Vikings 5x14

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Es hat nicht sehr lange gedauert, bis die zweite Hälfte der fünften Staffel von Vikings den Punkt erreicht hat, von dem an es nur noch abwärts gehen kann. Die neuesten, düster anmutenden Entwicklungen in der Serie hätten wahrscheinlich allesamt vermieden werden können, doch wie so oft ist es manchmal nur ein kleiner Augenblick, den man versäumt, um die Geschicke vielleicht noch in eine andere Richtung zu lenken. Ob dieser erfolgsversprechender als der aktuelle Weg ist, wird man wohl nie erfahren, bleibt der Moment doch für immer verloren - und damit ist auch schon die Brücke zum englischsprachigen Titel dieser Episode geschlagen, die im Deutschen den etwas weniger poetischen klingenden Namen „Alles ist dunkel“ trägt.
Aber auch dies ist eine äußerst zutreffende Beschreibung für die momentane (Gemüts-)Lage in „Vikings“ - und zwar an allen Handlungsorten, die sich in dem Historiendrama derzeit weiter munter abwechseln. Eine bedrohliche Dunkelheit hält Einzug in Skandinavien, auf Island und in England, was visuell durch eine sehr dunkle Farbgebung deutlich untermalt wird und den Zuschauern ein Gefühl mehrerer herannahender, unvermeidbarer Katastrophen gibt. Atmosphärisch läuft „Vikings“ hier zu exzellenter Form auf, werden wir als Außenstehende doch ganz wunderbar in die Handlung hineingezogen, die keine Zweifel daran übriglässt, dass das Ende naht - in welcher konkreten Form und für wen aus unserer illustren Riege an Charakteren auch immer...
Diese besondere Stimmung macht „The Lost Moment“, in dem es die meiste Zeit eigentlich sehr bedächtig zugeht, zu einem teils hochspannenden, intensiven und atmosphärisch dichten Zwischenschritt in Richtung... Ja, wohin genau wird es wohl gehen? Neue Kriege zwischen Brüdern und Schwestern? Brutaler Verrat und grässliche Morde untereinander? Auf all das gibt es nun einen ersten kleinen Vorgeschmack und so bewegt sich „Vikings“ mal wieder genau in dem Element, das die Serie sehr gut beherrscht. Die ersten Omen sind eindeutig und die Schwerter gewetzt. Es scheint mir allmählich mehr als angerichtet...
This terrible world
Zuletzt hatte es mich ja ein wenig gestört, dass wir uns für meinen Geschmack zu sprunghaft durch die verschiedenen Handlungsstränge bewegen und die einzelnen Geschichten und Charaktere dadurch nicht genug Raum zur Entfaltung bekommen. Auch in „The Lost Moment“ sind wir mal wieder wild unterwegs, jedoch fällt dies hier weniger negativ auf, weil zum einen jede Szene mit einer stoischen Ruhe (wie vor einem Sturm, wohlgemerkt) vorgetragen wird und kein gehetzter Eindruck entsteht, was zuvor gelegentlich der Fall gewesen ist. Und zum anderen zieht sich durch jeden Handlungsstrang ein roter Faden, der die Episode hervorragend zusammenhält: Die besagte Dunkelheit, die sich ausbreitet, fungiert als starkes Bindeglied für die Orte und stellt sich in unterschiedlichen Formen dar, ist jedoch stets der gemeinsame Nenner, auf den man zurückkommt.
Dass es zum Beispiel auf Island alles andere als rosig läuft, ist hinlänglich bekannt. Nun wird Floki (Gustaf Skarsgaard) und seinen Siedlern auch noch der letzte Hoffnungsschimmer genommen, hat Eyvinds Sohn Asbjorn (Elijah Rowen) doch die schwangere Thorunn (Mei Bignall), die Frau seines eigenen Bruders Helgi (Jack McEvoy), kaltblütig umgebracht. Floki erfährt von dieser Gräueltat über eine Art Vision, ein Gespräch mit der Ermordeten, das vor einer regnerischen Kulisse über eine besondere spirituelle Note verfügt. Innerhalb der Wikingerkolonie auf Island sah es schon immer recht finster aus, jetzt wird es jedoch schlagartig zappenduster, da mit dem Tod von Thorunn das Tischtuch zwischen den beiden zentralen Familien um Eyvind (Kris Holden-Ried) und Kjetill Flachnase (Adam Copeland) endgültig zerschnitten.
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Heart of darkness
Es muss eine Entscheidung her, und Floki trägt nach wie vor die Verantwortung für diese glücklose Expedition, die bisher nichts außer Missgunst und Totschlag gebracht hat. Sein Urteil ist hart: Eyvind und seine Sippe werden verstoßen und müssen sich nun allein in dieser ungemütlichen Inselwelt durchschlagen, mitten im Winter, ohne ausreichend Nahrung, geschweige denn einem Dach über ihrem Kopf. Was hat zu dieser Entwicklung geführt? Zum Beispiel Momente, in denen man sich auch gegen die erste Reaktion (zum Beispiel Rachsucht und Zorn) hätte entscheiden können, doch man wählte einen anderen Weg. Einen Weg, der das Zusammenleben unter diesen Umständen unmöglich gemacht und diese neue Gesellschaft auf Island in Rekordzeit zum Scheitern verurteilt hat, ganz abgesehen von den vielen natürlichen Herausforderungen, denen sich die Wikinger in diesem neuen Land stellen mussten.
Floki spricht ein gnadenloses Machtwort und ich persönlich hätte gedacht, dass er eher die Entscheidung trifft, das Experiment „Wikingerkolonie auf Island“ komplett abzubrechen und den Heimweg anzutreten. Doch Floki glaubt an diesen Ort, an dem sich nun zwei Lager aufgetan haben, die früher oder später erneut in einem Konflikt miteinander stehen werden. Das ist leider die menschliche Natur, zu viel böses Blut fließt hier. Eine ernüchternde Tatsache, wobei auch ich mich ein wenig dabei erwische, ähnlich wie Floki die Hoffnung nicht aufgeben zu wollen, dass ein friedliches Zusammenleben trotz all der tragischen Vorfälle doch möglich sein muss. Wie auch immer es ausgeht: Die Handlung auf Island profitiert von dieser neuen Marschroute und reiht sich nahtlos in eine Episode voller Momentaufnahmen und Szenen ein, die grundsätzlich nichts Gutes verheißen lassen.
Wenn es jemand wissen muss, denn wie so oft der in kryptischen Sätzen sprechende Seher von Kattegat (John Kavanagh), der am Ende von The Lost Moment kaltblütig von Ivar (Alex Hogh Andersen) abserviert wird, weil dem jungen „Gott“ die Prophezeiungen des blinden, alten Mannes überhaupt nicht gefallen. Und doch spricht er die Wahrheit: Ivar wird getäuscht, von einer falschen Schlange (Freydis) und er ist auch kein Gott, nicht einmal ein gottgleiches Wesen. Er ist ein Mensch, Ivar, der Knochenlose, dessen Fall sich in der absehbaren Zukunft laut Seher anbahnt. Kein Wunder, dass der neue Herrscher von Kattegat kurzen Prozess mit diesem in seinen Augen falschen Propheten macht. Übrigens: „The horror! The horror!“ - das kann doch eigentlich nur eine Referenz an Marlon Brandos Colonel Kurtz aus Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ sein, oder?
Only human
Ivar diktiert nun das Geschehen. Er legt fest, an was oder besser an wen geglaubt wird: Und zwar an ihn, den unfehlbaren Gott unter den Menschen, dem sich alle unterwerfen müssen. Sonst erwartet sie der Strick. Ivars wahnsinniges Gefasel davon, dass er ein Gott ist, läuft inzwischen Gefahr, ein wenig zu monoton zu werden. Dennoch ist es spannend zu beobachten, wie er eine neue Ordnung in der Heimat der Wikinger schafft, mit ihm an der Spitze. Alte, legendäre Namen aus der Welt der Wikinger werden zum Beispiel aus dem Bewusstsein seines Volkes getilgt, siehe die Hinrichtung einer Frau, die eine gewisse Ähnlichkeit zur gefallenen Königin Lagertha aufweist, diese aber offensichtlich nicht ist. Egal, wenn Gott Ivar sagt, dass dies Lagertha ist und sie endlich dafür büßt, was sie seiner Mutter Aslaug angetan hat, dann ist das Lagertha! Die, die ihm widersprechen, werden „entfernt“.
Ivar ist kein Gott, er ist ein totalitärer Tyrann, der zu Methoden der Machterhaltung und -festigung greift, die traurigerweise auch in der heutigen Welt noch anzutreffen sind. Sein Handeln sorgt nicht nur dafür, dass die Wikingerwelt allmählich immer mehr in die Finsternis abgleitet. Er selbst könnte sich dadurch auch sein eigenes Grab schaufeln. Hochmut kommt wie immer vor dem Fall und während er sich tolle, göttliche Babynamen überlegt (natürlich Balder, Sohn Odins, was Ivars Größenwahn, der sich somit auf eine Stufe mit dem Gott des Donners stellt, nur noch mehr unterstreicht), könnten sich Gefahren entwickeln, die Ivar nicht als solche wahrnimmt, weil er eben komplett im Wahn von sich und seiner Einzigartigkeit überzeugt ist.

Times of war
In der Zwischenzeit haben sich auch über England, genauer Wessex, bedrohliche Wolken gelegt, also an dem Ort, an welchem alte Bekannte wohl schon bald aufeinandertreffen werden und interne Querelen die Anspannung steigen lassen. König Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) soll nun endgültig abgesägt werden, seine Schwäche und seine fragwürdigen politischen Entscheidungen haben den Angelsachsen reichlich Ärger eingebrockt. An der Spitze des Coups steht Alfreds Bruder Aethelred (Darren Cahill), der in einer explosiven Szene (in der wirklich jeder im Raum erkennt, was gleich passieren könnte, bis auf Alfred selbst) nur noch das Kommando zum Königsmord geben muss. Doch er kann seinen jüngeren Bruder nicht hintergehen, er bringt es nicht fertig, ihm den Dolch in den Rücken zu rammen. Und wieder fliegt einer dieser Momente an den Charakteren und an uns Zuschauern vorbei, der alles hätte verändern können, hätte man ihn nur wahrgenommen. Zum Besseren oder Schlechteren? Wer weiß das schon...
Während Aethelred tief in sich geht und sich gegen Verrat und Brudermord entscheidet, feilt Alfred weiter an seinem Verhältnis zu den Wikingern, speziell Ubbe (Jordan Patrick Smith), die er nun in die Pflicht nimmt, rudert doch Harald (Peter Franzen) mit einer Armee in Richtung Wessex, die wiederum aufgehalten werden muss. Auf diesen Handel haben sich Lagertha (Katheryn Winnick) und ihr Gefolge eingelassen, um Asyl zu erhalten und sich in England langfristig niederlassen zu können. Aber, Moment: Bahnt sich hier etwa eine neue Freundschaft zwischen Ubbe und Alfred an? Der König von Wessex, frisch frisiert, nachdem er sich ein Beispiel an Bjorn (Alexander Ludwig) genommen hat, möchte doch tatsächlich das Kämpfen lernen und engagiert Ubbe als Lehrer. Und zack, fliegt Alfred auch schon eine Axt um den Kopf. „Ubbe!“ Ein Lachen kann ich mir nur schwer verkneifen, aber die Lektion des Tages ist eine wichtige: Wer Angst hat, hat schon verloren. Oder einfacher noch: Wer Angst hat, ist bereits tot.
Dass Alfred nun höchstpersönlich seine Truppen in die Schlacht führen will, ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten, aber man möchte halt offensichtlich an dem Verhältnis des Königs mit den Wikingern schrauben, das mit dem Auftritt von Magnus (Dean Ridge), Ragnars angeblicher Sohn mit Kwenthrith, wiederum ins Wanken geraten könnte. Oder auch nicht? Denn dort, wo Bjorn in Magnus' Geschichte eine Bestätigung darin sieht, dass Alfred die Nordleute nur ausnutzt und später hintergehen wird, sind Lagertha und vor allem Ubbe weitaus skeptischer gegenüber dem vermeintlichen Spross von Ragnar. Dieser hat nämlich einst deutlich verneint, dass er ein Kind mit Kwenthrith gezeugt hat (Anpinkeln ja, Sex nein) und in der Tat könnte Magnus ein falscher Fünfziger sein. Aber, kein Vorwurf: Wenn ihm stets eingebläut wurde, dass der große Ragnar Lothbrok sein Vater ist, dann glaubt er das wahrscheinlich einfach irgendwann auch wirklich selbst.
Into the dark
Ja, wenn der große Ragnar Lothbrok nur sehen könnte, was sich da in seinen Reihen gerade abspielt... Uneinigkeit zwischen den eigenen Söhnen (Bjorn gegen Ubbe, Ivar gegen Hvitserk, der nach wie vor an sein Schicksal in Kattegat bei Ivar glaubt, aber immer mehr Zweifel bekommt), Uneinigkeit zwischen all den Wikingern, die er einst zusammengeführt hatte. Harald (nach wie vor ein unverbesserlicher Romantiker, was eine unverändert ungewöhnliche, aber sehr schöne Facette dieses dominanten Charakters ist) wagt einen Vorstoß und wird demnächst die Klingen mit Alfred, Lagertha, Bjorn und Ubbe kreuzen. Das ist sein vorbestimmter Weg, so soll es sein. Auch er kann sich sicherlich gut vorstellen, dass sein Name in die Geschichte der Wikinger eingehen wird, so wie Ragnar, wie Lagertha, ja selbst wie die großen Krieger Bjorn und Ubbe.
Aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und in Zeiten wie diesen, in denen die Dunkelheit nicht nur spür-, sondern vor allem auch sichtbar ist und in denen die hellen Momente eher Mangelware sind (ein bisschen Herzschmerz zwischen Heahmund und Lagertha ist geboten, erscheint mir jedoch etwas deplatziert in dieser Folge), kann man das Schicksal ruhig in seine eigenen Hände nehmen. Die Welt der Wikinger befindet sich abermals im Wandel, Ausgang ungewiss. Da wundert es nicht, wenn sich einige Charaktere kopfüber in diesen neuen Abwärtsstrudel stürzen. Die einen blind vor Selbstüberschätzung, die anderen, weil ihnen keine andere Wahl mehr bleibt. Und dann sind da noch die, die den Konflikten, die da kommen, mit Wehmut entgegenblicken. Der Kreislauf beginnt auf ein Neues...
Der Trailer zur „Vikings"-Folge 5x15, „Hell":
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 20. Dezember 2018Vikings 5x14 Trailer
(Vikings 5x14)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x14
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