Vikings 4x20

© var (Alex Hogh Andersen) und Bjorn (Alexander Ludwig) in „The Reckoning“ / (c) History
Jetzt ist er also gekommen, der Tag der Abrechnung. In The Reckoning, dem finalen Kapitel der vierten Staffel des Historiendramas Vikings, treten gleich mehrere Charaktere ihrem Schöpfer beziehungsweisen ihren Schöpfern gegenüber, während ein paar von ihnen sich ihrem unausweichlichen Schicksal stellen müssen, für das sie nun endlich die Rechnung bekommen. Serienmacher Michael Hirst kombiniert dabei überraschend emotionale Momente mit der gewohnten Brachialität des Formats, das sich am Ende dieser Staffel erneut an einem Scheideweg befindet.
Dieser kann und wird unsere Protagonisten in die verschiedensten Richtungen führen, und ich persönlich möchte jetzt eigentlich ungern warten, bis es mit der fünften Staffel der History-Serie weitergeht. Mit „The Reckoning“ stellt Hirst abermals unter Beweis, dass es immer wieder sehr gut gelingt, sowohl zentrale Handlunsstränge zufriendenstellend abzuschließen als auch vorbereitend für die Zukunft neue Spieler und Geschichten in Position zu bringen.
The way of the Viking
Die Episode widmet sich dem finalen Schlag der Wikinger gegen die Engländer um Aethelwulf (Moe Dunford) und Ecbert (Linus Roache), der jedoch nicht lange auf sich warten lässt. Dementsprechend wird in der Folge sehr viel Zeit in die mögliche Konsequenzen des Triumphs der Nordmänner investiert sowie zwischendurch immer wieder der Fokus auf die mitunter sehr dramatischen Einzelschicksale vieler Figuren gelegt, was in einer wunderbar abwechslungsreichen Erzählung resultiert, die von der ersten bis zur letzten Minute auf verschiedenen Ebenen großartig unterhält. Ob man nun Gefallen an den einzigartigen Schlachtszenen, starken Charaktermomenten oder dem spannenden Foreshadowing findet - „The Reckoning“ hat all dies und mehr zu bieten.
Not over yet
Das Geschehen spielt sich überwiegend in England ab, bis auf eine kleine Szene in Kattegat, wo Lagertha (Katheryn Winnick) nach der erfolgreichen Abwehr der Angreifer aus der letzten Episode ihren Nächsten noch einmal die Bedeutung der Mission ihres Sohnes Bjorns (Alexander Ludwig) vor Augen führt. Mit dem Erfolg dieses (Rache-)Feldzuges steht und fällt die Kultur, der Glaube und das Volk der Wikinger. Eine nach wie vor sehr dramatische Ansage - meine Aufmerksamkeit gilt in dieser Szene jedoch einer gewissen Torvi (Georgia Hirst), die vielleicht etwas blass, aber putzmunter mit am Tisch sitzt.
Ich hatte bereits im Laufe der Woche ein paar Artikel gelesen, dass es Torvi eben nicht tödlich erwischt hat, so, wie ich es in meiner Kritik zur letzten Episode behauptet habe. Mea culpa für diesen Fehler, scheint ihr Ableben wohl doch nicht so eindeutig gewesen zu sein, wie ich angenommen hatte. Mein Loblied auf die junge Kriegerin nehme ich selbstverständlich nicht zurück. Michael Hirst hat in der Vergangenheit schon öfter solche Spielchen abgezogen (man erinnere sich an die Belagerung von Paris, als manch einer dachte, dass es eventuell Bjorn erwischt hat) und meine Wenigkeit ist ihm natürlich auf dem Leim gegangen, wobei das Bild von der mit Pfeilen durchlöcherten Torvi doch recht deutlich aussah. Aber gut, damit wäre dies aus der Welt geschafft. Torvi lebt und wir können uns auf das Wesentliche in „The Reckoning“ konzentrieren: Der Konflikt der Wikinger mit den Engländern und dessen Ausgang.

Save yourselves
In On the Eve beendeten Hirst und Co. die Episode noch mit einem gemeinen Schnitt, kurz vor dem eigentlichen Scharmützel zwischen Aehtelwulfs in die Falle getappten Truppen und den kampfeslustigen Nordmännern. Wir setzen zu Beginn von The Reckoning nicht direkt an dieser Stelle an, sondern sehen einen scheinbar in den Wahnsinn getrieben Ecbert nervös auf und ab wippen, als wüsste er schon, wie der Kampf ausgeht. Schlagartig befinden wir uns mitten im matschigen Getümmel, das anfangs einen recht ausgeglichenen Eindruck macht, dann jedoch aber deutlich zu Gunsten der Wikinger kippt.
In dynamischen, wuchtigen Einzelaufnahmen der verschiedenen Krieger werden wir packend in diese Schlacht involviert; es scheppert an allen Ecken und Enden, während sich Aethelwulf mit aller Macht gegen die Niederlage stemmt. Diese ist jedoch nicht abzuwenden und so bleibt dem Prinzen letztlich nur die Flucht. Als Zuschauer kann man den blutgetränkten Morast, auf dem dieser Kampf stattfindet, förmlich unter den eigenen Füßen spüren. Die Aufnahmen von dem modrigen Schlachtfeld befördern direkt an die Seite der Charaktere. Diese können sich zwar sehr problemlos und nahezu heldenhaft durchsetzen, das nehme ich aber für eine aufregende, mitreißende Inszenierung gern in Kauf.
Final journey
Der Kampf ist also recht zügig beendet, Frust macht sich aufgrund der kurzen Auseinandersetzung aber nicht breit. Vielmehr verfolge ich gespannt die Auswirkungen und Konsequenzen, die diese Niederlage für die Engländer nach sich zieht, bei denen Ecbert, so wirr und wahnsinnig er auch erscheint, offensichtlich einen Plan in petto hat. So tritt er schnell seine Krone und sein Königreich an seinen Sohn ab und gibt Judith (Jennie Jacques) sowie „Ziehsohn“ Alfred noch ein paar weise Ratschläge (Demut ist ein guter Begleiter) mit auf dem Weg. Sein Herrschaftssitz wird evakuiert und seine Liebsten bringen sich in Sicherheit. Er bleibt jedoch da, genau so wie Bischoff Edmund (Philip O'Sullivan), der diesen heiligen Ort nicht einfach so zurücklassen kann - und den köstlichen Wein natürlich auch nicht. Ecbert wirkt bei all diesen Szenen fast schon manisch, aber unerschrocken ob der kommenden Wikinger, die ihn mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für seinen Verrat an Ragnar richten werden. Der ehemalige König scheint jedoch seinen Frieden gemacht zu haben und ist bereit für seine letzte Reise.
Listen and learn
Oder werden wir hier abermals Zeugen eines Ecbert, der ein allerletztes Mal seine ganze Perfidität und Raffinesse ausspielt, um sein Vermächtnis zu wahren? Das hervorragende Schauspiel von Linus Roache (irgendwo zwischen absurder Vorfreude, reiner Seele, großer Furcht und schamlosen Manipulator) macht es nicht gerade leichter, Ecberts wahre Motive zu deuten. Ist er anfangs bereit, seinem Gott gegenüberzutreten und Buße zu tun? Ändert er dann noch einmal seine Meinung, als er mitbekommt, wie respektlos die Wikinger mit dem christlichen Glauben umgehen, Schriften verbrennen und die Altare entehren? Fällt er in diesem Moment die Entscheidung, einen letzten Trick aus dem Ärmel zu ziehen? Oder hatte er diesen Plan von Beginn an?
Mit „diesem Plan“ ist Ecberts Angebot gemeint, das er den Wikinger um Bjorn unterbreitet, während er in dem gleichen Käfig hockt wie noch vor wenigen Episoden Ragnar. Als König kann Ecbert den Wikinger Land überschreiben, diese können ganz offiziell in England sesshaft werden und haben dann einen legalen Anspruch auf besagte Ländereien in Ostanglien. Nur ist Ecbert eben nicht mehr König, da er diesen Posten an Aethelwulf abgegeben hat. Das wissen aber natürlich die Wikinger nicht, die sich nun fälschlicherweise in England ansiedeln könnten, im ruhigen Gewissen, dass dies ihr gutes Recht ist - bis sie wieder gewaltvoll vertrieben und ausgemerzt werden. Ecbert kauft seinen Landsleuten und Nachfolgern also etwas Zeit, um den unzivilisierten Heiden letzten Endes aus dem Grab heraus doch noch eins auszuwischen.

An empty ship
Bjorn findet Gefallen an diesem Handel, auch wenn er sich vorher erneut mit Ivar (Alex Hogh Andersen) darum streiten muss, wie sie weiter verfahren sollen. Der designierte Anführer der Wikinger beweist einmal wieder den Blick fürs Große und Ganze, und der Deal sieht ja auf dem Papier auch nicht schlecht aus. Ivar hingegen ist weitaus mehr auf Krawall gebürstet. Seine Instinkte sind auch gar nicht verkehrt, werden sie doch schließlich von Ecbert hinters Licht geführt. Die Mehrheit der Entscheidungsträger steht jedoch hinter Bjorn. Im Austausch für die Ländereien möchte Ecbert einzig über die Art und Weise bestimmen, wie er das Zeitliche segnet, denn sein Tod ist unausweichlich. Er wählt den Selbstmord und schneidet sich in einer ungemein intensiven, herrlich beleuchteten Szene in den Bädern seines Sitzes die Pulsadern auf.
Dort, wo so viele tiefgründige Gespräche (auch mit Ragnar) geführt wurden, erinnert er sich noch einmal an sein Leben und seine Taten zurück - wie Ragnar, sein Bruder im Geiste. Sein Ende nimmt Ecbert schließlich doch selbst in die Hand. Ich muss zugeben, dass ich bei diesen schmerzhaften Aufnahmen und dem grandiosen Schlussbild des leblosen Ecberts im Bad überraschend sentimental wurde und der Abschied von dieser vielschichtigen Figur weh tat, auch wenn dieses Ende irgendwann kommen musste. Diese emotionale Achterbahnfahrt wird dann noch um das schrecklichen Leiden Flokis (Gustaf Skarsgard) erweitert, der zuvor seine Frau Helga (Maude Hirst) verliert (erstochen von der traumatisierten Tanaruz, die sich dann selbst umbringt) und diese zu Grabe trägt. In diesem dramatischen und tragischen Moment wird einem erst bewusst, dass auch Floki eine unglaubliche Reise hinter sich hat und ihm nun nichts mehr bleibt. Erst seine Tochter, dann Ragnar, dann Helga: Ihm wurde alles genommen, was ihm wichtig war. Jetzt können die Götter mit ihm tun und machen, was sie wollen.
The new generation
Es ist erstaunlich, wie gut Michael Hirst in The Reckoning verschiedene Gefühlswelten aufeinanderprallen lässt und wie hervorragend dieser Plan letztlich aufgeht. Als Beobachter fühle ich mich immer wieder extrem gepackt, sei es aufgrund der knackigen Action oder eben der bewegenden Abschiede und hochemotionalen Szenen. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft darf natürlich auch nicht fehlen und so versammeln sich die Wikinger noch einmal nach ihrem Erfolg, um den weiteren Weg zu diskutieren. Bjorn hat nicht nur seine Pflicht erfüllt, er hat - seiner Ansicht nach - auch einen Traum seines Vaters verwirklicht: der rechtmäßige Besitz von Siedlungsgebiet in England für seinesgleichen. Nun zieht es ihn zurück ins Mittelmeer, während seine Brüder die Geschicke in England führen sollen. Der dubiose Harald (Peter Franzen) möchte ebenfalls in England verbleiben, warum genau sagt er aber nicht. Und etwas überraschend wil Haralds Bruder Halfdan (Jasper Pääkkönen) Bjorn auf seiner Reise ins Mittelmeer begleiten. Wenn da mal nicht etwas im Busch ist...
Follow your destiny
Aus der Reihe fällt natürlich einmal wieder Ivar, der weiter plündern und den Engländern das Fürchten lehren will. Keine Gnade lautet seine Devise, und wüsste Bjorn, dass sein Papier über die Ländereien in Ostanglien nichts wert ist, wäre er wahrscheinlich mit dabei. So wird Ivar aber zur Zurückhaltung gemahnt, wobei seine feurige Ansprache durchaus bei den Wikingern ankommt. Die Stimmung ist recht schnell aber wieder am Brodeln, vor allem zwischen Ivar und Sigurd (David Lindström). Letzterer gab seinem Bruder zuvor noch recht, wie mit Ecbert verfahren werden sollte. Jetzt schlagen sie sich erneut verbal die Köpfe ein und provozieren sich gegenseitig - bis es schließlich zu der Eskalation kommen muss, die einige sicherlich erwartet hatten.
Ivar schleudert in seiner blinden Wut (Sigurd zieht mal wieder über das „Muttersöhnchen“ her) eine Axt auf Sigurd, der zwar noch ein paar Meter macht, dann aber leblos zu Boden sinkt. Ein Paukenschlag, der verdeutlicht, dass die Söhne Ragnars auf der Suche nach Vergeltung geeint, aber letztlich zu verschieden sind, um jemals wirklich an einem Strang zu ziehen. Es wird spannend zu sehen sein, wo es die verbliebenden Söhne wirklich hinführen wird und welchen Herausforderungen sie sich stellen werden müssen. Einen neuen, möglichen Widersacher sehen wir bereits in Jonathan Rhys Meyers, der am Ende von The Reckoning als Bischoff Heahmund (nach einer realen Persönlichkeit aus der Historie) eingeführt wird. Dass es sich bei diesem um keinen gewöhnlichen Geistlichen handelt, wird schnell klar. Während er sich dem ruppigen Liebesspiel mit einer trauernden Witwe hingibt, erhaschen wir seine Rüstungen mitsamt mächtiger Klinge, auf deren Griff der Schriftzug „Ananyzapata“ steht. Das ist angeblich eine mittelalterliche Inschrift, die Unheil abwehren soll. Ein Kriegerbischoff als potentieller Gegner der heidnischen Wikinger in der kommenden Staffel? Sehr gerne, Vikings. Sehr gerne.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 2. Februar 2017(Vikings 4x20)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x20
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