Vikings 4x01

Serienschöpfer Michael Hirst hat sich für seine vierte Staffel des Historiendramas Vikings etwas ganz besonderes ausgedacht: Nicht nur das Intro zur Serie kommt nun im leicht veränderten Gewand daher, auch der Aufbau der neuen Staffel an sich hat sich verändert. So bekommen wir Zuschauer nämlich an Stelle von zehn Episoden wie in den vorangegangenen Staffeln nun ganze 20 neue Folgen zu sehen. Jedoch wird Vikings nach der Hälfte seiner vierten Staffel eine kleine Pause einlegen, bis man im Herbst 2016 mit den restlichen zehn Folgen zurückkehren wird.
Warum Hirst genau diesen Plan gefasst hat, wird er wohl selbst am besten wissen. Möglich, dass er sich in der Tat etwas Großes für die neue Staffel überlegt hat, eine Geschichte, die einfach mehr Raum zur Entfaltung benötigt und bei der eine einjährige Pause zwischen zwei Staffeln zu lang wäre. Vielleicht marschieren wir aber auch langsam aber sicher auf das Serienfinale von „Vikings“ zu, für das Alleinentscheider Hirst einen Masterplan in petto hat. Wie dem auch sei, die Rückkehr seiner History-Serie wurde heiß erwartet und enttäuscht in ihrer Auftaktepisode A Good Treason kein bisschen.
What we have achieved
Es dauert für manch einen Zuschauer vielleicht etwas, bis er oder sie sich wieder in der rauen Welt der Wikinger um Anführer Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) zurechtgefunden hat. Die Erinnerungen an die Ereignisse der letzten, zum Ende hin äußerst turbulenten dritten Staffel, als die Nordmänner die Eroberung von Paris ins Auge fassten, sind womöglich etwas verblasst. Der Einstieg wird uns jedoch etwas erleichtert, umreißt Hirst doch noch einmal die aktuelle Lage in Skandinavien und Frankreich, ohne dabei zu plump nachzuerzählen, was eigentlich alles passiert ist.

Destiny
Und auch wenn „A Good Treason“ nie wirklich den Charakter einer klassischen Staffelauftaktepisode abschütteln kann, in der dem Publikum zunächst einmal wieder in Erinnerung gerufen werden muss, wo wir unsere Charaktere verlassen haben, widmet man sich doch relativ zügig der Etablierung neuer möglicher Konflikte. Gleichzeitig füttert man uns als Beobachter geschickt an, dürfte doch jedem auffallen, dass es auch in der vierten Staffel von „Vikings“ sehr früh an allen Ecken und Enden brodelt. Abermals kehrt Hirst zu seinem zentralen Thema Macht zurück, wie man diese erlangen, sichern und gegen Kräfte von außen verteidigen kann. Auffällig ist dabei, dass sich selten so viele verschiedene Figuren dermaßen ambitioniert gezeigt haben, auch wenn einige von ihnen ihr Machtbestreben gekonnt hinter einer trügerischen Fassade verbergen können.
Darüber hinaus bestimmt auch die Thematik Verrat die Episode, für was allein der Titel der Folge ein Indikator ist. Zugegeben, wirklich subtil ist dieses Thema nicht in die einzelnen Handlungsstränge eingewoben, dennoch gibt man der Folge durch die verschiedenen Formen und Fälle von Verrat in „A Good Treason“ eine gewisse Struktur sowie einen roten Faden, an dem man sich als Zuschauer entlanghangeln kann. Ein einfaches, aber durchaus effektives Mittel, um die dreigeteilte Erzählung zu strukturieren und die Einzelgeschichten zumindest thematisch miteinander zu verknüpfen.
The king lives
Bevor wir in die verschiedenen Handlungsstränge der Episode eingeführt werden, entführt uns Michael Hirst zunächst einmal in eine Art Fiebertraum, was zunächst jedoch alles andere als klar ist. Es scheint so, als hätte Ragnar seine schweren Verletzungen aus der Schlacht um Paris überstanden, als er jedoch in der skandinavischen Wildnis (wieder einmal werden wir mit herrlichen Landschaftsaufnahmen verwöhnt) plötzlich vor einem güldenen Tor, dem Eingang zu Walhalla, steht, ist klar, dass es sich hierbei nicht um die Realität handelt. Ragnar ist indes bereit für seine Aufnahme in die Kriegerhallen seiner nordischen Gottheiten, doch die Pforte verschließt sich vor ihm. Ist seine Zeit noch nicht gekommen? Oder ist ihm der Zutritt verwehrt, weil er seinen Göttern abtrünnig geworden und zum Christentum konvertiert ist? Ein vielsagender Einstieg, der einen kleinen Ausblick auf Ragnars anhaltenden innerlichen (Glaubens)Konflikt mit sich selbst gibt, der wohl auch in Staffel 4 Thema sein wird.
Seine Frau Aslaug (Alyssa Sutherland) bereitet sich indes schon einmal auf die Zeit nach König Ragnar vor und erfragt dabei beim Seher von Kattegat, ob eines Tages eine Frau den Wikingerthron besteigen wird. Aslaug zeigt sich in der gesamten Episode sehr erpicht darauf, optimal auf den Tod ihres Gatten vorbereitet zu sein und in diesem Fall selbst das Zepter zu übernehmen. Bereits in Staffel 3 sammelte sich reichlich Misstrauen auf Seiten Anslaugs gegenüber Ragnar an, deren Beziehung einen Tiefpunkt erreichte und auch hier zu Beginn der vierten Staffel kaum Besserung verspricht. Bisweilen fühlen sich die Blicke Aslaugs auf ihren schwächelnden Ehemann wie ein leises Säbelrasseln an. Wäre auch sie bereit, Ragnar für ihr und das Wohl ihrer Kinder zu verraten?
Poor little me
Was, wenn Ragnar tatsächlich sterben sollte? Lebt sie als dessen Frau dann nicht extrem gefährlich, weil ein jeder nach Ragnars Nachfolge greifen könnte, was sie wiederum obsolet machen würde? Wir erinnern uns zurück an Siggy (Jessalyn Gilsig), die nach dem Tod ihres Mannes, Earl Haraldson (Gabriel Byrne), ebenfalls ihre Stellung einbüßen musste und als mahnendes Beispiel für Aslaug fungiert. Sich dieser angespannten Situation bewusst kommt es auch zu ein paar Reibereien mit Bjorn (Alexander Ludwig), auch wenn nicht verbal. Die Blicke, die hier ausgetauscht werden, sprechen aber eine deutliche Sprache: Aslaug und Bjorn hatten eh nie das beste Verhältnis, da letzterer Lagerthas (Katheryn Winnick) Sohn ist und somit in der Erbreihenfolge Ragnars vor den Kindern Aslaugs steht. Dass sich Bjorn nun auf eine Art Selbstfindungstrip begibt, dürfte Aslaug in die Karten spielen, auch wenn sie sich nach außen natürlich sorgenvoll gibt.
Bjorn selbst versucht sich kurzzeitig als Stellvertreter Ragnars, was sich jedoch als unkluge Entscheidung herausstellt. So veranlasst er öffentlich die Verhaftung von Verräter Floki (Gustaf Skarsgaard), was Ragnar keine andere Wahl lässt, als diesen tatsächlich bestrafen zu müssen, wobei er viel lieber eine eigene Lösung für dieses Problem gefunden hätte. Zwischen Vater und Sohn kommt es ebenfalls zu einer sehr intensiven Szene, von denen sich zahlreiche in der Folge finden lassen. Die Darsteller machen in diesen Momenten unglaublich viel über ihre Mimik, viele Worte müssen eh nicht ausgetauscht werden, kehren wir doch zu einer bekannten Thematik in „Vikings“ zurück: Ragnars Anspruchsdenken und Erwartungen gegenüber Bjorn.

Foolish decisions
Bjorn ist zweifellos der Sohn seines Vaters, beide ähneln sich in vielen Dingen ungemein. Auch Bjorn denkt an die großen Abenteuer (er studiert eine Karte von Europa) und treibt sich stets zu neuen Taten an. In den Augen seines Vaters hat er seinen Wert aber immer noch nicht bewiesen, was schon etwas eigenartig und vielleicht sogar etwas unfair von Seiten Ragnars ist, zeigte Bjorn doch im Kampf um Paris und auch jetzt hier in Kattegat, dass er neben einer starken Kämpfernatur auch extrem loyal ist.
Ihn zieht es nun dennoch in die Wildnis, während Ragnar sich von ihm wünscht, dass Bjorn seinen Vater eines Besseren belehrt. Aber warum schenkt Ragnar seinem ältesten Sohn so wenig Vertrauen? Will er ihn wirklich fordern? Oder sieht er in ihm einen möglichen Konkurrenten? Seine Reaktion Aslaug gegenüber, die die Möglichkeit erwähnt, dass Bjorn in der freien Natur ums Leben kommen könnte, sowie seinen stolzen Blick, dass Bjorn selbst die Entscheidung getroffen hat, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, kann man entnehmen, dass wohl ersteres der Fall ist.
Equals
Kommen wir noch einmal zurück zum übergreifenden Thema Verrat, das in Kattegat anhand einer sehr atmosphärischen Szene zwischen dem geschwächten Ragnar und geknebelten Floki behandelt wird. Das Schicksal des Schiffbauers ist nach wie vor in der Schwebe, die Erfahrung lehrt uns jedoch, dass Ragnar zumeist sehr konsequent handelt, was nichts Gutes für Floki verheißen mag. Für diesen ist die Ungewissheit, was mit ihm geschehen wird, derweil die größte Folter überhaupt, während Ragnar überlegen muss, was sein nächster Schritt ist. Ihn und Floki verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, deren Wert man nicht unterschätzen sollte. Aber er darf eigentlich keine Schwäche zeigen, gerade gegenüber Verrätern und in seiner derzeitigen Situation, riskiert er damit doch seine Machtposition.
In einer ähnlichen Bredouille findet sich Lagertha in ihrem Heimatdorf Hedeby. Sie schließt jedoch mit Kalf (Ben Robson) ein Bündnis, wodurch sie ihre Machtstellung sichern kann, sollen fortan an doch beide gemeinsam als Earls herrschen. Lagerthas Vertrauter Einar, ein Verräter in ihren Reihen, strebt aber nach wie vor ihre Absetzung an und erinnert Kalf an den Handel, den beide abgeschlossen haben. Kalf zeigt jedoch seine Loyalität Lagertha gegenüber und lässt sämtliche Zweifler abschlachten. Während Kalfs Handeln schon fast als eine Art „guter Verrat“ gegen seine Abmachung mit Einar gesehen werden kann, zumindest aus der Sicht von Lagertha, übernimmt diese die Bestrafung des Verräters höchstpersönlich.
Einars Entmannung ist dabei ein überdeutliches Sinnbild für Lagerthas Machterhaltung und Emanzipation in der von Männern dominierten Wikingerwelt. Mit der Wikingerbraut ist nicht gut Kirschen essen, was ein Blick auf ihre steinerne, blutbespritzte Miene unmissverständlich klar macht. Sie sollte sich jedoch trotzdem nicht zur sehr von Kalf um den kleinen Finger wickeln lassen, ist dieser doch extrem ambitioniert und machthungrig. Auch wenn er sich hier sehr loyal gibt, komme ich bei dessen Ansprache, dass er und Lagertha fortan gemeinsam als Gleichgestellte herrschen werden, sehr ins Schmunzeln, glaube ich doch nicht eine Sekunde daran, dass Kalf Macht jemals mit jemand anderem teilen würde.

Animals
In Paris findet sich unterdessen Rollo (Clive Standen) in einer für ihn eher ungewohnten Rolle wieder, erfährt er doch nun erstmals, was Macht eigentlich bedeuten kann. Auch er hintergeht Ragnar und letzten Endes sogar sein eigenes Volk, lässt er doch die in Frankreich zurückgebliebenen Wikingerscharen skrupellos abschlachten. Er kann nun einmal keine Zweifler gebrauchen, ganz ähnlich wie Kalf und Lagertha in Hedeby. Ich frage mich nur, was genau der französische König in Rollo sieht und ob er wirklich seinen Bruder Ragnar die Stirn bieten kann. Er war nie der großer Taktiker auf dem Schlachtfeld, vielmehr ein Berserker, der durch seinen Kampfgeist seine Mitkämpfer motivieren kann. Vielleicht ist es aber auch eben diese Eigenschaft sowie Rollos Wissen über seine Landsleute, die den Franzosen Hoffnung im Kampf gegen die Nordmänner macht.
Während Rollo sich bei dem Massaker im Wald von einer sehr düsteren, ruchlosen Seite zeigt und seinen Wikingerwurzeln schon fast komplett entsagt, präsentiert er sich bei der christlichen Vermählung mit Prinzessin Gisla (Morgane Polanski) von einer gänzlich anderen Seite. Er passt einfach nicht so recht in diese Welt und hat auch nicht besonders viel für deren Bräuche übrig. Gisla mag einem schon leid tun, wehrt sie sich jedoch mit Händen und Füßen gegen ihren neuen Gatten. Dieser verzichtet indes auf die Hochzeitsnacht (zum Glück kein Game of Thrones-Fiasko...), was seine neue Ehefrau sichtlich überrascht. Rollos tiefenentspannte Reaktion, der sofort einschläft, während Gisla ihn noch mit einem Messer bedroht, ist köstlich und ein amüsanter Höhepunkt der Episode. Das Aufleben des Bruder-Konflikts zwischen Ragnar und Rollo, der bereits in Staffel 2 eine zentrale Rolle einnahm, dürfte aber schon bald eher weniger Anlass zum Lachen geben. Nachdem Ragnar seinen Bruder in der dritten Staffel verziehen hat, dürfte es in der neuen Staffel zu einer weniger glimpflichen Lösung dieses ewigen Konfliktes kommen.
Fazit
Der Auftakt der vierten Staffel von Vikings verfrachtet uns sofort wieder in die atmosphärisch dichte Welt der Historienserie, in der sich in kürzester Zeit abermals die Konflikte stapeln. Gewohnt herrlich inszeniert (das Cold Opening um Ragnar vor dem Tor nach Wallhalla, der Angriff auf das Wikingerlager, das kalte Grau und der leichte Schneefall in Kattegat) bietet man uns einige spannende Fragen für die neuen Episoden des Dramas an. Dabei kehren ein paar altbekannte Elemente zurück (das Bruderduell, der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Ragnar und Bjorn), aber auch neue interessante Konfliktherde tun sich auf, deren Entwicklungen noch nicht abzusehen sind.
Ein paar Aspekte der Episode muten dann aber doch etwas seltsam an, zum Beispiel die neue, asiatische Sklavin in Kattegat, deren Bedeutung einem sich noch nicht wirklich erschließt, sowie das Rausschreiben von Bjorns Geliebten und Mutter seiner Tochter Porunn. Bjorn, der zuvor noch Hals über Kopf in diese verliebt gewesen ist, scheint Porunn nun auf einmal recht egal zu sein, nimmt er ihren Abschied doch sehr trocken hin. Insgesamt sind dies jedoch nur ein paar kleinere Störfaktoren, die den überzeugenden Staffelstart nicht allzu sehr schmälern, in dem ich gerne noch einmal die tollen mimischen Leistungen der gesamten Darstellerriege hervorheben möchte.
Trailer zur 4. Staffel von „Vikings“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 19. Februar 2016Vikings 4x01 Trailer
(Vikings 4x01)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?