Vikings 4x14

Vikings 4x14

In the Uncertain Hour Before the Morning zeigt uns zwei alte Männer, die sich nach vielen Jahren wiedersehen und gemeinsam versuchen mit sich ins Reine zu kommen. In der Heimat der Wikinger erfolgt indes ein neuerlicher Umbruch, dessen finale Auswirkungen noch längst nicht absehbar sind.

Linus Roache als König Ecbert in „In the Uncertain Hour Before the Morning“ / (c) History
Linus Roache als König Ecbert in „In the Uncertain Hour Before the Morning“ / (c) History
© inus Roache als König Ecbert in „In the Uncertain Hour Before the Morning“ / (c) History

Es macht den Anschein, als wolle Michael Hirst in der zweiten Hälfte der vierten Staffel nicht viel Zeit verschwenden, drückt der Vikings-Serienmacher doch mal wieder ordentlich auf die Tube. Während die seefahrenden Wikinger um Bjorn (Alexander Ludwig) und dessen Onkel Rollo (Clive Standen) in dieser Episode aussetzen, stehen in Kattegat große Veränderungen und die eine oder andere Überraschung für uns Zuschauer an. Das Herzstück der etwas sperrig betitelten Episode In the Uncertain Hour Before the Morning stellt jedoch das Wiedersehen zwischen Ragnar (Travis Fimmel) und seinem alten Freund/ Feind („Freind“?) Ecbert (Linus Roache) dar, die über eine sehr spezielle, einzigartige Beziehung zueinander verfügen.

Bevor wir uns diesem kleinen, mitunter sehr philosophischen Kammerspiel widmen, das sich einiges an Zeit nimmt, um auf den Punkt zu kommen, schauen wir uns aber zunächst einmal die neuesten Entwicklungen in Ragnars skandinavischer Heimat an. Hier haben wir in der letzten Folge noch gesehen, wie Lagertha (Katheryn Winnick) die Gunst der Stunde nutzte, um sich an Aslaug (Alyssa Sutherland) zu rächen und sich das zurückzuholen, was man ihr vor vielen Jahren genommen hatte: ihre alte Heimat Kattegat sowie ihren ehemaligen Status als Wikingerkönigin.

Bold Strategy

Dabei geht es aber nicht nur um ein einfaches Statement oder ein banales Machtstreben. Lagertha treiben vor allem extrem persönliche Motive an, veränderte sich ihr Leben mit dem Auftritt von Aslaug und der Verführung ihres einstigen Gatten Ragnars durch die hellseherisch begabte Tochter der legendären Schildmaid Brynhild alles. Das hat Lagertha Aslaug nie verziehen, und nun, da die meisten Herren der Schöpfung außer Haus sind und Kattegats Verteidigung deutlich geschwächt ist, führt sie ihren Angriff durch, der von Erfolg gekrönt ist. Mehr als das: sie nimmt wieder ihre alte Stellung ein und setzt einen brutalen Schlussstrich unter dem Kapitel Aslaug, indem sie diese eigenhändig nach Walhalla entsendet.

Pay the Price

Diese Entwicklung fühlt sich für mich tatsächlich etwas abrupt an, so konsequent und logisch sie auch sein mag. Ich bilde mir sogar ein, in Aslaugs Blick eine Art Gewissheit zu erkennen, dass ihr letztes Stündlein nun geschlagen hat. Eine gnändige Geste von Lagertha hätte diese wohl früher oder später wieder eingeholt, Lagertha weiß, dass sie ihre neue alte Position nur wahren kann, wenn Aslaug nicht mehr am Leben ist und somit jede Möglichkeit ausgemerzt ist, dass sie jemals zurückkehren und wieder für Unruhe sorgen könnte. Dennoch geht das Ganze doch etwas flott, womit ich ehrlich gesagt nicht wirklich gerechnet hätte.

Immerhin erhält Aslaug noch ein standesgemäßes Wikingerbegräbnis (die alten Bräuche halten in Kattegat wieder Einzug, Aslaugs blutige Rituale gefielen Lagertha nicht so sehr), doch Lagertha darf sich ihrer selbst nicht zu sicher sein, auch wenn ihre Leute und die Bevölkerung von Kattegat jubelnd hinter ihr stehen. Vor allem in Ubbe (Luke Shanahan) hat sie einen impulsiven neuen Feind gefunden, der den Tod seiner Mutter sogleich rächen will und sicherlich nicht einfach zu kontrollieren ist. Da präsentiert sich sein Bruder Sigurd (Elijah O'Sullivan) schon weitaus handzahmer. Er scheint nie das beste Verhältnis zu seiner Mutter gehabt zu haben, die stets nur Augen für Ivar hatte und sich dann auch noch auf eine Affäre mit dem mysteriösen Harbard einließ.

History
History - © History

Mea Maxima Culpa

Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen Lagerthas jüngstes Handeln im großen Gesamtbild nach sich ziehen werden. Die Unterstützung ihres Sohnes Bjorn hat sie sicherlich, allerdings könnte es in seiner Flotte (darunter auch Aslaugs Sohn Hvitserk) eventuell den einen oder anderen Unruhestifter geben, der mit dem Machtwechsel in Kattegat nicht all zu viel anfangen kann. Und natürlich darf man auch auf Ragnars Reaktion gespannt sein, sollte er von dieser Nachricht Wind bekommen. Wobei man sich bei dem gefallenen Wikingerkönig in dessen derzeitiger Verfassung gut vorstellen kann, dass er Lagerthas Wiederaufstieg und den Tod Aslaugs fast gleichgültig akzeptiert. Denn Ragnar treiben ganz andere Gedanken um.

Michael Hirst hat eine besondere Erwartungshaltung ob der Rückkehr Ragnars nach England und seinem Wiedersehen mit Ecbert aufgebaut. Nun findet der Serienschöpfer eine interessante Auflösung, die sich zunächst etwas gekünstelt in die Länge zieht, aber uns letztlich doch wunderbare Einblicke in zwei der Schlüsselfiguren in Vikings und deren Verhältnis zueinander gewährt. Schon in der Vergangenheit war es eine große Freude, Travis Fimmel und Linus Roache bei ihrem Zusammenspiel beobachten zu dürfen. Das lag zum einem an dem Talent der beiden Darsteller, aber auch daran, dass ihre Charaktere trotz extrem unterschiedlicher Hintergründe sehr ähnlich ticken und sie viele Gemeinsamkeiten auszeichnen.

Regrets

Beide haben stets große Pläne verfolgt und wollten nicht nur in machthabene Positionen aufsteigen, sondern ihren Einfluss und Kontrolle kontinuierlich vergrößern. Sowohl Ragnar als auch Ecbert haben für diese Ambitionen und Ziele große Opfer gebracht, die heute, viele Jahre nachdem sich das Duo kennengelernt hat, schwer auf ihrem Gewissen lasten. So, als Ragnar nach England zurückkehrte, um für den Tod seiner Landsleute und der Vernichtung der Wikinger-Siedlung in Wessex Buße zu leisten, plagt ihn die Schuld für dieses Massaker doch ungemein, so wird auch Ecbert von alten Dämonen, resultierend aus moralisch fragwürdigen Entscheidungen im Sinne seiner großangelegten Überlegungen, heimgesucht.

Heaven and Valhalla

Es dauert ein wenig, bis sich dem Zuschauer die offensichtlichen Parallelen dieser beiden Charaktere deutlich erschließen, doch Ragnar und Ecbert sind Brüder im Geiste. Nur, dass Ragnar die Rechnung für sein Handeln etwas früher bekommen hat, als Ecbert, der sich seiner Taten ebenso bewusst ist und sich als devoter Diener Gottes wahrscheinlich Vergebung erhofft, wenn er eines Tages seinem Schöpfer gegenübertritt. Aber was, wenn Gott gar nicht existiert? Was, wenn auch die nordischen Gottheiten nur Hirngespinste sind und man sich grundlos irgendwelchen höheren Mächten unterwirft, weil ihre Existenz den Menschen Struktur, Lebenssinn und ein Wertesystem geben?

Hirst holt gewaltig aus und hat in den gebrandmarkten Ragnar, ein Grübler, der stets alles hinterfragt (allen voran das Konzept des Glaubens, wie seine bisherige Reise gezeigt hat), den perfekten Platzhalter gefunden, um diesen Gedanken und nahezu philosophischen Überlegungen Ausdruck zu verleihen. Sind Ragnar und Ecbert wirklich auf die Gnade überirdischer Mächte angewiesen, deren Dasein mehr als fragwürdig ist? Oder müssen sie selbst für ihre Taten geradestehen und Verantwortung übernehmen? Während Ragnar sicher scheint, dass dies der einzig richtige Weg ist, um sein Gewissen zu erleichtern, wofür er bereit wäre zu sterben, wehrt sich Ecbert noch gegen diese Perspektive auf das Leben.

History
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Animals

Bei all den Gedankenspielen der beiden sowie ihrem offenen Austausch unter beachtlichen Alkoholeinfluss (natürlich wird unter diesen benebelnden Umständen über das Leben, den Tod und die Sinnhaftigkeit des Seins diskutiert, manche Zuschauer kennen das wahrscheinlich nur zu gut von sich selbst, wenn man sich zu später Stunde und in vertrauter Runde einen Tropfen gönnt) gehen ein paar Nebensächlichkeiten schon fast unter, so zum Beispiel, dass Kwenthriths Sohnemann Magnus eben doch kein Spross Ragnars ist und in der Folge kaltherzigen von Aethelwulf (Moe Dunford ) vor die Tür gesetzt wird.

Ivar (Alex Hogh Andersen), Ragnars einzig verbliebender Begleiter, soll indes die Füße still halten (entschuldigt, no pun intended) und tritt in In the Uncertain Hour Before the Morning kaum in Erscheinung. Zumindest hat er einen guten Rat für seinen Vater. Dieser teilt noch einen emotionalen und überraschend bewegenden Moment mit Ecbert, als die beiden sich an ihren guten Freund Athelstan zurückerinnern. Dieser nahm sowohl in Ragnars als auch in Ecberts Leben eine sehr bedeutsame Rolle ein, und auch dessen Tod durch die Hand Flokis treibt Ragnar allem Anschein nach immer noch um und ist nur eine der vielen Lasten auf seiner geplagten Seele.

Don't be Afraid

Der Anblick von Athelstans Sohn Alfred ist ein spürbarer Trost für ihn sowie für Ecbert, dass der Mönch nicht komplett aus ihrer beider Leben getilgt wurde und sein gutherziges, tolerantes Vermächtnis in Alfred weiterleben könnte. Als Ragnar und Ecbert übrigens wie die Hühner auf der Stange Seite an Seite auf Ecberts Thron sitzen (gleich und gleich gesellt sich gern), ist derweil ein Bild für die Götter - sofern es diese denn wirklich gibt. Am Ende bleiben dann einige Fragen: Was ist der große Plan von Ragnar, der anscheinend schon länger in seinem Kopf vor sich hinköchelt? Ist er wirklich bereit, das ultimative Opfer einzugehen, um sich reinzuwaschen? Oder sieht er in einer möglichen Auslieferung an König Aelle von Northumbrien die Gelegenheit für seine Söhne, sein Vermächtnis anzutreten und England abermals zu invadieren?

How to Die

Blickt man tief in die Augen Ragnars, so scheint er seine Entscheidung getroffen zu haben. Sein Blut soll aber nicht an den Händen Ecberts kleben, dem er für die sichere Rückreise seines Sohnes Ivar (von seiner eigenen Mutter längst als tot abgestempelt) verspricht, dass Ecbert nicht den Zorn seines Nachwuchses auf sich ziehen, sondern allein Aelle zum Feindbild Nummer eins auserkoren wird. Doch wie kann ein toter Ragnar dies kontrollieren und garantieren? Sieht der Wikingerkönig tatsächlich seine Zeit gekommen, abzutreten, Buße zu leisten und mit seinem Tod noch etwas „Positives“ zu bewirken, nämlich das Entflammen von Rachegedanken in seinen Söhnen, denen er indirekt die Fackel seines Schaffens übergibt?

Es ist nicht einfach, Michael Hirst einzuschätzen, ebenso wie es nicht einfach ist sich vorzustellen, dass ein derartig zentraler Charakter wie Ragnar Lothbrok nicht bis zum bitteren Ende von Vikings mit von der Partie sein wird. Gleichzeitig traue ich Hirst und seinem Team aber auch zu, dass sie eine mutige, unerwartete Entscheidung fällen und die Serie in neue Richtungen lenken, mit anderen Figuren im Mittelpunkt. Doch ist noch lange nicht aller Tage Abend für Ragnar, selbst wenn ein Blick in die nordischen Sagen und die Rolle von Aelle im Leben von Ragnar nicht wirklich Sonnenschein verspricht. Wir dürfen mehr als gespannt sein, was die nächsten Folgen bringen.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 22. Dezember 2016

Vikings 4x14 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 14
(Vikings 4x14)
Deutscher Titel der Episode
Wie Ein Tier Im Käfig
Titel der Episode im Original
In the Uncertain Hour Before the Morning
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 21. Dezember 2016 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 22. Dezember 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 22. Dezember 2016
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Sarah Harding

Schauspieler in der Episode Vikings 4x14

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