Vikings 5x12

Vikings 5x12

In Murder Most Foul werden gleich mehrere Charaktere vor große Selbstzweifel gestellt, während wir tief in ein komplexes Netz neuer politischer Beziehungen eintauchen, die hier auf den Weg gebracht werden. Vertrauensprobleme, Neid und Missgunst sowie schockierende Momente der Brutalität - so und nicht anders kennt man Vikings.

„Vikings“ (c) History
„Vikings“ (c) History
© ??Vikings“ (c) History

Wenn die erste Folge aus der zweiten Hälfte der fünften Staffel Vikings als kleine Auffrischung für uns Zuschauer gedient hat, an welchem Punkt das Historiendrama denn im Frühjahr 2018 in seine Sendepause gegangen war, dann stellt die Episode Murder Most Foul recht deutlich eine Rückkehr zu den bekannten Tugenden der Serie dar. Nach dem vergleichsweise zahmen, ja fast schon extrem gewöhnlichen Aufgalopp in The Revelation, wirft man uns nun mitten rein ins Geschehen, in ein komplexes Konstrukt von Figuren mit unterschiedlichen Zielen und Motiven. Außerdem geht es um die seelischen Abgründe einiger Charaktere, die sich nach außen für lange Zeit selbstsicher gegeben haben, jetzt jedoch innere Ängste und Selbstzweifel offenbaren, von denen sie eigentlich permanent geplagt werden.

Manch einer wird bei der Sichtung von „Murder Most Foul“ den Eindruck bekommen, dass das alles eventuell ein bisschen viel auf einmal ist. Dass die zahlreichen Szenenwechsel die Handlung etwas zu sprunghaft und durcheinander gestalten. Dass möglicherweise der Schwall an Informationen und die Masse an neuen politischen Klüngeleien, die sich hier ergeben, erst einmal geordnet werden müssen, weil man sonst vielleicht den Überblick verliert. Und ich kann diesen Standpunkt nachvollziehen, geht es mir bisweilen doch ähnlich. Auf der anderen Seite sind es aber auch genau diese Dinge, die „Vikings“ für mich so sehenswert machen. Ich möchte diese komplexen Gebilde sehen, die sich aus den verschiedensten, eigentlich nicht miteinander zu vereinbarenden Elementen zusammensetzen, was dann wiederum Reibung erzeugt, sprich Spannungen und Konflikte.

Trust issues

Genau das erwartet uns hier, in einer Folge, in der keine Gefangenen gemacht werden und in der ordentlich aufs Gaspedal gedrückt wird, um zügig eine Ausgangslage für diese zweite Staffelhälfte zu schaffen, die das Publikum erwartungsvoll stimmen soll. Allen voran der Handlungsstrang in England geht in die Vollen, wo sich eine neue Allianz zwischen König Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) und den geflüchteten Wikingern um Lagertha (Katheryn Winnick) andeutet. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, zeigt sich doch relativ schnell, dass man die verschiedenen Interessen nicht so einfach unter einen Hut bringen kann, wie man sich das wohl erhofft hätte. Die Präsenz der Nordmänner sorgt für Unruhe in Alfreds Reich - verständlich, bei den vielen blutigen Raubzügen der Wikinger in den letzten Jahren...

Aber nicht nur diese Wogen müssen geglättet werden, Alfreds Kirchenreform und seine neuen Steuererhebungen gegen den Klerus haben ihm obendrein Feinde aufseiten der Geistlichkeit eingebracht, die den jungen König schnell wieder absetzen wollen. Es köchelt bei den Angelsachsen und wir tauchen mitten hinein in diesen trüben Sud an falschen Fünfzigern, sich anbahnenden Intrigen und wackligen Bündnissen, was mir persönlich eine große Freude bereitet. Aus diesem Stoff ist „Vikings“ nun einmal gestickt, das macht den Reiz dieser Serie aus. Wer will was und wie kann er oder sie diese Sache bekommen, welche Kompromisse, dubiosen Maßnahmen oder skrupellosen Entscheidungen sind notwendig, um Erfolge zu verbuchen? Michael Hirst weiß, wie er seine Charaktere arrangieren muss, damit Fragen wie diese aufgeworfen werden.

Alfred nimmt in diesem verzwickten Konstrukt noch die vernünftigste, rationalste Rolle ein und versucht, einen ruhigen Kopf zu behalten, auch wenn die Probleme von allen Seiten auf ihn einprasseln. Er gewährt den Wikingern Asyl, doch diese müssen sich erst beweisen, bevor sie sich in England niederlassen dürfen - ein alter, unrechtmäßiger Vertrag zwischen Ragnar und Ecbert hin oder her. Bjorn (Alexander Ludwig), unverändert zornig und dickköpfig, fühlt sich betrogen. Ubbe (Jordan Patrick Smith) scheint Alfred jedoch mehr nach dessen Vater Ragnar zu kommen, also kann man ihn vielleicht davon zu überzeugen, irgendwie mit ihm ins Geschäft zu kommen. Vielleicht mit einer symbolischen Taufe? Das würde viele in Alfreds Reihen womöglich beruhigen, die nach wie vor große Angst vor den barbarischen Heiden haben.

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Prove your value

Es fühlt sich ein bisschen wie eine Reise zurück in alte Zeiten an, zurück zu den vergangenen Staffeln von Vikings, als es zwischen Ragnar und Ecbert zu derartigen Absprachen und Verhandlungen kam. Nun sind es ihre „Söhne“ (Alfreds Vater war zwar Athelstan, aber Großpapa Ecbert fungierte schon als eine Art Ziehvater für ihn), die vor der gleichen Herausforderung stehen: Wie kann man diese beiden grundverschiedenen Pole - angelsächsische Christen und heidnische Wikinger - zusammenbringen, wie kann man eine friedvolle Gemeinschaft bilden? Es ist löblich, dass der fortschrittlich denkende, sehr tolerante Alfred dieses Ziel vor Augen hat, doch an der Umsetzung sind schon erfahrenere Denker gescheitert...

Mit all dem Ballast, der seit den Zeiten von Ragnar und Ecbert entstanden ist, und all den Konflikten, die inzwischen ausgetragen wurden, hat sich die Ausgangslange für ein solches Unterfangen verändert. Könnte man zumindest glauben. Und ja, in mancher Hinsicht ist es anders als damals. Die „jungen Wilden“ - Alfred, Bjorn, Ubbe - haben einen anderen Blick auf die Dinge, die die Welt bewegen. Doch wie heißt es so schön: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Und so erkennen wir recht schnell bestimmte Muster und Positionen in dieser Debatte um eine mögliche Koexistenz zweier Kulturen wieder, die so unterschiedlich sind...

Für mich fühlt sich all dies jedoch nicht nach einer Wiederholung bekannter Themen oder gar eines ganzen Handlungsstranges aus der Vergangenheit an. Ich finde es vielmehr faszinierend, dass wir erneut an diesem Punkt ankommen und ich bin gespannt, ob es dieses Mal in eine andere Richtung gehen wird, als es noch zuvor der Fall war. Die Welt von „Vikings“ ist mittlerweile viel komplexer geworden, die Charaktere haben von ihren Vorgängern im Geiste gelernt, sehen sich aber auch Hürden ausgesetzt, an die vor einiger Zeit noch nicht zu denken gewesen ist: eine unumkehrbare Spaltung im Lager der Wikinger, die inzwischen sehr zentrale Rolle der Kirche in England, die einen Monarchen durchaus zu Fall bringen kann. Die Gleichung mag einem bekannt vorkommen, doch die Variablen haben sich geändert. Und das macht die gesamte Angelegenheit so vielversprechend und verlockend.

The forbidden fruit

Ein Faktor, dessen Effekt wir noch überhaupt nicht einschätzen können, ist zum Beispiel Bjorn. Im Gegensatz zu Ubbe, der nach anfänglicher Wut wesentlich gefasster agiert, strahlt der Hüne mit jeder Faser seines Körpers Unzufriedenheit und Skepsis aus. Während Alfred und Ubbe das Gespräch suchen, sich und ihre Überzeugungen überdenken und Kompromissbereitschaft signalisieren, präsentiert sich Bjorn wie ein wilder Bär im Käfig. Jede Sekunde könnte es aus ihm herausplatzen. „Alfred will, dass wir uns beweisen? Wer glaubt er eigentlich, wer er ist?“ Bjorn lässt sich nicht so einfach kontrollieren. Das zeigt er indirekt, als er Alfreds zukünftige Braut Elsewith (seine Cousine, inzestuöse Beziehungen waren damals ja gang und gäbe) verführt. Diese spielt mir fast schon ein wenig zu unschuldig und wird von dem rauen Charakter des Wikingers sogleich um den Finger gewickelt.

Und wir machen uns gedanklich die nächste Notiz, dass sich hier früher oder später ein weiteres Problem für eine Allianz zwischen den unterschiedlichen Lagern anbahnen könnte. Es braut sich etwas zusammen, auch hinsichtlich Heahmund (Jonathan Rhys Meyers, dessen Darbietung erneut sehr intensiv und etwas überspielt erscheint), welcher gerne seinen alten Posten als Bischof zurückhaben möchte. Dieser wird nun jedoch von dem windigen Cuthred (Jonathan Delaney Tynan) bekleidet. Zu allem Überfluss bringt Cuthred, der mit anderen Kirchenvertretern an dem Sturz von Alfred arbeitet, auch noch in Erfahrung, dass Heahmund sein Zölibat bricht. Doch dieser falsche Diener Gottes hat kein Recht, Heahmund zu richten, und so wird Cuthred in der Folge von ihm brutalst aus dem Leben getilgt (spitze Gegenstände plus Augen gleich niemals gut). Es wäre spannend zu sehen, inwiefern der Widerstand der englischen Kirche gegenüber Alfred weiterhin ein Thema sein wird, verfügt dieser Aspekt doch über reichlich Potential, vor allem mit Blick auf Heahmund, der zu einer Art Bindeglied zwischen diesen beiden Bereichen avancieren könnte.

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Not a saint

Das einzige, was mich in „Murder Most Foul, Vikings“ etwas stört, ist die zurückhaltende Rolle von Lagertha, die in dieser Episode nicht mehr zu tun bekommt, als die Geliebte von Heahmund zu sein. Da hatte ich ehrlicherweise erwartet, dass vor allem sie die Köpfe mit Alfred zusammensteckt - und nicht ihre Söhne. So hätte man eine interessante Dreiecksbeziehung zwischen Alfred, Heahmund und Lagertha aufbauen können. Jedoch nicht im romantischen oder sexuellen Sinne, sondern vielmehr darin, dass das Verhältnis zwischen einem christlichen Bischof und einer heidnischen Wikingerkönigin, die Allianzen mit dem Herrscher über Wessex schmiedet, welcher wiederum durch die englische Kirche und durch sein Volk unter Druck gesetzt wird, ein hochinteressantes Spannungsfeld erzeugt, aus dem man ungemein viel herausholen kann. Aber vielleicht entwickelt sich das Ganze ja noch in eine solche Richtung...

Apropos Spannungsfeld. Dieses haben wir, so wurde es bereits in The Revelation angedeutet, natürlich auch in Skandinavien zwischen Ivar (Alexander Hogh Andersen), Harald (Peter Franzen) und eventuell auch Hvitserk (Marco Ilso). Die Handlung in Kattegat ist klar den Ereignissen in Wessex untergeordnet, dennoch wird hier eine vergleichbare Saat gesät, die schon bald zu neuen Unruhen und Konflikten untereinander führen könnte. Keinen geringen Anteil daran hat Freydis (Alicia Agneson), die neue Gemahlin von Ivar, die diesen weiterhin mit tollen Geschichten über seine besondere, gottgleiche Stellung im Kreise der Wikinger füttert.

Believe

Ivar, der schon immer aufgrund seiner Behinderung und einer daraus resultierenden Impotenz Selbstzweifel hatte, braucht genau das, um sich abzuheben und besagte Selbstzweifel, die er stets tief in sich verborgen hat, auszumerzen. Wenn er nur fest genug daran glaubt, dann kann er auch ein mächtiger Krieger und Vater, mehr sogar, ein Gott auf Erden sein. Es ist noch zu früh zu sagen, wohin all dies führen wird. Sicher wie das Amen in der Kirche erscheint mir nur, dass es mittelfristig zwischen Ivar und Harald krachen wird. Freydis, die Ivar klar manipuliert, sich mal schnell schwängern lässt und Ivar von seinem falschen Vaterglück berichtet, um ihren Geliebten zu stärken, wirft indes bei mir die Frage auf, was sie eigentlich will. Was ist ihre Motivation? Ist es wirklich ihre Überzeugung, ihr Glaube an Ivar, der sie antreibt? Oder verfolgt sie ähnliche egoistische Ambitionen wie die bemitleidenswerte Margrethe (Ida Nielsen)?

Diese wird von Ivars Schergen eiskalt abserviert, doch zuvor spricht Margrethe noch eine Warnung an Hvitserk aus, die durchaus nachvollziehbar ist. Auch er könnte früher oder später ins Visier vom egozentrischen Ivar geraten. So weit hat Hvitserk bisher noch nicht gedacht, während man Harald deutlich ansehen kann, dass er sich gedanklich längst auf den Tag vorbereitet hat, an dem das Bündnis mit Ivar in die Brüche gehen wird. Haralds neuerliche Figurenzeichnung gefällt wie bereits zuvor auch in „Murder Most Foul, Vikings“, wirkt er doch nach seinen letzten persönlichen Verlusten wie ein gebrochener Mann, der eigentlich nicht mehr viel zu verlieren hat. Und solche Menschen sind sehr oft am gefährlichsten...

Abschließend, und vielleicht wird es zu einer kleinen Tradition dieser Vikings-Reviews, blicken wir noch nach Island, wo es nicht wirklich nach Besserung in den Reihen der Wikinigerkolonisten aussieht, deren Zusammenleben von Zwietracht und Morddrohungen geprägt ist. Anführer Floki ist der nächste unserer zentralen Charaktere, die von Selbstzweifel geplagt werden. Vielleicht stand er doch nicht in direkter Verbindung zu den Göttern und alles ist nur eine Illusion gewesen. Möglicherweise war es ein Fehler, in dieses unbestellbare, unbewohnbare Land aufzubrechen und dann auch noch andere Menschen mitzuschleppen. Und damit ist die Nebengeschichte auf Island auch tatsächlich schon zusammengefasst. An Gustaf Skarsgard, der seine Sache wie gewohnt gut macht, liegt es nicht, dass sich dieser Teil von „Vikings“ momentan unverändert schwach gestaltet. Wir benötigen hierbei viel eher schnellstmöglich eine klare Ansage, wohin Hirst mit dieser Geschichte will. Hier muss einfach mehr passieren als diese alibihaften Kurzbesuche, die weder der Erzählung noch den dort auftretenden Figuren helfen.

Der Trailer zur nächsten Episode, A New God (5x13), der US-Serie Vikings:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 6. Dezember 2018

Vikings 5x12 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 12
(Vikings 5x12)
Deutscher Titel der Episode
Mord Am Altar
Titel der Episode im Original
Murder Most Foul
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 5. Dezember 2018 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. Dezember 2018
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 6. Dezember 2018
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Ciaran Donnelly

Schauspieler in der Episode Vikings 5x12

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen

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