Vikings 5x09

© loki (Gustaf Skarsgard) in „A Simple Story“ (c) History
Der eigentliche Konflikt und die kriegerische Auseinandersetzung unter den Wikingern hat gerade erst begonnen, da nimmt sich Michael Hirst bereits schon wieder eine kleine Auszeit, um nach der ersten Schlacht ein bisschen Ordnung in die aktuelle Situation zu bringen. Zu Beginn der Episode A Simple Story schwingt noch sehr viel von dem Gefühl mit, das sich am Ende der letzten Vikings-Episode The Joke breitmachte: Eine bedrückende Schwere ob der Sinnlosigkeit dieses Bürgerkrieges, der so viel Leid mit sich bringt und keine Gewinner hat. Wir sehen die unmittelbaren Folgen dieses Konflikts, ob es die vielen Toten und Verletzten der Schlacht oder aber die trauernden Hinterbliebenen sind, die sich fragen, warum es überhaupt erst so weit kommen musste.
Nach diesem nachdenklichen, deprimierenden Einstieg, bei dem die kraftvollen Bilder der direkt und indirekt betroffenen Nordleute für sich sprechen, tauchen wir abermals in die komplexen Machtgefüge und Beziehungen der Charaktere zueinander ein, die nach diesem ersten Kampf ihre weiteren Schritte planen. Eine legitime Entscheidung, sowohl von den verschiedenen Figuren als auch von Serienautor Michael Hirst, ist doch einiges passiert, was dementsprechende Anpassungen erforderte. Dafür, dass man die Zuschauer recht lang hingehalten hat und die aufgebaute Spannung in „The Joke“ vergleichsweise behutsam entladen wurde, bekommt man aber nun den Eindruck, dass für den Moment ein wenig die Luft raus ist. Anstatt das Momentum zu nutzen, flacht die Erzählung wieder spürbar ab, was sich sogleich im Pacing der Geschichte widerspiegelt.
Burned bridges
Michael Hirst hat sich zu Recht einen Vertrauensbonus erarbeitet, ein paar seiner Entscheidungen in dieser fünften Staffel von „Vikings“ werfen jedoch Fragen bei mir auf. Es kommt mir fast so vor, als wäre er beinahe schon zu zaghaft, was seine Vision angeht. Vielleicht ist es aber auch einfach nur die Gewohnheit und Hirst probiert sich mal an etwas Neuem. Dennoch habe ich den Eindruck, dass dieser (Halb-)Staffel im Vergleich zu ihren Vorgängern aktuell etwas der Antrieb fehlt. Eine Art packendes, mitreißendes Element, das in den ersten Episoden spürbar gewesen ist, in der Folge aber bis kurz vorm Finale der ersten Hälfte der fünften Staffel von „Vikings“ eher breitgetreten als intensiviert wurde. Und dieses einzigartige Merkmal geht dem Historiendrama gerade ein Stück weit abhanden, auch wenn viele andere Vorzüge geboten werden, die nach wie vor zur überdurchschnittlichen Qualität der Serie beitragen.
A different kind of ruler
So zum Beispiel, wenn sich „Vikings“ den Macht- und Ränkespielen annimmt, die allerorts zu finden sind und interessante Entwicklungen nach sich ziehen. In „A Simple Story“ tut sich in dieser Hinsicht allen voran die Handlung in Wessex hervor, die eine große Veränderung mit sich bringt, welche für die Zukunft des Formats entscheidend ist. Etwas früher als erwartet wird der junge Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) nämlich zum neuen König ernannt, nachdem sein Stiefvater Aethelwulf (Moe Dunford) das Zeitliche gesegnet hat und dessen eigentlicher Nachfolger Aethelred (Darren Cahill) auf den Posten verzichtet. Was an dieser Entwicklung so interessant ist, ist nicht das „Was“, sondern vielmehr das „Wie“. Die Umstände von Alfreds Krönung gestalten sich weitaus faszinierender als der Machtwechsel an sich.
Schauen wir uns nur Aethelwulfs Tod an. In einer feurigen Rede schwört er die Lords von England noch ein, gemeinsam eine Lösung für das Wikinger-Problem zu finden, da diese Gefahr alle betrifft - ein schönes Abschiedsgeschenk für Moe Dunford, der noch einmal alles in diese leidenschaftliche Ansprache legt. Aethelwulfs Todesursache - eine allergische Reaktion auf einen Wespenstich - ist dann etwas verwunderlich, aber gut, vor mehr als 1000 Jahre gab es eben noch keine Möglichkeit, einen anaphylaktischen Schock richtig zu behandeln. Der einfache Wischer von Aethelwulf gegen das todbringende Insekt bedeutet indes so viel mehr als nur sein unrühmliches Ende.

Mad wolves
Seit ein paar Episoden arbeitet Michael Hirst (und das nicht immer sehr subtil) daran, Alfred für seine vorbestimmte Aufgabe in Position zu bringen. Dieser unterscheidet sich in seiner Herangehensweise fundamental von seinem Vater und Bruder, die eher der Kategorie „Haudrauf“ zugeordnet werden können. Ironischerweise verliert Aethelwulf auch genau so sein Leben. Er sieht die Wespe, er schlägt unüberlegt zu, er wird dafür bestraft. Diese Taktik verfolgt er seit jeher gegen die nordischen Invasoren und daran hätte sich wohl auch nicht viel geändert. Sein leiblicher Sohn Aethelred tickt ähnlich. Auch er ist ein großer Krieger, dem jedoch die Weitsicht und die Flexibilität fehlt, um mit kühlem Kopf auf Herausforderungen zu reagieren. Nun könnte man gar spekulieren, ob die Wespe auf Aethelwulfs Tisch ein Produkt des Zufalls oder aber Kalkül gewesen ist. Die Reaktion Judiths (Jennie Jacques) bezüglich des Todes ihres Gatten und ihr Verhalten danach sind ein wenig auffällig, fast schon so, als hätte sie etwas zu verbergen. Aber vielleicht sehen meine Augen auch nur etwas, was sie unbedingt sehen wollen.
Judith war schon immer weitaus klüger und gewiefter, als es ihr viele ihrer männlichen Gegenüber zugestanden haben. Ecbert hatte dies einst erkannt und ihr Potential gesehen. Jetzt ruft sie dieses ab und formuliert vollkommen korrekt aus, dass die Zeit für eine neue Herangehensweise und dementsprechend einen neuen König gekommen ist. Judith avanciert zur Puppenspielerin, der ich tatsächlich zutrauen würde, ihren eigenen Mann für das Wohl und die Zukunft ihrer Familie zu opfern. In Alfred haben sie bereits denjenigen gefunden, der von Gott gesegnet wurde und endlich Veränderungen bewirken kann. Es ist spannend mit anzusehen, wie die verschiedenen Teile zusammengefügt werden, während man gleichzeitig versucht, die Gesichter der Beteiligten zu lesen und ihre Motive zu verstehen.
The future king
Etwas schwer tue ich mir hier tatsächlich bei Aethelred, der erst gar nicht daran denkt, den Königsposten herzugeben. Nachdem Judiths Bestechungsversuch misslingt, überrascht der älteste Sohn von Aethelwulf jedoch und dankt aus freien Stücken ab. Hat er selbst eingesehen, dass sein jüngerer Bruder ein besserer Herrscher als er wäre und seine Zukunft vielmehr auf den Schlachtfeldern Englands als Krieger liegt? So einsichtig und sich seiner selbst bewusst hätte ich ihn nicht eingeschätzt, daher ist etwas unklar, was ihn zu dieser Entscheidung motiviert. Da hätte es womöglich eine etwas tiefgreifendere Figurenzeichnung Aethelreds benötigt, um ihn besser verstehen zu können. Ganz abgesehen davon sind die Szenen um diesen Machtwechsel aber sehr stimmungsvoll und auf ihre eigene Art aufregend eingefangen, weil es sich so anfühlt, als würde sich endlich was an der Front der Engländer tun, was diesem Handlungsstrang Relevanz und Frische gibt.
Lost dreams
Ähnlich verhält sich in Island, wo es zwar keine großen Überraschungen hinsichtlich der Handlung vor Ort gibt, aber ein Gefühl der Dringlichkeit und höheren Relevanz Einzug hält, mehr zumindest als zuvor. Die Unruhen innerhalb der Gefolgschaft Flokis (Gustaf Skarsgard) erreichen nämlich ihren Siedepunkt, aus kleinen Streitigkeit wird ratzfatz ein feiger Brandanschlag auf einem Tempel zu Ehren Thors, gefolgt von einem Mord, was das Fass letztlich zum Überlaufen bringt. Floki ist sich bewusst, warum er von Eyvind (Kris Holden-Ried) provoziert wird. Doch er will auf diese Provokation eben nicht mit Gewalt reagieren, sondern hofft darauf, dass es eine friedliche Lösung gibt und Eyvind erkennt, dass sie gemeinsam ein neues Zuhause aufbauen können. Alte Feindschaften zwischen den verschiedenen Sippschaften, Missgunst und Enttäuschung sind jedoch effektive Brandbeschleuniger, gegen die alles Hoffen nichts hilft.
Die Gemeinschaft ist zum Scheitern verurteilt, da kann sich die gutmütige Aud (Leah McNamara) noch so sehr an der Diplomatie probieren. Und als Flokis Götter direkt während eines heiligen Rituals beleidigt werden, brennt auch bei ihm eine Sicherung durch. Der eine gemeinsame Nenner, der Floki Zuversicht gab, dass sie alle irgendwie doch noch zusammenfinden werden, ist Eyvind nichts wert. Er despektiert die nordischen Gottheiten und macht seinen Standpunkt mehr als deutlich. Und Floki kämpft mit sich, größer zu sein und nicht dem Drang nachzugeben, seine Götter zu verteidigen. Diese Geschichte zeichnet weniger ihre Subtilität, sondern eher ihre besondere Intensität aus. Der Konflikt ist unvermeidlich. Doch gerade davor haben Floki und viele andere sich eigentlich verabschieden wollen. Jetzt, in diesem neuen Land, das ihnen viele neue Möglichkeiten gibt, werden sie erneut von dem eingeholt, was sie hinter sich lassen wollten: böses Blut untereinander, Machtkämpfe, das alte Lied und Leid. Das Paradies unter den Augen der Götter soll einfach nicht sein. Und der Frust, dass dies Floki verwehrt wird, der diesen Traum nicht aufgeben will, ist greifbar.

Violence and chaos
Es ist ein perverser Kreislauf des Lebens, in dem sich nicht nur Floki wiederfindet. Bereits in einigen Folgen zuvor hat man uns eindringlich vor Augen geführt, dass sich eigentlich fast sämtliche Charaktere in Vikings in einem ewigen Teufelskreis aus Leid, Kummer und Verlust bewegen. Für die Wikinger ist es zurzeit besonders schwer, weil sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen, auch wenn für den Moment ein wenig Ruhe einkehrt, da man sich neu organisieren muss. Ivar (Alex Hogh Andersen) hat zum Beispiel ordentlich an Reputation eingebüßt und wirkt etwas ratlos, wie es weitergehen soll. Ein Ass im Ärmel haben sie aber noch: Onkel Rollo in Frankreich, der Hvitserk (Marco Ilso) einst Unterstützung zugesichert hat, sollten sie diese jemals benötigen. Und tatsächlich entsendet der verhinderte Rollo (als Hauptdarsteller in der NBC-Serie Taken war ein kleiner Gastauftritt für Clive Standen wohl nicht möglich) eine ganze Menge Truppen gen Skandinavien, die sich Ivar und Harald (Peter Franzen) anschließen.
Mal ganz davon abgesehen, dass die Franken erstaunlich fix vor Ort aufschlagen (es ist ohnehin ziemlich unübersichtlich, wie viel Zeit in dieser Episode vergeht), stört mich, dass Rollo in eine Deus-ex-Machina-Funktion gedrückt wird und mir nicht wirklich klar ist, warum er sich in diesen Konflikt einmischt. Dafür, dass Rollo als Charakter einst so prominent vertreten und auch exzellent ausgearbeitet worden war, fehlt mir für diese Entscheidung einfach eine nachvollziehbare Begründung. Deshalb ist diese Plotentwicklung eher unbefriedigend. Generell muss ich festhalten, dass die Szenen um die Wikinger in dieser Episode schwächeln. Ivar hat scheinbar komplett die Kontrolle verloren und wirkt nach seiner Niederlage recht teilnahmslos. Harald merkt man die Enttäuschung und Ungeduld an, gleichzeitig hat er nach wie vor keine Vorstellung davon, was wirklich in seiner geliebten Astrid (Josefin Asplund) vorgeht, die die Chance verpasst hat, zu Lagertha zurückzukehren.
Joy and pain
Das Lager um Lagertha (Katheryn Winnick) und Bjorn (Alexander Ludwig) (kann nicht wenigstens nur einmal jemand an das Vermächtnis von Ragnar Lothbrok denken?) bereitet sich derweil auf den nächsten Angriff vor, während innerhalb der eigenen Reihen heftigst gemenschelt wird. Das Anbandeln zwischen Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Torvi (Georgia Hirst) erscheint mir dabei etwas fehl am Platz, diese neue Romanze geht irgendwie unter, während die paranoide Margrethe (Ida Nielsen) in Kattegat ihre innere Psychopathin von der Leine lässt und den Nachwuchs von Torvi anfährt. Die armen Kleinen... Insgesamt machen all diese Szenen aber einen seltsam blutleeren Eindruck, die ganze Spannung ist wie weggeblasen. Die vielen kleinen Nebengeschichten sind zwar da, als Zuschauer werde ich aber weder emotional in diese involviert noch gestalten sie sich besonders interessant. Da geht aufseiten der Wikinger noch mehr Reiz von dem Tête-à-Tête zwischen Lagertha und Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) aus, die plötzlich zusammenfinden...
Agape
Die beiden Darsteller spielen sich gekonnt die Bälle zu und funktionieren gut zusammen, so dass sich bei mir eine eigenwillige Faszination für dieses Pärchen entspinnt. Thematisch bleiben wir bei der alten Leier, dass zwischen frommem Christ und gottesfürchtigem Wikinger mehr Gemeinsamkeiten bestehen, als man denkt. Das ist nichts Neues. Dafür aber das Verhalten und die Reaktion Heahmunds, der sich von Lagertha, ihrer Denke und ihrem Wesen verzaubern lässt. Daher auch sein schneller Treueid ihr gegenüber, wird er doch in Zukunft für sie kämpfen. Woher kommt diese Faszination? Die Reise des Kriegerbischof auf der „anderen Seite“ geht weiter, problematisch ist dabei nur, dass er fast schon zu sehr ein Spielball der Gezeiten ist. Er wechselt zwangsläufig immer wieder die Lager, der Charakter an sich entwickelt sich dabei aber eher holprig. In Gegenwart von Lagertha präsentiert er sich aber offener und wärmer, was der Figur eine neue Facette gibt.
Bis kurz vor dem Ende der Episode A Simple Story war ich etwas enttäuscht, weil der Spannungsabfall doch ziemlich eklatant ausgefallen ist, trotz interessanter Fortschritte in den Nebenhandlungssträngen. Dann zaubert Regisseur Daniel Grou aber noch eine ganz hervorragende Montage aus dem Ärmel, die genau das Gefühl in mir weckt, das ich bei der Sichtung von Vikings haben möchte und das lange Zeit in dieser Folge fehlt. Alfreds Krönung, die Eskalation in Island vor dem brennenden Tempel Thors, Heahmunds Ehrerbietung gegenüber Lagertha - nicht nur, dass hier wunderbar die verschiedenen Klänge der unterschiedlichen Welten und Kulturen (vom christlichen Männerchor geht es über in spirituelle Wikinger-Gesänge) abgemischt und kombiniert werden. Es baut sich auch prompt eine Anspannung auf, die ansteckend ist. Alfred steht vor der schwierigsten Aufgabe seines jungen Lebens. Floki wird ebenfalls auf die Prüfung gestellt, mehr denn je. Beide werden von ihrem Gott beziehungsweise ihren Göttern beäugt, gerichtet, getestet. Und Lagertha? Diese wirkt beinahe wie eine eigene, irdische, weise Gottheit, vor der Heahmund ehrfürchtig niederkniet. Man kann viel in diese letzten Szenen hineininterpretieren, wenn man möchte. Oder sich einfach von der einzigartigen Atmosphäre in den Bann ziehen lassen. Bitte wieder mehr davon, Herr Hirst.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 18. Januar 2018(Vikings 5x09)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x09
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