Vikings 3x08

Deswegen haben wir Zuschauer gefiebert: Nachdem Michael Hirst minutiös das Großereignis dieser dritten Staffel von Vikings vorbereitet hat, geht es nun endlich ans Eingemachte. Der Ansturm der Wikinger auf die Tore und Mauern von Paris steht unmittelbar bevor und, als der blutige Kampf um die Metropole Franziens in die Vollen geht, befinden wir uns als Beobachter mittendrin in dem gnadenlosen Scharmützel, das zahlreiche Schock- und Überraschungsmomente für uns bereithält.
Auf inszenatorischer Ebene geben sich die Macher - genauer: Regisseur Kelly Makin - keinerlei Blöße und liefern eine mit Action und unzähligen ergreifenden Szenen vollgepackte Episode ab, die alles bisher Dagewesene in dem History-Format toppt. Allein der logistische Aufwand vieler Aufnahmen ist unglaublich, ebenso wie die unvergleichliche Kameraführung, die einem das Gefühl vermittelt, man würde in Reih und Glied mit den Angreifern respektive Verteidigern stehen und um sein Leben kämpfen.
Prepare yourselves
Die einzigen Makel in dieser „Eventepisode“ lassen sich womöglich an vereinzelten Stellen der Belagerung von Paris finden, wo man recht kleinlich einige taktische Ungereimtheiten ausfindig machen kann - sowohl aufseiten der Nord- als auch Franzmänner. Und auch am Ende kommt man ein wenig ins Grübeln ob des gewaltigen Opfers, das Ragnar (Travis Fimmel) letztendlich gebracht hat, um seine persönliche Agenda in die Tat umzusetzen. Jedoch ist dies auch nur ein weiteres Kapitel in der konsistenten sowie konsequenten Figurenzeichnung unserer Hauptfigur.

Victorious
Bereits der Einstieg in „To the Gates!“ sorgt für eine hervorragende Gänsehautatmosphäre, beschränkt man sich doch nur auf das Nötigste an Dialogen und zeigt vielmehr, wie die Wikinger ihren Angriffsplan umsetzen und die Franzosen die Verteidigung ihrer Stadt bewerkstelligen wollen. In der Folge springen wir immer wieder zwischen zwei Fronten, zum einen dem Trupp um Lagertha (Katheryn Winnick), Kalf (Ben Robson) und Erlendur (Edvin Endre), die das Tor und somit einzigen Zugang zur Stadt attackieren, zum anderen den Bemühungen der Hauptstreitkraft Ragnars, die die Mauern von Paris über die von Floki (Gustaf Skarsgard) zusammengezimmerten Belagerungstürme erklimmen wollen.
In beiden Handlungssträngen geht es immer wieder hin und her, verschiedene Taktiken prallen aufeinander und die Opferzahl schnellt rasant in die Höhe. Dass am Ende der Episode jedoch die Wikinger eine fatale Niederlage einstecken müssen und regelrecht abgeschlachtet werden, hätte in dem Ausmaß wohl keiner erwartet. Eine gewisse Vorahnung war bestimmt nicht nur bei mir vorhanden, dass das Unterfangen Paris eine unschöne Wendung für die Nordmänner nehmen könnte. Ein derartig vernichtender Fehlschlag kommt dann aber doch recht überraschend, ganz zu schweigen von den schweren Verlusten, zu denen sich beinahe sehr prominente Charakter gesellen.
Dass die wesentlichen Hauptfiguren letztendlich verschont bleiben, mag dem Ganzen eventuell ein wenig die Konsequenz nehmen. Die Momentaufnahmen, in denen man jedoch um seine Lieblingscharaktere zittert, sind jedoch stark inszeniert und lassen einen bisweilen gebannt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, bei dem, was sich gerade vor den Augen abspielt.
Fight on
Das wohl naheliegendste Beispiel ist der Beinahetod von Bjorn (Alexander Ludwig), der zuvor gemeinsam mit Onkel Rollo (Clive Standen) die Wikingertruppen angepeitscht hatte und letztlich seine Führungsqualitäten unter Beweis stellt, als er sich in den Kampf auf die Mauer von Paris stürzt. Sein Ableben wäre eine große historische Abweichung gewesen und so haben die findigen (Hobby-)Historiker unter den Zuschauern sicherlich geahnt, dass es dies für Ragnars Sohnemann noch nicht gewesen sein kann. Der Schock, als der stolze Vater seinen Sohn mit zwei Armbrustbolzen im Rücken auffindet, sitzt dennoch.
Ähnlich verhält es sich bei Rollo, der im unaufhaltbaren Berserkermodus (es werden Erinnerungen an den Auftakt zur zweiten Staffel wach, Brother's War) auf sein jeweiliges Gegenüber eindrischt und zuvor wie sein Bruder Ragnar erkennt, dass seine Mitstreiter abgeschlachtet werden und eine Wendung schleunigst herbeigeführt werden muss. Die Möglichkeit, dies zu erreichen, sieht Rollo in Königstochter Gisla (Morgane Polanski), die den französischen Truppen einen ordentlichen Moralschub durch das Hissen des geheiligten Zeichens eines Schutzpatrons verpasst hat. Doch auch Rollo kommt zu Fall (im wahrsten Sinne), auch wenn er zunächst wie entfesselt um sich schlägt und bei seinen Widersachern, ob nun die Soldaten, Gisla oder Odo (Owen Roe), für einen kurzen Augenblick der Besorgnis sorgt.
Mistakes
Doch er stürzt von einem Belagerungsturm in die Seine und erneut spielt man mit einer vielsagenden Bildsprache, die gar ein wenig offenlässt, wie es um den erprobten Krieger steht. Letztlich ist er wohlauf und schwört, dass es beim nächsten Angriff anders laufen wird. Gerade die bekannten Einzelaufnahmen der Hauptfiguren im Kampfgetümmel strotzen nur so vor Energie und Dynamik, so dass man mit weit aufgerissenen Augen das wilde Treiben verfolgt. Schlussendlich ist es der Dramaturgie der Serie geschuldet, dass die wahrlich schockierenden Charaktertode ausbleiben (wer weint schon um Erlendur, den es allen Anschein nach erwischt hat). Die Anspannung in vielen Szenen sowie die generelle Intensität der Kampfsequenzen wiegt diesen Aspekt jedoch sehr gekonnt auf.

Almost human
Während die Belagerungstürme der Wikinger an den Mauern von Paris durch den Einsatz von siedendem Öl und daraus resultierendem Feuer in Flammen aufgehen, haben auch die Angreifer vor dem Tor zur Stadt immer mehr Probleme, sich zu behaupten. Zunächst soll durch einen Rammbock die Pforte durchbrochen werden, was jedoch zu viel Zeit kostet, während im Hintergrund immer mehr Nordmänner durch den Pfeilbeschuss der Franzosen ihre Leben lassen. Über eine Art Enterhaken gelingt dann der Durchbruch, wobei Lagertha, Kalf und Co zuvor noch mit schweren Felsbrocken überschüttet werden. Der tunnelähnliche Zugang zur Stadt ist dann jedoch verwaist und die Wikinger tappen in eine tödliche Falle, der nur ein Bruchteil von ihnen entkommen kann.
Auch hier lässt man im Sinne der Dramaturgie die verschiedenen taktischen Schachzüge der verfeindeten Parteien schön nacheinander ablaufen. Die Abwehr durch das Mörderloch über dem Tor wäre sicherlich auch etwas früher angebracht gewesen, jedoch sichern sich die Franzosen hiermit wiederum ein Überraschungsmoment. Das blinde Vorstürmen der Wikinger in eine Falle ist hingegen etwas zu vorhersehbar. Und, ohne ein Meister der taktischen Kriegskunst zu sein, mutet der recht ungeschützte Aufmarsch der Wikinger vor den Toren ebenfalls etwas eigenartig an. Dies sind jedoch alles Details, die nicht großartig störend sind, da es erneut die fesselnde Inszenierung ist, die den Puls des Zuschauers in die Höhe treibt. Wer sitzt nicht mit geballter Faust vor dem Empfangsgerät, als ein paar Wikinger aus dem Schutzbau über dem Rammbock herausstürmen, um das Seil zu den Enterhaken an ein paar Pferden zu befestigen?
Harsh are the Gods
Es gibt zahlreiche solcher Momente, in denen man voll involviert ist und mit den Wikingern mitfiebert, die sich hier ihrer bis dato größten Herausforderung stellen müssen. Ihr letztendlicher Misserfolg kommt daher etwas überraschend, da sie bisher stets sehr erfolgreich waren, hier womöglich aber ihre Gegner eiskalt unterschätzt haben. Die Schuld daran könnte man nun an einer ganz bestimmten Person festmachen: Floki, dem Ragnar das Kommando über den Angriff gegeben hatte.
Floki ist zu Beginn der Episode Feuer und Flamme. Auserwählt von seinen Göttern, die Christen niederzustrecken, verhält er sich abermals extrem manisch sowie siegessicher. Er hat immerhin zahlreiche Opfer gebracht, die nordischen Gottheiten sind ihm und seinen Mitstreitern gütig gestellt, ihr Vorhaben kann einfach nicht scheitern. Doch genau das passiert. Floki zieht sich im Angesicht der Niederlage feige zurück - was von dem anfangs zurückhaltenden Ragnar nicht unbemerkt bleibt - und fühlt sich von den Göttern verlassen.
Ist dies die Strafe Athelstans (George Blagden), den er kaltblütig umgebracht hatte? Hat er die Vorzeichen falsch interpretiert und wurde gar fehlgeleitet? Er spielt sogar kurz mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen, was den wohl unehrenhaftesten Tod in seinem Glauben darstellt. Ein brennender Wikinger, der durch den porösen Belagerungsturm fällt, erinnert ihn wohl in letzter Sekunde daran, sich besser nicht die Kehle durchzuschlitzen.
Gegenüber seiner Frau Helga (Maude Hirst) gibt sich Floki später dann reumütig und schuldbewusst, doch sie bringt es auf den Punkt: Floki ist ein Egoist, der stets einen guten Vorwand darin hatte, den Willen der Götter für sein Handeln heranzuziehen. Nun verliert er Helga und sein Glaube scheint beinahe gebrochen, wodurch wiederum Ragnar womöglich genau das erreicht hat, was er die ganze Zeit über geplant hatte.

The fury of a patient man
Während sich Kalf, der Lagertha vor dem Tod vor den Toren von Paris bewahrte, mit dieser auf eine gefährliche Beziehung einlässt, erholt sich Bjorn von seinen ernsten Blessuren. Mit seiner Initiative hat er seinen Vater, der ebenfalls hart mitgenommen wurde, mit Stolz erfüllt. Nun übernimmt der Wikingerkönig höchstpersönlich das weitere Vorgehen. Er wendet sich in der letzten Szene an seinen verstorbenen Freund Athelstan, wodurch wiederum klar wird, dass er sich tatsächlich an Floki rächen wollte und geduldig darauf gewartet hatte. Der Preis dafür ist jedoch ein wenig zu hoch ausgefallen, im schlimmsten Fall hätte er sogar seinen Sohn verlieren können.
War es das wert? Zum wiederholten Male sehen wir die wohl finsterste Seite Ragnars, der im Grunde genommen nicht weniger egoistisch als Floki gehandelt hat. Dieses Handeln ist durchaus fragwürdig, aber es passt nun mal auch zu Ragnar wie die Faust aufs Auge. Mit Spannung erwarten wir nun seinen neuen Plan, Paris einzunehmen, wo sich König Charles (Lothaire Bluteau) derweil als Held feiern lässt, obwohl er sich im Gegensatz zu seiner Tochter extrem feige verhalten hat. Ragnars kurzer Blick auf die Stadt, als er auf der Mauer kämpft, entfesselt ein Funkeln in seinen Augen, das wie immer extrem erwartungsvoll stimmt.
Fazit
To the Gates! markiert das bisherige Highlight der dritten Staffel von Vikings und überzeugt vor allem mit einer hervorragenden Inszenierung, sehenswerten Produktionswerten und mitreißenden Momentaufnahmen. Trotz einiger kleinerer Kritikpunkte stimmt hier das Gesamtpaket, was man als Zuschauer von dem Angriff auf Paris erwartet hatte. Die Niederlage der Wikinger ist eine interessante Wendung, die die Karten nun zwei Episoden vor dem Ende der Staffel noch einmal durchmischt.
Bewertet man einzelne Details nicht allzu kleinlich, bekommt man hier hervorragende Fernsehunterhaltung geliefert, die bisweilen Ausmaße annimmt, die man heutzutage eher auf der großen Leinwand finden kann. Der komplette Fokus (nicht ganz: Porunn (Gaia Weiss) kehrt Kattegat und ihrer Tochter den Rücken - doch Hand aufs Herz, wen kümmert's?) auf die Schlacht hat ein knackiges Erzähltempo und eine teilweise atemberaubende Dynamik zur Folge, die große Freude bereiten. Doch die Spannung fällt keinesfalls ab - ganz im Gegenteil sogar. Ragnars weiteres Vorgehen kann kaum erwartet werden.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 10. April 2015(Vikings 3x08)
Schauspieler in der Episode Vikings 3x08
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