Vikings 5x07

© jorn (Alexander Ludwig) und Snaefrid (Dagny Backer Johnsen) in „Vikings“ (c) History
Ich habe es ja förmlich provoziert, daher hält sich die Überraschung in Grenzen: Nachdem in den letzten Episoden der fünften Staffel von Vikings angesichts des unmittelbar bevorstehenden Krieges zwischen den verschiedenen Wikingerlagern die Lunte immer kürzer geworden war, hatte ich nach der sechsten Folge, namentlich The Message, die Hoffnung geäußert, dass es nun endlich zur Sache gehen würde und das Geschacher im Vorfeld des Konfliktes beendet ist. Falsch gedacht, denn auch in Full Moon wird abermals sehr viel Zeit darin investiert, die unterschiedlichen Kontrahenten, ihre Standpunkte, Strategien sowie wacklige Allianzen untereinander zu beleuchten.
Die Idee von Michael Hirst ist leicht zu verstehen. Dieser möchte die angespannte Lage noch ein bisschen länger köcheln lassen und eine komplexe Grundlage schaffen, um der nahenden Schlacht zwischen den Nordleuten ein umfangreiches, dramaturgisches Fundament zu geben. Nach dieser Folge dürften wir Zuschauer wirklich alles wissen, was man über die einzelnen Charaktere in diesem Konflikt wissen muss. Wer wie zu wem steht, welche Ambitionen und Ziele jeder von ihnen verfolgt, was sie antreibt - das alles hat man mühevoll aufgearbeitet. Die insgesamt sehr gute Darstellerriege kann diese eher charakterzentrierte Erzählung hervorragend tragen und viele Szenen geben nicht nur interessante, neue Einblicke, nein, es wird auch immer wieder sehr spannend der Bogen zur Vergangenheit geschlagen.
Fame and fortune
Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere wiederum... All die Vorbereitung von Michael Hirst hinsichtlich des alles verändernden Ereignis (das kleine „Ragnarok“ der Wikinger), welches zum Greifen nah ist, in Ehren - irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es eventuell zu viel des Guten ist. Der Punkt, an dem man als Zuschauer ein wenig mit den Augen rollt, weil noch ein Umweg gemacht wird, noch ein weiterer Schlenker vollzogen und das nächste kleine Fass aufgemacht wird. Natürlich versteht man, dass die Grundsäulen dieses Großereignisses perfekt etabliert werden müssen, um den bestmöglichen Effekt zu bewirken. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass man es hier und da etwas übertreibt und sich vielleicht sogar etwas wiederholt, um dem „Zeitplan“ der Staffel gerecht zu werden.
What I want
Zum einen spricht hier sicherlich meine sehr subjektive Wahrnehmung der ganzen Erzählung, die zuletzt etwas an Fahrt eingebüßt hat und mich nur stellenweise (in dieser Folge holt man zum Beispiel einiges durch die sehr stimmungsvolle musikalische Untermalung heraus) hat packen können. Zum anderen muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob sich Hirst vielleicht ein klein wenig verkalkuliert hat. Meinem Eindruck nach sind wir längst bereit für die nächste Eskalationsstufe, doch der „Vikings“-Macher möchte seine Figuren unbedingt weiter Schach spielen lassen - wortwörtlich sogar, wie ein kleines Brettspielduell zwischen Ivar (Alex Hogh Andersen) und Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) zeigt, was wiederum alles andere als subtil und fast schon ein wenig zu plump ist.
So serviert man uns erneut zahlreiche Szenen, in denen Intrigen gesponnen, Allianzen vertieft und Züge getätigt werden. Fast schon zwangsläufig wiederholt man sich dabei. Wie oft müssen wir uns jetzt noch anhören, dass die heimtückische Margrethe (Geht es nur mir so oder offenbaren sich jetzt mehr als jemals zuvor die schauspielerischen Schwächen von Ida Nielsen?) Lagertha (Katheryn Winnick) vom Thron stürzen will? Selbst das Hin und Her zwischen Ivar und Heahmund gestaltet sich etwas schleppend, weil wenig Neues dabei herumkommt und wir diese Art der eigenwilligen Beziehung zwischen zwei Charakteren verschiedener Kultur- und Glaubenskreise bereits kennen. Dass sowohl Ivar als auch Heahmund ein Extrem darstellen, macht das Ganze noch am reizvollsten. Doch das einfache Austauschen von religiösen Überzeugungen und die langsame Erkenntnis, dass man vielleicht doch nicht so verschieden ist, ist etwas wenig, um mich komplett zu fesseln.

A noble man
Abermals steht die Vertrauensfrage im Zentrum vieler Handlungsstränge, so auch in Full Moon zwischen Ivar und Heahmund, dem ersterer gerne vertrauen möchte, sich aber doch irgendwie schwertut, keine Zweifel gegenüber seinem „Gefangenen“ zu hegen. Ivar möchte glauben, dass es zumindest einen noblen Menschen da draußen gibt, der nichts von Verrat hält und ehrbar ist. Er kennt so eine Person einfach nicht, daher rührt wahrscheinlich auch sein spezielles Interesse und seine Faszination an dem strenggläubigen Heahmund, der aufgrund seiner religiösen Überzeugungen dem Ideal des noblen Ehrenmannes wohl am nächsten kommt.
Während sich das Verhältnis zwischen den beiden verfestigt - so weit, dass man gemeinsam Schlachtpläne schmiedet - erfahren wir dann noch, dass Astrid (Josefin Asplund) schwanger ist, was wohl mit großer Wahrscheinlichkeit auf ihre Vergewaltigung zurückzuführen ist. Der nichtsahnende Harald (Peter Franzen) freut sich über die frohe Kunde, Astrid sieht man indes an, dass es in ihrem Kopf rumort. Wird sich ihr großes Opfer auszahlen? Wird sie das gefährliche Spiel, das sie im Geheimen betreibt, überleben? Und kann sie letzten Endes zu Lagertha zurückkehren, die ihrerseits ebenfalls unter der erzwungenen Trennung von Astrid leidet?
What we get
Inmitten der großen Probleme und des alles überschattenden Konflikts lassen sich mehrere persönliche Einzelschicksale finden, die sich am Rande abspielen und für ein paar ruhige, sehr menschliche Momentaufnahmen sorgen. Beispiel Torvi (Georgia Hirst): Diese war ihrem Mann Bjorn (Alexander Ludwig) stets treu ergeben und weiß auch jetzt, als es zur Trennung zwischen den beiden kommt, dass sie ihrer Verantwortung als Mutter von Bjorns Kinder weiter nachkommen muss, ebenso, wie Bjorn nie aufhören wird, Torvi und seine Familie zu unterstützen. Dennoch tut es Torvi verständlicherweise weh, dass diese Liebe ein Ende hat und sie mit ansehen muss, wie Bjorn im nächsten Moment mit einer anderen Frau abdackelt. Die Szene zwischen Torvi und Ubbe (Jordan Patrick Smith) hingegen geht meinem Empfinden nach etwas zu sehr in Richtung Melodrama und kratzt fast schon an einer Wikinger-Familiensoap. Wer weiß, was Hirst damit vorhat oder ob es sich hier wirklich nur um eine einmalige Aktion aus Mitleid handelt...
What we deserve
Die Geschichte um Bjorn gibt in „Full Moon“ derweil am meisten her. Für Lagertha stellt die Rückkehr ihres Sohnes, mit dem sie ein schönes, ehrliches Gespräch am Feuer teilt, eine willkommene Verstärkung angesichts des baldigen Krieges dar. Doch auch das Wiedersehen ihres ältesten Spross bringt Fragen mit sich, so zum Beispiel, wie es um seinen Begleiter Halfdan (Jasper Pääkkönen) steht, der Bruder von Harald, mit dem Lagertha jetzt verfeindet ist. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Lagertha und Bjorn auf Halfdan bauen können, doch im Eifer des Gefechts und der Emotionen können sich Allianzen in Luft auflösen.
Ob Halfdans Loyalität Bjorn gegenüber letztlich doch von seiner Liebe zu Bruder Harald übertrumpft wird oder ob Ubbe die Gelegenheit nicht doch beim Schopfe packen wird, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, um selbst zu herrschen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. In dieser Hinsicht geht Michael Hirsts ausführlicher Aufbau des großen Konflikts gut auf, denn auch wenn wir die verschiedenen Charaktere mittlerweile ziemlich gut kennen und glauben, dass wir diese einigermaßen einschätzen können, schwingt bei jedem von ihnen stets ein Funken Unberechenbarkeit mit. Das ist das Salz in der Suppe und macht die Aussicht auf die eigentliche Eskalation zwischen den beiden Lagern so spannend, selbst wenn sich die Handlung in letzter Zeit streckenweise etwas hingezogen hat.

A life full of ghosts
In Kattegat entwickelt man also eine Strategie, um Ivar und Harald abzuwehren, was jedoch mit einer schwierigen Entscheidung einhergeht. Entweder man bereitet sich auf einen Angriff über den Landweg vor, wodurch die Stadt über den Seeweg angreifbar wäre, oder eben andersherum. Man erwartet, dass Ivar die Schlacht im Felde präferiert, und wenn man sich die Schachpartie zwischen ihm und Heahmund anschaut, kann man sich bestimmt mit etwas Fantasie bereits ausmalen, was er sich ausgedacht hat. Wie auch immer sich der Kampf genau gestalten wird, jeder Krieger und jede Kriegerin wird entscheidend sein. So trommelt nicht nur Harald seine Verbündeten zusammen, auch Lagertha baut auf ein Bündnis mit den Samen aus den nördlicheren Gefilden Skandinaviens.
Und was festigt eine solche Allianz am besten? Eine Vermählung selbstverständlich. Da trifft es sich ganz hervorragend, dass Bjorn Interesse an der samischen Prinzessin Snaefrid (Dagny Backer Johnsen) hat und vice versa. Interessant ist auch das Liebesspiel zwischen den beiden, bei dem die zunächst eher zugeknöpft wirkende Snaefrid ihr eigentliches Ich zeigt, was Bjorn aber scheinbar nicht wirklich stört. Nicht jeder würde so ruhig bleiben, wenn er in einer solchen Situation von einem eigenwilligen Brauch zu hören bekommt, bei dem männliche Rentiere mit den Zähnen kastriert werden. Aber jeder nach seiner Façon, nicht wahr? Mit diesem Pakt zwischen den Samen und Kattegat ist also das letzte Bündnis geschlossen. Doch bevor es endlich ans Eingemachte geht, richtet sich der Blick noch einmal kurz nach Island und England.
The land of evil
Das „Land der Götter“ stellt sich für einen Teil von Flokis (Gustaf Skarsgard) Gefolgschaft allmählich als „Land des Unheils“ heraus: karge, steinige Steppen, unfruchtbarer Boden, weit und breit nichts von dem zu sehen, was Floki versprochen hat. Oder können es die Nörgler nicht sehen, weil sie nicht daran glauben? Flokis purer Glaube und seine reine Verbindung zu den nordischen Gottheiten haben ihm die Augen für diesen himmlischen Ort auf Erden geöffnet. Nun zweifelt er aber selbst ein wenig, werden einige seiner Mitstreiter doch ungeduldig und immer skeptischer, ob sie an diesem trostlosen Fleck wirklich ein neues Leben beginnen können. Und wie sollte dieses überhaupt aussehen? Floki spinnt sich eine kleine Wunderwelt zusammen, eine traumhafte Vorstellung für die einen, eine unrealistische Utopie für die anderen.
Devils and angels
Hier brodelt es nicht nur unter der Erdoberfläche von Island, wo Geysire heißes Wasser in die Höhe schnellen lassen. Unmut macht sich breit, doch Floki kann nach wie vor auf ein paar treue Anhänger wie Kjetill Flatnose (Adam Copeland) und dessen Tochter Aud (Leah McNamara) zählen, die immer wieder weise Worte findet, um die Wogen zu glätten. Früher oder später rechne ich jedoch mit Ärger im „Paradies“, allen voran Eyvind (Kris Holden-Ried) gilt als erster Kandidat, der ordentlich Stunk machen könnte. Floki muss ihn und alle anderen erst davon überzeugen, dass es ihm in ersterer Linie nicht um irdische Reichtümer ging, die er angepriesen hat, sondern um den direkten Draht zu den Göttern, den dieses mysteriöse Land hergibt. Wenn diese jedoch nicht reagieren, hilft nur ein starker Glaube, um nicht enttäuscht aufzugeben. Womöglich braucht es dann doch ein gutes altes Zeichen (zum Beispiel die Zeugung eines Kindes als Geschenk der Götter), um die Gemüter zu besänftigen.
In England befindet sich der junge Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) indes auf einer vergleichbaren spirituellen Reise, die ihn an den Ort führt, an dem sein Vater Athelstan einst seinen lebensverändernden Weg zwischen den Kulturen und Glaubensrichtungen begann. Erneut wird deutlich, dass Alfred weiser ist, als es sein Alter vermuten lässt. Er strahlt nicht nur eine Offenheit gegenüber anderen Ansichten und Überzeugungen aus, er weiß auch, dass es auf jeder Seite gute und schlechte Menschen gibt. Einen kleinen Tipp für den zuständigen Glaubensbruder hat er auch: Warum nicht die Lehren der Bibel auf Englisch verbreiten, die Sprache des Volkes, das mit der lateinischen Sprache nicht vertraut ist?
Alfreds Vaterunser, bei dem die Stimme seines Vaters erklingt, untermauert dann zum einen die fast schon sagenhafte Bedeutung des jungen Prinzen für die Zukunft seines Landes, was Michael Hirst mithilfe dieser übernatürlichen Erscheinung noch einmal unterstreicht. Zum anderen klingt es aber auch wie ein finales Stoßgebet vor der bevorstehenden Schlacht, sehen wir doch noch einmal die Gesichter dieses Konflikts aufseiten der Wikinger. Der Vollmond leuchtet hell, die Frist ist abgelaufen. „The end of our world is here.“
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 8. Januar 2018(Vikings 5x07)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x07
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