Vikings 4x19

Vikings 4x19

Vikings spannt uns weiterhin auf die Folter und spart sich den ganz großen Knall für das Finale der vierten Staffel auf. Das bedeutet aber keineswegs, dass es in der Episode On the Eve nicht zur Sache geht. Die kriegerischen Handlungen nehmen allerorts weiter zu und fordern weitere Opfer.

Lagertha (Katheryn Winnick) unter Beschuss in der „Vikings“-Episode „On the Eve“ / (c) History
Lagertha (Katheryn Winnick) unter Beschuss in der „Vikings“-Episode „On the Eve“ / (c) History
© agertha (Katheryn Winnick) unter Beschuss in der „Vikings“-Episode „On the Eve“ / (c) History

Pünktlich zum Finale der vierten Staffel von Vikings spürt man mal wieder dieses ganz spezielle Kribbeln in der Luft, das sich das Historiendrama von Michael Hirst über die letzten Jahre erarbeitet hat und was schon fast zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden ist. Nach dem brutalen, für manche Zuschauer vielleicht sogar verstörenden Schlusspunkt der letzten Episode Revenge entladen sich nun in On the Eve die ersten Spannungen zwischen den verschiedenen verfeindeten Parteien. Hirst macht sich aber erneut einen Spaß daraus, vor dem vermeintlichen Höhepunkt der Eskalation einen zwischenzeitlichen Schlussstrich zu ziehen.

Eine gemeine Hinhaltetaktik, die der Autor zu sehr ausreizt? Oder aber ein cleverer Schachzug, unsere Erwartungshaltung zu steigern und dem finalen Kapitel dieser Staffel in der nächsten Woche noch viel gespannter entgegenzufiebern? Ich persönliche tendiere zu letzterem, erwarte aber jetzt auch von dem Serienmacher und seinem Team, dass sie dementsprechend abliefern werden, was natürlich das Risiko erhöht, dass man enttäuscht wird. Eine Enttäuschung ist die aktuelle Episode „On the Eve“ indes bei weitem nicht, auch wenn sich vielleicht manch ein Hobbystratege unter den Zuschauern gerade im letzten Drittel der Episode frustriert an den Kopf fasst.

A time of war

Bis dahin überzeugt die Folge aber durch ein sehr energiegeladenes, treibendes Ezähltempo, reichlich Actioneinlagen, herbe Verluste und kleine Charaktermomente zwischendurch, die dem Ganzen das gewisse Etwas geben. Dabei dient vor allem die erste Hälfte der Episode noch dazu, dass die unterschiedlichen Charaktere Vorbereitungen treffen oder wertvolle Informationen einholen können, sei es an der Heimatfront in Kattegat, wo Lagertha (Katheryn Winnick) um ihre Vormachtstellung kämpfen muss, oder aber in England, wo sowohl die Wikinger um Bjorn (Alexander Ludwig) an einer Taktik für die Schlacht gegen die Engländer pfeilen als auch deren Anführer Aethelwulf (Moe Dunford) sich und seine Gefolgsleute für diese Auseinandersetzung bereitmacht.

Wrong place

Widmen wir uns zunächst dem Geschehen in Kattegat. Dort haben die von Lagertha in Auftrag gegebenen und höchstpersönlich betreuten Verteidigungsanlagen Gestalt angenommen, auch wenn es noch nicht ganz für richtige Wälle gereicht hat. Holztürme und mehrere Gräben mit Pfählen stellen aber eine solide Grundlage dar. Komplett sicher sind diese Vorkehrungen jedoch nicht, denn, wie sich zeigt, gelingt es gleich zu Beginn einer kleinen feindlichen Gruppe, die Stadt zu infiltrieren. Mit den Angreifern ist flott kurzer Prozess gemacht, aber Lagertha weiß, dass dies eh nur eine Art Testlauf war und irgendjemand die Schwächen der Befestigung Kattegats auslotet.

Es dauert nicht lange, da ereignet sich auch schon der richtige Angriff durch Haralds Verbündeten Egil (Charlie Kelly) - und das gleich an zwei Fronten: Zum einen wird Kattegat frontal über den Landweg angegriffen, was jedoch mehr als Ablenkung dient, und zum anderen dringen die Angreifer über den Hafen der Stadt ein. Es entwickelt sich ein für die Serie bekanntes wildes Getümmel, eine Art kontrolliertes Chaos, bei dem die Opferzahlen rapide in die Höhe schießen und Lagertha, Astrid (Josefin Asplund), Torvi (Georgia Hirst) und mehr sich unerschrocken ins Gemetzel stürzen, um ihre Heimat zu verteidigen.

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Jeopardy

Die Aufnahmen von diesen Kämpfen sind gewohnt wuchtig und es ist eine große Freude, den Wikingerdamen dabei zusehen zu dürfen, wie sie ordentlich austeilen (Astrid avanciert dabei zu meiner Favoritin) und dem Bastard Egil todesmutig Paroli bieten. Mein einziges Problem an diesen Szenen ist, dass mir hier und da ein wenig der Überblick fehlt und ich als Zuschauer gerne wissen würde, wie viele Krieger und Kriegerinnen involviert sind. Dafür brauche ich keine konkrete Zahl, es reicht schon eine visuelle Übersicht, um besser einschätzen zu können, von welcher Dimension an Kämpfern wir hier sprechen.

So habe ich nämlich zunächst den Eindruck, dass Lagerthas Leute hoffnungslos unterlegen sind und es nur eine Frage der Zeit ist, bis Kattegat fällt. Das Blatt wendet sich jedoch und Lagertha kann Egil - in einer zugegeben unfassbar coolen, wenn auch furchtbar gnadenlosen und unmenschlichen Art und Weise - schlagen. Da stelle ich mir schon die logistische Frage, wie es der Wikingerkönigin gelingen kann, am Ende des Tages als Siegerin vom Platz zu gehen. Aber gut, das verbuchen wir unter der Kategorie „Meckern auf hohen Niveau“. Kattegat kann erfolgreich verteidigt werden und Egil wird wie eine Wildsau am Spieß über einer Feuerstelle gefoltert, soll er doch preisgeben, mit wem er unter einer Decke steckt.

Defeated

Die schmerzhaften Verbrennungen brechen Egil zwar nicht, dafür aber die Sorge um seine Frau, die Lagertha als Druckmittel einsetzt. Die Wikingerkönigin präsentiert sich schonungslos - verständlich, wurde doch ihre Existenz angegriffen. Und zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht einmal, dass es die gute Torvi erwischt hat, was ich durchaus schade finde. Gerne erinnere mich daran zurück, wie Torvi in der ersten Hälfte der vierten Staffel eigenhändig das Ekel Erlendur zur Strecke brachte. Der Abschied von diesem gut ausgearbeiteten Nebencharakter fällt schwerer als erwartet, gerade weil Michael Hirst zwischendurch viel Zeit in die Figurenzeichnung der von seiner Tochter Georgia gespielten Torvi gesteckt hat.

A different way

Lagertha erfährt letztlich von Egil, dass der machthungrige Harald (Peter Franzen) der Initiator des Angriffes war, was die Wikingerin natürlich sorgevoll stimmt, da Harald gerade mit ihrem Sohn Bjorn in England unterwegs ist. Fragt sich nur, ob sie diesen irgendwie von dem Verrat in Kenntnis setzen kann. Harald wird ja wissen, dass er Bjorn zum Feind haben wird, wenn dieser von dem Angriff auf Kattegat und Lagertha erfährt, geschweige denn vom Tod Torvis, der Mutter seiner Kinder.

Dementsprechend könnte auch Bjorn äußerst gefährlich leben. Es ist Harald und seinem Bruder Halfdan (Jasper Pääkkönen) durchaus zuzutrauen, dass sie einen internen Umsturz und die Absetzung Bjorns längst geplant haben. Einige von Ragnars Söhnen wollen Lagertha ja ebenfalls tot sehen, also gibt es hier die Möglichkeit neuer Allianzen.

Wir haben es mit einem komplizierten, verworrenen Konstrukt an Beziehungen zwischen Charakteren zu tun, von denen viele große Ambitionen hegen, für die sie über Leichen gehen würden. Hinzu kommt bei einigen dieser Figuren ihr gewaltiger Stolz und ihre Unberechenbarkeit, wie es zum Beispiel Harald oder auch Halfdan noch einmal eindringlich demonstrieren. Ersterer versenkt einfach mal so eine Axt in der Schädeldecke des Mannes seiner ehemaligen Angebeteten.

Ihm kann so oder so keiner was. Von der dänischen Prinzessin Ellisif (Sophie Vavasseur) lässt er sich dann aber beinahe aufs Glatteis führen, doch, wie so oft, hält ihm sein Bruder den Rücken frei. Mit diesen beiden Zeitgenossen ist definitiv nicht gut Kirschen essen und sollte Bjorn die Kunde aus der Heimat - und was dort vorgefallen ist - erreichen (seine Frau Torvi wurde umgebracht und Lagertha hätte bei Egils Angriff getötet werden können), dann scheint mir ein offener Konflikt unter den Nordmännern nicht gerade unwahrscheinlich.

History
History - © History

Brotherhood

Ganz abgesehen davon brodelt es auch kurzzeitig unter Ragnars Söhnen wieder ein wenig, ist Ivar (Alex Hogh Andersen) doch extrem von sich selbst überzeugt, da er von seinem Vater auserwählt wurde, mit nach England zu kommen. Bjorn und die anderen sehen das natürlich etwas anders (weil sonst niemand Ragnar folgen wollte) und verspotten Ivar. Ein Hoch auf Floki (Gustaf Skarsgard), der dem ganzen Kindergarten mit einem gesalzenen Kommentar („the grunting of the little pigs“) ein Ende bereitet.

Nur gemeinsam können sie Rache nehmen, große Töne hingegen kann jeder spucken. Der kleine Nebenplot um die flüchtige Tanaruz ist derweil nicht wirklich der Rede wert, außer, dass das junge Mädchen Floki auf irgendeine Art und Weise mental beschäftigt. Wer möchte, kann sich auch an eine tiefere Symbolik klammern, nimmt die, die Hoffnung bringt (so die Übersetzung des Namen Tanaruz laut Helga), doch plötzlich Reißaus.

Heißt das also, dass sämtliche Hoffnung, auf was auch immer, verloren ist? Diesen Anschein macht es für die Wikinger eigentlich nicht, eher im Gegenteil. Während Aethelwulf die Truppen von Wessex vorbereitet und noch einmal von seinem Vater Ecbert (Linus Roache) motiviert wird, läuft die Invasion der Nordmänner und ihrem großen, heidnischen Herr wie am Schnürchen.

Ich finde es indes interessant, dass Aethelwulf noch einmal etwas mehr ins Rampenlicht gerückt wird und sich zeigt, dass er ein guter, pflichtbewusster Sohn, Ehemann und Familienvater ist, der stets um den Respekt und das Vertrauen seines eigenen Vaters gekämpft hat. Jetzt schlägt seine große Stunde und im Angesicht der unmittelbaren Gefahren wird vielen bewusst, so zum Beispiel Judith (Jennie Jacques), was Aethelwulf eigentlich für ein Mann ist. Er ist bereit, seine Heimat und seine Liebsten (auch Alfred, obwohl er nicht einmal sein eigener Sohn ist) bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

True heir

Aethelwulf verfügt auch über die Erfahrung und weiß, wie die Wikinger in die Schlacht ziehen - ein Vorteil, der ihn siegessicher stimmt. Aufseiten der Nordmänner haben wir jetzt aber „X-Faktor“ Ivar, der es seinem Erzeuger Ragnar gleichtut und Bjorn von einer ausgefallenen Taktik überzeugt, die Engländer in die Mangel zu nehmen und Schritt für Schritt zu zermürben. Ein smarter Plan, der Früchte trägt: Der deutsche Titel der Episode lautet „Katz und Maus“, ich würde eher in Richtung „Hase und Igel“ tendieren, wobei beides keinen martialischen Klang hat.

Die desorientierten Engländer werden auf dem Schlachtfeld von einer Position zur nächsten gelockt, zwischendurch immer wieder aus der Distanz angegriffen und stückweise dezimiert. Aethelwulf fällt auf diese Provokation natürlich rein und tappt letztlich in eine von Ivar aufgestellte Falle. Ein Schnitt im richtigen Moment beendet dann jedoch die Episode, so dass uns der finale Kampf enthalten wird. Also noch. So hoffe ich doch zumindest...

Charge!

Die taktische Variation der Wikinger gefällt mir gut, sie nutzen clever ihre leichtere Rüstung und höhere Mobilität, um den Engländern ein Schnippchen zu schlagen. Von diesen und Aethelwulf bin ich aber leider sehr enttäuscht. Natürlich sind sie von dem Verhalten der Angreifer überrascht und wissen nicht wirklich, was sie tun sollen. Dass sie sich aber so übertölpeln lassen, ist etwas ärgerlich, insbesondere, weil ich von Aethelwulf in der Hitze des Gefechts dann doch etwas mehr erwartet hätte und sie immerhin ein „Heimspiel“ in ihren eigenen Ländereien haben.

So hat das Ganze einen leicht faden Beigeschmack, wobei die Anspannung und Vorfreude auf die letzte Episode der Staffel in der nächsten Woche überwiegt. Michael Hirst hat mal wieder Einfallsreichtum bewiesen und etwas Neues probiert, was ich respektiere. Es muss ja auch nicht immer die ganz große Schlacht sein, von denen wir schon so viele gesehen haben. Der Serienautor schraubt ein bisschen an der Formel und die Rechnung geht auf. Gleichzeitig spielt er mit unseren Erwartungen für den Staffelabschluss. Was dieser bringen wird, lässt sich tatsächlich nicht so einfach vorhersagen. Und ist das nicht auch ein wunderbarer Nebeneffekt?

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 26. Januar 2017
Episode
Staffel 4, Episode 19
(Vikings 4x19)
Deutscher Titel der Episode
Katz und Maus
Titel der Episode im Original
On the Eve
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 25. Januar 2017 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 26. Januar 2017
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Ben Bolt

Schauspieler in der Episode Vikings 4x19

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen
Jasper Pääkkönen
Linus Roache

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?