Vikings 4x15

© agnar Lothbrok (Travis Fimmel) in „All His Angels“ / (c) History
Sie haben es tatsächlich getan. Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich gedacht, das Vikings-Serienschöpfer Michael Hirst und sein talentiertes Team noch etwas warten, oder sich sogar die Historie um Wikingerfürst Ragnar Lothbrok zu ihren erzählerischen Gunsten zurechtbiegen würden. Nach der letzten Episode (In the Uncertain Hour Before the Morning) schien es jedoch festzustehen: Der Tod Ragnars (Travis Fimmel), der irgendwann im 9. Jahrhundert zu Händen des damaligen König Aelle von Northumbrien eintraf, steht kurz bevor.
Und so ist es in All His Angels: Ragnar wird von Ecbert (Linus Roache) an Aelle (Ivan Kaye) ausgeliefert, gefoltert, misshandelt und letzten Endes in eine Schlangengrube geworfen, wo er stirbt. Das Gesicht des Historiendramas ist nicht mehr, doch sein Vermächtnis lebt weiter. Das hat auch noch einmal Michael Hirst selbst in einem Interview mit den US-amerikanischen Kollegen von EW.com so hervorgehoben. (Auch Travis Fimmel kommt hier zu Wort und hat einige interessante Geschichten zu seiner Zeit bei „Vikings“ und den Dreharbeiten zu seinem Charaktertod zu erzählen.)
Tales of triumph
„Vikings ohne Ragnar, ohne Travis Fimmel?“, werden sich nun einige Zuschauer sicherlich fragen. Doch bevor wir den Blick in die Zukunft wagen, die spannender und aufregender nicht angedeutet hätten werden können als so, wie es Hirst und sein Team in den bisherigen Folgen der zweiten Hälfte der zweiten Staffel von „Vikings“ getan haben, gehört unserem am Ende dieser Folge dahingeschiedenen Antihelden die komplette Aufmerksamkeit. Denn neben einer hochintensiven, ambivalenten Inszenierung durch den geübten „Vikings“-Regisseur Ciarán Donnelly brilliert auch ein letztes Mal Hauptdarsteller Travis Fimmel, der in dieser finalen One-Man-Show alles gibt, was ihm schauspielerisch zu Verfügung steht.
Deliver us from evil
Was bleibt, ist ein beeindruckender Schlussstrich unter dem Leben eines einzigartigen, hochintelligenten, unberechenbaren und kontrastreichen Charakters, mit dem man sich als Beobachter identifiziert und gefreut hat, den man verflucht und verabscheut hat, der ein ganzes Spektrum an emotionalen Reaktionen in einem hervorrief. Doch Ragnars lange Reise, die in „All His Angels“ noch einmal durch mitunter sehr sentimentale Bilder und wunderschöne Aufnahmen aus vergangenen Tagen und von alten Freunden und Weggefährten untermauert wird, ist beendet.
Ragnar verlässt diese Welt mit einem gewaltigen Auftritt - dabei ist er so sehr am Boden wie nie zuvor in seinem Leben. Doch keines seiner Opfer, keine seiner fragwürdigen Taten war umsonst. Ragnar, eine gefürchtete Legende in England, wo er von der Allgemeinheit als nordischer Dämon angesehen wird, lebt weiter. In der Geschichte, in Sagen sowie in den Erinnerungen seiner Verbündeten, Feinde und denjenigen, die sein Vermächtnis ehren und weiterführen sollen.

Unpredictable
So soll Ivar (Alex Hogh Andersen) den Rachefeldzug für den Tod seines Vaters initiieren und dabei keine Gnade zeigen - auch nicht gegenüber Ecbert, mit dem Ragnar zuvor noch einen Handel abgeschlossen hatte, dass nur Aelle zur Rechenschaft gezogen werden würde. Ecbert selbst ringt nach wie vor mit sich, seinem Gewissen und seiner Entscheidung, Ragnar König Aelle übergeben zu haben, wodurch er dessen Tod besiegelt hat.
Er pilgert sogar unerkannt zum Ort des Geschehens, wo Ragnar letztlich das Zeitliche segnet, in dem Bewusstsein, dass er keinesfalls unschuldig und das Kapitel Ragnar Lothbrok längst nicht abgeschlossen ist. Nachdem Ragnar seinem Sohn Ivar klare Worte mit auf den Weg gegeben hat und noch einmal sein Vertrauen in dessen besondere Fähigkeiten, so zum Beispiel die wertvolle Unberechenbarkeit von Ivars Gemüt, bekräftigt hat, scheint der gefallene Wikingerkönig bereit zu sein, was auch immer da auf ihn zukommt.
Atone
Die Menschen um Ragnar begegnen ihm immer noch mit extrem viel Respekt und Furcht, während er dazu bereit dazu ist, den höchsten Preis zu zahlen, um seinesgleichen sowie dem Volk der Wikinger etwas zurückzugeben, nachdem er so oft mit deren Vertrauen gespielt hatte. Es ist eine andere Art der Wiedergutmachung für die Vernichtung der Wikingersiedlung in England, die bis zur letzten Sekunde schwer auf Ragnars Gewissen lastet.
Master of his own fate
Der Weg zum Schafott oder besser gesagt der Schlangengrube ist ein langer, und so kramt Ragnar noch einmal in Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, an schwerwiegende Entscheidungen, an Athelstan, dessen Sohn Alfred er noch ein persönliches Geschenk macht. Er führt sogar ein imaginäres Gespräch mit dem blinden Seher Kattegats, der ihm sein von den nordischen Gottheiten bestimmtes Schicksal stets vorgekaut hatte. Doch Ragnar trotzte Odin und seinen Göttern und wurde zu seines eigenen „Glückes“ Schmied, wobei der Seher als gläubiger Mensch nicht Unrecht hat, wenn er Ragnar vorführt, dass ihm die Götter diesen Weg auch geebnet haben könnten.
Ragnar konnte sich jedoch nie an eine höhere Macht binden, selbst wenn er verschiedene Religionen ausprobierte. Dass er seinen eigenen Weg gegangen ist, gibt ihm eine Bestätigung in seinem Tun und Handeln, frei von irgendwelchen überirdischen Glaubenskonzepten. So muss er jetzt aber auch allein für diese Dinge einstehen. Dafür muss er keinen Christengott um Gnade und Vergebung anflehen oder voller Stolz seine baldige Ankunft in Walhalla herbeisehnen. Beides existiert nicht für ihn, selbst wenn er sich am Ende noch einmal zu einer großen Rede aufschwingt, die anderes vermuten lässt. Das ist nur eine Fassade, der wilde Nordmann, der mit donnernden Worten mehr den Überzeugungen seines Volkes als dem nordischen Glauben gedenkt. Ragnar ist ein Atheist und bezahlt seine Rechnung zum Schluss. Ohne jeglichen Beistand, ob irdisch oder spirituell.

A good day
Ragnars letzte Stunden sind nichts für schwache Nerven, wird er doch schrecklich gefoltert und von Aelles Männern misshandelt und gedemütigt. Der Wikinger erträgt diese Tortur würdevoll, so sehr dies denn möglich ist, und furchtlos. Die Überzeugung ist ihm ins Gesicht geschrieben, und nebenbei bleibt er sich noch selbst treu, Aelle mit einem schnippischen Kommentar Kontra zu geben. Ragnars Qualen quälen letztlich auch den König von Northumbrien. Wie kann man eine solche unmenschliche Folter vor einem gnädigen Gott, der Vergebung lehrt, rechtfertigen? Aelle sieht sich jedoch als Instrument dieser höheren Macht und fordert Buße für Ragnars Missetaten ein.
Die Kamera kehrt indes immer wieder zu den klaren, fixierten Augen von Travis Fimmel zurück, der wie so oft in Vikings ohne viele Worte, aber mit einzigartigen Blicken so viel zu sagen vermag. Mit jeder weiteren Minute wird deutlicher, dass das Ende der Fahnenstange für Ragnar erreicht ist, es bildet sich eine dichte, extrem fesselnde Atmosphäre, die an Intensität nur schwer zu überbieten ist. Und so fiebert man schließlich dem grässlichen Schlusspunkt entgegen, als Ragnar von seinem Käfig aus in eine mit Schlangen gefüllte Grube fallengelassen wird.
Absolution
Es ist ein unangenehmes, fast schon verstörendes Bild, wie Ragnar von allen Seiten umschlungen wird, die Tiere sich in seine Extremitäten verbeißen und langsam das Leben aus dem legendären Wikinger entweicht. Doch in Ragnar ist das Feuer zu sehen, das ihn immer ausgezeichnet hat, keine Spur von Angst oder Anflüge von verzweifelten Hilfeschreien. Sein letzter Atemzug brennt sich uns ins Gedächtnis, ebenso wie in Ecbert, der ganz genau weiß, dass auch er eines Tages wie Ragnar sich für seine Taten verantworten muss. Ob vor einem Gott oder sich selbst, das wird sich zeigen.
What matters
Aber jedes Ende ist, wie bereits erwähnt, auch ein neuer Anfang. Der Anfang einer Geschichte, die fortan ohne ihre zentralste, einnehmendste, faszinierendste Figur auskommen muss und die Tore für andere, vielversprechende Charaktere öffnet. Allen voran: Ivar, der Knochenlose, ein berühmt-berüchtigte Name, den Ragnar beim Abschied von seinem Sohn in den Mund nimmt. Wie schnell wird Ivar mit seinen Brüdern Vergeltung suchen? Und mit wem wird er sich dann messen müssen? Man deutet bereits ein besonderes Verhältnis zum jungen Alfred an. Jetzt sitzen sie sich noch beim Schachspiel gegenüber, in naher Zukunft könnten sie sich aber auf dem Schlachtfeld wiedersehen.
Doch bevor Ragnar gerächt werden kann, gilt es auch in der Heimat die Fronten zu klären. Der Tod von Aslaug, niedergestreckt von Lagertha (Katheryn Winnick), trifft Ivar schwer, in dem ohnehin schon eine große Wut lodert, die jetzt wahrscheinlich noch extremere Formen annehmen wird. Wie Ivar, die neue, designierte Hauptfigur in spe (wobei wir natürlich nicht Bjorn vergessen dürfen, der bisher etwas unterrepräsentiert war, was sich jetzt aber schlagartig ändern könnte) ist auch Vikings in diesem Moment wunderbar unvorhersehbar (wer ist der unbekannte Einäugige, gespielt von dem Norweger Andre Eriksen und unberechenbar. Bei diesen spannenden Aussichten verkraftet man sogar den Tod einer der treibenden Kräfte der Serie sowie den hervorragend inszenierten Abschied eines ausgezeichneten Schauspielers.
Trailer zur nächsten Episode:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 29. Dezember 2016(Vikings 4x15)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x15
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?