Vikings 4x16

Vikings 4x16

Crossings stellt eine Vielzahl von Charakteren vor die Frage, wie es nach der jüngsten, dramatischen Veränderung innerhalb der Serie weitergehen soll. Während es in der Heimat der Wikinger kräftig brodelt, treten nach kleiner Auszeit auch erneut die Figuren in Übersee in Erscheinung.

Ivar (Alex Hogh Andersen) und Lagertha (Katheryn Winnick) in „Crossings“ / (c) History
Ivar (Alex Hogh Andersen) und Lagertha (Katheryn Winnick) in „Crossings“ / (c) History
© var (Alex Hogh Andersen) und Lagertha (Katheryn Winnick) in „Crossings“ / (c) History

Kapitel eins in der „Zeit nach Ragnar“: Nachdem wir in der letzten Episode All His Angels Abschied von dem Wikingerkönig nehmen mussten, bricht nun eine neue Zeitrechnung für das Historiendrama Vikings an, das fortan ohne seinen zentralsten Charakter und Darsteller Travis Fimmel auskommen muss. Wie erwartet schlägt das Ableben Ragnars gewaltige Wellen, von Kattegat bis hin ins Mittelmeer.

So richtig trennt man sich aber noch nicht von seinem dahingeschiedenen Titelhelden, der nicht nur tief in den Erinnerungen seiner Nächsten verwurzelt ist, sondern sogar auf scheinbar übernatürliche Weise noch einmal auf den Plan tritt. Eine Persönlichkeit wie Ragnar Lothbrok verlässt die irdische Welt mal nicht eben so einfach. Zu groß war sein Einfluss und Stellenwert für sein Volk, zu außergewöhnlich und einzigartig sein Wesen.

Michael Hirst steht nun vor der Herausforderung, den Laden auch ohne Fixpunkt Ragnar zu schmeißen, der für viele Zuschauer sicherlich eines der Argumente schlechthin gewesen ist, wöchentlich einzuschalten. In Crossings gelingt dies dem alleinigen Serienautor Hirst zu großen Teilen, auch wenn nicht jeder Handlungsstrang makellos verläuft, ein paar Kleinigkeiten negativ auffallen und hier und da das gewisse Etwas fehlt. Während ich persönlich ein paar Probleme mit der Geschichte um Bjorns (Alexander Ludwig) Expedition in Richtung Mittelmeer habe, funktioniert die Erzählung in Kattegat um die trauernde Lagertha (Katheryn Winnick) und den von Rachegefühlen und Wut gepackten Ivar (Alex Hogh Andersen) jedoch außerordentlich gut.

Pick up the burden

Interessant ist hier vor allem, wie sehr Lagertha nach wie vor in Ragnar verliebt ist und sich nun in der Pflicht sieht, dessen Erbe anzutreten, Verantwortung zu übernehmen und zu herrschen. Ragnar hat diese Aufgabe möglicherweise mit in den Wahnsinn getrieben, doch Lagertha ist sich ihrer Position bewusst und es ihren Anhängern schuldig, ihre neue Machtstellung wahrzunehmen. Nach außen demonstriert sie Stärke und will den bedeutsamen Handelsort Kattegat mit Wällen und Gräben befestigen, um vor etwaigen Angriffen gefeit zu sein. Aber im stillen Kämmerchen an der Seite von Liebhaberin Astrid (Josefin Asplund) zeigt sich, dass der mögliche Tod von Ragnar - eine richtige Bestätigung hat sie ja noch nicht, auch wenn sie es wahrscheinlich spüren kann - sie extrem mitnimmt.

Contribute

So sehr, dass Lagertha kaum zur Ruhe kommt und sie ihren einstigen Gatten und Geliebten sogar vor sich stehen sieht. Für Lagertha, eine der spannendsten Figuren der Serie, die eine unglaubliche Entwicklung hinter sich und sich trotz aller vorstellbaren Hindernisse immer wieder durchgesetzt hat, wartet nun womöglich die größte Herausforderung und schwerste Zeit ihres Lebens. Neben ihrer aufrichtigen Trauer um Ragnar, die sie mental belastet, droht ihr durch Ragnars Söhne mit Aslaug nur noch weiterer Ärger ins Haus, allen voran durch den unkontrollierbaren Ivar. Während Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Sigurd (David Lindström) abwarten und die Situation in Ruhe einschätzen wollen, ist ihr gehbehinderter Bruder sogleich auf Krawall und Vergeltung aus.

Es ist erstaunlich, wie viel Gefahr und Bedrohung von Ivar ausgeht, den seine offensichtliche Beeinträchtigung in keinster Weise darin hindert, der neuen Königin von Kattegat vor versammelter Mannschaft zu drohen. Auch Ragnars jüngster Sohn verarbeitet seine große Trauer ob des Todes seiner beiden Elternteile, er kanalisiert diese jedoch in einen unbändigen Zorn, der einen Ivar alles zutrauen lässt. Sämtliche Szenen mit Alex Hogh Andersen, auch im Angesicht mit Katheryn Winnick, sind von einer ungemeinen Anspannung und Intensität geprägt. Die unheilvolle musikalische Untermalung tut ihr Übriges, um uns bereits jetzt schon von der nächsten hochdramatischen Entwicklung ausgehen zu lassen.

Ivar (Alex Hogh Andersen)
Ivar (Alex Hogh Andersen) - © History

Fixed fates

In dieser Hinsicht brilliert die Vikings-Episode Crossings, wird man als Beobachter in derartig angespannten Momentaufnahmen, die sich gefühlt nur wenige Millimeter vor einer kompletten Eskalation bewegen, doch vollends mitgenommen. Es ist richtig und wichtig, dass nach Ragnars Tod nun erst einmal in dessen Heimat ansatzweise Klarheit geschaffen wird, wie dieser Verlust die verschiedenen Charaktere bewegt, wer in die Fußstapfen des alles überstrahlenden Wikingers tritt und welche Rechnungen noch zu begleichen sind.

Der Rachefeldzug in England, wo auch Ecbert (Linus Roache) deutlich gezeichnet und fast schon etwas wirr aussieht, kann noch warten. Während dort Vorbereitungen getroffen werden sollen für den Tag, an dem die Nordmänner zurückkehren und sich rächen wollen, muss sich in Skandinavien erst einmal mit den „nationalen“, innerfamiliären Problemen befasst werden.

Lagertha lebt ohne Zweifel sehr gefährlich, das nimmt sie aus der Prophezeiung des Sehers mit, der ihren Tod durch die Hand eines von Ragnars Söhnen vorher sieht. Nicht nur den sehr direkten, unberechenbaren Ivar muss sie auf der Rechnung haben, auch Ubbe und Sigurd wissen um die Bedeutung des Tods ihres Vaters und was dies für sie an Folgen haben könnte. Speziell Ubbe, ohnehin ein eher kontrollierter Typ mit vergleichbar kühlem Kopf, scheint an einem Plan zu tüfteln. So wird Kattegat zu einer ähnlichen Schlangengrube wie jene, in der Ragnar sein Ende fand. Verrat, Missgunst und Tod lauern überall.

Cursed

Abseits von alldem kehren wir in „Crossings“ auch zu den Wikingern um Bjorn und „Rückkehrer“ Rollo (Clive Standen) zurück, die sich vor einigen Episoden auf den Weg in Richtung Mittelmeer gemacht hatten. In der bisherigen zweiten Hälfte der vierten Staffel von Vikings war dieser Handlungsstrang unterrepräsentiert, lag der Fokus nachvollziehbarerweise doch auf Ragnar.

Dennoch ist es jetzt für mich als Zuschauer nicht ganz leicht, einfach so zu den Figuren um Bjorn zurückzukehren, die gelinde gesagt bisher völlig unwichtig waren. Dadurch dauert es ein Weilchen, bis dieser Handlungsstrang in Fahrt kommt. Und selbst dann verläuft das Ganze teilweise etwas befremdlich, auch wenn hier und da einige neue, interessante Elemente eingewoben werden.

In cold blood

Die Überfahrt von Bjorns Flotte gestaltet sich zunächst schwierig, doch nach einer kleinen Durststrecke, bei der sich zeigt, dass Bjorns Verbündete nicht ungefährlich für den jungen Abenteurer sind (wenig überraschend äußern Harald und sein Bruder Halfdan hinter vorgehaltener Hand Zweifel gegenüber Bjorn - Harald verfolgt eigene Ambitionen), ist Land in Sicht. Die Wikinger kommen in einem für sie fremden Land an, in dem von den Mauren geprägten Spanien des 9. Jahrhunderts, wo ein kleiner Küstenort sogleich den Wikingerhorden zum Opfer fällt.

Der „Angriff“ auf das Städtchen fällt jedoch etwas fad aus und auch das Anlegen der Wikingerboote im Hafen gelingt mühelos, ohne dass Alarm geschlagen wird. Das kann man eventuell damit erklären, dass die Mauren wohl nie im Traum damit gerechnet hätten, angegriffen zu werden, vor allem von bärtigen Barbaren, von denen sie noch nie etwas gehört hatten. Etwas seltsam erscheint es mir aber doch, während zur gleichen Zeit eine für „Vikings“-Verhältnisse ungewöhnliche Tempolosigkeit zu beobachten ist, wenn Bjorn und Co über die ahnungslosen Bewohner herfallen.

History
History - © History

Lost

Irgendwann fühlt es sich so an, als wäre ein wenig Sand im Getriebe und der erste Kontakt der Wikinger mit einer komplett neuen Welt alles andere als aufregend und denkwürdig. Möglicherweise ist dies aber auch von Michael Hirst genau so kalkuliert, erkennt man doch nach dem Morden, Plündern, den angedeuteten Vergewaltigungen und vielen weiteren schrecklichen Gräueltaten zu Händen der Wikinger in den Augen Bjorns eine Art Zweifel. Hat er dafür die weite Reise auf sich genommen? Wollte er nicht zu neuen Ufern aufbrechen, vielleicht sogar im übertragenen Sinne, und über dieses einfache, furchtbare Barbarentum hinauswachsen?

Schon sein Vater Ragnar wusste, dass diese Seite zu seinen Landsleuten untrennbar dazugehört. Doch Ragnar selbst wuchs letztlich über sich hinaus und musste sich diese banalen Gelüste für Normalsterbliche nicht mehr erfüllen. Er wollte mehr, er wollte dahin gehen, wo noch keiner vor ihm gewesen ist und seinen Namen in die Geschichte der Wikinger eintragen.

Während Rollo es sichtlich genießt, wieder Berserker spielen zu dürfen, und Harald (Peter Franzen) am liebsten den ganzen Tag plündern, Menschen versklaven und meucheln würde, hoffe ich, mich nicht in Bjorns Blicken zu täuschen, der etwas nachdenklich wirkt und größere Ambitionen hegen könnte. Er muss - wie sein Vater - jetzt seinen eigenen Weg finden. Dass dies nicht jedem in seinem unmittelbaren Umfeld schmecken wird, dürfte ebenfalls klar sein.

Purpose

Auf der Suche nach sich selbst befindet sich unterdessen auch Floki (Gustaf Skarsgard), was etwas plötzlich kommt. Immerhin haben wir seit der Rückkehr der vierten Staffel von „Vikings“ nicht besonders viel Zeit mit dem Schiffsbauer verbracht, der erneut vor einer handfesten Sinnkrise steht.

Dies hatte sich zu Beginn der zweiten Staffelhälfte überhaupt nicht angedeutet, weshalb sich diese Entwicklung ein wenig zweckmäßig anfühlt, um dem beliebten Charakter einen neuen Handlungsbogen zu geben. Seine Frau Helga (Maude Hirst) will die Leere in ihrem Leben mit einem weiteren Kind füllen (wir erinnern uns, dass die Eheleute bereits eine Tochter hatten, die an Fieber starb, während Floki von Ragnar in einer Höhle aufgeknüpft wurde) und nimmt letztlich eine Waise mit, die ihre Mutter beim Angriff der Wikinger auf den maurischen Ort verloren hat.

What if

Für Floki ist weiterer Nachwuchs keine Option, will er doch nicht ein weiteres Mal das Risiko eingehen, große Leiden zu erfahren. Dafür fühlt er sich aber zu etwas anderem hingezogen, was zu diesem gläubigen Charakter durchaus passt: Mit Faszination entdeckt er den Islam und kann gar nicht glauben, wie devot Allahs Anhänger diesem vertrauen und folgen, ohne jegliche Götzen oder Statuen, die sie permanent an diese überirdische Macht erinnern.

Floki wird Zeuge von Glaube in Reinform, so scheint er es zumindest wahrzunehmen, und die Gläubigen lassen sich auch nicht beirren, trotz des Blutvergießens durch die Nordmänner. Es scheint, als wolle man dem streng gläubigen, den nordischen Gottheiten tief ergebenen Floki eine neue Geschichte zuschustern, die ihn eventuell sogar eines Tages zum Islam konvertieren lässt. Uninteressant ist dies nicht, auch wenn es, wie gesagt, etwas schlagartig kommt.

Den extrem atmosphärischen Schlusspunkt setzt Hirst indes mit einer übernatürlich anmutenden Montage, die den Hinterbliebenen Ragnars Gewissheit gibt, dass der Wikingerfürst nicht mehr unter ihnen weilt. Erst setzen sich die Raben, Ragnars ständige Begleiter, in Bewegung, ob in England, Norwegen oder Spanien. Dann taucht die mysteriöse, einäugige Gestalt auf, die wir bereits am Ende der letzten Folge gesehen haben, welche sich nun als übernatürliche Erscheinung herausstellt, die Ragnars Tod bestätigt.

Der Wind braust auf, der Himmel verwandelt sich in ein dunkles Wolkenmeer, Donner grollt, Blitze fahren hernieder. Ist es ein Hirngespinst oder unfassbare Wirklichkeit? Ragnars Stimme erklingt noch einmal wie die eines übermächtigen Gottes, dessen Ableben eine Kette von gewaltigen Ereignissen in Bewegung gesetzt hat - Ausgang ungewiss. Es ist ein gespenstischer, aber auch packender und epischer Moment, der noch einmal verdeutlicht, welche Bedeutung der Charakter Ragnar Lothbrok für alle andere Figuren und die Serie selbst hatte. Und dass er niemals vergessen sein wird...

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 5. Januar 2017

Vikings 4x16 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 16
(Vikings 4x16)
Deutscher Titel der Episode
Am Mittelmeer
Titel der Episode im Original
Crossings
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 4. Januar 2017 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 5. Januar 2017
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Ciaran Donnelly

Schauspieler in der Episode Vikings 4x16

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