Vikings 5x08

© jorn (Alexander Ludwig) in „The Joke“ (c) History
Jetzt aber: Nach ausführlicher Vorbereitung und umfangreichem Stühlerücken fällt in der Vikings-Episode The Joke endlich der Startschuss für den alles überschattenden Konflikt, der die fünfte Staffel des Historiendramas von Beginn an definiert hat. Die Wikinger lassen sich nun auf einen blutigen Kampf untereinander ein, bei dem es genau so um Macht wie um persönliche Rachegelüste und Ambitionen geht. Voll und ganz prescht Serienmacher Michael Hirst aber noch nicht voran. Das Großereignis legt einen vergleichsweise überschaubaren Auftakt hin, möchte man anscheinend doch nicht allzu früh sämtliches Pulver verschießen.
Warum auch? Immerhin hat man lange auf diesen Moment hingearbeitet, den Konflikt kräftig aufgebauscht und ein komplexes Bild gezeichnet, wer wie zu wem steht und welche unterschiedlichen Ziele die Hauptfiguren verfolgen. Dies möchte man nun genüsslich auskosten und nicht einfach nur in einem Rutsch abhandeln. So funktioniert „The Joke“ als ein immer wieder äußerst atmosphärischer erster Akt dieses Scharmützels, der zwar nicht die ganz großen Momente zu bieten hat, uns aber einige Stärken des Formats gekonnt vor Augen führt. Gleichzeitig lädt die Handlung der Folge aber auch ein wenig zum Ärgern ein. Das Problem ist dabei hausgemacht.
Gain the world
Aber der Reihe nach. Ich persönlich lechze bereits eine Weile danach, dass die beiden verfeindeten Wikingerlager endlich aufeinandertreffen und sich all die Spannung zwischen ihnen entlädt. Derartige Szenen gibt es hier en masse, während man im selben Atemzug neue Spannungen generiert, wodurch man als Zuschauer permanent mitfiebert und jede Geste, jede Gesichtsregung aufmerksam registriert und analysiert. In dieser Hinsicht macht man Michael Hirst wie gewohnt nicht viel vor. In Kombination mit der donnernden Hintergrundmusik und dem eher schlichten, aber sehr effektiven Setting mitten auf dem Schlachtfeld, wo es zu Gesprächen zwischen den beiden Parteien kommt, rufen die Dialogszenen in „The Joke“ immer wieder ein angespanntes Kribbeln bei den Zuschauern hervor.
Old-fashioned
Von der ersten Minute an liegt diese typische „Vikings“-Elektrizität in der Luft, während beide Seiten sich auf die nahende Schlacht vorbereiten und letztlich dann vor den Toren Kattegats gegenüberstehen. Über kleine Momentaufnahmen wird abermals deutlich, was hier eigentlich auf dem Spiel steht: Familie kämpft gegen Familie, Liebhaber gegen Liebhaber. Der Ballast, den jeder einzelne mit in diesen Krieg nimmt, ist spürbar. Hier zahlt sich der mühevoll Aufbau im Vorfeld aus. Ebenfalls auffällig ist, dass viele Charaktere, vor allem auf Seiten Lagerthas, diesen Krieg vermeiden wollen und nur wenn wirklich nötig in die Schlacht ziehen wollen. Das wird bei den späteren Verhandlungen noch einmal deutlich.
Warum muss es überhaupt zu dieser Auseinandersetzung kommen? Hier kämpfen Wikinger gegen Wikinger, wie sinnlos es ist, sich gegenseitig abzuschlachten, wenn man doch gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen könnte? Es gibt so viele fremde Länder zu erobern, die (noch) grenzenlose Welt gibt zahlreiche Möglichkeiten her - doch das Ego und die persönlichen Ziele einiger Teilnehmer dieses Konflikts lässt jedwede Bemühung, doch noch eine friedliche Lösung zu finden, im Keim ersticken. Dabei sehen wir, wie schwer es vielen doch fällt, ihren Überzeugungen zu folgen. Schauen wir uns nur Harald (Peter Franzen) an, der um keinen Preis von seinem Ziel abweichen will. Das Wiedersehen mit seinem Bruder Halfdan (Jasper Pääkkönen), der jetzt auf Seiten Bjorns kämpft, geht dem ambitionierten Wikinger sichtbar zu Herzen. Ebenso, wie die schwierige Entscheidung, die er trifft, sich für den Krieg und somit gegen Halfdan zu entscheiden.

Some trees have to fall in the forest
Augenblicke wie diese hallen in The Joke nach, vielleicht sogar mehr als die Schlacht, die sich letzten Endes entspinnt. Zu Beginn der Folge sucht man noch das Gespräch, so auch zwischen Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Hvitserk (Marco Ilso), doch gerade auf Seiten Haralds und Ivars (Alex Hogh Andersen) merkt man, dass hier ein Stein ins Rollen gebracht wurde, der nicht mehr aufzuhalten ist. Die Lawine rollt bereits und nimmt immer mehr Fahrt auf. Für einen kurzen Augenblick sieht es so aus, als gäbe es noch ein Zurück. Doch wir sind zu schlau, als dass wir auf Ivars Mummenschanz hereinfallen, der seinen Feinden noch kurz vorgaukelt, dass er den Krieg abbricht und Frieden will.
Das Argument, dass sie alle Söhne Ragnars sind und deshalb nicht gegeneinander kämpfen sollten, zieht bei Ivar nicht. Denn: Er will mehr als nur ein Sohn Ragnars sein. Er will Ivar der Knochenlose sein, berühmt und gefürchtet, eine eigene Sagengestalt und nicht nur der gehbehinderte Sohn des legendären Ragnar Lothbroks. Hinzu kommt sein Versprechen, Lagertha (Katheryn Winnick) für den Tod seiner Mutter Aslaug büßen zu lassen. Für diese beiden Dinge ist Ivar bereit, alles zu opfern. Er will sich beweisen, er will es allen beweisen. Doch sollte er Erfolg haben, erwartet ihn dann wirklich, was er sich erhofft? Lagertha fasst es treffend zusammen: Ivar kann nur verlieren. Gewinnt er die Schlacht, ist er ein Verräter, jemand, der das Vermächtnis seines Vaters entehrt hat. Wird er in der Schlacht besiegt, dann verliert er, und jeder wird sagen, dass es die gerechte Strafe der Götter für sein Verhalten ist.
For the sake of Ragnar
Es wirkt aber so, als würde sich Ivar nicht sehr viel daraus machen, was letztlich die Leute über ihn sagen werden. Vom ersten Augenblick an merkt man ihm seine Entschlossenheit an und nicht in einer Sekunde zweifelt man daran, dass er von seinem blutigen Pfad abweichen wird. Da kann man ihm noch so zureden, die Würfel sind längst gefallen. Dementsprechend scheitern die Friedensverhandlungen auch nach einem kurzen Ausraster Ivars gegenüber seinem Bruder Ubbe. Warum das ganze Hin und Her? Vielleicht, weil Ivar sich einfach nur gerne inszeniert. Weil er den großen Effekt auf seiner Seite haben und ein letztes Mal seinem Bruder deutlich machen will, dass er ihn nicht mehr braucht und über dessen Leiche gehen wird, um seine Ziele zu erreichen.
Nothing to gain
Also kommt es zum Unvermeidbaren, ein blutiges Gemetzel, bei dem es eigentlich nur Verlierer geben kann. Ohnehin liegt eine Art Schwere über dem Schlachtfeld, das sich binnen kürzester Zeit in ein Massengrab verwandelt, wo Brüder und Schwestern Seite an Seite für die Ambitionen ein paar egoistischer Entscheidungsträger gestorben sind. Krieg eben. Nur einer gewinnt hier: Heahmund (Jonathan Rhys Meyers), dem es gleich ist, wo er die heidnischen Barbaren niederstrecken kann, ob in England oder Skandinavien. Hauptsache, seine Feinde bluten. Und das tun sie. Es wird taktiert und abgewartet, vom Hinterhalt in den umliegenden Wäldern (die Samen setzen auf Guerillataktik und tödliche Angriffe mit Blasrohren, mit denen der von Ivar entsandte Hvitserk nicht gerechnet hat) bis hin zum brutalen Schild-an-Schild-Kampf ist alles mit dabei.
Wie gewohnt zirkuliert die Kamera dabei um unsere „Champions“ herum, von denen ein jeder unantastbar erscheint. Ein wenig Legendenbildung darf in Vikings nicht fehlen. Letzten Endes sind Haralds Truppen zum Rückzug gezwungen, weil Bjorn (Alexander Ludwig) genau richtig und Ivar zu lange abgewartet hat. Lagertha und ihre Verbündeten nehmen die Aggressoren in die Zange und wehren den ersten Angriff ab. Doch große Freude macht sich nicht wirklich breit. Eher Schwermut, dass es so weit gekommen ist und sich die Nordleute gegenseitig auslöschen, als gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Bei dieser Schlacht zählt für mich mehr, was in den Köpfen der Beteiligten vorgeht, als das eigentliche Gefecht. Dieses besticht aber durchaus mit seiner Einfachheit und dem logistischen Aufwand. Computergenerierter Truppen treffen hier nämlich nicht aufeinander, dafür hunderte von Extras, während die Action handgemacht ist und sich real anfühlt.

No regrets
Kritik muss dennoch geübt werden. Nach all dem Aufbau fällt diese erste Etappe dann doch ein wenig ab, was aber etwas mit meiner persönlichen und sehr subjektiven Erwartungshaltung zu tun hat. Ein denkwürdiger „Hallo-wach-Moment“ ist auch nicht gegeben, am ehesten vielleicht der vermeintliche Tod von Heahmund, den man aber nicht wirklich glaubt, da der Charakter nach so kurzer Zeit nicht sterben „kann“ - was sich letztlich auch zeigt. Lagertha nimmt sich dem gefallen Kriegerbischof an, der zwangsläufig weiter munter durch die verschiedenen Wikingerlager tingelt. Das alles ist verkraftbar, doch eine Sache wurmt mich dann doch ein ganzes Stückchen: Ivars Verhalten während der Schlacht.
Der junge Anführer, welcher seine strategischen Fähigkeiten bereits in England unter Beweis gestellt hat, wirkt doch erstaunlich hilf- und ratlos, als es darauf ankommt. Eine Seite muss den Kürzeren ziehen, aber dass sich Ivar, der stets ein Ass im Ärmel hat und als gewiefter Charakter etabliert wurde, so einfach übertölpeln lässt, verwundert mich. Ich würde sogar behaupten, dass es sich mit der bisherigen Figurenzeichnung Ivars beißt. In Lagertha und Bjorn hat er natürlich zwei clevere Heerführer als Widersacher, deren Erfahrung Gold wert ist. Dass es Ivar den beiden aber so einfach machen würde, habe ich nicht erwartet. Zwischendurch scheint es fast so, als hätten sich er und Harald gar nicht richtig auf die Schlacht vorbereitet, in letzter Sekunde werden panisch taktische Anweisungen gegeben, um die Gegenseite auszumanövrieren. Vergebens.
Retreat
Das finde ich dann schon ziemlich seltsam. Denkbar, dass Michael Hirst Ivar erst einmal auf den Boden der Tatsachen zurückholen möchte und ihn aus dramaturgischen Gründen derartig versagen lässt, damit er seine Talente in den nächsten Folgen umso mehr zeigen kann. In The Joke (eine unfreiwillige Anspielung auf Ivars Taktik, die nicht mehr als ein schlechter Witz ist) schadet diese Entscheidung aber dem Charakter Ivar, weil es schlichtweg nicht zu dem passt, wie wir die Figur kennengelernt haben. Das bewusste Scheitern Ivars wäre in diesem Fall arg zweckdienlich und könnte cleverer und vor allem glaubhafter gelöst werden.
The future
Abseits dem zentralen Handlungsstrang um den Bürger- und Bruderkrieg der Wikinger darf in dieser Episode auch der Abstecher nach Island nicht fehlen, wo sich Vermutungen aus der letzten Woche bestätigen: Es rumort gewaltig in der neu gegründeten Wikingersiedlung unter Floki (Gustaf Skarsgard). Mittlerweile haben sich zwei deutliche Lager manifestiert. Floki kann auf eine Schar treuer Anhänger bauen, die glauben und anpacken wollen, um aus diesem fremden Land eine neue Heimat zu machen. Eyvind (Kris Holden-Ried) wiegelt die Massen indes auf und stichelt gegen Floki und dessen falsche Versprechungen. Den Schiffsbauern nehmen diese Anschuldigung scheinbar mit, immerhin hat er die Verantwortung für diese Menschen übernommen, die alles hinter sich gelassen haben und wohl nicht mehr nach Kattegat zurückkehren dürfen. Aber was wollen sie auch im feindseligen Skandinavien, wo der Krieg wütet? Sollten sie nicht nach vorne schauen und neues Glück suchen?
Das Hoffen auf eine freudige Zukunft kann einen beflügeln und Kraft geben, gleichzeitig fällt es vielen unter den aktuellen, trostlosen Umständen in Island aber schwer, zuversichtlich zu sein. Der Traum von einer neuen harmonischen Gesellschaft und Gemeinschaft unter den wachsamen Augen der Götter wackelt heftig, und es würde nicht verwundern, wenn der Zwist bald neue Formen annimmt. Der kurze Blick rüber nach England gestaltet sich derweil erneut als Teil der Kampagne „Make Alfred the Great great.“ Dieses Mal gibt es die Erkenntnis, dass der junge Prinz (Ferdia Walsh-Peelo) bereit dazu ist, umzudenken und neue Wege einzuschlagen (zum Beispiel könnte man eine Flotte aufbauen, um die Wikinger noch vor der Landung an den englischen Küsten abzuwehren). Ganz im Gegensatz zu seinem (Stief)Vater Aethelwulf (Moe Dunford) und Bruder Aethelred (Darren Cahill), die wahrscheinlich für immer Opfer ihrer eigenen Gewohnheiten bleiben werden. Wir haben es langsam aber sicher verstanden: Alfred ist toll, der Rest der Engländer eher nicht so. Auf Dauer können auch diese kurzen, thematisch sehr ähnlichen Szenen in England ein wenig ermüdend sein.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 11. Januar 2018(Vikings 5x08)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x08
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