Vikings 5x10

© jorn (Alexander Ludwig), Lagertha (Katheryn Winnick) und Ubbe (Jordan Patrick Smith) in „Moments of Vision“ (c) History
Im Vorfeld von Moments of Vision habe ich mit etwas Großen gerechnet. Eine weitere gigantische Schlacht, die eine Entscheidung im Kampf der verschiedenen Wikingerlager mit sich bringen würde. Eine Auseinandersetzung, die mich von der ersten Sekunde an packen und bis zum letzten Augenblick nicht mehr loslassen würde. Hohe, emotionale Einsätze, die die vergebenen Chancen aus ein paar der letzten Episoden vergessen machen würden. Einfach dieses Gefühl, dass Vikings auszeichnet, als wäre man Serienautor Michael Hirst komplett ausgeliefert und als hätte man gar keine andere Wahl, als sich bedingungslos von der Geschichte mitreißen zu lassen.
Und all das trifft in diesem Staffelhalbfinale ein. Aber überraschender- wie auch wunderbarerweise überhaupt nicht so, wie man es sich erhofft oder gar erwartet hätte. „Moments of Vision“ ist genau das: Eine Aneinanderreihung von Momenten, Augenblicken, Szenen, in denen die Zeit oftmals still zu stehen scheint. In unchronologisch zusammengeschnittenen Bruchstücken und emotionalen Fragmenten aus den Leben unserer Hauptfiguren erleben wir abermals hautnah den Konflikt, der ein ganzes Volk spaltet. Liebhaber treffen auf Geliebte, Brüder auf Brüder. Immer wieder springen wir an verschiedene Stellen dieser alles entscheidenden Schlacht, verweilen für einen Augenblick, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, tauchen tief in die Figuren ein und verlassen diese wieder im nächsten Moment, als wären wir nur für Bruchteile von Sekunden an ihrer Seite gewesen.
This is life
Hirst und Regisseur Daniel Grou (der für die komplette erste Staffel des ausgezeichneten kanadischen Crime-Thrillers Cardinal verantwortlich gewesen ist) könnten auf Nummer sicher gehen. Wir haben schon so einige fulminante Staffelabschlüsse in „Vikings“ gesehen, und auch jetzt wäre es möglich, dramaturgisch ganz klassisch eine Schlacht aufzubauen, in die wir Zuschauer von Minute zu Minute immer mehr involviert werden. Doch der Ansatz ist dieses Mal anders. Es ist etwas Neues, etwas Gewagtes. Weg von der zumeist sehr geradlinigen Erzählstruktur, hin zu einer Methode, die es bisher in „Vikings“ nicht wirklich gegeben hat. Und eine bessere Entscheidung hat Michael Hirst zuvor nie getroffen. „Moments of Vision“ ist wild, einzigartig, ungewöhnlich - und gleichzeitig gefühl- wie auch kraftvoll, unmittelbar und gnadenlos, ehrlich und bezeichnend. Kurz: Großartig.
This is death
Zunächst liegt ein Knistern in der Luft und über dem mit Nebelschwaden verdeckten Schlachtfeld, wo wenig später Schilder zerbersten und Leben enden werden. Es kehrt noch einmal kurz Ruhe ein und die beiden Brüder Halfdan (Jasper Pääkkönen) und Harald (Peter Franzen) geben sich einem Duett aus der Ferne hin. Das angestimmte Lied ist melodisch voller Trauer und Schwermut, niemand (bis auf vielleicht einer...) möchte seinesgleichen gegenübertreten und gen Valhalla entsenden, doch es gibt keinen Ausweg mehr. Die Klingen sind gewetzt und die Anspannung nimmt zu, der nahende Verlust ist für jeden, der an diesem Kampf teilnimmt, greifbar. Es fehlt nicht mehr viel, langsam muss es doch losgehen... Doch dann kommt es eben anders, als erwartet.
Wir machen einen Sprung. Zurück in der Zeit, zu Lagertha (Katheryn Winnick), die gerade noch fest entschlossen vor Beginn der Schlacht zu sehen war und nun einen letzten Augenblick mit Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) vor dem Kampf teilt. Zwischen ihnen ist mehr, als sie anfangs wohl für möglich gehalten hätte. Mit ihren Gedanken ist sie bei dem Konflikt, der ihre Leute gegeneinander aufwiegelt, der so viel Leid mit sich bringt. Sie will das alles eigentlich gar nicht. Aber sie muss. Und sie wäre bereit, dafür zu sterben. Wieder ein Sprung. Wir befinden uns inmitten der Schlacht, an der Seite von Hvitserk (Marco Ilso). Wie ein Beserker setzt er sich zu Wehr, als wir ihn plötzlich neben Ivar (Alex Hogh Andersen) sitzen sehen und dieser seinen älteren Bruder ihn Frage stellt. Was will Hvitserk überhaupt? Steht er auf der richtigen Seite? Warum hat er sich Ivar wirklich angeschlossen? Um zu diesem stehen oder um einfach nur zu beweisen, dass er alleine eine Entscheidung treffen kann? Auf einmal steht er auf dem Schlachtfeld vor Ubbe (Jordan Patrick Smith), der es nicht übers Herz bringt, Hvitserk zu richten. Was soll das alles? Wie konnte es so weit kommen?

Now I can die
Die fragmentartige Struktur von „Moments of Vision, Vikings“ ist außergewöhnlich. Als Zuschauer stolpern wir schon fast durchs Geschehen und werfen immer wieder beinahe zufällig einen Blick auf bestimmte Situationen und das seelische Innenleben der Charaktere. Dabei lässt Michael Hirst seine Figuren oft wie in einem luftleeren Raum zurück, mitten im Nichts, als wären sie für den Moment ganz für sich allein, während um sie herum der Krieg wütet. Halfdan kämpft wie ein Löwe und hat Bjorn (Alexander Ludwig) seine Treue geschworen. Im Laufe der Schlacht merkt er jedoch, dass der ewige Kampf ein Ende haben muss. Er hat gesehen, was die Welt zu bieten hat, dafür ist er dankbar. Mehr braucht er nicht. Deshalb fällt es ihm am Ende auch leichter, sein Leben aufzugeben und von seinem eigenen Bruder getötet zu werden. Er ist bereit für Walhalla.
Der finale Moment zwischen Harald und Halfdan ist nur eine von vielen hochemotionalen Szenen, die sich in diesem chaotischen Wirrwarr finden lassen. Eine Millisekunde fühlt sich so an, als würde sie nie enden. Die Beziehungen unter den Charakteren, ihre Zuneigung untereinander und die gemeinsame Geschichte, die sie geschrieben haben - all dies tut sich noch einmal kurz vor ihren und unseren Augen auf. Abermals verlieren wir uns in traumähnlichen Sequenzen, die genau so abrupt enden, wie sie anfangen. Und immer wieder werden wir von dem Schrecken und Horror eingeholt, den dieser Konflikt mit sich bringt. Die Spirale dreht sich ununterbrochen weiter, Verluste und Schmerzen gibt es auf beiden Seiten zuhauf. In einer Szene sehen wir, wie Bjorn Abschied von seiner neuen Liebe nimmt, der samischen Prinzessin Snaefrid (Dagny Backer Johnsen). Ein paar Minuten später wird diese einfach so aus aus dem Leben getilgt.
A push by the Gods
Liebschaften enden brutal. Familien werden zerstört. Siehe der Tod von Guthrum (Ben Roe) zu Händen von Hvitserk, was Torvi (Georgia Hirst) mit ihren eigenen Augen mit ansehen muss, aber nicht verhindern kann. Astrid (Josefin Asplund), die große Liebe Haralds, wählt den Freitod durch die Hand ihrer ehemaligen Geliebten Lagertha, die nicht versteht, warum Astrid diese Entscheidung trifft, wo sie jetzt doch endlich wieder zusammen sein können. So wie früher. Aber nichts ist wie früher, alles hat sich verändert. Die Szenen überschlagen sich, doch jede davon steht inszenatorisch wie für sich allein, als wäre es nur ein Schnipsel aus einem gewaltigen Gesamtbild aus Blut, Leid und Tod. Und dann gehen wir noch weiter zurück in die Zeit, als der kleinen Lagertha gesagt wird, dass die Götter stets über die Menschen wachen werden. Aber wo sind sie jetzt? Warum lassen sie zu, dass sich die Menschen selbst zerstören?
The cycle of death
Weil es eben Menschen sind. Und sie nicht anders können, als das ihnen von den Götter Gegebene zu korrumpieren und sich gegenseitig aus Missgunst und niederen Gedanken wie Rachsucht an die Gurgel zu gehen. So sieht es zumindest Floki (Gustaf Skarsgard). Anfangs bin ich etwas irritiert, als wir aus der Handlung in Skandinavien urplötzlich herauskatapultiert werden und in Island landen. Warum das Ganze, warum einen Spannungsabfall riskieren? Doch schnell stellt sich heraus, dass sich in der gespaltenen Gesellschaft Flokis ein Ebenbild von dem abzeichnet, was letztlich zum großen Bürgerkrieg der Nordleute geführt hat. Der Kreislauf des Tötens und des Todes wiederholt sich immer und immer und immer wieder. Floki hatte gehofft, diesem zu entkommen. Er wollte mit Gleichgesinnten das Angebot der Götter wahrnehmen und ein neues Leben beginnen. Vergebens.
Während in Skandinavien die Schlacht tobt, wird in Island die Grundlage geschaffen, dass es hier eines Tages genau so kommen wird, wie in der alten Heimat von Floki und seinen Siedlern. Eyvind (Kris Holden-Ried) kann den Tod seines Sohnes nicht ruhen lassen, er muss Rache üben. Und so tötet er den Sohn Kjetills (Adam Copeland), womit eine Chance auf Frieden endgültig ad acta gelegt werden kann. Floki hat noch versucht, Eyvind zu beschwichtigen, das menschliche Wesen kann man aber anscheinend einfach nicht ändern. Der Schiffsbauer bezeichnet sich selbst als Tölpel, hat er doch tatsächlich geglaubt, dass es dieses Mal anders sein könnte. Ein letztes Opfer möchte er den Göttern noch bringen, sich selbst wohlgemerkt, um den Menschen eine zweite Chance zu geben. Ob Floki wirklich daran glaubt, dass diese dann endlich genutzt wird, oder ob er es nicht mehr erträgt, diesen Fleischwolf auf Erden, der Menschenleben zerstört, immer wieder miterleben zu müssen, lässt sich nicht sagen. Beides ist vorstellbar.

Mad people
Michael Hirst geht in „Moments of Vision, Vikings“ hart ins Gericht mit seinen Wikingern und der Menschheit an sich. Das jedoch völlig zurecht, wie die letzten Episoden gezeigt haben. Was am Ende bleibt sind tausende Gräber, mehr nicht. Während sich einige der Figuren dagegen wehren, komplett von diesem Wahnsinn konsumiert zu werden, geben sich andere diesem bereitwillig hin. Ivar, angetrieben von seinen Rachegedanken gegen Lagertha, befindet sich scheinbar im siebten Himmel. In einer kurzen Szene öffnet sich das Schlachtfeld vor ihm, auf dem gesichtslose Skelette aufeinander einschlagen. Sie alle sind seine Instrumente, entbehrliche Spielfiguren, die er mit einer euphorischen Ansprache in ihr Verderben schickt. Hauptsache er bekommt das, was er will: Rache für den Tod seiner Mutter.
Wohin ihn das letzten Endes führen wird, ist unklar. Doch der Seher von Kattegat hat vielleicht die Antwort: Eines Tages werden die Verrückten über die Welt herrschen. Und die Menschen werden es wahrscheinlich verdient haben. Wie aus dem Nichts lässt sich in dieser fiktiven, von historischen Ereignissen beeinflussten Geschichte vieles finden, das man auf unsere Wirklichkeit anwenden kann. Missgunst und Kriegstreiberei. Das blinde Verfolgen von persönlichen Zielen ohne Rücksicht auf andere, die dabei zu Schaden kommen könnten. Das alles fordert seinen Tribut. Von einem selbst (siehe Margrethe, die nun endgültig am Rad dreht und uns in einem schockierenden Moment glauben lässt, dass sie Torvis Kinder getötet hat) und von der gesamten Menschheit per se, die mehr und mehr verroht und sich Stückchen für Stückchen ihr eigenes Grab schaufelt. Es handelt sich um eine furchtbar simple Botschaft, die hier proklamiert wird. Kommt sich auch an?
Calamities and horrors beyond measure
Der Konflikt zwischen den Wikingern findet in „Moments of Vision“ übrigens kein Ende, warum auch. Genau das ist es ja, was schlussendlich hängen bleiben soll: Dass es niemals aufhören wird und wie schrecklich das alles eigentlich ist. Lagerthas und Bjorns Armee kann Ivar mit Hilfe der Franzosen schlagen, die beiden Erstgenannten geben nun Kattegat auf und fliehen. Doch eine schockierende Momentaufnahme steht noch aus: die kreidebleiche, mit weißen, schütteren Haar bedeckte Lagertha, die wie gelähmt auf dem Boden sitzt und nicht wiederzuerkennen ist. Dieser Krieg hat seine Spuren hinterlassen und die taffe Wikingerkönigin, die beispiellos vorangegangen ist, Verantwortung übernommen und gekämpft hat, obwohl sie nicht kämpfen wollte, ist nun ein Sinnbild der fürchterlichen Konsequenzen dieses Konflikts.
Poor children
So schwer es einem fällt, die sonst so starke, stabile Lagertha in diesem Zustand zu sehen, es hat auch etwas „Gutes“. Es zeigt nämlich, dass sie menschlich geblieben ist. Dass all die schlimmen Dinge, die sich zuletzt ereignet haben, die die letzte Schlacht mit sich brachte, nicht einfach so an ihr vorbeigegangen sind. Bis hierhin hat sie unmenschliche Stärke bewiesen, doch irgendwann bricht der Mensch. Lagertha, die von allen Charakteren in der Summe wohl am längsten in den tiefen, finsteren Schlund hinabgeblickt hat, der sich Menschheit schimpft, hat ihr Limit erreicht. Sie ist kein Ivar, der dem Tod und dem Chaos freudig entgegenlacht. Sie hat noch ein Herz, auch wenn es jetzt wahrscheinlich nach dem Verlust von Astrid, den vielen unnötigen Toten und dem Niedergang ihres Volkes schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Zum Schluss macht sich Ernüchterung breit. Die Wikinger sind endgültig entzweit und Ivar scheint mehr an dem Tod von Lagertha zu liegen, als zum Herrscher über diesen Scherbenhaufen aufzusteigen. Gleichzeitig tritt plötzlich Rollo wieder auf dem Plan (Clive Standen, in einer „special appearance“), dessen Motive ich letzte Episode noch hinterfragt habe. Jetzt dämmert es einem: Was, wenn er genau gewusst hat, dass es so weit kommen wird? Was, wenn er jetzt in seine alte Heimat zurückkehrt und erneut die Ambitionen verfolgt, die er vor seiner Zeit in Frankreich hatte? Er könnte nun der große Nutznießer dieser Situation sein. Ob es tatsächlich so kommt, werden wir später in diesem Jahr sehen, wenn die fünfte Staffel von Vikings mit ihrer zweiten Hälfte zurückkehren wird. Bis dahin können wir uns vielleicht ein wenig von dem deprimierenden, fatalistischen Bild erholen, dass Michael Hirst zum Abschluss in Moments of Vision von seinen Wikingern so grandios gezeichnet hat.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 25. Januar 2018(Vikings 5x10)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x10
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