Vikings 5x19

© ??Vikings“ (c) History
Gott, Götter, Glaube - so gut wie in jeder Episode des Historiendramas Vikings gibt es einen Verweis auf Aspekte wie diese, scheinbar überiridische Mächte, die Einfluss auf das Leben der Protagonisten nehmen. Immer wieder hat Chefautor Michael Hirst seine Figuren eine Art Läuterung erfahren lassen, zentrale Charaktere wechselten nach reichlicher Überlegung oder auch von jetzt auf gleich die Glaubensrichtung - entweder, weil sie wirklich von ihren neuen Ansichten überzeugt waren oder aber vielleicht in der Religion auch nur ein Mittel zum Zweck gesehen haben, um ihre Ziele zu verwirklichen. Wie dem auch sei, die Bedeutung einer schwer in Worte zu fassenden, alles kontrollierenden Entität, ob es nun der Christengott, Odin oder mittlerweile auch Buddha ist, kommt in „Vikings“ ein besonderer Stellenwert zu. Allen voran in Zeiten der Selbstzweifel und Sorgen - und vor allem im direkten Anblick des Todes.
Wenn es hart auf hart kommt, die Lage furchtbar düster ist und es so scheint, als wären sämtliche Hoffnungen verloren, wenden sich die Menschen oft an eine Kraft, die weit über ihnen steht, ob ihre Existenz bewiesen ist oder nicht. Glaube versetzt Berge, er kann einen leiten und auf den richtigen Pfad führen - sofern man denn auch wirklich daran glaubt. Was für die einen Schicksal oder eine göttliche Fügung ist, nehmen andere als wissenschaftlich erklärbare Phänomene oder logische Konsequenzen eines bestimmten Handelns war. Die Perspektive ist entscheidend. In „Vikings“, das vor mehr als 1000 Jahren spielt, ist die Ehrfurcht vor einer außerordentlichen Macht weit größer, als es in der Moderne der Fall ist. Und dennoch finden sich nun in der Episode What Happens In The Cave mehrere Charaktere am Scheideweg wieder.
Gotta have faith
Kurz vor dem Staffelfinale hinterfragen sie ihre Überzeugungen, ihren Glauben und welche Bedeutung dieser wirklich in ihrem Leben einnimmt. Wir werfen einen spannenden Blick auf die Säulen dieser Erzählung, von denen sich viele lange Zeit ihrem Schicksal gefügt haben, unsicher gewesen sind, an was sie glauben sollen, die Religion per se infrage gestellt haben oder die nun für sich festlegen, nur noch auf sich selbst zu hören. Der große gemeinsame Nenner ist das Prinzip Glaube, ob nun an einen Gott, an eine Lebensaufgabe oder sogar vielleicht an einen anderen Menschen. Dabei deckt man in „What Happens in the Cave“ ein breites Spektrum an verschiedenen Persönlichkeiten und Werdegängen ab, was das Ganze wiederum so faszinierend macht. Wie definiert man Glaube? Ist das überhaupt möglich?
Trials and tribulations
Michael Hirst nimmt uns mit auf eine abwechslungsreiche, tiefsinnige Abhandlung zu dem Thema, bei der nebenbei wunderbar Momentum aufgebaut wird, angesichts eines denkbar fulminanten Staffelabschlusses, der uns in der nächsten Episode erwartet. Doch, bevor es zum vermeintlichen Höhepunkt kommt, der Kampf um Kattegat, an dem Ivar (Alex Hogh Andersen), Bjorn (Alexander Ludwig), Harald (Peter Franzen), Hvitserk (Marco Ilso) und ihre Armeen aufeinandertreffen werden, kehrt noch einmal etwas Ruhe ein. Eine gespenstische Stille, um genau zu sein, trauert doch der ganze Königshof von Wessex um Judith (Jennie Jacques), die noch einen letzten Atemzug tätigt und dann aus dem Leben scheidet.
Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) ist am Boden zerstört, doch Lagertha (Katheryn Winnick) spricht ihm Kraft zu. Judith hat ihr Leben lang alles dafür getan, dass Alfred in Sicherheit ist und dass aus ihm ein großartiger König wird. Sie hat ihren Glaube nicht nur in Jesu Christi, sondern vor allem auch in ihren Sohn gesteckt, der nun in der Pflicht ist, dieses Vertrauen und die Fürsorge seiner Mutter zurückzuzahlen. Es ist ein tragischer Einstieg, der hervorragend aufzeigt, welche „Versionen“ von Glaube und Hingabe existieren, und dass eine Lebensaufgabe nicht immer an etwas Großes, Gewaltiges oder an ein bestimmtes Schicksal gebunden sein muss. Es kann zum Beispiel auch die bedingungslose Liebe einer Mutter sein, die Berge versetzt.
Hier kannst Du „Vikings: Die Serie im Stream“ bei Amazon.de kaufen

Indestructible
Wir blicken auf Ubbe (Jordan Patrick Smith). Er muss sich nun in einem brutalen Zweikampf mit dem dänischen König Frodo (Gavan O'Connor-Duffy) beweisen, um einen neuen Krieg zu verhindern und gleichzeitig die Siedlung der Wikinger in England auf die nächste Stufe zu heben. Es ist ein hartes Duell, die anfänglichen Anfeuerungsrufe verstummen schnell, als klarwird, dass hier verbissen um Tod und Leben gerungen wird. Die Macher spielen gar ein wenig mit unseren Herzen, sieht es doch alles andere als gut für Ubbe aus, der der Stärke Frodos einzig seine Wendigkeit entgegensetzen kann. Im Angesicht des sicheren Todes erfolgt noch ein letztes Stoßgebet - aber nicht an den Christengott, sondern an Odin, an Ubbes alte Götter, die ihm doch bitte helfen sollen. Und tatsächlich: Ubbe rafft sich auf, Torvi (Georgia Hirst) hält ihm den Rücken frei, Frodo wird besiegt.
Der Sohn Ragnars ist schwer gezeichnet und bezahlt den Kampf für Frieden beinahe mit seinem Leben. Doch er wurde erhört. Nicht von Jesus Christi, sondern von den nordischen Gottheiten, die ihm in seiner Not Kraft gegeben haben. Das glaubt zumindest Ubbe selbst, der nun tief in seinem Herzen weiß, an was er wirklich glaubt. Das Kreuz um seinen Hals war nur Deko, ein Instrument, um das zu erreichen, was sein Vater Ragnar sich erträumt hatte: eine selbstständige Wikinger-Siedlung in England und eine friedliche Koexistenz mit den Angelsachsen. Aber wurde Ubbe wirklich von Odin, Thor und Frey aus dem Dreck gehoben? Oder hat ihn etwas anderes motiviert, zum Beispiel der Glaube an sich selbst oder der Glaube an den Traum seines Vaters? Es steht offen zur Interpretation, was Ubbe nun bewegt hat. Für ihn ist es einfacher, einer überirdischen Macht die Verantwortung zu geben, dadurch fühlt er sich selbst sicherer.
A life's mission
Mit Blick auf Ubbes Entwicklung, seine Opferbereitschaft und die absolute Hingabe für sein Ziel - die Verwirklichung von Ragnars Vision - kann ich mich aber auch mit der Lesart anfreunden, dass es Ubbe und sein unterbewusster Glaube an sich selbst sind, was ihn beflügelt. Wer kann es schon genau sagen? Mir gefällt sehr, wie offen sich What Happens in the Cave in dieser Hinsicht gestaltet und dass uns nie konkrete Antworten gegeben werden. Etwas exemplarisch dafür steht auch Lagertha, zu der es jetzt ein paar Einblicke gibt, was genau mit ihr nach der letzten Schlacht passiert ist. Wir erfahren nicht wirklich, was genau geschehen ist, die Waldhexe hat die verwundete Lagertha aufgenommen und verarztet, während sie sich im Delirium befand. Sie wurde neu geboren, und ist keine Schildmaid mehr, nicht mal mehr eine gefallene Wikingerkönigin, nein, sie ist jemand anderes. Jemand Neues. Wer genau? Wir wissen es nicht. Und das ist gut so, das ist passend.
Reborn
Lagertha, mit all den Dingen, die ihr bisher widerfahren sind, ist ein sehr komplexer Charakter und eine Frau, die so viel gesehen hat, so oft von den Göttern auf die Probe gestellt wurde. Sie waren gütig, sie waren ungerecht und unfair zu ihr. Und da Lagertha schon auf diesen beiden Seiten stand, hat sie eine gewisse Akzeptanz entwickelt, eventuell sogar eine Art Verständnis, dass es im Leben eben oft nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt oder erträumt hatte. Sie nimmt eine spezielle Position in der großen Galerie an Charakteren in Vikings ein, mittlerweile steht sie fast wie Ragnar über den Dingen und fungiert als weise Ratgeberin für andere. Diese Rolle steht ihr, sie hat genug Narben gesammelt, nun beginnt ein neues Leben für sie.
Ein Leben, in dem wieder das in den Fokus rückt, was lange Zeit zweitrangig war: der gemeinsame Traum mit Ragnar, der sie nach all den Herausforderungen und Rückschlägen mit Hoffnung erfüllt. Und ja, es kommt definitiv Hoffnung auf, als wir sehen, wie die Wikinger und Engländer in Frieden zusammenkommen. Die Erfahrung lehrt uns hier aber, dass wir nicht zu voreilig sein sollten und dass es in der Natur des Menschen liegt (wenn wir eine Sache aus dem Handlungsstrang auf Island mitgenommen haben, dann das!), auf seinesgleichen neidisch zu sein, sich egoistisch zu verhalten und Unheil zu stiften. Aber für den Moment glaubt man an dieses schwierige Ideal: Frieden und Verständnis zwischen den Völkern. Ein wahrlich schönes Bild, so fragil es vielleicht auch sein mag. Doch Ubbe, Torvi und Lagertha glauben daran, dafür werden sie weiter kämpfen. Und im Fall von Lagertha auch dann, wenn das Schicksal und die Götter ihr nicht hold sein sollten.

Through the storm
Die friedlichen Schwingungen in England werden in What Happens in the Cave von der kriegerischen Stimmung konterkariert, die in Skandinavien spürbar ist. Harald, Bjorn und deren Gefolgschaft wagen die riskante Überfahrt und kommen geschwächt in ihrer alten Heimat an. Dort kochen die Gemüter sogleich hoch, die Allianz zwischen Harald und Bjorn steht auf sehr wackligen Beinen. Zum Glück schreitet die fantastische Gunnhild (Ragga Ragnars) ein, die den beiden engstirnigen Alphatieren die Leviten liest und den kindischen Spuk beendet. Man merkt den Bündnispartnern an, dass sie gebeutelt sind, ihre Überreise stand unter keinem guten Stern. Doch Bjorn, scheinbar von den Göttern gesegnet, prescht voran - und der „ewige Zweite“ Harald kann nicht glauben, dass er tun kann, was er will, um Odin, Thor und wie sie alle heißen zu überzeugen. Er kommt einfach auf keinen grünen Zweig.
Eine interessante Randnotiz bei der Überfahrt ist der „wahre Wikinger“ Magnus (Dean Ridge), der in seiner Not um die Hilfe von Jesus betet. Darauf angesprochen tut er dieses Verhalten als einen Reflex ab, immerhin ist er in England groß geworden und musste dort ständig in die Kirche gehen. Magnus ist ein Paradebeispiel dafür, dass Menschen sich in schwierigen Situation an gewisse Glaubenskonstrukte klammern, um sich sicherer zu fühlen. Daran ist nichts verkehrt, es zeigt aber auch auf, wie simpel es sein kann, sich selbst Mut zuzureden, nur, weil man etwas glaubt, das vielleicht irgendwo da draußen existiert. Ganz davon abgesehen, dass Bjorn nicht besonders gut auf das Christentum zu sprechen ist und nun Magnus hinterfragen könnte, ist Magnus' Verhalten aus Angst um sein Leben einfach nur menschlich, weil wir uns im Elend daran festhalten, was uns Kraft und Zuversicht gibt. An verschiedenen Göttern, an dem fliegenden Spaghettimonster, an was auch immer...
Protected by the Gods
Dass Glaube auf diese Art und Weise auch instrumentalisiert werden kann, zeigt Ivar, der den Tod seines eigenen Sohnes schnellstmöglich hinter sich lassen will und sein Volk aufstachelt, sich auf den Krieg mit Bjorn, Harald und Hvitserk vorzubereiten. Kattegat ist auserwählt, die Götter sind auf ihrer Seite, sie werden siegreich sein! Hinter dieser Fassade sieht man jedoch einen verunsicherten Ivar, der eben doch nicht in der Gunst der Götter zu stehen scheint und von ihnen „bestraft“ wurde. Sein Selbstbild bröckelt, das zeigt sich vor seinen Untertanen, aber auch in den Szenen zwischen ihm und Freydis (Alicia Agneson), die den Verlust ihres Kindes nicht verkraftet und von Ivar misshandelt wird, der nichts mehr über dieses Thema wissen will. Ivars Glaube an seine bevorzugte Stellung - Freydis hatte übrigens großen Anteil daran, dass der junge „Gott“ sich selbst so wahrgenommen hat - schwindet, doch er stemmt sich gegen diesen Kontrollverlust und sein vermeintliches Schicksal, das plötzlich in eine ganz andere Richtung zeigt.
Aber was ist schon Schicksal? Hvitserk kann ein Lied davon singen, lange Zeit hat er versucht, es den Göttern recht zu machen. Wirklich zufrieden wurde er jedoch nicht, er wurde vielmehr immer wieder gedemütigt. Also geht er nun seinen eigenen Weg. Hvitserk hat sich womöglich von seinem neuen buddhistischen Glauben inspirieren lassen (wobei die Frage erlaubt sein darf, wie buddhistisch es ist, seinen eigenen Bruder umbringen zu wollen) und trotzt nun etwaigen göttlichen Fügungen, Omen oder Vorahnungen, wie sie zum Beispiel Olaf (Steven Berkoff) hat. Wenn man so lange immer wieder enttäuscht wurde und die Gebete und Fragen nicht erhört wurden, dann sucht man sich eben seine eigenen Antworten. Und diese Philosophie verfolgt nun Hvitserk, der sich mit Bjorn zusammenschließt, welcher diese Nachricht wiederum mit großer Freude aufnimmt.
Forces of nature
Wir sehen also: Glaube, ob an sich selbst oder an eine Gottheit, kommt in vielen Formen. Als Motivator, als Stütze, als Mittel zum Zweck. Und wenn alles nur ein Trugbild und es letztlich völlig egal ist, an was man glaubt, weil eh alles die gleiche Suppe ist? Auf Island steigt Floki (Gustaf Skarsgard) hinab in eine tiefe Höhle (Schulnote eins mit Sternchen für das location scouting), auf der Suche nach seinen Göttern. Die vulkanischen Aktivitäten um ihn herum nimmt er als die nimmermüden Zwerge wahr, die auf ihren Amboss hämmern. Er wird sie schon finden, seine Götter, und dann wird er sie zur Rede stellen. Tief im Inneren macht er dann eine Entdeckung: ein Kreuz aus massivem Stein, darauf Jesu Christi. Er kann nicht anders, als manisch drauflos zu lachen, bis aus seinem Gelächter schreckliche Schreie werden, die die Höhle zum Beben bringen. Oder ist es der Spott der Götter über ihn? Oder einfach nur der Vulkan, der genau in diesem Moment ausbricht und Floki in der Höhle begräbt?
Diese exzellente Szene wirft Fragen und verschiedene Interpretationsmöglichkeiten auf. Das Offensichtliche zuerst: Floki hat stets geglaubt, dass Island das Land seiner Götter ist und konnte sich nicht erklären, warum seine Expedition nicht von Erfolg gekrönt war. Doch die nordischen Gottheiten haben ihn nicht verlassen, sie sind einfach nie da gewesen. Ein grausamer Scherz auf Flokis Kosten, daher sein Lachen und daraufhin auch seine schmerzerfüllten Schreie, weil er von Anfang an auf sich allein gestellt war und dann auch noch indirekt den falschen Gott angebetet hat. Eine andere Idee: Floki erkennt, wie absurd das Konzept „Glaube“ eigentlich ist. Es kann dir Kraft und Hoffnung und eine Richtung geben, aber am Ende ist es eventuell nicht die beste Idee, sich einfach irgendeiner unerklärlichen Macht hinzugeben, die dann auch noch ihre erbarmungslosen Späße mit einem treibt. Das mögliche Ende Flokis, verschüttet und gebrochen, ist ein kleiner Schock, unter diesen vielsagenden Umständen passt es jedoch wie die Faust aufs Auge. Die Götter haben ihn zum Narren gehalten. Oder war es letztlich doch nur sein blinder Glaube, der ihn zu Fall gebracht hat?
Trailer zum nächste Woche anstehenden Finale der fünften Staffel (5x16) der US-Serie Vikings:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 24. Januar 2019Vikings 5x19 Trailer
(Vikings 5x19)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x19
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?