Vikings 4x02

Nach dem guten Staffelauftakt aus der letzten Woche räumt Serienschöpfer Michael Hirst in der neuesten Vikings-Episode Kill the Queen vor allem den vermeintlichen Nebencharakteren seines Historiendramas etwas mehr Zeit ein, was an und für sich auch nicht verkehrt ist. Dennoch merkt man vor allem der ersten Hälfte der Folge an, dass sich die Handlung etwas zusammengewürfelt anfühlt und mehr wie eine einfache Standortbestimmung scheint, als uns wirklich großartig interessante Geschichten zu präsentieren. Vielmehr plätschert die Erzählung vielerorts einfach nur so vor sich hin, weshalb man sich als Zuschauer zunächst einmal etwas in Geduld üben muss.
Hirst kann, auch dank der sehenswerten Regiearbeit von Ciaran Donnelly, aber das Ruder im weiteren Verlauf wieder herumreißen, was zum einen daran liegt, dass in der zweiten Episodenhälfte ein ganz anderes Tempo vorherrscht. Außerdem erreicht der hier wohl mit interessanteste Handlungsstrang um Ragnar und Floki die nächste Stufe und uns wird im Rahmen einer Rettungsmission von der gefangen genommenen Königin Kwenthrith ein unerwartetes Actionspektaktel serviert, das einen vor die Mattscheibe bannt und komplett mitreißen kann.
Winter is coming
Bis dahin verläuft „Kill the Queen“ aber eher ruhig und baut vorwiegend auf die atmosphärische Inszenierung Donnellys, der neben herrlichen, weitläufigen Landschaftsaufnahmen auch auf einige andere besondere Kniffe zurückgreift, die die Episode bereichern. Dadurch kann Hirsts Drehbuch, das sich für meinen Geschmack zu oft entweder nicht wirklich interessanten Charakteren widmet oder aber bestimmte Nebengeschichten zu oberflächlich anschneidet, gut ausgeglichen werden.

Revolt
Zwar punktet beispielsweise Bjorns (Alexander Ludwig) Reise in die skandinavische Wildnis durch frostige Wälder und über schaurige Eiswüsten aufgrund toller Bilder, die gelegentlichen Abstecher zu dem selbst ernannten Kurzzeiteremiten fühlen sich für mich persönlich aber weder nach etwas Halbem, geschweige denn Ganzem an. Ein ähnliches Problem habe ich mit der Handlung in Frankreich um Rollo (Clive Standen) und Odo (Owen Roe), wobei ich dieser inhaltlich noch etwas mehr abgewinnen kann. Doch wie bereits in Staffel drei haben es mir die Franzmänner nach wie vor nicht so richtig angetan. Auch wenn Hirst nun offensichtlich an einer neuen Intrige pfeilt, scheint Odo doch eigene Ambitionen zu verfolgen, während er nicht besonders viel von seinem feigen König Charles (Lothaire Bluteau) hält.
Gleichzeitig betreibt Odos rechte Hand Roland (Huw Parmenter) ein doppeltes Spiel und ergattert über die Gespielin seines Kommandanten wertvolle Informationen, die Odo seine Position (und eventuell seinen Kopf) kosten, während Roland selbst davon profitieren könnte. Womöglich möchte Hirst Paris zu einem ähnlichen Schauplatz an Machtspielen und intrigantem Verhalten wie Wessex unter der Herrschaft von Ecbert aufbauen, was absolut nachvollziehbar ist und dem noch recht unverbrauchten Handlungsort etwas mehr Tiefe geben könnte. Doch so richtig warm werde ich mit den Charakteren vor Ort noch nicht, können sie doch nicht wirklich mein uneingeschränktes Interesse wecken. Vielleicht schwingt sich Roland ja zu einer interessanten Figur in diesem Setting auf.
Seize the moment
Bis dahin existiert Paris einzig und allein wegen Rollo, der hier nun seinen neuen Verbündeten eine Strategie gegen einen erneuten Angriff der Wikinger unterbreitet. Dabei soll der Seeweg entscheidend erschwert werden, indem man zwei Befestigungsanlagen an der Seine errichtet, zwischen denen wiederum eine gewaltige Kette gespannt werden soll. Mit dem Ausbau der eigenen Flotte kann man den Nordmännern dann gut gewappnet entgegentreten. Zugegeben - keine schlechte Idee, ob es aber tatsächlich Rollo für das Ausklügeln dieses recht simplen Plans gebraucht hätte, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Ich bin weiterhin gespannt, wie Rollos von den anderen arrivierten Charakteren recht losgelöste Handlung sich in Zukunft gestalten wird. Bis jetzt zeichnet sie vor allem eine unfreiwillige Komik aus, so zum Beispiel, wenn Rollo mit ungewohnter Frisur und neuen Gewändern zum feinen Franzmann gemacht wird. Da muss nicht nur seine Frau Gisla (Morgane Polanski) laut auflachen, ist dies doch ein sehr skurriler Anblick, Rollos vornehme Knicks inbegriffen. Etwas leid tut einem der Hüne dennoch, wie er von seiner garstigen Gattin verspottet wird. Dabei gibt er sich doch so viel Mühe...
Duplicity
Von diesem unverhofften „Eheglück“ bietet sich der Sprung nach England an, das in der vorangegangenen Episode noch keine Rolle gespielt hatte. Nun nimmt der Handlungsstrang um den nie Macht satten König Ecbert (Linus Roache) von Wessex und seine Gefolgschaft einen beträchtlichen Teil der Episode ein. Positiv fällt hier sofort wieder Darsteller Linus Roache auf, der seinen Charakter wie gewohnt meisterlich undurchsichtig spielt. Was indes seine Pläne für Judith (Jennie Jacques), seine geheime Mätresse und Frau seines Sohnes Aethelwulf, sind, bleibt zunächst ein Rätsel. Wie wir uns erinnern können, gebahr sie den Sohn von Athelstan, Alfred (vermutlich der spätere Alfred der Große, wird sich Hirst doch die Historie etwas zurechtbiegen), in dem Ecbert das Potential sieht, dass dieser eines Tages ein vereintes England anführen und sein Vermächtnis fortführen könnte.
Die Szenen zwischen Judith und Ecbert kann man nicht so recht einschätzen, letzterer will die Dame wohl immer mehr auf seine Seite ziehen, um... Nun, um was genau zu erreichen? Dies wird sich erst noch zeigen müssen, während die Zuschauer die Bekanntschaft mit Athelstan-Klon Prudentius (Sean T. O Meallaigh) machen, der sich zunächst gegen seine Aufgabe als religiöser Lehrmeister der interessierten Judith weigert, dem letzten Endes aber keine andere Wahl gelassen wird, als sie zu unterrichten. Judith, gebeutelt (die Episode Born Again aus dem letzten Jahr weckt nach wie vor unschöne Erinnerungen) und in einer problembehafteten Ehe mit Aethelwulf, spürt hier eine neue Freiheit, was sie letztlich mehr zu Ecbert hinziehen könnte, weil er ihr diese ermöglicht hat. Der match cut von der „befreiten“ Judith zu dem erneut gefangen genommenen Floki ist übrigens eine clevere visuelle Spielerei von Regisseur Ciaran Donnelly.

What took you so long?
Doch bevor wir uns nach Kattegat begeben, muss natürlich noch dem vielleicht besten Teil der gesamten Episode Ehrerbietung zuteil werden. Dabei hätten wohl die wenigsten damit gerechnet, dass Nebencharakter Aethelwulf (Moe Dunford) hierfür die Lorbeeren einheimsen würde. Dieser muss sich im Auftrag seines Vaters auf eine Rettungsmission von Königin Kwenthrith (Amy Bailey) von Mercian begeben. Die eher „spezielle“ und sehr eigenwillige Herrscherin wurde nämlich bereits schon wieder abgesetzt und mit ihrem Sohn Magnus (sehr wahrscheinlich der Spross aus Ragnars Lenden) in einem Turm weggesperrt. Um seine Vision eines vereinten Englands zu verwirklichen, muss Ecbert indirekt die Kontrolle über Mercia haben, weshalb Eile geboten ist. Wessex macht mobil, ebenso wie Northumbria unter King Aelle, den Ecbert insgeheim auch absetzen möchte. Könnte hierbei Aelles Tochter Judith eine gewichtige Rolle spielen? Die Situation spitzt sich zu...
Aethelwulf macht sich also auf, um die Prinzessin beziehungsweise Königin aus ihrem Turmverlies zu retten - eine fast märchenhafte Aufgabe, die eine äußerst blutige Wendung nimmt. Ich habe mich bei dem Angriff von Aethelwulfs Truppen auf das Lager von Kwenthriths Feinden schon einige Male gefragt, ob sich die Widersacher taktisch clever verhalten und Aethelwulfs Mannen vielleicht zu einfach in das von Mauern umgebene Terrain eindringen können. Was dann jedoch folgt, ist eine extrem aufregende Sequenz, die wie aus einem Guss ist, wunderbare Kampfchoreografien mit sich bringt und über so viel Wucht und Energie verfügt, dass es schlichtweg eine Freude ist, sie zu bestaunen. Hier hilft natürlich die ruhige Hand Donnellys, der immer wieder clever zwischen Aethelwulfs derbem Faustkampf mit einem Soldaten und der nicht weniger heftigen Kneipenschlägerei Kwenthriths mit ihren Wächtern hin- und herspringt.
Free
Zwar fragt man sich, ob Kwenthrith tatsächlich in der Lage dazu wäre, sich so erfolgreich (und unbewaffnet) zur Wehr zu setzen, ihre Todesangst und Sorge um ihren Sohn dienen jedoch als starker Antrieb. Dass sie extrem skrupellos sein kann, ist ja hinlänglich bekannt. Sämtliche Szenen, beginnend mit dem Angriff auf das Camp bis hin zu den schmerzhaften Zweikämpfen, kommen hier wahnsinnig wuchtig und realistisch daher. Man fiebert automatisch mit den zwei Charakteren in Not mit, die bisher eigentlich nicht zu den zentralsten, geschweige denn beliebtesten der Serie gezählt haben. Die packende Inszenierung lässt im Zusammenspiel mit der treibenden Hintergrundmusik aber das Blut in Wallungen kommen, was die Geschehnisse um Kwenthrith und Aethelwulf zu den Höhepunkten der Episode machen.
Der gute Einsatz von atmosphärischer Begleitmusik kommt indes auch in den Szenen um die Flucht von Floki (Gustaf Skarsgard) aus Kattegat zu tragen. Der Schiffsbauer entfleucht nämlich durch das malerische, bisweilen gespenstisch schöne skandinavische Hügelland, während ein Suchtrupp, interessanterweise von Ragnars jüngsten Söhnen angeführt, diesen verfolgt. Die wummernden Klänge machen die Hatz zu einer durchaus spannenden Angelegenheit, die dann jedoch ihr jähes Ende findet, als Floki geschnappt und abermals vor Ragnar geschleift wird.
Escape
Eine sehr interessante Frage ist derweil, wer Floki überhaupt befreit hat. War es vielleicht seine Frau Helga (Maude Hirst), die eine unerträglich schwere Zeit durchlebt? Oder war es gar Ragnar (Travis Fimmel) selbst, der es nicht fertigbringen kann, Floki seine gerechte Strafe zuzuführen und das Schicksal seines einstigen Freundes in die Hände der Götter legen wollte? Ragnar merkt man die Angespanntheit ohne Frage an, gegenüber Aslaug (Alyssa Sutherland) wird er sogar handgreiflich. Doch nicht, weil er den Mord an Athelstan als die Folge der ewig anhaltenden Glaubensfrage sieht.
Vielmehr ist es eine Frage der Loyalität und vor allem des Vertrauens gewesen, das Floki gebrochen hat. Doch wie sollte Aslaug dies nachvollziehen können? Während es zwischen den Eheleuten abermals brodelt, gibt sich Ragnar nach außen hart und unerbittlich. Doch in seinen ruhigen, zurückgezogenen Momenten zeigt sich sein wahres Ich. Ragnar grübelt und hadert, er weiß, welche Bestrafung sich Floki verdient hat, doch: Kann er sie auch durchführen?

Der innere Konflikt unserer Hauptfigur ist sehr spannend mit anzusehen und kommt erst zum Ende der Episode richtig in Fahrt, insbesondere, als er erfährt, dass Flokis Tochter verstorben ist und es für seinen guten Freund von früher nun knüppeldick kommt. Ragnar steht vor einer furchtbar schwierigen Entscheidung, wie er weiter mit Floki umgehen soll. Die Bestrafung von diesem, der in einer Höhle ähnlich wie Jesus am Kreuze aufgeknüpft wird, scheint mir fast eher so, als würde der Wikingerkönig sich etwas Zeit kaufen wollen, ist er doch nicht bereit dazu, ein endgültiges Urteil zu fällen. Es bleibt abzuwarten, wie lange Ragnar dieses noch herauszögern kann, denn seine Unentschlossenheit ist in den Augen manch anderer vielleicht auch ein Zeichen der Schwäche. Und wenn er schon körperlich angeschlagen ist, muss er eigentlich zumindest in seiner Rolle als oberster Entscheidungsträger der Nordmänner Stärke demonstrieren.
Fazit
Die Episode Kill the Queen legt verhalten los, endet aber stark. In der Summe kommt so eine weitere gute, überdurchschnittliche Episode zusammen, die diese Woche zwar nicht mit dem allerbesten Drehbuch (siehe kleine plot holes, wie das sehr zufällige Aufeinandertreffen zwischen Ragnar und Helga, die ein Grab für ihre tote Tochter aushebt) besticht, dafür aber von der Inszenierung her auf ganzer Linie überzeugt. Neben sehr ansehnlichen Lichteffekten (die Aufnahme von ein paar Reitern in der englischen Morgensonne ist herrlich) liefert Regisseur Ciaran Donnelly vor allem mit dem spektakulären Kampf um das Leben von Kwenthrith und ihrem Sohn ab.
Hinzu kommt die nach wie vor tolle Ausstattung, was zum Beispiel in den Kampfszenen deutlich wird. Während einige der Handlungsstränge derweil nocht nicht so richtig in Fahrt kommen wollen, macht Hirst wiederum mit seiner Geschichte um Ragnar und Verräter Floki sehr viel richtig. Hier bleibt es weiterhin ungemein spannend, wie sich dieser Konflikt entwickeln wird.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 26. Februar 2016(Vikings 4x02)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x02
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