Vikings 5x06

© agertha (Katheryn Winnick) in „The Message“ (c) History
Langsam komme ich mir wie eine kaputte Schallplatte vor, doch man kann es nur wiederholen: Der große Krieg unter den Wikingern in der fünften Staffel von Vikings ist zum Greifen nah. In der aktuellen Episode The Message wahrscheinlich sogar näher als jemals zuvor, finden sich doch alle entscheidenden Charaktere in diesem Konflikt im heimischen Skandinavien ein, wo neue Bündnisse geschlossen, Intrigen gesponnen und essentielle Vorbereitungen für die unausweichliche Schlacht zwischen Lagertha (Katheryn Winnick) und Ubbe (Jordan Patrick Smith) auf der einen und Ivar ( Alex Hogh Andersen) und Harald (Peter Franzen) auf der anderen Seite getroffen werden.
Serienautor Michael Hirst exerziert in diesem Zuge mal wieder eine der vielen Stärken seines Formats, ganz abseits von mitreißenden epischen Schlachten und einnehmenden spirituellen Elementen. In „The Message“ geht es allen voran mal wieder um die Charaktere, ihre persönlichen Ziele und Motivationen, und wie sie sich mit jemand zusammenschließen können, der ihnen dabei behilflich sein kann, all dies zu erreichen. Aus der Distanz betrachtet tut sich mal wieder ein großes Schachbrett vor uns auf, auf dem die Figuren munter hin- und hergeschoben werden und sich niemand zu sehr auf den anderen verlassen sollte.
Just words
Ivar selbst fasst es in einem Gespräch mit seinem Bruder Hvitserk (Marco Ilso), der all dem Gerede von Allianzen nicht viel abgewinnen kann, perfekt zusammen: Es sind nur Wörter. Und das gibt einem erst einmal etwas Sicherheit. Am Ende entscheiden aber die Taten. Und wer so naiv ist, auf Dinge zu bauen, die einem versprochen wurden, der hat es am Ende wohl nicht anders verdient, als bestraft zu werden und letztlich mit leeren Händen dazustehen. Aber als ob ein Ivar oder ein Harald nicht wüssten, dass keiner von ihnen dem jeweils anderen vertrauen kann. Als ob eine Lagertha nicht viel zu viel erlebt hat, als nicht vor den Gefahren in ihren eigenen Reihen gefeit zu sein.
Friends and allies
So lächelt sich hier ein jeder an und hat im gleichen Atemzug hinterm Rücken die Hand am Dolch. Kurzfristig kann man sich aufeinander verlassen. Sobald der Bürger- und Bruderkrieg jedoch ad acta gelegt ist, ist wieder alles offen. Dieses Geschacher um Macht und die allgemeine Anspannung sind es, die „The Message“ so sehenswert machen. Hinzu kommt, dass die interessantesten Figuren der Serie nun allesamt wieder zusammengeführt werden und man als Zuschauer eben genau diese Spannungen sehen möchte. Andere Handlungsstränge verkommen so ein wenig zu einfachem Beiwerk, das durchaus solide ist, uns aber vom eigentlichen Objekt der Begierde fernhält.
Diese Beobachtung hört sich jedoch harscher an, als sie sein soll. Hirst hat bewusst auf diese heiße Phase an der Heimatfront der Wikinger hingearbeitet, da passiert es fast schon automatisch, dass alles andere außer diesem Handlungsstrang nicht ganz so nachhallt, wie er sich das vielleicht vorgestellt hat. Schauen wir uns zum Beispiel die Geschichte um den jungen Alfred (Ferdia Walsh-Peelo) an. Wie bereits letzte Woche angemerkt, hätte ich sogar damit gerechnet, dass die Handlung in England erst einmal komplett ruht. Aber wir kehren noch einmal zurück nach Wessex, was sicherlich auch mit Blick auf die Zukunft der Serie nicht unwichtig ist.

Former glory
In der Vergangenheit gab es immer wieder Episoden in Vikings, die im denkbar schlechtesten Moment den spannendsten Teil einer Folge verließen, um den Handlungsort zu wechseln, wo das Tempo gleich wieder abflachte und man sich recht schnell wünschte, zurück zu den weitaus interessanteren Aspekten der Geschichte zu kehren. Auch der Plot um Alfred macht zunächst diesen Eindruck. Die Engländer haben sich in der fünften Staffel bisher nicht wirklich mit Ruhm bekleckert und einen Charakter, der uns in seinen Bann ziehen kann, hat dieser Handlungsstrang auch nicht (mehr) wirklich zu bieten. Entschuldigung an alle Fans von Aethelwulf (Moe Dunford), sofern es denn welche gibt. Hirst will dies auf lange Sicht aber ändern, und zwar in Person von Alfred, der, wie bereits mehrfach erwähnt, noch eine wichtige Rolle in der Geschichte Englands spielen wird.
Dementsprechend wird nun etwas mehr an diesem Charakter gefeilt, der sein strategisches Können und seine Weitsicht bereits kurz angedeutet hat. Im Gegensatz zu seinem ruppigen Bruder Aethelred (Darren Cahill) ist Alfred besonnen und gewillt, seinen Horizont zu erweitern. Er kommt eindeutig nach seinem Großvater. Selbst ohne dass er und Ecbert in irgendeiner Form miteinander verwandt waren, ist Alfreds biologischer Vater doch nicht Aethelwulf, sondern der Mönch Athelstan. Und genau über diesen will Alfred nun mehr erfahren, um eine neue Perspektive zu erlangen, sich weiterzubilden und die Welt vielleicht sogar etwas besser verstehen zu können. Das mag für den Moment jetzt nicht extrem mitreißend und spannend sein, auf lange Sicht kann man aber davon ausgehen, dass Hirst Alfred als nächsten großen Gegner der Wikinger etablieren möchte, weshalb diese Vorbereitung des Charakters absolut notwendig ist. Das ist ja gerade das Spannende, zu erleben, wie sich eine Figur entwickelt, was sie prägt und was letzten Endes aus ihr wird.
The land of milk and honey
So passt der Plot um Alfred also doch recht gut ins große Gesamtbild von Vikings, dem sich die Truppe um „Ausreißer“ Floki (Gustaf Skarsgard) etwas entzieht. Dieser bekommt von Lagertha jetzt doch die Erlaubnis, mit seiner Schar zu neuen Ufern aufbrechen zu dürfen, und tingelt fortan mit dieser über das steinige Island, was sich viele seiner Anhänger anders vorgestellt haben. Hier frage ich mich allen voran, was für eine Geschichte man erzählen möchte und ob man diese so gestalten kann, dass die Zuschauer von ihr gepackt und gefesselt werden. Auch dieser Handlungsstrang hat aktuell einen eher schweren Stand, da uns noch die Bezugspersonen um Floki herum fehlen, mit denen wir mitfiebern können. Mit Ketjill Flatnose (Adam Copeland) und seiner cleveren Tochter Aud (Leah McNamara) bringt man bereits zwei Charaktere in Stellung. Der neue Handlungsstrang braucht aber definitiv Zeit, um sich zu finden.
A woman's patience
Geduld ist eine Tugend, nicht nur ganz allgemein gesprochen und als Serienkonsument, sondern auch, wenn man einen mächtigen Posten wie Lagertha innehat. Die Wikingerkönigin glänzt mal wieder mit ihrer Erfahrung und ihrer Weitsicht, weiß sie doch, dass es sinnlos wäre, Floki und seine Leute gegen ihren Willen in Kattegat zu behalten. Die daraus resultierenden internen Spannungen kann niemand gebrauchen. Außerdem hofft sie wohl auch ein wenig, wie Aud wunderbar beobachtet, dass der verrückte Schiffsbauer mit seiner Expedition Erfolg haben wird, denn dann hätte er einen Ausweg aus dieser feindseligen Welt gefunden, in der Lagertha schon seit vielen Jahren lebt.
Ich könnte mir vorstellen, dass auch sie ab und an wie Floki ihr Leben hinter sich lassen möchte, dass jahrelange Machtkämpfe und Verrat sie gezeichnet haben und Lagertha genau deshalb einen Schlussstrich ziehen will. Auf der anderen Seite hat sie stets auch ein beispielloses Pflichtbewusstsein und eine Fürsorge für ihresgleichen ausgezeichnet, was ihre Machtposition immer mehr gefestigt hat. Wo die machthungrigen Männer um sie herum von Moment zu Moment rasen und gleich zur Spitze des Berges vorpreschen wollen, koste es was es wolle, nimmt sich Lagertha die Zeit und handelt uneigennützig. Ihre Nachsicht und ihr Verständnis werden ihr von Manchem fälschlicherweise als Schwäche ausgelegt, doch genau das macht sie aus und spricht dafür, dass sie sich so lange hat behaupten können. Bis jetzt zumindest.

Tearing the world apart
Denn es stehen ihr und uns stürmische Zeiten bevor, die große Veränderungen mit sich bringen werden. Und mittendrin in all diesem Tumult muss ein jeder und eine jede für sich herausfinden, auf welcher Seite sie sich letztlich einfinden möchten. Am interessantesten steht es um Astrid (Josefin Asplund), mittlerweile Königin und Ehefrau von Harald, bei der sich aber zeigt, dass sie doch noch Lagertha treu ergeben ist. Dem Braten habe sicher nicht nur ich, sondern auch viele andere nicht getraut. Astrid fungiert nun als Informantin hinter dem Rücken von Harald, der in einem Nebensatz von Ivar nochmal provokant darauf hingewiesen wird, dass seine aktuelle Gemahlin ein Sicherheitsrisiko darstellt. Recht hat er, der Ivar, denn Astrid lässt eine Botschaft nach Kattegat übermitteln, wann Haralds und Ivars Truppen attackieren werden, sodass Lagertha und Ubbe sich auf den Angriff vorbereiten können.
Für diese Loyalität und ihren Dienst an Lagertha bezahlt Astrid jedoch einen hohen Preis, lässt sie sich doch von einem Walfänger und seiner Crew vergewaltigen, damit dieser die Nachricht an Lagertha überbringt. Es ist eine abscheuliche Szene, die uns glücklicherweise größtenteils erspart bleibt. Hirst geht es hier aber primär nicht um den fürchterlichen Gewaltakt gegen Astrid, sondern um ihre Integrität als Charakter. Sie hat die Möglichkeit, ihren „Handelspartner“ niederzustrecken, ist aber bereit dazu, dieses Opfer zu bringen, um ihrer wahren Liebe zu helfen. Astrid lässt die Gräueltat in Gedanken an Lagertha, die von diesen wertvollen Informationen profitieren wird, über sich ergehen. Auch dies zeigt eine Stärke, über die nicht viele Charaktere verfügen. Uns bleibt derweil nur zu hoffen, dass das Ekel, welches sich an Astrid vergangen hat und sich in Kattegat auch noch feiern lässt, besser früher als später seine gerechte Strafe erhält.
Great warriors
Während Lagertha der nach wie vor aufwieglerischen Margrethe (Ida Nielsen) eine allerletzte Ansage macht, bevor ihr intrigantes Verhalten Konsequenzen haben wird, werden wir im Heimatdorf von Harald Zeugen davon, wie der gottesfürchtige Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) offenbar einen neuen Pfad beschreitet. Im Land der Wikinger wird er wie eine Attraktion vorgeführt, doch Ivar hat große Pläne für ihn. Und diese nimmt man dem jungen Wikinger voll und ganz ab. Dessen Faszination für den Kriegerbischof ist bereits mehr als deutlich geworden, jetzt spricht er aber noch einmal Klartext: Ivar ist tatsächlich eifersüchtig auf Heahmund. Auf dessen Stärke, dessen Fähigkeiten, dessen Mut und Entschlossenheit. Deshalb will er ihn in den kommenden Schlachten an seiner Seite wissen, weil Heahmund das wiederspiegelt, was Ivar sein möchte. Und der ehrliche, aufrichtige Ausdruck in Ivars Gesicht deutet daraufhin, dass er das auch wirklich meint.
Heahmund steht nun vor der schwierigen Entscheidung, sich Ivar anzuschließen oder aber zu sterben. In einer toll ausgeleuchteten Szene ringt er noch einmal mit sich und seinem Gott - und es scheint so, als würde er sein Schicksal fortan selbst in die Hand nehmen und sich nicht weiter von seinem Herrn und dessen Gnade und Güte abhängig machen wollen. Gott ist groß, Ivar ist größer? Oder handelt es sich um eine Finte von Heahmund, der von Ivar überzeugt wird, für ihn zu kämpfen? Was auch immer in Heahmund vorgeht, Jonathan Rhys Meyers kann uns mit seinem kraftvollen Schauspiel durchaus in seinen Bann ziehen. Diese starke Darbietung verkompliziert es, den Charakter zu lesen und zu verstehen. Doch das ist wiederum das Gute daran, da eine einfache Schwarz-Weiß-Lösung nicht wirklich spannend und für Vikings-Verhältnisse auch untypisch wäre.
Playthings
Es bleibt ambivalent und so kann man nur abwarten, was Heahmund wirklich bewegt, ob er nach seiner Leidenszeit etwas vom Glauben abgefallen oder sich jetzt erst dieser besonderen Prüfung durch seinen Gott bewusst geworden ist und diese nun vollends annimmt. Ivar, der nicht müde wird zu betonen, dass er Großes vollbringen will und seinen Namen in die Welt hinaustragen möchte, hat sich indes verstärkt. Doch die eigenwillige Vertrauensbasis zwischen ihm und Heahmund muss erst noch zeigen, wie sehr er sich wirklich auf seinen Kriegerbischof verlassen kann. Ohnehin ist weiterhin vieles unberechenbar in „Vikings“, an einer Stelle werden die Menschen gar als Spielfiguren der Götter bezeichnet, und genau das ist der Punkt: Deren Wege sind unergründlich.
So taucht zum Beispiel auch plötzlich wieder Bjorn (Alexander Ludwig) in Kattegat auf, nachdem sein mediterranes Abenteuer ein abruptes Ende gefunden hat. Das finde ich tatsächlich ein wenig eigenartig und schade, aber anscheinend will man den Charakter unbedingt zurück im Hauptplot haben, was verständlich ist. Diese Entscheidung nimmt Bjorns kurzer Expedition aber etwas die Bedeutung und wirft die Frage auf, was das Ganze letztlich gebracht hat. Wie dem auch sei. Welche Rolle wird Bjorn im kommenden Krieg spielen, der Bruder auf Bruder hetzen wird und das Vermächtnis des alles überragenden Ragnars zerstören könnte? Es wird zeitnah Antworten geben, so hoffe ich doch zumindest, denn ganz ehrlich: So langsam reicht es mit dem Säbelrasseln. Es ist jetzt wahrlich angerichtet (wehe, ich muss mich nächste Woche noch einmal wiederholen, Herr Hirst), also bitte, Bühne frei. Nicht nur die Charaktere, sondern auch wir Zuschauer sind bereit.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 28. Dezember 2017(Vikings 5x06)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x06
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