezember 2019 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 5. Dezember 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 5. Dezember 2019
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Stephen St. Leger

Schauspieler in der Episode Vikings 6x01

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Nathan O'Toole

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