Vikings 4x11

Vikings 4x11

Das Historiendrama Vikings feiert - nach etwa sieben Monaten und einem großen Zeitsprung innerhalb der Erzählung - mit der Episode The Outsider eine atmosphärisch packende Rückkehr seiner vierten Staffel. Interessante Veränderungen und intensive Charaktermomente bestimmen dabei das Geschehen.

Floki (Gustaf Skarsgard) und Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) in „The Outsider“ / (c) History
Floki (Gustaf Skarsgard) und Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) in „The Outsider“ / (c) History

Ende April dieses Jahres verabschiedete sich die 20-teilige vierte Staffel der Wikingerserie Vikings in eine kleine Pause, doch das Warten auf das spannende, alles verändernden Midseason-Finale The Last Ship hat nun endlich ein Ende. Nach der fatalen Niederlage von Ragnar (Travis Fimmel) gegen seinen Bruder Rollo (Clive Standen), der Verteidiger von Paris, überraschten uns Serienschöpfer Michael Hirst und sein Team mit einem Zeitsprung innerhalb der Serie, der wie Hirst jetzt im Vorfeld der Fortsetzung der vierten Staffel bekannt gegeben hat um die sechs Jahre umfasst. Ragnar flüchtete vor seiner Verantwortung als Wikingerkönig und sein Volk sieht ihn in einem völlig neuen Licht. Vor allem nachdem bekannt wurde, was mit Wikingersiedlung in England geschah, dessen Bewohner kaltblütig niedergemetzelt wurden.

Aber Ragnar ist zurück, das haben wir bereits in „The Last Ship“ gesehen. Kattegat und auch Ragnars Söhne sind gewachsen. Die Zeit hat in seiner Abwesenheit nicht stillgestanden. Die Fortführung der Geschichte setzt unmittelbar bei der spannungsgeladenen Rückkehr des berühmt-berüchtigten Wikingers ein, der zwar an seiner Beliebtheit eingebüßt hat, dem aber nach wie vor mit sehr viel Respekt, wenn nicht sogar Furcht begegnet wird. Es ist der Auftakt zu einer angespannten, und hochintensiven Episode, die sich auf die Charaktere in Kattegat konzentriert, das sich zu einem florierenden Handelszentrum verändert hat und welche Auswirkungen Ragnars Rückkehr auf die Menschen hat, die ihm am nächsten stehen.

The Returned

Von der ersten Minute an ist man wie gefesselt von dem elektrisierenden Auftritt Ragnars in seiner alten Heimat. Die Atmosphäre beim Aufeinandertreffen mit seinen vier Söhnen Ubbe, Hvitserk, Sigurd und Ivar ist angespannt und bedrückend. Von Ragnar geht nach wie vor eine angsteinflößende Faszination und einzigartige Präsenz aus, etwas Unberechenbares und Gefährliches, dem sich niemand wirklich wiedersetzen kann und will. Eine Eskalation der Situation bleibt aus, doch Hirst und sein Regisseur Daniel Grou gelingt es bravourös, eine derartige Spannung und Anspannung zu generieren, dass man jede Sekunde eine furchtbar blutige Wendung erwartet.

Duty

Ragnars Selbstinszenierung ist meisterlich, seine Söhne, die ihm eigentlich abgeschworen haben - einzig Ivar hält zu seinem Vater, während Bjorn (Alexander Ludwig) ihn zwar respektiert, aber endlich seinen eigenen Weg gehen will -, können ihren kühnen Worten keine Taten folgen lassen. Ragnar hat seine Spuren auf dem Volk der Wikinger und seiner Familie hinterlassen, zu groß ist der Respekt vor ihm. Aber Ragnar ist noch lange nicht am Ende seines Weges. Er hat eine offene Rechnung zu begleichen und will zurück nach England reisen, um dort Gerechtigkeit für seine Landsmänner und -frauen einzufordern, die hintergangen und abgeschlachtet wurden. Diese Schuld hat Ragnar in den Wahnsinn und ins Exil getrieben, jetzt sucht er nach Gefolgsleuten, die ihn auf seiner Reise der Wiedergutmachung begleiten.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Seine erwachsenen Söhne vertreten trotz allem Respekt vor ihrem Vater eigene Standpunkte, von denen sie nicht abweichen. Ragnar kann nicht einfach nach Jahren zurückkehren und erwarten, dass sie ihm blindlings folgen. Während Ubbe (Jordan Patrick Smith) und Sigurd (David Lindström) in Kattegat bleiben wollen, wo sie den Ort und ihre Mutter Aslaug (Alyssa Sutherland) beschützen sowie sich um ihre Familie sorgen wollen (etwas, dass sich nie mit dem Entdeckerdrang und den großen Ambitionen Ragnars vertragen hat, hat er für Stillstand doch nicht viel übrig), will sich Hvitserk (Marco Ilso) mit Bjorn auf eine Expedition ins Mittelmeer begeben, an der Ragnars erster Sohn zusammen mit Lagertha schon lange plant.

© History
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No Choice

Bjorn hat sich, wie man es von einem Sohn Ragnars erwarten würde, endlich von seiner alles überstrahlenden Vaterfigur gelöst und wird seines eigenen Glückes Schmied. Es ist nicht seine Aufgabe oder Pflicht, die Sünden seines Vaters zu begleichen. Das eigene Abenteuer lockt Bjorn, der sich die Hilfe von Schiffbauer Floki (Gustaf Skarsgard) sichern konnte und über die notwendigen Informationen für die weite Reise verfügt. Bjorns Skepsis Ragnar gegenüber und das Verfolgen seiner eigenen Interessen und Ziele, wird von den unheilvollen Worten des Sehers untermauert. Er sieht in der Rückkehr des ehemals unumstrittenen Wikingerkönigs großes Leid und Chaos auf die Nordmänner zukommen.

Wird Ragnar auf seiner Suche nach Vergebung und Vergeltung zu einer Gefahr für Bjorn und seinesgleichen? Der Kredit scheint verspielt, was nachvollziehbar ist, ebenso wie Bjorns neues Kredo, selbst die weite Welt zu entdecken und sein eigenes Zeichen in der Welt der Wikinger zu hinterlassen. Es zeigt sich, dass Ragnar mit seinen Plänen keinen Anklang findet, weder bei seinem Nachwuchs noch bei alten Bekannten. Sein guter Freund Floki, mit dem er eine lange Reise und komplexe Beziehung hinter sich hat, wird in seinem Herzen immer einen Platz für Ragnar haben. Mit Blick auf die Dinge, die sich in der Vergangenheit zwischen den beiden ereignet haben, macht dies nur das innige Verhältnis der beiden deutlich.

We Shall Meet Again

Aber vielleicht ist es an der Zeit, gewisse Sachen hinter sich zu lassen, was Floki eingesehen hat. Ragnar hingegen jagt immer noch seinen Hirngespinsten und Schuldgefühlen hinterher, die ihn konsumieren und korrumpieren. Floki ist bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen, wortwörtlich an der Seite von Bjorn. Ragnar blickt zurück beziehungsweise wird dazu gezwungen, ständig darauf zurückzublicken, was er für ein Mensch er ist und was er getan hat, erinnern ihn doch die Menschen um ihn herum permanent daran. Doch wie sagte er schon zu seinen jungen Söhnen vor vielen Jahren: „Don't waste your time looking back, you're not going that way.“ Ein Ratschlag, den Ragnar vielleicht selbst beherzigen sollte, bevor er sich und anderen nur noch mehr Schaden zufügt.

No Regrets

Auch seine einstige Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick), nun etablierte Herrscherin über Hedeby, möchte ihn nicht begleiten - auch wenn es offensichtlich ist, dass sie nach wie vor dem Reiz Ragnars erlegen ist. Dies mag gar nicht so viel damit zu tun, wer oder was Ragnar nach all den Jahren geworden ist. Vielmehr ist es sein nimmermüdes Bestreben, immer in Bewegung zu sein, das Abenteuer zu suchen und die eigenen Grenzen zu sprengen. Das mag die Beziehung der beiden stark belastet und beendet haben, aber in Lagertha schlummert dieser Drang nach etwas Neuem ebenfalls. Jetzt ist sie aber etwas zur Ruhe gekommen, an ihrer Seite ist die Wikingerfrau Astrid (Josefin Asplund), eine Art Protegé, Liebhaberin und vielleicht stabilerer, weniger impulsiver, machtbesessener Anker, als ihre Begleiter aus der Vergangenheit.

Lagertha spürt - genau wie wir Zuschauer, dass etwas Neues auf sie und ihre Familie zukommt. Eine große Veränderung, ein Konflikt, der neue Freund- und Feindschaften bildet, unerwartete Allianzen oder unvorstellbare Zerwürfnisse. Was es auch sein mag, der Episode gelingt es hervorragend, ein Gefühl von gespannter Erwartung zu erzeugen. Vikings hat diese Art der Inszenierung und des Foreshadowings über die Jahre perfektioniert, wir spüren, dass sich erneut etwas zusammenbraut. Sei es die Anspannung in fast jeder einzelnen Szene in The Outsider oder die Intensität, mit der die Darstellerriege ihren Charakteren Leben einhaucht, ich kann mich nicht von einer dunklen, schwer zu definierbaren Vorahnung freimachen.

© History
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Finding Greatness

Großen Anteil daran, dass sich in The Outsider rasch dieses altbekannte Vikings-Gefühle der Unsicherheit und drohenden Eskalation einstellt, hat neben der sehr präsenten, eindrucksvollen Darbietungen von Travis Fimmel auch der Auftritt eines Neulings. Der junge Däne Alex Hogh Andersen stiehlt in seiner Rolle als Ragnars jüngster Sohn, Ivar, so manche Szene und strahlt als Charakter innerhalb kürzester Zeit eine vergleichbare Faszination und Gefahr wie sein Vater aus. Ivar steht nach wie vor hinter seinem Vater, auch wenn Ragnar Ivar aufgrund dessen Behinderung nicht gleichberechtigt behandelt.

Ivar konnte aufgrund seiner verkümmerten Beine nie ein Leben wie seine Geschwister führen, was ihn geprägt und geformt hat. Er fühlt sich aufgrund seiner Behinderung nicht einmal wie ein richtiger Mann, was auch seine Potenzprobleme bedingen und muss erst nach den Worten einer umtriebigen Sklavin einsehen, dass er dennoch in die Fußstapfen seines Vaters treten und seinen Namen in die Geschichtsbücher eintragen kann. Ivar Ragnarsson oder auch Ivar der Knochenlose ist heutzutage nicht nur eine der Persönlichkeiten in der Historie der Wikinger, der Name ist auch Bestandteil nordischer Sagenliteratur. Ivar gibt als Charakter immens viel her: So viel Frust und Wut, weil ihm ein normales Leben verwehrt geblieben ist, so viel Ambition, die ihm von seinem Vater in die Wiege gelegt wurde, so viel Aggression, die unschöne Folgen nach sich ziehen könnte.

Just Think

Ein Vorgeschmack stellt die kleine Trainingseinlage der Brüder dar, bei der Ivar seine Fähigkeiten als Kämpfer durchaus unter Beweis stellt und dabei fast übers Ziel hinausschießt. Er hat es satt, immer wie eine Last behandelt zu werden und abhängig von anderen zu sein. Auch er will seinen eigenen Weg gehen. Und während man eher den Anschein bekommt, dass seine Brüder ihm aufgrund seiner Behinderung nicht viel zutrauen und ihn zurückhalten wollen, stellen die Pläne Ragnars einen Ausweg für Ivar da. Auch den muss Ragnar erst noch überzeugen, Ivars Einstellung und Loyalität sowie das Funkeln in seinen Augen, sich einen Namen machen zu wollen - dies kann wohl keiner besser als Ragnar selbst verstehen, der das Feuer in seinem Sohn sieht, das auch ihn antreibt.

Ghosts

Doch wie Ragnar scheint auch Ivar auf einem schmalen Grat zu wandeln. Die Kunst der Manipulation, Gnadenlosigkeit und Kaltblütigkeit sind ihm ins Gesicht geschrieben. Wie weit wird Ivar gehen, um zu zeigen, dass er den Ansprüchen seines Vaters genügt? Dass er trotz Beeinträchtigung ein großartiger Wikinger werden kann, der wie Ragnar gefürchtet wird? Als Außenseiter hat Ivar bisher ein schwieriges Leben führen müssen. An der Seite seines Vaters könnte sich das ändern. Allerdings besteht auch das Risiko, dass sich Ivars Entscheidung Ragnar zu folgen nicht auszahlen könnte.

Immerhin sehen wir, wie Ragnar nach wie vor von Selbstzweifel geplagt wird und hinterfragt, ob ihm die nordischen Gottheiten überhaupt noch hold sind, vor allem nachdem er so wenig Unterstützung von alten Weggefährten bekommen hat. Ist der Zug für den Wikinger abgefahren und die Chance auf Erlösung und Vergebung verwirkt? Man könnte den fehlgeschlagenen Selbstmordversuch so interpretieren, dass der Strick nur aufgrund einer göttlichen Fügung zerriss. Die Raben, darunter eventuell auch Odins gefiederte Diener Hugin und Munin, haben hier vielleicht ihre Schnabel im Spiel... Das könnte Ragnar als Bestätigung dienen, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Mit dieser Gewissheit reist es sich weitaus selbstbewusster nach England. Seinen ehemaligen Status hat Ragnar aber ohne Zweifel eingebüßt. Wenn man aber ehrlich ist, hat er mit seiner Art und seinem Wesen aber eh nie so richtig in die Welt der normalen Wikinger gepasst. Er ist eben ein Außenseiter. Jetzt mehr als jemals zuvor.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 1. Dezember 2016

Vikings 4x11 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 11
(Vikings 4x11)
Deutscher Titel der Episode
Der Außenseiter
Titel der Episode im Original
The Outsider
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Mittwoch, 30. November 2016 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Daniel Grou

Schauspieler in der Episode Vikings 4x11

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