Vikings 4x03

Es ist nicht besonders verwunderlich, dass sich in mehr als drei Staffeln Vikings eine Vielzahl an verschiedenen Charakteren angesammelt hat, die dann auch noch an den unterschiedlichsten Handlungssorten in Erscheinung treten. Der Aderlass an zentralen Figuren in der Vergangenheit ist übersichtlich, so konsequent Serienschöpfer Michael Hirst mit Charaktertoden, sollte es denn so weit sein, auch immer wieder umgeht. In der vierten Staffel der Historienserie merkt man dem Format nun aber doch recht deutlich an, dass sich hier eine ganze Menge Charaktere tummeln, die allesamt irgendwie unter einen Hut gebracht werden wollen.
Dies ist wiederum keine leichte Aufgabe und ein „Problem“, von dem so mancher Serienschaffende ein Liedchen singen kann. Nachdem die ersten beiden Episoden der neuen Staffel noch ganz gut damit gefahren sind, den Cast etwas aufzuteilen, wagt sich Hirst nun daran, alle wichtigen Personen der Serie im Rahmen der Episode Mercy in einen Topf zu schmeißen - mit gemischten Resultaten. Denn so sehr die abermals atmosphärisch unheimlich dichte Inszenierung und einzelne Handlungsstränge positiv auffallen, so sehr hinterlässt „Mercy“ auch den Eindruck, dass hier etwas wild von Handlungsort zu Handlungsort gesprungen wird und man als Zuschauer ein paar Schwierigkeiten dabei hat, eine klare Struktur zu erkennen.
Perfect opportunity
Dieser Umstand zieht „Vikings“ natürlich nicht gänzlich in die Tiefe, es macht es einem aber dennoch nicht unbedingt leichter, von den vielen, bisweilen großen Ereignissen innerhalb der Episode gepackt zu werden. Das Aussparen von einigen Nebengeschichten und somit der Fokus auf maximal drei zentrale Handlungsstränge wäre hier eventuell eine Möglichkeit gewesen, eine etwas komprimiertere Geschichte zu erzählen, die uns alles in allem mehr in ihren Bann ziehen kann. Die Bezeichnung „Stückwerk“ klingt zwar sehr harsch, teilweise kommt es einem aber schon so vor, als würde uns Hirst nur kleine Happen aus den Handlungsbögen seiner Protagonisten präsentieren, die mir persönlich nicht ganz ausreichen, um total überzeugt zu sein.
Widmen wir uns zunächst einmal Bjorn, dessen Selbstfindungstrip in der skandinavischen Wildnis mir in der letzten Episoden noch etwas zu beiläufig erschien. Jetzt bekommt Ragnars Erstgeborener etwas mehr zu tun, bekommen wir doch einen etwas detaillierteren Einblick in seinen selbst auferlegten Überlebenskampf gegen die Natur, um seinem Vater seinen Wert zu beweisen. Die kurzen Episoden aus Bjorns neuem Alltag sind durchaus interessant mit anzusehen, Alexander Ludwig schlägt sich formidabel und die herrlichen Naturaufnahmen gefallen ebenfalls. Ich hätte mir aber etwas mehr Mut von den Machern und vielleicht sogar eine komplette Einzelepisode um Bjorn und seiner einsamen Zeit in der unerbittlichen Kälte gewünscht.

Left alive
So kehren wir immer wieder nur kurz zu dem jungen Wikinger zurück, mit dem wir natürlich mitfiebern, dessen Kampf gegen die widrigen Umstände aber noch etwas ergreifender und mitreißender hätte sein können. Als Höhepunkt möchte man uns dann Bjorns Auseinandersetzung mit einem Bären (zwei Namensbrüder, sozusagen) verkaufen, der das Adrenalin zwar kurz zum Kochen bringt, dann aber doch überraschend flott schon wieder passé ist. Vielleicht trügen einen hier aber auch die Erwartungen, denkt man doch zum Beispiel an eine ähnliche Szene aus dem oscarprämierten Film „The Revenant“.
Ich persönlich bleibe gespannt, wie es mit Bjorn weitergehen wird, auch wenn sein Handlungsstrang noch nicht vollends überzeugen kann. Da ihm nun ein bärtiger Berserker (ein Abziehbild vom Wikingerstereotyp) auf den Fersen ist, der von Kalf (Ben Robson) und Erlendur (Edvin Endre) aus Rachegründen engagiert wurde, könnte diese Geschichte schon in der nächsten Folge eine äußerst spannende Entwicklung nehmen. Ein schönes Detail ist derweil die angedeutete, scheinbar telepathische Verbindung zwischen Ragnar und Bjorn, die gut zu dem oftmals übernatürlichen Hauch des Formats passt. Der Wikingerfürst ist mit seinen Gedanken nämlich durchaus bei seinem Sohn. Dies zeigt auch ein kurzer Flashback (der ehemalige Bjorn-Jungdarsteller Nathan O'Toole ist kurz zu sehen), der deutlich macht, wie viel Bjorn seinem Vater bedeutet.
Crucified
Am interessantesten geht es in Mercy ohnehin in Kattegat her, wo Floki nach wie vor eine belastende Folter durchstehen muss. Der stetige Tropfen von der Höhlendecke, der auf seinem Kopf landet, während er sich keinen Zentimenter bewegen kann, ist vor allem eine psychische Tortur für ihn, während er mit ansehen muss, wie sich auch seine Frau Helga (Maude Hirst) quälen muss - nicht nur aufgrund seines Anblicks, sondern auch körperlich. Die dialogarmen Szenen zwischen den beiden gefallen sehr gut, braucht es doch nicht viele Worte, um ihre innige Beziehung nachvollziehen zu können. Flokis Leid, vor allem, nachdem er erfährt, dass seine Tochter verstorben ist, ist indes absolut greifbar und hervorragend von Gustaf Skarsgaard gespielt.
Erneut ist es aber auch die Perspektive seines Peinigers, Ragnar (Travis Fimmel), die diesem Handlungsstrang etwas Besonderes gibt. Während der Wikingerkönig abermals eine Spitze gegen seine Frau Aslaug (Alyssa Sutherland) fallen lässt (im Zuge einer Sage über Thor und den Fährmeister Harbard spielt er auf ihre Untreue mit dem Wanderer (Kevin Durand) aus der letzten Staffel an) und die Anspannung zwischen diesen beiden förmlich greifbar ist, treibt ihm nach wie vor die schwierige Entscheidung umher, was er mit Floki anstellen soll.
Wrath of God
Die Antwort auf diese Frage findet Ragnar dann wiederum in einer Art psychedelischen, spirituellen Parallelmontage, als ihm der tote Athelstan (George Blagden) erscheint und den christlichen Wert der Gnade vor Augen führt. Als Zuschauer ist man hier vor die Herausforderung gestellt, vor allem Ecberts (Linus Roache) Vision richtig zu deuten, dem Athelstan ebenfalls erscheint. Man kann sich aber auch einfach nur in der intensiven, nahezu hypnotisierenden Inszenierung von Ciaran Donnelly verlieren, die ein bekanntes Gefühl in einem weckt, das einzig Vikings in dieser Form zu erzeugen vermag.
Gleichzeitig stellt man sich die Frage, wie Ragnars Gnade gegenüber Floki nun aussehen wird: Ist es Gnade, den scheinbar von den Göttern verlassenen Floki von seinem irdischen Leid zu erlösen? Oder hat er genug gelitten und sich seine Freiheit verdient? Ragnar mit der Axt in der Hand ist beides zuzutrauen, doch Floki wird nur befreit, womit Ragnar so handelt, wie es sein guter Freund Athelstan von ihm erwartet hätte.

Ambitions
Wie bereits erwähnt ist es da schon etwas schwieriger, Ecberts Traum von Athelstan zu deuten. Der König von Wessex kann sich erst einmal darüber freuen, dass Judith (Jennie Jacques) von nun an gemeinsame Sache mit ihm machen wird. Die junge Edelfrau beschafft ihm sogar einige Informationen über Ragnar und den Angriff der Wikinger auf Paris, die sie ihrem Lehrmeister Prudentius (Sean T. O Meallaigh) entlocken kann. Auch die Rettungsmission von Kwenthrith (Amy Bailey) und ihrem Sohn Magnus ist geglückt, wodurch Ecbert in dem jungen Spross Ragnars eine weitere Option auf Machterhaltung, wenn nicht sogar im Ernstfall ein Druckmittel gegen den Wikingerfürst hat.
Ecbert befindet sich zweifellos im Aufwind, sein imaginäres Aufeinandertreffen mit Athelstan könnte man dabei schon fast wie eine Art Bestätigung seines Handels sehen, wird er doch von dem Mönch gesegnet. Wähnt sich Ecbert in seinem Tun also jetzt noch auf dem richtigen Weg, England zu vereinen, als Alleinherrscher zu fungieren und seinem Enkel Alfred, ein Kind Gottes, ein gewaltiges Vermächtnis zu hinterlassen? Auch in diesem Handlungsstrang werden spannende Andeutungen getätigt, so zum Beispiel auch bezüglich Ecberts Sohn Aethelwulf (Moe Dunford), der mit Kwethrith unter einer Decke steckt und den Ambitionen seines Vaters einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Doch auch hier wurmt mich eine Kleinigkeit.
A dangerous place
Denn, wie bereits zu Beginn der Kritik beschrieben, scheint es mir doch so, als würde die Handlung in England, sei es Wessex oder Mercia, doch etwas zu kurz kommen. Immer, wenn es gerade besonders interessant wird und man die Motive der auftretenden Charaktere nachvollziehen oder gar infrage stellen will, erfolgt ein Szenenwechsel, der einen ans andere Ende dieser Serienwelt verfrachtet. Schade drum, gibt doch gerade der Charakter von Linus Roache so viel her. Ist der Glaube für Ecbert vielleicht nur ein Mittel zum Zweck, um seine Ziele zu erreichen? Welche Gefahren gehen konkret von Kwenthrith und Aethelwulf aus, der sich immer mehr von seinem Vater entfernt?
Leider erhält der Handlungsstrang nicht genügend Zeit, damit wir Zuschauer tiefer in diesen hinabsteigen können. Auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass die nächsten Episoden sich diesen Themen widmen werden, geht es mir in Mercy insgesamt dann doch etwas zu schnell. Bevor eine Szene sich entfalten und den Zuschauer zu Gedanken anregen kann, ist sie auch schon wieder zu Ende, was ein Stück weit bedauerlich ist. Hier wäre es vielleicht wirklich ratsam gewesen, sich von der einen oder anderen Momentaufnahme zu trennen und diese mit in die kommende Folge zu nehmen. Dies trifft übrigens auch auf das kurze Techtelmechtel zwischen Kalf und Lagertha (Katheryn Winnick) zu Beginn der Episode zu, das extrem nebensächlich erscheint, für den weiteren Verlauf der Handlung aber sicher nicht unwichtig sein wird.

Appearances
Ein persönliches Highlight ist in dieser Woche derweil Rollo (Clive Standen) und seine nimmermüden Versuche, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden. Der ehemalige Wikinger zeigt dabei eine äußerst lobenswerte Bereitschaft, auch wenn er nach wie vor nur Bahnhof versteht, als die Franzmänner zum Beispiel einer heiliggesprochenen Märtyrerin ihre Ehrerbietung erweisen. Das Faszinierende an dieser Nebengeschichte ist, dass Rollo sich tatsächlich mit aller Macht auf sein neues Leben und seine Frau Gisla (Morgane Polanski) einlassen will, während diese kurze Zeit nach ihrer Vermählung mit dem geschniegelten Hünen schon nach der Scheidung kräht.
Rollos Eskapaden haben wie bereits zuvor oft einen sehr amüsanten Unterton (wie er die Schulbank drückt und seinen Lehrer verhöhnt, ist eine Szene für die Götter), gleichzeitig schwingt hier aber auch eine sehr ernsthafte Note mit: Rollo ist bereit, sich auf seine neue Identität einzulassen, erfährt aber von seinem Umfeld nichts anderes als skeptische Blicke und einen bisweilen extrem herablassenden Umgang. Diese „fish out of the water“-Geschichte könnte schneller als erwartet über den Status des comic relief-Moments hinauswachsen und stellt uns eine Charakterentwicklung einer der zentralen Figuren in Aussicht, die etwas Neues und Unverbrauchtes verspricht.
Fazit
Nach zwei sehenswerten Episoden schwächelt Vikings in der Episode Mercy ein klein wenig, bürden sich Serienschöpfer Michael Hirst und sein Team im Großen und Ganzen doch vielleicht etwas zu viel auf. Während einige Handlungsstränge vielversprechend sind, merkt man der Serie aber an, dass der Funke vielerorts noch nicht so recht überspringen will. Die weiterhin tolle Machart der Serie und das einzigartige Gefühl für die besondere Atmosphäre des Historiendramas ist unverändert ein großer Pluspunkt von „Vikings“. Nun liegt es an Hirst, etwas Ordnung in sein großes Ensemble zu bringen und Geschichten zu erzählen, die uns von Minute eins an fesseln können.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 4. März 2016(Vikings 4x03)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x03
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