Vikings 4x10

Vikings 4x10

The Last Ship spielt gekonnt mit den Erwartungen der Zuschauer und traut sich einige überraschende Entwicklungen, die die Episode zu einem aufregenden und abwechslungsreichen Finale der ersten Hälfte der vierten Staffel von Vikings macht. Für großes Spektakel ist ebenfalls gesorgt.

Bruderkampf: Ragnar (Travis Fimmel) gegen Rollo (Clive Standen) in „The Last Ship“ / (c) History
Bruderkampf: Ragnar (Travis Fimmel) gegen Rollo (Clive Standen) in „The Last Ship“ / (c) History

Für die Episode The Last Ship, die das Ende der ersten Staffelhälfte und den Anfang einer Mid Season-Pause markiert, bis Vikings im Herbst mit dem zweiten Teil seiner vierten Staffel zurückkehren wird, waren die Erwartungen vieler Zuschauer wohl klar: Eine weitere epochale Schlacht um Paris stünde uns bevor, nachdem Ragnar (Travis Fimmel) und seine Nordmänner am Ende der letzten Episode (Death All 'Round) der Durchbruch gelungen war. Und tatsächlich fahren Serienschöpfer Michael Hirst und sein Team in „The Last Ship“ große Geschütze auf, jedoch in etwas anderer Form, als man es eventuell erwartet hätte.

Nicht nur, dass besagter Kampf um Paris sich anders gestaltet, als viele gedacht hätten, auch der restliche Teil der Episode wartet mit zahlreichen Überraschungen und hochinteressanten Entwicklungen auf, die man so nicht hatte kommen sehen. Hirst erwischt einen dabei sogar schon etwas auf dem falschen Fuß, was diese Episode wiederum so besonders, spannend und absolut mitreißend macht. Der „Vikings“-Macher trifft nämlich letzten Endes eine mutige Entscheidung, wie er diese Staffelhälfte zu einem Ende bringt. Und es lohnt sich: Das Warten auf die Fortsetzung der Staffel ist nach dem Schlussbild dieser Folge bereits jetzt schon eine Qual.

Times change

Manch einer hat eventuell damit gerechnet, dass „The Last Ship“ ganz im Zeichen des Konflikts der Wikinger mit den Franzosen stehen würde, dass bis zur letzten Sekunde das Duell der beiden Brüder Ragnar und Rollo (Clive Standen) das Geschehen bestimmt. Naja: Falsch gedacht. Für etwas mehr als die Hälfte der Episode nimmt man uns tatsächlich auf einen aufregenden, packenden Trip mit, der uns eine wilde Auseinandersetzung der Nord- mit den Franzmännern zu See bietet, in der die inszenatorischen Stärken des Formats abermals hervorragend aufgezeigt werden. Dann nimmt die Folge jedoch eine Wendung, die zunächst ein wenig irritieren kann, letztlich jedoch ein fantastischer Einfall ist, um Ragnars Entwicklung in dieser Staffel zu einem vorläufigen Höhepunkt zu bringen sowie gleichzeitig die Vorfreude auf die Fortführung der Geschichte zu schüren.

Rollo (Clive Standen) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History
Rollo (Clive Standen) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History

Only victory or death

Zunächst werden wir jedoch wie bereits angedeutet in eine blutrünstige Wasserschlacht reingeworfen, die sich binnen weniger Minuten zwischen den Wikingern und den Franzosen unter Führung des anmutigen Feldherren Rollo entspinnt. Hirst und sein Kreativteam bieten uns dabei in Form dieses Kampfes zu Wasser, bei dem die modifizierten Wikingerboote auf die Pariser Flotte treffen, etwas Neues und Frisches an. So kam es in „Vikings“ bisher noch nicht zu einem vergleichbaren Scharmützel. Dieses nimmt sogleich auch eine ganz besondere Eigendynamik an, die mitunter epische Musik peitscht nicht nur die zahlreichen Krieger, sondern auch uns Zuschauer nach vorne.

Regisseur Jeff Woolnough fängt das Geschehen hervorragend ein, großes Lob muss aber auch an die Ausstatter und das Stuntteam ausgesprochen werden, die allesamt dazu beitragen, dass sich in dieser Schlacht ein kontrolliertes Chaos ergibt, welches einen komplett in seinen Bann ziehen kann. Solche bisweilen atemberaubende Sequenzen, in denen es scheppert, Schilder auf Schilder prallen, Klingen gekreuzt werden und wild miteiander geringt wird, sind zu einem unverkennbaren Markenzeichen der Serie geworden. Der Kampf fühlt sich nicht nur realistisch an, er ist ungeschönt und strotzt von einer rauen Energie, die das Blut in Wallung bringt. Als Beobachter des Ganzen ist man vollkommen involviert und möchte sich fast selbst mit ins Getümmel stürzen.

No turning back

Es dauert nicht lange, dann greift ein weiteres Markenzeichen der Serie, das in jüngster Vergangenheit immer wieder angewendet wurde: In dem wilden Kampf werden die verschiedenen Charaktere einzeln herausgepickt und beleuchtet. Der Fokus wandert immer wieder umher und zeigt uns die Protagonisten in diesem Gemetzel: Bjorn (Alexander Ludwig) als Adjutant und direktes Sprachrohr seines Vaters, Lagertha (Katheryn Winnick), unerschrocken wie eh und je, sich durch die Feindesmassen kämpfend, Harald (Peter Franzen) und sein Bruder Halfdan (Jasper Pääkkönen) im kompletten Wahn und heiß auf Mord und Totschlag, Floki (Gustaf Skarsgaard) wutentbrannt ob des Verrats Rollos und erpicht auf seine blutige Rache an dem einstigen Berserker.

Ragnar bleibt zunächst im Hintergrund, doch es dauert nicht lange, bis sich die Blicke der Brüder kreuzen und um sie herum die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint. Zuvor gelingt den Wikingern die Abwehr der ersten Angriffswelle von Rollos Soldaten, der seine Männer dann wiederum mit einer epochalen Ansprache („Gladiator“-eske Gänsehaut macht sich breit) erneut für den Kampf motiviert, da nun der Moment gekommen ist, seinen Mann zu stehen und furchtlos in die Schlacht zu ziehen. Die französischen Boote rammen in die „Kampfinseln“ der Wikinger, die Bühne für das ewige Bruderduell ist angerichtet: Ragnar, bereit für diesen Kampf und mit den letzten Resten von Yidus Droge gestärkt, gegen Rollo, neue Galionsfigur der Franzosen und Verräter in den Augen seiner ehemaligen Mitstreiter.

Not my brother

Es kommt zu einem brachialen Faustkampf der beiden, in dem keiner klein beigibt und heftige Schläge ausgeteilt werden. Aber es ist nicht nur die Wucht dieser Auseinandersetzung, sondern auch ihr Subtext, der so fasziniert: Auf der einen Seite die Enttäuschung in Ragnars Augen, der seinen Bruder stets verteidigt hatte und ihn jetzt zur Rechenschaft ziehen will, wenn nicht sogar muss. (Die brüderliche Begrüßung Ragnars, „You look like a bitch!“, entlockte mir übrigens einen recht großen Lacher.) Auf der anderen Seite Rollo, endlich komplett losgelöst von seinem alles überstrahlenden Bruder, fest entschlossen, für sein neues Volk sein Leben zu opfern, um Paris vor den Wikingern zu schützen.

Lagertha (Katheryn Winnick) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History
Lagertha (Katheryn Winnick) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History

Saviour

Die musikalische Untermalung und immer wieder eingestreute Slow-Motion-Aufnahmen (auch die Sprünge zum Seher nach Kattegat, der sich vor Schmerzen windet ob dieses Kampfes zweier Brüder) machen diese Szenen zu einer intensiven Erfahrung, die plötzlich kippt, als Ragnar mit ansieht, wie seine Anhänger erneut zurückgedrängt werden. Lagertha liegt schwer verletzt am Boden (mein Herz hat einen kleinen Aussetzer) und die Situation sieht düster aus. Es bleibt nur der Rückzug, doch Ragnar möchte verbleiben und das zu Ende bringen, was er begonnen hat. Er kann sich aber dieser weiteren fatalen Niederlage nicht erwehren, während Rollo als Held und Verteidiger von Paris gefeiert wird.

Ich habe es bereits schon einmal geschrieben, Rollo hat sich als Charakter prächtig entwickelt und sich mit seiner neuen Ausrichtung und seinen Überzeugungen unerwartet viele Sympathiepunkte bei mir erspielt. Gezeichnet von der Schlacht wird er mit Fanfaren und unter Jubel in Paris erwartet, die Gebete seiner Frau Gisla (Morgane Polanski) wurden erhört und König Charles (Lothaire Bluteau) hat zu Recht sein Vertrauen in den einstigen Wikinger investiert. Rollo hat nun eine gesamte Stadt in seinem Rücken, während seine Feinde am Hof dezimiert sind. Charles überrascht indes, als er Roland (Huw Parmenter) und seiner Schwester (Karen Hassan) unerwartet den Garaus machen lässt.

Wer hätte gedacht, dass der sonst so inkompetente, schwache Herrscher endlich klarsieht und reinen Tisch an seinem Hofe macht? Ich persönlich habe geglaubt, dass Roland als Konkurrent Rollos eventuell noch eine etwas größere Rolle spielen würde. Jedoch hatten wir diese Geschichte bereits mit Odo und außerdem ist es eine viel bessere Entscheidung, den französischen König endlich mal etwas weniger passiv und konsequent handeln zu sehen.

Still alive

Nein, The Last Ship endet eben nicht mit einem kolossalen Paukenschlag in Form einer gewaltigen Schlacht oder einem prominenten Charaktertod, den vielleicht manch einer erwartet hätte. Wir sehen noch den gebeutelten Ragnar in Gedanken verloren an Bord des Schiffes, mit dem er die Flucht antreten musste. Eine Ab- und Aufblende später befinden wir uns aber schon wieder in Kattegat und sehen Bjorn mit verdächtig langem Haarzopf. Schnell wird klar: Hirst traut sich im letzten Drittel der Folge einen relativ großen Zeitsprung zu, was auf den ersten Blick verwundert - auf den zweiten aber sehr viel Sinn ergibt und dem Autor dramaturgisch neue Möglichkeiten gibt, wie die Geschichte in Vikings weitergehen wird.

Zunächst weiht ein Bote Aslaug (Alyssa Sutherland) und Bjorn bezüglich Ragnars unehelichen Sohns Magnus in England ein, was eine Überraschung für ersteren, aber sicherlich noch verkraftbar ist. Weitaus größere Wellen schlägt da schon die Kunde, dass die Wikingersiedlung in Wessex seit vielen Jahren zerstört ist, Ragnar davon wusste, seinem Volk aber nichts darüber erzählte. Während Aslaug es sichtlich genießt, wie Bjorns Bild von seinem Vater, den er vergöttert, immer mehr bröckelt, lernen wir die erwachsenen Versionen von Ragnars Söhnen kennen, die über ihren Vater und das, was er getan hat, diskutieren. Ragnar selbst wurde seit Jahren nicht mehr gesehen und kehrte nach den Ereignissen von Paris, die ihn Bjorns Aussage nach komplett gebrochen haben, seinem Volk und Kattegat den Rücken.

He was a human

Es ist besonders interessant, dass Ivar (Alex Hogh Andersen) für seinen Vater Partei ergreift, war er aufgrund seiner Behinderung doch seinem Vater nie so nah wie zum Beispiel seine Brüder. Doch wir erinnern uns auch an Ragnar, der den jungen Ivar genau so sehr liebte wie seine anderen Kinder. Während Ubbe (Jordan Patrick Smith), Hvitserk (Marco Ilso) und Sigurd (David Lindström) eher weniger gut auf ihren Erzeuger zu sprechen sind, weil er nicht nur sie, sondern auch eine ganze Generation an Wikingern hintergangen hat, ruft Bjorn diesen noch einmal Erinnerung, dass Ragnar nicht der Gott gewesen ist, zu dem er von vielen gemacht wurde.

Er ist ein Mensch, empfänglich für Gefühle, von persönlichen Träumen und Ambitionen getrieben. Und wenn die vierte Staffel eines bisher gezeigt hat, dann, dass diese Bürde und Verantwortung für ein gesamtes Volk den Mensch Ragnar zerstört hat. Aus Selbstschutz, zur Machterhaltung aber auch als Schutz für die Wikinger hat er das Geheimnis der vernichteten Wikingersiedlung für sich behalten, was auch ein Floki einsah, der als einziger davon wusste.

Ist es nicht menschlich, dass Ragnar die Wahrheit für sich behielt? Er hatte wahrscheinlich Angst, dass er für seine Entscheidung, Ecbert zu vertrauen, getötet werden würde. Bjorn selbst nimmt sich seinen Vater und dessen Freigeist zum Vorbild: Er strebt eine Reise in Richtung Mittelmeer an und kann dabei auch auf einen etwas gealterten Floki bauen. Dieses Szenen haben fast schon einen finalen Charakter, halten aber auch perfekt fest, was den Reiz des Wikingerdaseins ausmacht, was einen Ragnar Lothbrok stets angetrieben hat: Abenteuerlust und die Freude am Entdecken neuer Welten. Doch was ist mit dem einstigen Wikingerfürsten selbst, von dem nur wenige erwarten, dass er jemals wieder zurückkehren wird?

Bjorn (Alexander Ludwig) und Ragnar (Travis Fimmel) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History
Bjorn (Alexander Ludwig) und Ragnar (Travis Fimmel) in %26bdquo;The Last Ship%26ldquo; © History

Who wants to be King?

Ein weite Aufnahme zeigt uns Kattegat, das einen beachtlichen Entwicklungsschritt gemacht hat und über die Jahre zu einer Art großflächigen Handelsmetropole geworden ist. Durch die Massen schreitet plötzlich niemand Geringeres als Ragnar, der allseits skeptisch beäugt wird. Er weiß um den Hass, den die Menschen auf ihn haben. Er weiß sogar, dass seine Söhne ihn töten wollen. Doch: Wer traut sich? Wer stellt sich ihm und tritt die Nachfolge an, König zu sein? Wer möchte überhaupt König sein? Diese Frage fasst hervorragend Ragnars Dilemma der bisherigen Staffel zusammen: Das Gewicht einer Krone kann zerstörerisch sein. Wir haben es bei Charles gesehen, der paranoid und schwach wurde, sich nun aber seiner Macht bewusst ist. Ecbert will wiederum dieses Gewicht auf seinem Haupt, er will die Verantwortung und die Kontrolle.

Und Ragnar nahm beide Dinge von seinem Volk an, wurde zum Opfer einer Eigendynamik, die sich aus Verantwortung über das Leben anderer und grenzenloser Macht entsponn und ihn letztlich sowohl physisch als auch psychologisch zeichnete. König sein ist eine schreckliche Bürde. Und das weiß niemand so sehr wie Ragnar.

Fazit

Das Mid Season-Finale der vierten Staffel von Vikings verdient sich unter anderem aufgrund Michael Hirsts Mut, etwas Unerwartetes zu machen, die Bestwertung. Aber auch das perfekte Ausspielen bekannter Stärken des Formats trägt zu dieser sehr sehenswerten Folge bei. Toll inszenierte Schlachtszenen, wunderbare audiovisuelle Momentaufnahmen (die Szene mit den Booten, die in der Bucht liegen und plötzlich von einer gewaltigen Hand aus dem Wasser gehoben werden, ist eine fabelhafte Illusion und Anspielung auf Ragnars gottgleichen Status), der vorzeitige Höhepunkt in der Charakterentwicklung unserer Hauptfigur, der clevere Zeitsprung und die starken Darbietungen des Casts, zum Beispiel von Travis Fimmel, Alexander Ludwig und Clive Standen - das alles macht The Last Ship zu einem herrlichen Komplettpaket, das nicht viel zu wünschen übrig lässt.

So kann man auch getrost auf den Handlungsstrang um Ecbert in Wessex verzichten. Wie bereits erwähnt, beginnt nun die schwierige Wartezeit für alle „Vikings“-Fans, bis wir sehen werden, wie Ragnars Rückkehr nach Kattegat genau ablaufen wird. Nach dem überraschenden Zwischenfinale ist indes nur sicher, dass nichts sicher ist.

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 22. April 2016
Episode
Staffel 4, Episode 10
(Vikings 4x10)
Deutscher Titel der Episode
Der alte König
Titel der Episode im Original
The Last Ship
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Donnerstag, 21. April 2016 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 15. Juni 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 15. Juni 2016
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Jeff Woolnough

Schauspieler in der Episode Vikings 4x10

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?