Vikings 3x02

Vikings 3x02

Die Episode The Wanderer steht vor allem im Zeichen des Foreshadowings. Viele undurchsichtige Szenen hinterlassen gar einen psychedelischen Eindruck, was zur starken Atmosphäre der Folge beiträgt. Ein paar Probleme gibt es derweil bei der Zusammensetzung der Handlung.

Neue Verbündete: Lagertha (Katheryn Winnick) und King Ecbert (Linus Roache) in „The Wanderer“. / (c) History
Neue Verbündete: Lagertha (Katheryn Winnick) und King Ecbert (Linus Roache) in „The Wanderer“. / (c) History

Nachdem uns in der Auftaktepisode der dritten Staffel von Vikings wieder ins Gedächtnis gerufen wurde, wo sich die Charaktere befinden und welche Konflikte uns erwarten könnten, tauchen Serienschöpfer Michael Hirst und sein Autorenteam in The Wanderer nun noch tiefer in den Bereich der unheilvollen Ankündigungen und ambivalenten Andeutungen ein. „The Wanderer“ erinnert an zahlreiche Episoden aus der ersten Staffel des Historiendramas, in denen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verschwammen und man sich als Zuschauer auf mystisch-visuelle, faszinierende Trips begab.

Auch hier profitiert „The Wanderer“ von seiner bisweilen hervorragenden atmosphärischen Inszenierung. Die teilweise tranceartigen Aufnahmen stellen den Zuschauer vor die Aufgabe, das Gesehene richtig einzuordnen. Allerdings stellt sich der hier angewandte Erzählstil auch etwas problematisch dar, da einige Szenen verwirrend und vielleicht sogar zu undurchsichtig anmuten können. Da „The Wanderer“ so eine klare Aussage abhanden geht und Hirst lieber in bedeutungsschwangeren Momentaufnahmen schwelgt, gibt es hier einige Abzüge in der B-Note.

A sense of expectation

In Mercenary waren Ragnar (Travis Fimmel) und seine Mannen am Ende noch erfolgreich in der kämpferischen Auseinandersetzung mit König Brihtwulf (Ian Beattie), dem Onkel von Kwenthrith (Amy Bailey). Nun wird uns erst einmal ein Blick über das blutige Schlachtfeld geboten, das dieses Gemetzel hinterlassen hat. Die Wikinger selbst müssen ihre Wunden lecken und rasten in den anliegenden Wäldern, bevor der nächste Zug gegen Kwenthriths Bruder Burgred (Aaron Monaghan) geplant wird. Hier ergeben sich die ersten hochinteressanten Szenen, die unterschiedlich gelesen werden können.

Visuell geben sich die Macher hier keine Blöße: Die Licht- und Schatteneffekte, die vereinzelten Sonnenstrahlen, die sich durchs Dickicht kämpfen, bilden eine wundervolle Kulisse, an der man sich nicht sattsehen kann. Inhaltlich gestaltet sich dieser Szene jedoch etwas verzwickter. Während das kurze Gespräch zwischen Bjorn (Alexander Ludwig) und der im Kampf überzeugenden Porunn (Gaia Weiss) unmissverständlich ist (ein recht plumper, aber netter Heiratsantrag von Seiten Bjorns inklusive), gibt es zwischen Ragnar und Kwenthrith eine Art Nachbesprechung zum Kampf gegen Brihtwulf, in der die Prinzessin abermals ihren manischen Charakter offenbart.

Ragnar (Travis Fimmel) im Gespräch mit Prinzessin Kwenthrith (Amy Bailey). © History
Ragnar (Travis Fimmel) im Gespräch mit Prinzessin Kwenthrith (Amy Bailey). © History

Only a dream

So erfahren wir, dass sie als kleines Mädchen von zahlreichen Männern missbraucht wurde, auch von ihrem Onkel und Bruder, was einem zunächst einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Ihre Motivation, die männliche Verwandschaft zur Strecke zu bringen, ist nachvollziehbar - jedoch zeigt sich bald, dass sie von ihren Rachegedanken geradezu zerfressen wird: Sie sticht wild auf den abgetrennten Kopf ihre Onkels ein, um eine Art Genugtuung zu verspüren.

Wer von dieser Szene etwas irritiert ist, wird es mit Sicherheit auch von der folgenden sein. Wie sich herausstellt, ist Torstein (Jefferson Hall) doch ziemlich heftig von seiner Wunde am Arm (durch einen Pfeil verursacht) in Mitleidenschaft gezogen. Es scheint sich eine unangenehme Infektion anzubahnen, und so wandert er zwischen Fieberträumen und Realität. Als dann plötzlich Rollo (Clive Standen) aufsteht und wie ein Berserker auf einen der Gefangenen einharkt, ist man sich als Zuschauer überhaupt nicht mehr sicher, ob man hier nur ein Hirngespinst Torsteins oder die Wirklichkeit zu sehen bekommt.

First time for everything

Es wirkt beinahe so, als wären unsere Protagonisten hier auf einer Art bewusstseinserweiterndem Trip, was sich im Laufe der Episode insbesondere bei Torstein immer wieder zeigt. Zum einen weiß ich das Format für diesen recht experimentellen und eigenwilligen Erzählstil sehr zu schätzen, da man sich so erfolgreich von der gängigen Fernsehlandschaft abhebt und zum einzigartigen Profil der Serie beiträgt. Zum anderen muss ich leider zugeben, dass mir an manchen Stellen in The Wanderer der Ton ein wenig zu kryptisch und undurchsichtig gerät. So atmosphärisch derartige Szenen auch sein mögen, in meinen Augen dienen sie mehr der Irritation, als dass sie wirklich einen Zweck zu erfüllen.

Die anderen Handlungsstränge in „The Wanderer“ gestalten sich da schon weitaus kohärenter und schaffen es dennoch unterschwellig, sich eine gewisse Ambivalenz zu bewahren und subtil auf künftige Gefahrenherde hinzuweisen. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt, wie sich das neuerliche Verhältnis zwischen Lagertha (Katheryn Winnick) und Ecbert (Linus Roache) genau entwickeln wird. Beim Zuschauer stellt sich das Gefühl ein, dass der König von Wessex nicht mit offenen Karten spielt. Er zeigt sich extrem zuvorkommend und äußert eine Art amouröses Interesse an Lagertha, die zwar vorsichtig ist, von den Freundlichkeiten Ecberts aber nicht unbeeindruckt bleibt.

Two cultures

Für Ecbert wäre eine Allianz mit der Wikingerin vielleicht sogar noch wertvoller als mit Ragnar, da Lagertha womöglich auf lange Sicht umgänglicher als der Wikingerkönig sein könnte, aber dennoch über eine ansehnliche Reputation unter den Nordmännern verfügt. Allerdings widersprechen sich die Serienmacher hier selbst ein wenig: Während Lagertha in England beim Aufbau der Wikingerkolonie fleißig mit anpackt, gelingt es Kalf (Ben Robson) im fernen Hedeby recht einfach, ihre eigentlich recht treue Wikingerschar davon zu überzeugen, Lagertha als ihren Earl abzusetzen. Dass der junge und extrem ambitionierte Kalf (der wohl wie Jarl Borg zur Gefahr in der Heimat aufgebaut werden soll) keine größeren Probleme hat, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden, verwundert schon ein wenig.

Zwischen den Kulturen: George Blagden in seiner Rolle des Athelstan. © History
Zwischen den Kulturen: George Blagden in seiner Rolle des Athelstan. © History

Gut gefällt dann jedoch, wie der Kampf der Kulturen zur Schau gestellt wird. Ecbert verspricht zwar, dass das Zusammenleben zwischen seinem Volk und den Wikingern sehr friedlich sein wird. Da Erstere jedoch regelrecht zwangsumgesiedelt wurden und somit ihre Heimat verloren haben, hat man so seine Zweifel, wie lange dieser Frieden aufrechterhalten werden kann. Die Geschichte hat uns in dieser Hinsicht etwas anderes gelehrt - und so wird es wohl nicht nur aus diesem Grund, sondern auch wegen der unterschiedlichen Glaubensvorstellungen noch zu einigen Auseinandersetzungen kommen. Das Misstrauen zwischen den frommen Christen und den „animalischen Heiden“ zeigt sich sowohl beim einfachen Volk als auch bei Ecberts Sohn Aethelwulf (Moe Dunford), der im Gegensatz zu seinen neuen Verbündeten gnädig ist und einem Gefangenen nach erfolgreicher Befragung nicht einfach die Kehle durchschlitzt.

The Northmen

Wenn man sich dann das diabolische Grinsen Ragnars anschaut, dessen Kopf sich fast schon in einer Reihe mit den abgetrennten Häuptern seiner Widersacher befindet, die er an seinen Booten befestigt hat - ein starkes, wenn auch schauderliches Bild -, wird nur noch deutlicher, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen, die verschiedener nicht sein könnten. Und inmitten dieser steht Athelstan (George Blagden), der jetzt nicht nur Avancen von Aethelwulfs Frau Judith (Jennie Jacques) gemacht bekommt, sondern nach wie vor äußerst diplomatisch versucht, die Waage zwischen Christentum und den nordischen Gottheiten um Allvater Odin zu halten.

Die finale Szene, in der es scheint, als wären Athelstans Wunden von seiner Kreuzigung erneut aufgebrochen, wirft erneut Fragen auf. Stehen seine blutüberströmten Hände nun symbolisch dafür, dass er keine zwei Glauben haben kann? Oder hat er wortwörtlich Blut an seinen Händen, aus welchen Gründen auch immer? Theorien und Interpretationen Eurerseits sind sehr gerne im Kommentarbereich willkommen, da ich selbst ein wenig im Dunkeln tappe.

A gift worth more than anything

Ich habe durchaus meine Freude daran, die zahlreichen Symbole und Anspielungen in Vikings zu lesen und mir einen Reim darauf zu machen (ob nun richtig oder falsch), gleichzeitig vermisse ich in The Wanderer jedoch einen gemeinsamen Nenner, der die Handlungsstränge miteinander verbindet. Für sich stehend haben sie zahlreiche interessante Details zu bieten, doch die Verknüpfungen zwischen ihnen sind es, die entweder nicht eindeutig genug ausgearbeitet sind oder schlichtweg weggelassen werden.

Da ist es schon beinahe ironisch, dass die Handlung in Kattegat um einen mysteriösen Fremden und den in Rätseln sprechenden Seher des Wikingerdorfes noch am eindeutigsten Brücken zu den anderen Handlungsbögen schlägt. Vor allem die Aussagen des Sehers halten die Spannung hoch. Die „Ernte, die in Blut gefeiert wird“ („A harvest celebrated in blood“) kann unterschiedlich gelesen werden, doch der visuelle Hinweis auf die Wikingersiedlung in Wessex ist eindeutig. Die „Hochzeit zwischen Pflug und Schwert“ („A marriage of plough and sword“) scheint auf das neue Bündnis zwischen Angelsachsen und Wikinger hinzuweisen, das unerwartete Folgen haben könnte. Besonders interessant ist dann jedoch die Erwähnung eines Tricksters (Schwindlers), was auf verschiedene Figuren zutreffen könnte. Ecbert und Floki (Gustaf Skarsgard) gehören hier zu den offensichtlichsten Kandidaten.

Risks

Man wiegt uns hier recht geschickt im Ungewissen und schafft eine durchaus bedrohliche Grundstimmung, die durch die Träume der drei Wikingerdamen Aslaug (Alyssa Sutherland), Helga (Maude Hirst) und Siggy (Jessalyn Gilsig) untermauert werden. In diesen scheint das letzte Stündlein des Sehers geschlagen zu haben - ob das etwas mit der Ankunft des mysteriösen Fremden zu tun hat, bleibt offen. In den Szenen um Neuzugang Kevin Durand als geheimnisvolle Figur spielen die Macher abermals mit unserer Wahrnehmung und der nordischen Mythologie. Eine konkrete Aussage wird auch hier nicht getroffen, doch die Einführung dieses neuen Charakters gelingt, wenngleich sie größtenteils nur auf der sehr atmosphärischen Inszenierung fußt.

Kevin Durand als mysteriöser Fremder in %26bdquo;The Wanderer%26ldquo;. © History
Kevin Durand als mysteriöser Fremder in %26bdquo;The Wanderer%26ldquo;. © History

In Mercia müssen wir uns derweil wohl auf den Abschied Torsteins vorbereiten, dem Floki zuvor noch in einer packenden Szene mit gefühlvoller musikalischer Untermalung seinen fauligen Arm abtrennt („a trickster whose weapon cleaves you...“ - etwas zu wörtlich, oder?). Hier kommen abermals ein paar wunderbare Aufnahmen in Zeitlupe zum Einsatz, die unter anderem zum Markenzeichen des Formats gehören und wie so oft extrem fesseln können. Während Aethelwulf dann die Nachricht überbringt, dass sich Kwenthriths Bruder in die Berge zurückgezogen hat (taktisch clever, um die Wikinger von ihren Schiffen ins Landesinnere zu ziehen), stehen Ragnar und seine engsten Vertrauten um den am Boden liegenden Torstein. Meiner Meinung nach könnte dieses Bild eindeutiger nicht sein, und so bin ich mir doch recht sicher, dass uns ein erneutes Wikingerbegräbnis bevorsteht, was allerdings sehr schade um den jovialen und loyalen Torstein wäre.

Fazit

The Wanderer übertrumpft auf audiovisueller Ebene den Auftakt zur dritten Staffel von Vikings, da die Serienmacher aufgrund vieler traumartiger Sequenzen musikalisch sowie inszenatorisch aus dem Vollen schöpfen können. Wer in Mercenary noch die markanten nordischen Klänge und Kompositionen vermisst hat, kommt hier voll auf seine Kosten. In dieser Hinsicht weiß „The Wanderer“ zweifelsohne zu überzeugen, jedoch ergeben sich ein paar Probleme hinsichtlich der Kohärenz der Episode und den verschiedenen Handlungsbögen.

Ein roter Faden ist nämlich nur bedingt ersichtlich, und so leidet der Erzählfluss der Folge. Die einzelnen Segmente sind erneut extrem ergiebig, jedoch hapert es etwas an der Zusammenführung der Stränge. Der Wille der Autoren um Michael Hirst, weiter eigenwilliges und bisweilen doch sehr einzigartiges Fernsehen zu machen, strahlt aber nach wie vor einen ungemeinen Reiz aus, sodass ich persönlich immer wieder äußerst gespannt auf die nächste Episode der Historienserie blicke.

Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 1. März 2015
Episode
Staffel 3, Episode 2
(Vikings 3x02)
Deutscher Titel der Episode
Der Wanderer
Titel der Episode im Original
The Wanderer
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Donnerstag, 26. Februar 2015 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 15. Juni 2015
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Ken Girotti

Schauspieler in der Episode Vikings 3x02

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?