Vikings 4x18

Vikings 4x18

In der Vikings-Episode Revenge ist der Name Programm: Die Söhne Ragnars brechen gen England auf, wo sie den Mördern ihres Vaters das Fürchten lehren wollen. In der atmosphärisch dichten Folge ereignen sich Szenen jenseits des guten Geschmacks, die die Zuschauerschaft spalten könnten.

Lagertha (Katheryn Winnick) in „Revenge“ / (c) History
Lagertha (Katheryn Winnick) in „Revenge“ / (c) History
© agertha (Katheryn Winnick) in „Revenge“ / (c) History

Treue Fans des Historiendramas Vikings werden sich mit Sicherheit an die siebte Episode der zweiten Staffel erinnern, namentlich Blood Eagle. In dieser kam es zu einem äußerst blutigen, widerwärtigen Ritualmord, als Ragnar (Travis Fimmel) den aufständischen Jarl Borg gemäß einer nordischen Hinrichtungsprozedur, dem „Blutadler“ (oder auch Blutaar), in Richtung Walhalla entsandte. Es war eine schreckliche, grauenvolle Momentaufnahme, welche die Eigenheiten der Wikingerkultur und eine ihrer unschönen Seiten zeigte. Um uns jetzt noch einmal eindringlich die Gnadenlosigkeit und Konsequenz der Nordmännern vor Augen zu führen, greift Serienautor Michael Hirst erneut auf diese unmenschliche Art der Hinrichtung zurück - und schlägt dabei für manch einen eventuell über die Stränge.

Es ist wie so oft eine riskante Gratwanderung: Zum einen weiß man das Drama aufgrund seiner historischen Genauigkeit (wobei der echte König Aelle von Northumbrien wohl nicht auf diese Weise ums Leben kam) und akkuraten Einblicke in die Kultur, Lebensweise, Bräuche und Rituale der Wikinger zu schätzen. Zum anderen dürften sich nicht wenige beim Anblick Aelles, der den rachsüchtigen Söhnen Ragnars letztlich zum Opfer fällt, angewidert und fassungslos abwenden. Geht Hirst hier geschmacklich einen Schritt zu weit? Oder ist es genau das richtige Maß an Gewaltdarstellung, um die brutale Realität von „Vikings“ glaubwürdig einzufangen? Diese Frage muss wohl jeder Zuschauer für sich selbst beantworten.

Almost there

Während ich persönlich ein bisschen mit mir kämpfe, was ich denn von den letzten Minuten der Episode Revenge halten soll, fällt mir die Bewertung der meisten anderen Aspekte dieser Folge weitaus leichter. Nachdem in der Vorwoche Aufbruchstimmung herrschte und unter den Wikingern eifrig mit den Säbeln gerasselt wurde, geht es nun in die Vollen: die Nordmänner brechen nach England auf, um Ragnar zu rächen. Ein Großteil der Episode dient zunächst noch einmal den konkreten Vorbereitungen, wer sich mit auf diese Reise begibt und wem die Ehre zu teil wird, die größte Wikingerarmee aller Zeiten anzuführen. Sollten sie versagen, so Lagertha (Katheryn Winnick), dann wäre es auch um das gesamte Wikingervolk geschehen. Die Existenz und der Stellenwert der Wikinger steht und fällt mit dem Erfolg der Armee und der Rachemission.

Obey

Eine große Verantwortung, der wahrscheinlich nicht jeder gewachsen wäre. Bjorn (Alexander Ludwig) nimmt diese jedoch selbstbewusst und selbstverständlich auf sich, während er seinen Halbbrüdern deutlich macht, dass nur er ihr Anführer sein kann. Das respektieren auch alle - außer Ivar (Alex Hogh Andersen) natürlich, der sich von seinem Vater auserwählt sieht, da er als einziger an Ragnars Seite gewesen ist, England bereits kennengelernt hat und er es als sein Schicksal sieht, in die Fußstapfen seines Erzeugers zu treten. Die Lage untereinander bleibt also eher angespannt, auch wenn der weitere Verlauf der Episode zeigt, dass die Wikinger mit ihrem gemeinsamen Ziel vor Augen doch sehr fokussiert und geeinigt auf den Plan treten.

Eine Ausnahme stellt dahingehend jedoch weiterhin Harald (Peter Franzen) dar, über den wir in einem kleinen Nebenhandlungsstrang etwas mehr erfahren. Im Geheimen arbeitet er weiterhin mit dem „Bastard“ Egil (Charlie Kelly) zusammen, der die Schwachstellen der neuen Befestigungsanlagen Kattegats herausfinden soll, um Lagertha früher oder später vom Thron zu stoßen. Gleichzeitig gewährt uns Michael Hirst aber auch Einblicke in eine fehlgeschlagene Romanze Haralds mit einer dänischen Prinzessin, die ihn nach wie vor abweist, was den Wikingerfürsten nur umso wütender und gefährlicher macht.

History
History - © History

Dishonored

Haralds Nebengeschichte ist einer von vielen kleinen Handlungssträngen in Revenge, zwischen denen jedoch mitunter große qualitative Unterschiede bestehen. Bei manchen frage ich mich sogar, warum man uns diese Randgeschichten genau jetzt zeigt, gehen einige von ihnen doch etwas unter und sind nicht sonderlich interessant für den Fortgang der Handlung. Bei dem konkreten Beispiel Harald ist es für mich nachvollziehbar, dass wir mehr über den Charakter erfahren und eine neue Facette von ihm kennenlernen, ist doch davon auszugehen, dass er in naher Zukunft als potentieller Antagonist aus den eigenen Reihen der Wikinger auftreten könnte.

Dementsprechend wird die Figur nun etwas „ausgeschmückt“, auch wenn man am Ende vielleicht nicht mitnimmt, dass Harald einmal ein hoffnungsloser Romantiker gewesen ist, sondern vielmehr, dass ihn seine Wut und großen Ambitionen zu einem hochgefährlichen Zeitgenossen machen. Das wussten wir zwar schon vorher, jetzt können wir ihn aber vielleicht sogar noch etwas besser verstehen. Größere Probleme habe ich da schon mit dem Nebenplot um Ubbe (Jordan Patrick Smith), Hvitserk (Marco Ilso) und Margrethe (Ida Nielsen), die sich auf eine Dreiecksbeziehung einlassen. Möchte Serienschöpfer Michael Hirst erste Samen säen, dass es eines Tages vielleicht doch zu Eifersüchteleien unter den Brüdern kommt, ihr Vertrauensverhältnis belastet wird und sie sich schließlich gegenseitig an die Gurgel gehen?

Being honest

Das ganze Tamtam um die Hochzeit von Ubbe und Margrethe lässt mich (trotz launiger und feuchtfröhlicher Wikingertradition) ziemlich kalt, was wahrscheinlich daran liegt, dass Margrethe nicht wirklich als Charakter etabliert ist, sondern wie ein Stück Fleisch behandelt wird. Es ist mir doch recht egal, mit wem sie nun ins Bett steigt oder wer ihr Ehemann ist. Das Ganze fühlt sich meines Erachtens zu sehr nach beliebigem Füllmaterial ohne wirkliche Dringlichkeit an. Da hätte ich weit mehr Interesse daran, mehr Zeit mit Ubbe und seiner persönlichen Entwicklung zu verbringen, der in der letzten Episode angedeutet hat, dass er über das Potential für einen spannenden Charakter verfügt. Seine milchbubigen Brüder Sigurd und Hvitserk sind bisher nur Beiwerk und für die Handlung entbehrlich, so hart es auch klingen mag.

Doubts

Flokis (Gustaf Skarsgard) neuerliche Glaubens- und Sinnkrise gestaltet sich indes noch zu vage. Ich hatte aber bereits in den letzten Kritiken angemerkt, dass diese Plotentwicklung nicht nur etwas plötzlich kommt, sondern sich auch etwas recycelt anfühlt, um dem Schiffsbauer eine Funktion zu geben. Spannender gestaltet sich da schon ein Opferritual, bei dem Lagertha (die dank Eule auf der Schulter noch einen kleinen Bonus für allgemeine Coolness erhält) einen furchtlosen Earl nach Walhalla befördert, damit die Mission der Wikingerarmee unter einem guten Stern steht. Den Meteoritenschauer kann man deuten, wie man möchte: als göttliches Zeichen, dass das Opfer angekommen ist und die Wikinger erfolgreich sein werden. Oder aber als böses Omen, dass die Zukunft für die Nordleute und ihre Gottheiten alles andere als rosig aussieht - Stichwort Ragnarök.

Bjorn und Astrid (Josefin Asplund) erwecken indes etwas Aufsehen, bleiben sie der blutigen Prozedur doch fern, um ihrer Affäre nachzugehen. Visuell ist das leidenschaftliche Liebesspiel der beiden übrigens perfekt mit dem Opfermord synchronisiert, vom Eindringen der Schwertspitze bis hin zum vermeintlichen Höhepunkt. Der junge Wikinger scheint sich bei der Schildmaid anscheinend sehr wohl zu fühlen und entkommt so etwas seinem faden Ehetrott, auch wenn es schon den Eindruck macht, dass er seine Frau und Familie nach wie vor liebt. Seine Abschiedsworte sind ein ehrliches Bekenntnis, das noch einmal Bjorns Reife untermauert, aber auch zeigt, dass er sich seines Ehebruchs bewusst ist und seine gütige, sich sorgende Frau Torvi (Georgia Hirst) nicht wirklich verdient hat.

History
History - © History

To war!

Böse Zungen würden jetzt behaupten, dass dies alles mehr oder minder interessantes Vorgeplänkel ist und Revenge erst richtig Fahrt aufnimmt, als sich die Handlung nach England verlagert. Mit ein paar Einschränkungen würde ich dieser Aussage tatsächlich auch zustimmen, stellen die Geschehnisse in Wessex und Northumbrien doch auch meine persönlichen Highlights der Folge dar.

Zunächst sehen wir abermals Ecbert, der sich in einem erstaunlich selbstreflektierenden Zustand befindet. Ragnar und der „Heilige“ Aethelstan haben ihm letzten Endes gezeigt, was für ein Mensch er eigentlich ist. Er hat stets seine vermeintlichen Charakterschwächen nach außen mit aufgesetzter Stärke - Rücksichtslosigkeit, Raffinesse und Manipulationsgeschick - überspielt. Gebracht hat ihm dies letztlich nicht viel, wie er nun feststellen muss. Eine Erkenntnis, die eventuell zu spät kommen könnte. Während Ecbert ein paar Dinge umkrempeln möchte, wachsen bei seinen Untertanen Zweifel an seiner Person und ob er noch ein fähiger Herrscher sein kann. Die offene Selbstevaluation Ecberts gibt uns erneut einen aufschlussreichen Einblick in das Innenleben dieser Figur, die ausgezeichnet von Linus Roache gespielt wird.

The price of failure

Etwas überrascht bin ich dann davon, wie sehr mir das Gespräch zwischen Ecbert und seinem Sohn Aethelwulf (Moe Dunford) zu Herzen geht. Dieser wollte es seinem Vater stets recht machen, wurde von ihm aber immer wieder wie ein Stück Dreck behandelt. Jetzt wartet auf Aethelwulf eine große Herausforderung, bei der Ecbert sein ganzes Vertrauen in ihn setzt. Man erkennt förmlich den Moment, in welchem dem verlotterten König bewusst wird, was er seinem eigenen Sohn über die Jahre angetan hat. Auch dafür ist Ecbert bereit, Buße zu tun, doch ganz abtreten möchte er nicht, scheint seine Aufgabe (die Vorbereitung Alfreds auf dessen großes Erbe?) noch nicht abgeschlossen zu sein.

How the old boar suffered

Fragt sich nur, wie viel Zeit Ecbert dafür noch bleibt, klopfen die Wikinger doch bereits an die Pforte. Die größte Wikingerarmee aller Zeiten landet nämlich an der northumbrischen Küste und tritt dort König Aelle (Ivan Kaye) gegenüber, der zunächst Gott auf seiner Seite wähnt - nur um dann angsterfüllt feststellen zu müssen, dass ihnen selbst dieser nicht helfen kann. In einer epischen, mit packender Musik untermalten Szene tritt die wilde Horde Bjorns in Erscheinung. „Endlich mal wieder eine Schlacht!“, freuen sich wahrscheinlich viele Vikings-Zuschauer. Pustekuchen. Das Gemetzel (bei der numerischen Überzahl dürfte es auf nichts anderes hinauslaufen) ereignet sich off-screen (Erinnerungen an die erste Staffel von Game of Thrones werden wach...), was für den Moment ein klein wenig enttäuschend ist, hätte ich mich doch schon über ein gut choreographiertes Spektaktel gefreut. Aber das spart sich Michael Hirst (hoffentlich) noch auf.

So gibt es einen harten Schnitt und schon sehen wir, wie Ivar den verdreckten Aelle an seinem Streitwagen geknüpft hinter sich herschleift. An dem Ort, wo Ragnar sein Ende fand (und seltsamerweise keine Überreste in der Schlangengrube zu finden sind), nehmen seine Söhne nun Rache. Und da muss man schon einiges auf dem Kerbholz sowie einen festen Magen haben, um diese Szenen zu ertragen. Bjorn obliegt es, Aelles Rücken mit einer heißen Klinge zu öffnen und zu Tode zu foltern, während der Rest zusieht, zufrieden grinst (Ubbe) oder eine tiefe Genugtuung aus dem Leiden des Mörders von Ragnar zieht (Ivar). Ehrlich zugeben, dieser Anblick ist mir persönlich etwas zu viel, wobei ich in der Vergangenheit nicht wirklich zimperlich gewesen bin, was vergleichbare Szenen in Vikings angeht. Von der Brutalität - und den Fragen, ob sie gerechtfertigt ist und es Michael Hirst hier auf die Spitze der Geschmacklosigkeit treibt - mal ganz abgesehen, ist die Botschaft angekommen: Die Söhne Ragnars haben England erreicht und wollen blutige Rache. Und nichts kann sie beschwichtigen.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 19. Januar 2017
Episode
Staffel 4, Episode 18
(Vikings 4x18)
Deutscher Titel der Episode
Schrei Nach Rache
Titel der Episode im Original
Revenge
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 18. Januar 2017 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 19. Januar 2017
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Jeff Woolnough

Schauspieler in der Episode Vikings 4x18

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen
Jasper Pääkkönen
Linus Roache

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