Vikings 4x17

Vikings 4x17

The Great Army markiert ein klein wenig die Ruhe vor dem aufbrausenden Sturm und dient allen voran der intensiven Vorbereitung für die finalen Folgen der vierten Staffel von Vikings. Vielerorts ist die Anspannung förmlich greifbar, ein paar kleinere Enttäuschungen gibt es aber dennoch.

Alexander Ludwig als Bjorn Lothbrok in „The Great Army“ / (c) History
Alexander Ludwig als Bjorn Lothbrok in „The Great Army“ / (c) History
© lexander Ludwig als Bjorn Lothbrok in „The Great Army“ / (c) History

Die Zeichen stehen auf Krieg: Nach dem Tod von Ragnar Lothbrok sammeln sich die verschiedenen Charaktere in der Vikings-Episode The Great Army langsam wieder etwas und machen erste Schritte, sich für den Rachefeldzug im Namen der ermordeten Wikingerlegende vorzubereiten. Doch wie kann man zusammen in die Schlacht ziehen, wenn man sich gegenseitig misstraut? Da kann das gemeinsame Ziel, Vergeltung für Ragnars Ableben, noch so groß sein. Unter den aktuellen Umständen und in Anbetracht der unterschiedlichen Motive sowie Ambitionen der auftretenden Charaktere erwartet man fast minütlich den nächsten Verrat unter den Nordleuten.

Nach einem Machtwort von Bjorn (Alexander Ludwig) zum Ende der Folge kommt man vorläufig auf einen gemeinsamen Nenner, wenn man denn wirklich so weit gehen möchte. In Wirklichkeit steht die Allianz der intern verfeindeten Wikinger jedoch auf wackeligen Beinen, und Michael Hirst nimmt sich ausreichend Zeit, uns genauestens zu zeigen, was alles im Argen liegt und wer wem von jetzt auf gleich an die Kehle springen könnte, um persönliche Rachemotive zu befriedigen. Aber nicht nur in Skandinavien ist die Lage angespannt, auch im fernen England ist ein Knistern in der Luft ob der unausweichlichen Vergeltungsangriffe durch Ragnars Söhne zu spüren.

Decisions

Wie so oft lebt „Vikings“ in „The Great Army“ von seiner Atmosphäre und von diesem Gefühl, dass uns etwas Großes bevorsteht und die Situation jederzeit eskalieren könnte - in jede denkbare Richtung. So verfolgt man gespannt und interessiert das Geschacher zwischen den Figuren, das Säbelrasseln und Pläneschmieden. Wirklich viel passiert jedoch noch nicht, dient „The Great Army“ doch dazu, Standpunkte zu klären, neue Informationen bereitzustellen und uns Zuschauer vorzubereiten. Das gelingt im Großen und Ganzen sehr ordentlich, auch wenn nicht alles rund verläuft und zwischendurch ein paar Fragen aufgeworfen werden.

Little pigs

Der Fokus liegt hier vor allem auf dem Geschehen in Kattegat, wo Lagertha (Katheryn Winnick) selbst mit anpackt, um das Städtchen zu befestigen und Schutzwälle zu errichten. Diese sollen den wichtigen Handelsort und Umschlagspunkt vor feindlichen Angriffen von außen schützen. Aber was, wenn die Feinde längst im Inneren sind?

Ivar (Alex Hogh Andersen) ist nach wie vor auf blutige Rache für den Mord an seiner Mutter Aslaug aus und legt sich in seiner blinden Wut mit seinem Bruder Sigurd (David Lindström) an, der nicht wirklich Vergeltung sucht, da er von seiner Mutter nie die Aufmerksamkeit erhalten hatte, die er sich gewünscht hätte. Ubbe (Jordan Patrick Smith) gibt das schlichtende Element zwischen den beiden Hitzköpfen und zeigt mal wieder, dass er in der Lage ist, ruhig und überlegt zu planen, was die nächsten Schritte sein sollten.

Es entspinnt sich eine interessante Dynamik unter den drei Brüdern, die sich letzten Endes darauf einigen können, eine große Armee aufzustellen, mit der es nach England gehen soll, wo Aelle (Ivan Kaye) und Ecbert (Linus Roache) für ihre Taten büßen werden. Während ich persönlich immer noch nicht sehr viel mit Sigurd als Charakter anfangen kann und er mir nur notwendig erscheint, um eine Figur zu haben, die das komplette Gegenteil zu Ivar darstellt (daher auch der intensive Konflikt zwischen den beiden), gefällt mir Ubbe in seiner Rolle immer besser.

Wie Ivar will auch er Rache für den Tod seiner Mutter, jedoch ist er bei weitem nicht so impulsiv und hat eher das Gesamtbild im Blick, als von Moment zu Moment zu denken. Das hat Ragnar ohne Zweifel so sehr an Ivar gefallen, dass dieser so unberechenbar ist. Angesichts der aktuellen, sehr angespannten Lage in Kattegat erscheint mir Ubbes kühler Kopf jedoch weitaus sinnvoller.

History
History - © History

Ambitious men

Was jedoch nicht bedeuten soll, dass Ubbe komplett für Deeskalation steht. Im Gegenteil, er wittert die Chance, Lagertha kurz nach ihrem Aufstieg zur Königin gleich wieder gewaltvoll abzusetzen, was eventuell sogar von Erfolg gekrönt sein könnte, hat er doch dank seines Vaters Namen recht fix neue Verbündete gefunden, die ihn unterstützen. Würde da nicht plötzlich Bjorn in der Tür stehen, der menschgewordene Leitwolf, den selbst Ubbe respektiert und welcher dem furiosen Rachetreiben ein Ende bereitet.

Zumindest ist dies die Ansage, sollen sie sich doch alle gemeinsam auf die Rache an den Engländern konzentrieren. Während Lagertha ein unbezahlbares Lächeln aufsetzt, da auf ihren Spross doch Verlass ist, komme ich jedoch ins Zweifeln, wie diese uneinige Truppe bei ihrem Vorhaben Erfolg haben soll.

Ob es nun der so unberechenbare Ivar, der dem jungen Ragnar optisch so ähnliche Ubbe mit ungeahnten Anführerqualitäten, der ambitionierte Bjorn selbst oder auch der durchtriebene Harald (Peter Franzen) ist, der im Hintergrund schon an seiner Machtübernahme feilt und dabei scheinbar ein Auge auf Kattegat geworfen hat - die Variablen sind vielzählig, die Ziele der Charaktere unterschiedlich, die Treuebekenntnisse untereinander gefährlich. Unter diesen Vorzeichen erscheint mir ein erneuter Aufbruch gen England alles andere als erfolgsversprechend, doch dies macht natürlich auch einen großen Teil der Spannung aus, was die letzten drei Folgen der vierten Staffel für uns bereithalten werden.

Burdens

Es ist sogar vorstellbar, dass auch Lagertha noch einmal ihre Meinung ändert, das befestigte Kattegat zurücklässt und ihren ehemaligen, geliebten Gatten persönlichen rächen will. Eine verräterische Aufnahme zeigt sie mit einem ambivalenten Blick auf die Flotte der Wikinger. Vielleicht bleibt sie aber auch in Kattegat und muss hier die Stadt gegen Harald verteidigen - wer kann zu diesem Zeitpunkt schon vorhersagen, was passieren wird? Die verschiedenen, denkbaren Szenarien laden zum munteren Spekulieren ein, einige Dolche scheinen sogar schon gezückt. Fragt sich nur, ob das Pulverfass zeitnah in die Luft geht oder ob jemand eventuell in der Lage dazu ist, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, die Wikinger zu einen und anzuführen.

Instrument of wrath

Auftritt Bjorn, der sich mal wieder in einem persönlichen Dilemma wiederfindet. Er wollte doch eigentlich gar nicht wirklich in die Fußstapfen Ragnars treten, er wollte doch seinen eigenen Weg gehen, Abenteuer erleben und sich von seines Vaters gewaltigem Erben ein Stück weit freimachen. Jetzt erkennt er jedoch, dass dies nicht so einfach getan wie gesagt ist, vor allem, nachdem Ragnar umgebracht wurde.

Als ältester Sohn ist es Bjorns Pflicht, den Vergeltungsschlag anzuführen. Auch wenn dies bedeutet, dass er seine Expedition gen Mittelmeer schon wieder abbrechen und zurückkehren muss. Und wie diese indirekt erzwungene Entscheidung an ihm nagt, das sehen wir aus erster Hand. Frust macht sich bei Bjorn breit, geht er doch rabiat seine Frau Torvi (Georgia Hirst) an. Vielleicht ist es aber auch eine Form der Trauer und seine Art, damit umzugehen.

Wie dem auch sei, Bjorn ist geladen. Und ich bin es auch ein klein wenig, da ich mich ärgere, dass das Mittelmeerabenteuer schon wieder vorbei ist und dieser Abstecher nur von kurzer Dauer war. Schade drum! Ich hätte gerne mehr von dieser Reise in eine neue Welt gesehen und hoffe, dass diese Kapitel irgendwann weitergesponnen wird.

Auf der anderen Seite kann ich aber auch nachvollziehen, warum Bjorn kehrtgemacht hat. Es wird einfach von ihm erwartet. Und vielleicht ist dies jetzt auch seine ultimative Feuertaufe, seine Chance, sich ein für alle Mal zu beweisen und doch seines eigenen Glückes Schmied zu werden. Warum es wiederum zum Seitesprung mit Astrid (Josefin Asplund) kommt, erschließt sich mir nur bedingt. Ist es eine Kurzschlussreaktion und Art der Frustbewältigung? Möglich wäre es...

History
History - © History

Mommy's boy

In der Zwischenzeit findet sich Ivar bei Floki (Gustaf Skarsgard) ein - zwei Verrückte, die sich prächtig verstehen und aus demselben Holz geschnitzt sind. Während sich Flokis Frau Helga (Maude Hirst) um ihre neue, traumatisierte Adoptivtochter kümmert und Ivar zeigt, dass er anscheinend kein Händchen für Kinder hat, ist Flokis kurzzeitiger, religiöser Ausflug zum Islam schon wieder passé. Vielleicht war es nur eine Momentaufnahme, vielleicht wird dieser Aspekt in naher Zukunft noch einmal thematisiert. Ich bleibe dabei, dass sich dieses Plotelement meiner Meinung nach etwas holprig seinen Weg in die Geschichte gebahnt hat.

Interessanter ist da schon Flokis neueste „Erfindung“ für Ivar, die diesem Beine, nein, sogar Flügel verleiht: ein modifizierter Streitwagen (Bjorn schaut sich das muntere Treiben unterdessen im Geheimen mit an), mit dem Ivar in kommenden Schlachten mitkämpfen kann. Ivars Freude ob dieses Geschenks ist nahezu ansteckend und ich erwische mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, während mir gleichzeitig die Aufnahmen von Ivars finsteren Blicken und seinem mitunter diabolischen Lächeln nicht aus dem Kopf gehen. Als Charakter bleibt Ragnars jüngster Sohn unverändert aufregend und spannend, vielschichtig und wunderbar unvorhersehbar. Man könnte sagen, dass Ivar derzeit einfach das Salz in der Vikings-Suppe ausmacht.

Bad blood

Etwas abseits spielt sich indes die Handlung in Frankreich und England ab. Erstere nimmt ohnehin keinen allzu großen Teil in der Episode ein, liefert uns aber immerhin einen unfreiwillig komischen Moment, bei dem ich sehr laut auflachen muss. Zunächst wird Rollo (Clive Standen) von Bjorn und seinen Wikingern wieder brav in seine Heimat zurückgebracht. Dem ehemaligen Wikinger sieht man an, dass er seine Zeit mit den Nordmännern genossen hat und in einer kleinen Ansprache wird auch klar, dass er seine Wurzeln nie vergessen wird. Er bietet seinen Landsleuten sogar an, in seine Ländereien zu kommen und dort zu leben. Sein Verrat wiegt aber nach wie vor zu schwer, vor allem Floki möchte ihn am liebsten kielholen.

Aber die Welt ist im Wandel und Rollo bietet auf ehrliche Weise den Olivenzweig an, was seine Entwicklung zu einem reiferen Charakter untermauert. Zu Hause angekommen gibt es dann aber ein paar hinter die Ohren, wortwörtlich. Seine Ehefrau Gisla (Morgane Polanski) war von Anfang an wenig von Rollos Plänen begeistert und lässt jetzt ihre Wut (auch wenn sie sich bestimmt freut, dass er wieder heil angekommen ist) an ihm aus und die Fäuste fliegen. Der Familienvater- und Ehemanntrott war für Pantoffelheld Rollo vielleicht doch etwas viel und zu langweilig, mit den Wikingern konnte er zumindest noch einmal frei sein. Da bekommt man ja fast ein wenig Mitleid mit ihm, wie er Gisla sich austoben lässt und dann kommentarlos von dannen schleicht.

To the future

Eine andere Dame, die Stärke beweist, wenn auch nicht körperlich, ist Judith (Jennie Jacques), die in England ihren Vater Aelle aufsucht, um diesen noch einmal eindringlich vor der Rache der Wikinger zu warnen. Judith lässt sich von ihrem viel zu selbstsicheren Erzeuger nicht unterbuttern und hält auch den Anschuldigungen stand, sie würde Unzucht mit ihrem Schwiegervater Ecbert treiben, was sie sogar zugibt.

Sie hat sich im Gegensatz zu vielen anderen Edeldamen emanzipiert, unter Ecbert kann Judith sie selbst sein, neue Dinge lernen und frei leben. Für diese Privilegien, zu dieser Zeit eher den Herren der Schöpfung vorbehalten, nimmt sie üble Nachrede gerne in Kauf. Sie scheint sich auch von allen am ehesten bewusst, welchen Höllenpforte Aelle und Ecbert geöffnet haben und was da in absehbarer Zeit auf des gesamte England zukommen wird.

Ihr Sohn Alfred (Isaac O'Sullivan) erhält indes von Ecbert etwas „Nachhilfe“ in Sachen Persönlichkeitswerdung und Selbstbestimmung. Der mitgenommene Ecbert macht dabei optisch nach wie vor keine allzu gute Figur und greift sicherlich nicht unabsichtlich zu seinen Übersetzungen alter lateinischer Schriftstücke, die die Frage aufwerfen, ob Macht korrumpiert und wie man sich dagegen wehren kann. Nicht besonders subtil, aber die Botschaft kommt an.

Alfred lehrt er indes, sich niemals anderen zu unterwerfen und stets seinem eigenen Kopf zu folgen. Er darf sich auf keinen Fall beeinflussen lassen und muss als Herrscher eigenständig denken und entscheiden. Es gibt vielleicht bessere Lehrmeister als Ecbert in seiner derzeitigen Verfassung, aber er spricht immerhin aus Erfahrung. Doch wo hat ihn dieser Weg hingebracht? Und was passiert, wenn zu viele Anführer aufeinandertreffen, die allesamt autark denken und eigene Ziele verfolgen, aber trotzdem irgendwie gemeinsame Sache machen wollen? Vikings wird es uns schon bald zeigen.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 12. Januar 2017
Episode
Staffel 4, Episode 17
(Vikings 4x17)
Deutscher Titel der Episode
Böses Blut
Titel der Episode im Original
The Great Army
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 11. Januar 2017 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 12. Januar 2017
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Jeff Woolnough

Schauspieler in der Episode Vikings 4x17

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Peter Franzen
Jasper Pääkkönen
Linus Roache

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?