Vikings 3x05

Vikings 3x05

Während in der Episode The Usurper Ragnar bereits seinen nächsten ambitionierten Schachzug plant, stimmen sowohl alte Konflikte als auch neue Probleme verheißungsvoll. Ein Sturm zieht auf und unsere Charaktere befinden sich inmitten der sich langsam anbahnenden Katastrophe.

Der ewige Konflikt? Rollo (Cliver Standen) und Ragnar (Travis Fimmel) in „The Usurper“. / (c) History
Der ewige Konflikt? Rollo (Cliver Standen) und Ragnar (Travis Fimmel) in „The Usurper“. / (c) History
© (c) History

Zu Beginn von The Usurper kehren Ragnar (Travis Fimmel) und seine Nordmänner von ihrem Einsatz im fernen Wessex vorerst in die Heimat zurück, was einen eventuell vermuten lassen könnte, dass den Charakteren als auch dem Zuschauer eine kleine Ruhepause gegönnt wird, bevor die Wikinger erneut in See stechen. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass Serienschöpfer Michael Hirst uns nur selten Zeit zum Verschnaufen gibt, und so entspinnt sich auch in „The Usurper“ sehr zügig eine atmosphärische Geschichte, die vor Problemherden geradezu überquillt.

Hirst leistet dadurch sehr effektiv die Vorarbeit für die weiterführende Handlung und arbeitet gekonnt bereits bestehende Differenzen zwischen den verschiedenen Figuren aus. Auf diese Weise wird wiederum garantiert, dass die angespannten Situationen, in denen sich die Charaktere wiederfinden, mitnichten zu Ruhe kommen und wir gespannt auf die Auflösung etwaiger Konflikte blicken. Diese sind es derweil, die hochinteressant und vielversprechend gestaltet sind, sodass sich in „The Usurper“ kaum Längen finden lassen.

Temptation

Die Rückkehr nach Kattegat sollte für Ragnar und seine Mannen eigentlich eine kleine Auszeit darstellen, auch wenn der Wikingerkönig schon das nächste Objekt der Begierde ins Auge gefasst hat. Von Ecbert (Linus Roache) geschickt angefüttert, kann Ragnar gar nicht genug von Athelstans (George Blagden) Erzählungen über die französische Stadt Paris bekommen, die mit ihren Marmorbauten und Reichtümern einen Ausdruck absoluter Faszination in das Gesicht von Ragnar zaubern. Bevor er jedoch seine Gedanken an die Zukunft und seinen geplanten Raubzug in Franzien verschwendet, muss er erst einmal Herr der Lage in seiner Heimat werden, in der sich nach seiner Abwesenheit entscheidende Veränderungen ergeben haben.

Die Ankunft in Kattegat stellt sich nämlich recht schnell alles andere als rosig heraus. Am heftigsten trifft es hier wohl Rollo (Clive Standen), der leidvoll erfahren muss, dass Siggy (Jessalyn Gilsig) ums Leben gekommen ist, wofür er sich sogleich die Schuld gibt. Der bärtige Hüne fungiert in der dritten Staffel von Vikings bis jetzt eher zurückhaltend und seinem Bruder Ragnar gegenüber treuergeben, nachdem ihm sein Verrat verziehen wurde. Nun darf Clive Standen erstmals wieder etwas mehr aufspielen und schlägt sich dabei formidabel, sein Schmerz über den Verlust von Siggy, zu der er trotz einiger Probleme letztendlich eine für ihn wichtige Beziehung aufgebaut hatte, stellt der Darsteller stark und überzeugend da.

Rollo (Clive Standen) gegen seinen Neffen Bjorn (Alexander Ludwig) in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History
Rollo (Clive Standen) gegen seinen Neffen Bjorn (Alexander Ludwig) in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History

My fault

Der brachiale Zweikampf mit Neffe Bjorn (Alexander Ludwig) zeigt eindrucksvoll, wie mitgenommen und hoffnungslos Rollo wirklich ist, darüber hinaus greift Hirst ein Handlungsmotiv aus der Vergangenheit auf, dass stets für Spannung sorgen konnte. So zeigen sich bei Rollo nicht nur Anzeichen eines verminderten Selbstwertgefühls, sondern auch Zweifel an seinem Dasein, stand er doch immer nur im Schatten seines großen Bruders Ragnars.

Nach dem Tod von Siggy hat er nichts mehr, er ist nur noch eine leere Hülle, die seinem Bruder bedingungslos gehorcht. Wollen die Serienmacher hier den alten Bruder-Konflikt wiederbeleben, der in der ersten und zweiten Staffel von „Vikings“ eine tragende Säule der fortlaufenden Handlung war und mitunter hervorragende Charaktermomente zur Folge hatte? Ragnar schätzt Rollo zum jetzigen Zeitpunkt wohl noch sehr loyal ein, und so wird hier interessant mit dem Spannungsmoment gespielt, dass es zwischen den beiden Brüdern eventuell schon bald zu neuen Streitigkeiten kommen könnte, da sich Rollo nachvollziehbarerweise an einem neuen Punkt der persönlichen Verzweiflung befindet.

The way with the Gods

Während Ragnar von dieser möglichen Gefahr nicht viel ahnt, muss sich der Wikingerkönig mit eigenen Problemen herumschlagen, die vor allem aus seiner Ehe mit Aslaug (Alyssa Sutherland) resultieren. Warum sich diese als Mutter nicht um Ragnars Söhne gekümmert hatte, als diese beinahe ertrunken wären, kann sie nicht wirklich zufriedenstellend beantworten. Generell ist eine unangenehme Gefühlskälte in die Beziehung der beiden eingezogen, die nun um eine gehörige Portion Misstrauen bereichert wird.

Es wird zwar nicht ganz deutlich, wie Ragnar von dem mysteriösen Wanderer Harbard (Kevin Durand) erfährt - womöglich durch Floki (Gustaf Skarsgard), mit dem er wenig später noch eine weitere Unterhaltung über den geheimnisvollen Fremden führt -, die Fronten zwischen Aslaug und ihrem Gatten verhärten sich jedoch immer mehr. Paradox ist dabei, dass Ragnar zwar schon längst nicht mehr viel für Aslaug empfindet (das einzige, was ihn nach Kattegat zurückkehren lässt, sind seine Kinder), jedoch wie man es von seinem Charakter erwartet extrem gereizt bei dem Gedanken reagiert, dass seine Frau ihm fremdgegangen sein könnte beziehungsweise ist. Hier zeigt sich abermals Ragnars egoistische Fratze, der Aslaugs Affront selbst dann nicht billigen könnte, sollte es sich bei Harbard tatsächlich um Allvater Odin gehandelt haben, was wiederum Floki felsenfest behauptet.

Not a fool

Für andere Wikinger wäre es wohl eine große Ehre, wenn der nordische Ober-Gott mit deren Frau Geschlechtsverkehr hätte, der stolze und ambitionierte Ragnar sieht sich doch schon länger nicht mehr als einfacher Diener der Gottheiten Asgards. Ob Odin oder nicht, die Verführung von Aslaug durch Harbard trifft Ragnar im Innern hart und trägt eventuell nur noch umso mehr dazu bei, dass er einen anderen Blick auf die nordischen Götter als der devote Floki entwickelt hat. Dieser nutzt nach wie vor jede freie Minute, um seine Abneigung gegenüber dem Christentum kundzutun, einen Verbündeten in dieser Angelegenheit hat er jedoch noch nicht wirklich gefunden. Langsam sollte Flokis Handlungsstrang auch etwas mehr Tempo aufnehmen und über sein sich wiederholendes, mürrisches Gegrummel hinausgehen, was nun jedoch schneller als erwartet passieren könnte, nachdem es in Wessex zu einem dramatischen Vorfall gekommen ist. Doch dazu später mehr.

Ebenfalls vor neuen Problemen findet sich Lagertha (Katheryn Winnick) wieder, die die Nachricht erhält, dass ihr Dorf und ihre Besitztümer von Kalf (Ben Robson) übernommen wurden, der nun an ihrer statt als Earl herrscht. Die interessante Theorie einiger Leser aus der letzten Woche, bei Kalf könnte es sich um eine Art Doppelagent handeln, wir hier nicht bestätigt. Vielmehr kommt es zu einer recht antiklimaktischen vorzeitigen Auflösung des möglichen Konflikts zwischen Lagertha und Thronräuber Kalf. Lagertha wird dabei von Ragnar ziemlich im Regen stehen gelassen, obwohl er ihr vorher noch seine Unterstützung zugesichert hatte.

Ragnar (Travis Fimmel) gemeinsam mit Aslaug (Alyssa Sutherland) in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History
Ragnar (Travis Fimmel) gemeinsam mit Aslaug (Alyssa Sutherland) in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History

Civil war

Mit dem Blick auf Paris und den baldigen Raubzug verfällt der Anführer der Wikinger jedoch in sein bekannt egozentrisches Handlungsmuster, und möchte gar die Loyalität von Kalf in diesem Unterfangen sicherstellen. Zum einen ist nachvollziehbar, dass Ragnar nach den Auseinandersetzungen mit Jarl Borg und Horik einen weiteren Krieg unter den Wikinger verhindern möchte, schadet sich das stolze Volk der Nordmänner doch so vor allem selbst am meisten. Eine derartige Unruhe kann Ragnar schlichtweg nicht gebrauchen. Andererseits fühlt man schon mit Lagertha mit, die sich gleich mehrfach hintergangen fühlt und hier allein auf weiter Flur steht. Wie sie nun weiter vorgehen wird, bleibt offen, eine erste Vermutung meinerseits wäre, dass Kalf eine eheliche Bindung zu ihr suchen wird, um seinen neuen Status zu festigen. Dass sich Lagertha darauf einlassen wird, darf jedoch bezweifelt werden.

Der große Knall bei der Lösung des „Kalf-Problems“ bleibt also überraschend aus, zumindest vorerst. Lagerthas nächster Zug, die sich bekanntermaßen gut selbst zu wehren weiß, wird jedoch bereits jetzt schon mit Spannung erwartet. Sohnemann Bjorn, der sich wie bereits erwähnt zuvor beherzt seinen Onkel Rollo vorgeknöpft hatte, um diesen zu schützen, schmeckt es derweil überhaupt nicht, dass seine Mutter wohl nicht mit nach Paris aufbrechen wird. Dabei sieht er in diesem Vorhaben vielleicht auch nur ein Ventil, um etwas Dampf ablassen zu können, da ihn das Schicksal Porunns (Gaia Weiss) derzeit schwer mitnimmt. Dieser Handlungsstrang steht noch etwas zwischen den Stühlen, auch wenn es gelingt, dass wir letztendlich große Empathie für die entstellte Porunn empfinden. Die weitere Entwicklung ihrer Rolle in der dritten Staffel bleibt abzuwarten, nach Paris wird so wohl eher nicht mit aufbrechen.

Just the beginning

Wo wir gerade schon einmal bei dem Thema aufgestaute Wut sind, was sich durch gleiche mehrere Handlungsstränge der Episode The Usurper zieht (Ragnar hinsichtlich Aslaugs Untreue, Rollos hinsichtlich des Verlustes von Siggy und seinem zwecklosen Dasein, Bjorns hinsichtlich Porunns Leid und Lagertha hinsichtlich Kalfs Verrat und Ragnars Verhalten), hat die losgelöste Geschichte in Wessex um Ecbert und seinen Sohn Aethelwulf (Moe Dunford) wohl die heftigsten Szenen dieser Episode zu bieten.

Nachdem Aethelwulf nämlich erfahren hat, dass seine Frau Judith (Jennie Jacques) schwanger ist und sich deshalb so zurückgezogen verhält, er wiederum aber nicht der Vater sein kann, kennt der Königssohn kein Halten mehr. Der Verdacht, Aethelwulf könnte zu einer loose canon, einer riskanten Variable in den komplexen Machenschaften seines Vaters werden, bestand aufgrund seiner Skepsis gegenüber den heidnischen Nordmännern schon länger, nun lässt er seiner Wut freien Lauf und setzt die Schwangerschaft seiner Frau sofort in Verbindung mit dem Aufenthalt der Wikinger in England, unwissend, dass Athelstan dafür verantwortlich ist.

Catastrophe

Dass Ecbert den sichtlich erzürnten Aethelwulf den Auftrag zumutet, für Recht und Ordnung in seinen Ländereien zu sorgen, nachdem es zu den ersten erwarteten Auseinandersetzung zwischen Ecberts Volk und den skandinavischen Siedlern gekommen ist, wirkt auf den ersten Blick extrem kurzsichtig von dem sonst so cleveren König. Als Aethelwulf dann mit anderen Nobelmännern zum Angriff bläst und die Wikinger-Siedlung überfällt, mordet und brandschatzt, fühlt man sich zunächst in seiner Meinung bestätigt, dass Ecbert hier sehr leichtfertig gehandelt hat und es deutlich besser hätte wissen müssen, als seinen wutentbrannten Sohn zu entsenden.

Alexander Ludwig als Bjorn Lothbrok in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History
Alexander Ludwig als Bjorn Lothbrok in %26bdquo;The Usurper%26ldquo;. © History

Jedoch stellt sich dies alles als gewiefter Plan Ecberts heraus, der bereits in Scarred deutlich machte, dass man manchmal große Opfer bringen muss, um seine Ziele zu erreichen. Durch den grässlichen Angriff auf die Siedlung, der nebenbei bemerkt stark, jedoch auch beängstigend inszeniert ist und ungemein anwidert, kann Ecbert nun einige seiner Gefolgsleute an den Pranger stellen, die von Aethelwulf - der anscheinend selbst nichts von den Plänen seines Vaters wusste - blind in das Gemetzel geführt wurden. Dadurch entledigt sich der König von Wessex seinen ärgsten Widersachern in den eigenen Reihen, gleichzeitig steht jedoch die Frage im Raum, ob der Preis dafür vielleicht nicht doch ein wenig zu hoch war. Ob Ragnar und vor allem Lagertha so verständnisvoll reagieren werden, wenn sie von den Vorfällen in Wessex erfahren, bezweifle ich stark. Für Floki könnte diese neue Entwicklung indes einen wahreren Segen darstellen, um die entrüsteten Wikinger gegen die Christen und die Allianz mit diesen aufzuwiegeln.

Fazit

The Usurper stellt eine sehr interessante und kurzweilige Episode dar, in der einzelnen Darstellern die Möglichkeit gegeben wird, zu glänzen und das derzeitige emotionale Befinden ihrer Figuren überzeugend zur Schau zu stellen. Hauptdarsteller Travis Fimmel macht hier mal wieder auf sich aufmerksam, doch die Darbietung von Clive Standen und Linus Roache sagen mir persönlich in „The Usurper“ am meisten zu. Insbesondere Letzterer trumpft zum Ende der Episode noch einmal stark auf. Während einige Handlungsstränge noch über Verbesserungspotential verfügen (Bjorn und Porunn, Floki), gefallen die meisten von ihnen aufgrund eines gelungenen Spannungsaufbaus und verheißungsvollen Andeutungen für die Zukunft.

Die meisten Rätsel gibt wohl wie so oft der Seher auf, der sowohl für Ragnar als auch Rollo neue Prophezeiungen in petto hat. Während sich Ragnar bezüglich seines Paris-Raubzuges besser vorsehen sollte, ist Rollos Zukunft bei Weitem nicht so hoffnungslos, wie er es selbst glaubt. Ganz im Gegenteil sogar, für Rollo scheinen sich Dinge anzubahnen, die ihm definitiv neuen Auftrieb geben werden. All diese Voraussagen hängen mit einer Hochzeit zwischen einem „Bären“ (metaphorisch gesprochen) und einer Prinzessin (Kwenthrith? Oder jemand neues?) zusammen. Diese kryptische Ankündigung stimmt erwartungsvoll und lässt neuerlichen Raum für Spekulationen zu, was unseren Charakteren demnächst widerfahren könnte.

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 20. März 2015
Episode
Staffel 3, Episode 5
(Vikings 3x05)
Deutscher Titel der Episode
Der Thronräuber
Titel der Episode im Original
The Usurper
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Donnerstag, 19. März 2015 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 15. Juni 2015
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Helen Shaver

Schauspieler in der Episode Vikings 3x05

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