Vikings 3x04

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Auch in der vierten Episode der dritten Staffel von Vikings lässt sich Serienschöpfer Michael Hirst auf ein paar undurchschaubare Spielereien ein, die den Zuschauer fordern und vor einige Rätsel stellen. Gleichzeitig verlässt man sich auf ein äußerst bedächtiges Erzähltempo, ohne jedoch jemals Langeweile aufkommen zu lassen. Eher das Gegenteil ist der Fall, denn auch wenn in Scarred die großen Schlachtszenen ausbleiben und sparsam mit der markanten musikalischen Untermalung des Formats umgegangen wird, sind es die Interaktionen unter den einzelnen Figuren, die hier bisweilen für einen großen Unterhaltungswert sorgen.
Dabei findet man aber auch einige auffällige Kritikpunkte in „Scarred“, das in bestimmten Teilen der Handlung nicht vollends überzeugen kann. Dennoch gelingt die Etablierung einer packenden Atmosphäre und des damit einhergehenden mulmigen Gefühls, dass die nächsten größeren Konflikte bereits zum Greifen nah sind. Woher genau der Reiz dieser eher unspektakulären Episode (trotz eines extrem überraschenden Schockmoments) liegt, lässt sich nur schwer sagen. Eine Antwort auf diese Frage könnte jedoch bei dem alleinigen Drehbuchautor der Historienserie zu finden sein, der konsequent seiner eigenwilligen, kreativen Linie treu bleibt.
All men are ambitious
Ein Grund, warum „Vikings“ so sehenswert ist, stellt ohne Frage der Arbeitsprozess von Hirst dar, der sich selten nach Konventionen richtet und sich wohl von niemanden in sein Schaffen hineinreden lässt. In „Scarred“ gibt es vielleicht den einen oder anderen Handlungsbogen, der vergleichsweise qualitativ ein wenig abfällt und seine Makel hat. Doch Hirsts selbstbewusste Vorgehensweise, die Serie nach genau seinen Vorstellungen zu gestalten (starke Varianz zwischen den Erzähltempi einzelner Folgen varriiert oder tranceartigen Momentaufnahmen seien hier als Beispiele genannt), macht ein Alleinstellungsmerkmal des Formats in der amerikanischen Fernsehlandschaft aus.
Schauen wir uns zum Beispiel einmal etwas genauer den Handlungsstrang in Kattegat um den geheimnisvollen Fremden Harbard (Kevin Durand) an, der nun etwas überraschend am Ende von „Scarred“ wieder seine Zelte abbaut und seine Reise fortsetzt. Nicht wenige hätten damit gerechnet, das Mysterium um Harbard würde sich noch über mehrere Folgen hinziehen, und natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass der geheimnisvolle Wanderer im späteren Verlauf der Staffel eine erneute Rolle spielen könnte. Doch sein Abschied zu diesem Zeitpunkt kommt ohne Zweifel sehr unerwartet.

Just a wanderer
Hirst macht hier einen (vorzeitigen?) Haken hinter dieser Geschichte, was nur noch mehr dazu beiträgt, dass wir von den mysteriösen Umständen des Auftritts von Harbard fasziniert sind und uns zwangsläufig die Frage stellen, was er bewirkt hat. Zum einen diente diese Nebenhandlung Alyssa Sutherlands Figur der Aslaug, deren Unzufriedenheit ob der unterkühlten Beziehung zu ihrem Mann Ragnar (Travis Fimmel) nun ein für alle Mal deutlich wird. Gleichzeitig drückt sie sich vor den Verantwortungen als Mutter, aber auch als Königin der Wikinger.
Zum anderen wird aber auch mit der übernatürlichen Komponente dieses Handlungsstrangs gespielt: Das plötzliche Kommen und Gehen des mysteriösen Harbards wirft die Frage auf, ob es sich bei ihm überhaupt um einen Menschen oder vielmehr über einen göttlichen Vorboten handelt, der nahendes Unheil ankündigt. Siggy (Jessalyn Gilsig) avanciert hier zur tragischen Figur, die die Vorzeichen erkennt und von der Präsenz Harbards sichtlich beunruhigt ist. Heldenhaft versucht sie, Ragnars junge Söhne vor ihrem kalten Tod zu retten, nur um letztlich selbst das Zeitliche zu segnen. Harbard spielt eine gewichtige Rolle in diesem Vorfall, und so wirkt der Tod Siggys schon beinahe wie eine Erlösung für sie, die nun endlich zu ihrer Familie nach Valhalla darf.
Different minds
Für den Zuschauer kann es derweil durchaus irritierend sein, dass die Handlung in Kattegat eine derartige Wendung vollzieht und diese drastischen Ereignisse schon fast wie aus dem Nichts kommen. Andererseits sorgt dieser Teil der Episode jedoch nicht nur aufgrund des nebulösen Inhalts, sondern gerade auch wegen der starken atmosphärischen Inszenierung (Siggys Rettungsaktion bringt den Atem zum Stocken) für einen hervorragenden Spannungsmoment, der immens zu unserer Erwartungshaltung beiträgt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm - der Wanderer hat seine kryptische Warnung ausgesprochen, das erste Opfer ist gefunden, und nun überlässt er seine Gastgeber ihrem Schicksal.
Diese Art der undurchsichtigen Erzählung, bei der jeder Zuschauer dazu angehalten ist, eigene Interpretationen und Theorien aufzustellen, markiert ein abwechslungsreiches Gegenstück zur Handlung in England, die viel geradliniger abläuft, aber nicht weniger Anteil daran hat, dass wir erwartungsvoll auf die nächsten Episoden blicken, in denen sich die Machtgefüge verschieben könnten.
The way forward
Nach der erfolgreichen Auseinandersetzung mit Kwenthriths Burder Burgred (Aaron Monaghan) kehren die Truppen um Ecberts Sohn Aethelwulf (Moe Dunford) sowie die Wikinger um Ragnar zurück an den beschaulichen Hof des Königs von Wessex, wo sie eine große Feier erwartet, um auf das Ende der Kämpfe sowie die gemeinsame rosige Zukunft anzustoßen. Wie so oft brodelt es jedoch unter der Oberfläche gewaltig, und so macht sich schnell ein unangenehmes Gefühl der bevorstehenden Unglücks breit, da jeder mit gezinkten Karten spielt und persönliche Ambitionen verfolgt, die seinem Gegenüber möglicherweise überhaupt nicht schmecken könnten.

Der Aufbau zu dieser extrem angespannten Situation in den Hallen Ecberts (Linus Roache) gelingt subtil und effektiv. Auf der einen Seite macht Floki (Gustaf Skarsgard) gegenüber Rollo (Clive Standen) abermals deutlich, dass er nichts von dem Bündnis mit den Christen hält, während Rollo ähnlich wie sein Bruder Ragnar die Meinung vertritt, dass diese Allianz der richtige Schritt mit Blick auf die Zukunft ihres Volkes ist. Andernorts bandelt Kwenthrith (Amy Bailey) erneut mit Ragnar an, indem sie ihm auf sehr spezielle, aber für damalige Verhältnisse nicht ungewöhnliche Weise bei der Versorgung seiner Verletzung hilft. Darüber hinaus spricht sie warnende Worte bezüglich Ecbert aus, der gefährlicher ist, als Ragnar glaubt. Bei dem Wikingerkönig können wir uns jedoch gewiss sein, dass er sein englisches Pendant nicht unterschätzen wird, was eine spätere Szene gut verdeutlicht.
At your mercy
Während Bjorn (Alexander Ludwig) in tiefer Sorge um die schwerverletzte Porunn (Gaia Weiss) ist und zeitgleich von Floki bearbeitet wird, die Schuld für diesen tragischen Vorfall bei den Christen zu suchen, für die Ragnar in die Schlacht gezogen ist, entspinnt sich auch um Lagertha (Katheryn Winnick) und Ecbert eine durchaus interessante Dynamik. Die beiden führen eine sexuelle Beziehung aufgebaut, doch Lagertha bruhigt meine Sorgen, sie könnte sich von Ecbert um den kleinen Finger wickeln lassen: Sie hat den Herrscher längst durchschaut. So sehr er sie auch darum bittet, in England zu bleiben - Lagertha weiß, dass Ecbert im Grunde genommen ein Egoist ist, der am Ende des Tages nur an sich selbst denkt.
All diese kleinen Charaktermomente, in denen wir einen Eindruck davon bekommen, was derzeit in den Köpfen unser Hauptakteure vorgeht, werden dann exzellent zusammengeführt und kulminieren in der bereits erwähnten feierlichen Veranstaltung, die neben weiteren starken Momentaufnahmen zwischen verschiedenen Charakteren auch die eine oder andere amüsante Einlage zu bieten hat. (Ragnar mag Aethelwulf einfach nicht.)
Good men
Der Höhepunkt dieser ausschweifenden Szene stellt jedoch zweifellos das Gespräch zwischen Ragnar und Ecbert dar, die sich über die Zukunft ihrer Allianz unterhalten und gemeisam eruieren, was nun folgen wird. Die visuelle Umsetzung dieser Konversation spricht dabei eine deutliche Sprache, denn beide sitzen fast deckungsgleich Ellenbogen an Ellenbogen aneinader, und so entsteht beinahe der Eindruck, der eine wäre das Spiegelbild vom anderen und umgekehrt.
Ein wunderbarer Kniff von Regisseur Jeff Woolnough, der auch nicht zufällig die verschwommenen Konturen von Kwenthrith zwischen den Köpfen der beiden Anführer positioniert, um so deren Rolle als Spielfigur der beiden Alpha-Männer zu illustrieren. Diese ähneln sich derweil auch charakterlich extrem, denn beide erachten sich als gute Männer, die jedoch nicht immer ganz gewissenhaft vorgehen, weil sie eben das große Ganze im Blick haben und dafür teils fragwürdige Risiken eingehen müssen. Fimmel und Roache bilden hier ein hervorragendes Leinwandduo, und so wird die Spannung, was die Zukunft dieses Bündnisses bringen wird, nur noch weiter in die Höhe geschraubt.
Just a puppet
Eine wichtige Rolle wird hier wohl „Marionette“ Kwenthrith spielen, die sich in Scarred ihrem Bruder gegenüber überraschend freundlich gibt, obwohl der sie einst doch so misshandelt hatte. Die kleine Wendung zum Schluss, als sie ihre Rache bekommt und dem zuvor in Sicherheit gewogenen Burgred mit Hilfe von Gift den Garaus macht, sieht man zwar kommen. Die Szene hinterlässt dennoch einen starken Eindruck, was vor allem an der Mimik der Beteiligten liegt. Ragnar und Ecbert zeigen sich hier wohl am wenigsten von Kwenthriths dunkler, verstörender Seite überrascht. Dass mit ihr danach niemand mehr anstoßen möchte, verwundert da kaum.
Neben diesem hervorragenden Teil der Episode muss man aber auch festhalten, dass zwei andere Handlungsstränge deutlich schwächeln. Die uninspirierte Liebesgeschichte zwischen Athelstan (George Blagden) und Judith (Jennie Jacques) wurde von einigen Lesern in der Vorwoche zurecht bemängelt. Tatsächlich sieht es schon jetzt ganz danach aus, als würde sie nur dem Zweck dienen, eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Aethelwulf und Athelstan heraufzubeschwören, die wohl von Floki ins Rollen gebracht werden könnte. Das bevorstehende Drama scheint mir hier ein doch sehr vorprogrammiert und ist insgesamt einfach zu zweckdienlich inszeniert.

Natural allies
Auch die Geschichte um Kalf (Ben Robson), der Lagertha als Earl ablösen will, sagt mir nicht ganz zu, da sie doch recht nebensächlich angekanzelt wird und zum Ende hin eine Wendung nimmt, die vielleicht ein wenig zu passend und bequem für die übergreifende Handlung ist. Denn plötzlich taucht Horiks Sohn Erlendur (Edvin Endre) auf, der noch am Leben ist und mit Kalf gemeinsame Sache machen will. Außerdem hat er die Frau des von Ragnar blutig hingerichteten Jarl Borg (der vor seinem Ende noch einen Erben in die Welt setzen konnte) geheiratet und verfügt nun über eine große Streitkraft, mit deren Hilfe Kalf Lagertha und ihren verbleibenden loyalen Anhängern entgegentreten will.
Als Gefahr im Hintergrund an der Heimatfront mag Kalf erst einmal funktionieren, sein Charakter ist bisher jedoch recht uninteressant und stellt ein Abziehbild jedes anderen Widersachers von Ragnar in Skandinavien dar. Hier muss sich Hirst noch etwas einfallen lassen, denn so wirklich ernst nehme ich Kalf (noch) nicht. Lagertha könnte ihm zwar schon bald in die Falle tappen, Sorgen mache ich mir um die toughe Wikingerbraut aber keine, weil Calf aufgrund seiner Profillosigkeit einfach keine allzu große Bedrohung für sie darstellt.
Fazit
Scarred verzichtet größtenteils auf audiovisuelle Glanzstücke und widmet sich vor allem den Beziehungen zwischen den Figuren. So werden gekonnt künftige Konflikte angedeutet, von denen einige noch etwas überarbeitet werden sollten, damit sie nicht allzu generisch bleiben. Im Großen und Ganzen überzeugt jedoch die erneute Mischung aus rätselfhaften, ambivalenten Szenen mit ergiebigen Charaktermomenten, in denen vor allem Travis Fimmel und Linus Roache auf sich aufmerksam machen können. Letztlich bekommt der Zuschauer hier nachhaltiges Drama zu sehen, das für anhaltende Spannung und finstere Vorahnungen sorgen kann.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 13. März 2015(Vikings 3x04)
Schauspieler in der Episode Vikings 3x04
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