Vikings 5x17

© ??Vikings“ (c) History
Vorweg: Dies ist die zweite Kritik zu den aktuellen Folgen der fünften Staffel von „Vikings" innerhalb von zwei Wochen, die erst am Montag erscheint und nicht, wie gewohnt, bereits am Donnerstag, der Tag der wöchentlichen Ausstrahlung der Serie in Deutschland. Für diese Verzögerung möchte ich mich entschuldigen aufgrund meines Urlaubs und außerordentlichen Terminen war es zuletzt leider nicht anders möglich. Ab dem dieswöchigen Donnerstag kehren wir jedoch wieder zum gewohnten Veröffentlichungszyklus der Reviews zurück.
„Up onto the overturned keel. Clamber, with a heart of steel. Cold is the ocean's spray. And your death is on its way...“
Wahrlich, der Tod hat Einzug gehalten in den jüngsten Episoden der zweiten Hälfte der fünften Staffel von Vikings, in denen zuletzt munter gestorben und gemordet wurde. Auch The Most Terrible Thing nimmt sich in dieser Hinsicht nicht viel, auch hier dünnt Serienschöpfer Michael Hirst seine Galerie an verschiedenen Charakteren weiter aus - und das auf eine Art und Weise, die durchaus unerwartet kommt (zumindest für meine Begriffe) und extrem schockiert. Aber nicht nur das. „The Most Terrible Thing“ nimmt sich gleich mehrere schreckliche Dinge vor, die die Figuren beschäftigen oder mit denen sie zu kämpfen haben.
Mord und Totschlag ist das eine, lebensbedrohliche Umstände in naher Zukunft und potentieller Verrat das andere. Weitere Charaktere setzen sich indes mit den folgenschweren Taten der jüngeren Vergangenheit auseinander, während für manch einen wiederum nicht erwiderte Liebe das wohl Schlimmste in dieser gnadenlosen Welt ist, was man sich nur vorstellen kann. Das „Schlimmste“ liegt wie so oft im Auge des Betrachters und dessen persönlicher Perspektive. In „The Most Terrible Thing“ dient dieses Thema als exzellenter gemeinsamer Nenner, um die verschiedenen Charaktere zu verorten und ihre aktuelle Lage zusammenzufassen.
We are what we are
Auf diese Weise investiert man mal wieder etwas mehr Zeit in die Figurenzeichnung, das Wesen und die Motivation der einzelnen Hauptcharaktere. Das Resultat: ein paar überraschend intime, ehrliche Charaktermomente, von denen es zu Beginn der Halbstaffel eher wenige gegeben hatte. Nun, nach dem das „große Sterben“ vor ungefähr zwei Folgen begonnen hat, konterkariert man die vielen dramatischen Entwicklungen um plötzliche Figurentode sehr gut mit Szenen, in denen sich die Charaktere intensiv hinterfragen und sich ihren eigenen Dämonen, Entscheidungen und daraus resultierenden Konsequenzen stellen.
Zwar ist erneut zu beobachten, dass wir wild durch die verschiedenen Handlungsstränge springen, wodurch „The Most Terrible Thing“ auf den ersten Blick etwas ruhe- und rastlos wirken kann. Andererseits wiegt man diesen kleinen Makel gut mit reichlich emotionalem Gewicht auf, das sich vielerorts finden lässt und die Einzelgeschichten in Kattegat, England oder auch auf Island sehenswert macht. Ja, richtig gehört: Selbst dem Geschehen in dem alles andere als göttlichen Inselparadies kann man in dieser Episode einiges abgewinnen, etwas unerwartet zeigt die Formkurve hier nämlich steil nach oben. Nach langem Hin und Her erreichen wir den vermeintlichen Höhe- beziehungsweise zwischenmenschlichen Tiefpunkt dieser Geschichte, die, wenn wir ehrlich sind, leider nie richtig Fahrt aufgenommen hatte.
Hier kannst Du „Vikings: Die Serie im Stream“ bei Amazon.de kaufen

Hearts of steel
Doch nun kommt es zu einer faustdicken Überraschung, die zunächst aufgrund ihres großen Schockwerts einen heftigen Effekt hat. So stellt sich nämlich heraus, das Kjetill (Ex-Wrestler Adam Copeland, der seinen massiven Körper endlich zum Einsatz bringen darf) und seine Familie dem ausgestoßenen Eyvind (Kris Holden-Ried) und dessen Sippe nie wirklich helfen wollten. Sie wollten Rache, die sie nun auf extrem brutale Art erhalten, indem sie die Familie das kranken Eyvind ausradieren, deren Leichen entweihen und wenig später Eyvind selbst sowie dessen Sohn Helgi (Jack McEvoy) enthaupten. Eine gewisse Skepsis gegenüber der Rettungsmission von Floki (Gustaf Skarsgard) und Co hatte ich ohnehin, diese Entwicklung kommt dann für mich aber doch recht unerwartet. Kjetill, der sanfte Riese, kompromissbereit, verständnisvoll und nachsichtig, wurde gebrochen.
Der Tod seiner Tochter hat ihn auf einen dunklen Pfad gebracht, den er erfolgreich verborgen gehalten hatte - bis jetzt. Nun präsentiert er sich wie ein gnadenloser Wahnsinniger, von Blut- und Rachlust getrieben. Wie gesagt: Der Schock ist groß, doch das allein macht die Handlung in Island nicht gleich packender oder „besser“. Nach all den Versuchen Flokis, eine neue Gesellschaft aufzubauen, ohne Zwietracht und Eifersucht, wirkt es nun so, als wäre endgültig das Ende der Fahnenstange erreicht. Selbst der Gütigste, Friedvollste von den Einsiedlern wurde übel korrumpiert. Das Experiment ist fehlgeschlagen. In Aud (Leah McNamara) hatte Floki noch eine Gleichgesinnte, jemand, der seine Hoffnungen geteilt hatte (und dafür sogar eine Vision der Götter erfand, um ebenjene Hoffnungen am Leben zu erhalten). Dass diese sich jetzt aus freien Stücken in den Abgrund stürzt, dass sie aufgibt, ist ein schmerzhafter Schlusspunkt für Flokis Mission.
Es ist ein schauriges, wenngleich auch erhabenes Bild, wie der am Boden zerstörte Floki Zeuge von Auds Freitod wird. Und bizarrerweise zeigt sich das so ungemütliche Island in diesem Moment kurz wieder von seiner malerischen Seite, als wäre es ein kranker Scherz, den sich die Götter hier erlauben. Es fühlt sich sehr final an, was in The Most Terrible Thing auf Island passiert und ich habe die Hoffnung, dass es Michael Hirst ähnlich sieht und nun maximal noch ein bisschen aufräumt, dann jedoch dieses durchwachsene Kapitel der Historienserie auf diesem kleinen Hoch beendet. Mit diesem Abschluss kann ich die Einzelgeschichte und Flokis Expedition nämlich durchaus als ein letztlich gelungenes, wenn auch sehr umständlich hergeleitetes, oft ermüdendes und sich wiederholendes Gleichnis akzeptieren, dass sich die Natur des Menschen niemals ändern wird, dass wir immer wieder Opfer unserer Umstände sein werden und uns leider zu schrecklichen Dingen verleiten lassen können, die der Vernunft widersprechen.
No ordinary person
Wenn wir schon über die menschliche Natur sprechen, dann lohnt es sich auch, einen Blick auf einen weiteren Aspekt dieser Folge zu werfen: Kontrolle. Viele Menschen sind nicht in der Lage, Kontrolle abzugeben - das Gegenteil ist der Fall, sie müssen permanent die Kontrolle haben, sonst fühlen sie sich extrem unwohl. Während Floki immer mehr die Kontrolle verloren hat, zählt in England Judith (Jennie Jacques) zu denjenigen Charakteren, die so etwas niemals passieren lassen könnten beziehungsweise würden. Doch dieser Kontrollzwang hatte für Judith einen hohen Preis: der Tod ihres eigenen Sohnes Aethelred, den sie vergiftet hat. Nur, um Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) zu schützen? Oder auch, um einfach die Kontrolle zu bewahren? Das eine schließt das andere nicht aus. Sie hat eine furchtbare Entscheidung getroffen und muss jetzt mit dieser leben. Aber Judith geht noch weiter: Sie erzählt Alfred die Wahrheit von ihrem Mordanschlag.
Ein mutiger Schritt, der Alfred seine Mutter sicherlich in einem anderen Licht sehen lässt. Doch Judith scheint auf diese Konsequenz gefasst zu sein, sie weiß ganz genau, was für ein Mensch sie ist, dies wird im kurzen Streitgespräch mit Aethelreds Witwe Ethelfled (Ann Skelly) deutlich. Judith lebt für ihren Sohn Alfred und solange sie auf dieser Erde ist, wird sie ihn beschützen, ihn belehren und ihn zu dem König machen, der er sein muss, um nicht als schwach wahrgenommen und gestürzt zu werden. Und wer weiß schon, was Judith wirklich zu verlieren hat? Eine kleine Szene, in der sie sich im Brustbereich abtastet, ist verräterisch. Ist sie krank? Ertastet sie hier Geschwüre, was ihr die traurige Gewissheit gibt, dass sie eh nicht mehr viel Zeit hat? Und wenn es so ist, dann muss sie ihre verbliebene Zeit doch nutzen, um ihren Sohn vorzubereiten, so dass er überleben wird, auch wenn sie nicht mehr da ist, oder?
Es ist spannend zu beobachten, wie es in den Köpfen der Charaktere rumort, man kann ihnen förmlich ansehen, wie sie versuchen, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen, was aufgrund der letzten Ereignisse nicht besonders einfach ist. Und wirklich ruhiger wird es in absehbarer Zeit nicht in Wessex, bahnt sich doch die nächste unerwartete Bedrohung ihren Weg in die Ländereien von Alfred: Eine Flotte dänischer Wikinger ist auf dem Weg und muss aufgehalten werden. Ubbe (Jordan Patrick Smith) will sich höchstpersönlich darum kümmern, und ich habe den Eindruck, dass Alfred bereit dazu ist, diese Verantwortung abzugeben und in seinen Alliierten zu vertrauen, der ja jetzt auch in England ansässig ist und seine Heimat verteidigen will. Was es genau mit den Dänen auf sich hat, wird man sehen...

Big Ivar is watching you
In Wessex muss Alfred also mit ansehen, wie sein eigener Bruder zu Grabe getragen wurde, vergiftet von seiner Mutter. In Kattegat spielt Ivar (Alex Hogh Andersen) derweil mit dem Gedanken, endlich Hvitserk (Marco Ilso) um die Ecke zu bringen, damit er seine Ruhe hat. Brudermord - der nächste Programmpunkt auf der Liste menschlicher Abscheulichkeiten. Doch Ivars Frau Freydis (Alicia Agneson) hat eine bessere Idee, die Hvitserk aus der Stadt schafft und Ivar gleichzeitig gütig und nicht brutal aussehen lässt. Hvitserk wird zu einer Art Botschafter gemacht und wenn er nicht spurt, dann lebt seine neue Flamme Thora (Eve Connolly) eben sehr gefährlich. Wirklich gütig ist das natürlich nicht, aber immerhin lässt Ivar seinen Bruder nicht einfach so umbringen. Wobei: Vielleicht wäre das die richtige Entscheidung? Der junge Wikinger ist sich unschlüssig, was er eigentlich will und vor allem, welche Art Gott er sein möchte.
Auf jeden Fall einer, der die absolute Kontrolle über seine Untertanen hat. Während Hvitserk über Meditation zum inneren Frieden findet, inszeniert Ivar eine Volksversammlung im Rahmen derer er den Bewohnern von Kattegat versichert, dass sie alle im selben Boot sitzen und gemeinsam über die Zukunft der Nordleute entscheiden. Also, nicht wirklich... Denn Ivar bleibt seiner totalitären Politstrategie treu, ernennt Adjutanten, die seine Regeln rigoros durchsetzen und macht sich somit zum unumstrittenen Alleinherrscher. Schlimmer noch: Er stiftet sein Volk an, die faulen Äpfel in ihren Reihen zu erkennen und zu melden. Alle, die Gott Ivar nicht loyal gegenüber sind und Verrat planen, sind eine Gefahr für seine neue Weltordnung. Stasimäßige Züge, möchte man meinen. Und was mit denjenigen passiert, die als Volksverräter gebrandmarkt werden, dürfte sich auch jeder denken können.
Dieser Aspekt von Vikings, das erschreckende politische Vorgehen von Diktator und Kontrollfreak Ivar, ist und bleibt ein interessanter Faktor, weil er immer wieder in der menschlichen Geschichte zu finden und traurigerweise auch sehr leicht in vielen aktuellen politischen Bereichen unserer Realität zu erkennen ist. Das Historiendrama hat dadurch eine unterschwellige politische Relevanz, die meiner Meinung nach definitiv ihre Daseinsberechtigung hat. Was man letztlich aus dieser Entwicklung macht, ob Ivars Hybris ihn zu einem tiefen Fall bringen wird oder ob er seine Macht noch weiter vergrößern kann, bleibt eine spannende Frage. Hvitserk scheint inzwischen einen Plan gefasst zu haben, was er gegen seinen Bruder unternehmen kann. Aber will er ihm überhaupt noch ans Leder? Oder hat er über seinen neuen Glauben einen Weg gefunden, auf eine andere Art mit Ivar fertigzuwerden?
Alone, naked and afraid
Man merkt schon: Es häufen sich die Fragen in The Most Terrible Thing, passend zu dem Umstand, dass wir allmählich auf die Zielgerade der Staffel einbiegen und daher einiges vorbereitet wird, was demnächst noch geklärt werden könnte. Ein weiteres Thema in dieser Hinsicht ist zum Beispiel auch das Bündnis zwischen Bjorn (Alexander Ludwig) und Harald (Peter Franzen), die Ivar das Leben schwer machen wollen. Die Vorbereitungen in York laufen auf Hochtouren, Bjorn ist als Feldherr und Krieger voll in seinem Element und kann es kaum erwarten, in See zu stechen. Harald hingegen verhält sich eher abwartend - und das nicht nur, weil die Überfahrt sehr stürmisch werden könnte. Nein, er wägt auch ab, was ihm diese neue Allianzen bringen wird. Denn Bjorn will Kattegat für sich, erst, wenn er tot ist, kann Harald seinen Anspruch geltend machen. Dieser wird abermals vertröstet, dabei will er seine großen Ambitionen doch jetzt endlich umsetzen. Er ist das Warten leid...
Und ich kann Harald verstehen. Sind wir mal ganz ehrlich: Er kommt einfach nicht voran. Von seinem Ziel, König von ganz Norwegen zu werden, ist er nach wie vor ein ganzes Stück entfernt. Die Angelsachsen haben ihn geschlagen und nun muss er erneut kaupeln, um eine Chance auf die Verwirklichung seiner Träume zu wahren. Ach, das „Beste“ kommt noch: Der hoffnungslose Romantiker Harald hatte sich Gunnhild (Ragga Ragnars) als neue Lebenspartnerin ausgeguckt - und was passiert? Genau, Bjorn hat ihr Herz gewonnen und wird die Schildmaid heiraten. Es läuft einfach nicht für Harald. Wobei man sich bei Gunnhild nicht wirklich sicher sein kann, was sie im Schilde führt, hegt sie doch eigene Ambition. Denkbar, dass sie so opportunistisch wie viele andere der Charaktere ist und sich letztlich demjenigen anschließen wird, der ihr das bieten kann, was sie will.
Ist das Macht? Einfluss? Oder die gute alte Liebe? Schwer zu sagen, so richtig greifbar ist die taffe Gunnhild (noch?) nicht. Im Gespräch mit Harald räumt sie diesem noch eine Chance ein, in Angesicht zu Angesicht mit Bjorn scheint sie aus Herzen ihre Zuneigung für diesen kundzutun. Spielt sie mit den beiden? Wie dem auch sei: Sowohl Harald und Bjorn sind vernarrt in sie. Vor allem Bjorn gewährt unerwartet tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Er gesteht sich ein, dass er nie richtig geliebt hat, weil er stets Angst davor hatte, dass diese Liebe nicht erwidert werden würde. Der brachiale Berserker lässt doch tatsächlich die Hüllen fallen und Überraschung: Es geht hervorragend auf! Bjorn fühlt sich wieder nach einem Charakter an, nach einer vollwertigen Figur, die unsicher ist, sich weiterentwickelt und neue Facetten erschließt. Hirst reißt das Ruder wunderbar herum und präsentiert uns eine gefühlvolle Szene, die auf ihre ganz eigene Weise tragisch-schmerzvoll ist. Die schlimmste Sache der Welt kann so viel sein, zum Beispiel auch das...
Der Trailer zur „Vikings"-Folge 5x18, „Baldur":
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 14. Januar 2019Vikings 5x17 Trailer
(Vikings 5x17)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x17
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?