Vikings 2x10

Vikings 2x10

Das Finale der zweiten Staffel von Vikings kommt mit einer Überraschung daher, die manch einer so vielleicht schon hat kommen sehen. Dennoch geht der Plan der Serienmacher auf, denn The Lord's Prayer bietet sowohl Spannung als auch einige sehr sehenswerte visuelle Kniffe.

Ragnar (Travis Fimmel) und Aslaug (Alyssa Sutherland) erwarten Horiks Familie in „The Lord's Prayer“. / (c) History
Ragnar (Travis Fimmel) und Aslaug (Alyssa Sutherland) erwarten Horiks Familie in „The Lord's Prayer“. / (c) History

Und plötzlich ist es auch schon da, das Finale zur zweiten Staffel von Vikings. The Lord's Prayer bildet den Abschluss einer turbulenten zweiten Staffel des Historiendramas, in der wir mehr in die Charaktere eingetaucht sind und neue beziehungsweise alte Seiten von diesen zu sehen bekamen. Wie erwartet konzentriert sich „The Lord's Prayer“ voll und ganz auf die Nordmänner und deren Handlung in Skandinavien. England und King Ecbert (Linus Roache) sind vorerst passé, Ragnar und King Horik haben in Kattegat erst einmal eine Rechnung zu begleichen um festzustellen, wer von den beiden Bestand haben wird.

Dies ist auch die treibende Frage in der letzten Episode der zweiten Staffel von Vikings. Zwischen wem wird es sich hier entscheiden, Ragnar oder Horik? So spielen die Serienmacher mit unseren Erwartungen und lassen uns schon von dem Schlimmsten ausgehen, ehe man mit einer großen Überraschungen aufwarten kann. Hier werden sich einige Zuschauer bestätigt fühlen, haben sie doch schon länger diese Theorie gehegt. Dennoch funktioniert der Schlusspunkt von The Lord's Prayer und versteht sich durchaus darauf, sein Publikum mitzureißen und zu fesseln.

As an equal

The Lord's Prayer startet mit der Person, die im Verlauf der Episode zum Hauptdarsteller avanciert und in den letzten Wochen für viele Fragen seitens der Zuschauer gesorgt hat: Floki (Gustaf Skarsgard). Dieser hat einiges an Vertrauensbonus von Ragnar und uns Zuschauern einbüßen müssen, und auch jetzt scheint er sich zumindest gedanklich an einem sehr düsteren Ort zu befinden. Seine neugeborene Tochter, der er sogleich einen vielsagenden Namen verpasst (Angrboda, die erste Frau des zwielichtigen nordischen Gottes Loki), kann ihm zwar ein wenig Freude bereiten, doch er scheint gleichzeitig über seine neue Verantwortung als Vater als auch über seine Loyalität gegenüber Ragnar (Travis Fimmel) zu grübeln. Es handelt sich nur um eine kleine Szene, die verdeutlicht, wie schwer sich Floki bei einer Entscheidung tut und die uns geschickt Hinweise darauf gibt, dass uns eine unheilvolle Entwicklung bevorsteht.

In Kattegat selbst wird nach den erfolgreichen Verhandlungen in England mit Ecbert (Linus Roache) gefeiert. Dafür hat Horik (Donal Logue) sogar seine große Familie einschippern lassen. Er schmiert dann in einer feierlichen Ansprache Ragnar etwas Honig um den Mund, doch es ist deutlich zu erkennen, das keiner der beiden dem anderem wirklich vertraut, so versöhnlich sich insbesondere Horik hier präsentiert.

Wie sich nämlich herausstellt plant Horik weiterhin den Sturz von Ragnar, und Floki scheint in diesen Plänen keine unwichtige Rolle zu spielen. Horik hat die offensichtlichen Risse in der freundschaftlichen Beziehung zwischen Floki und Ragnar erkannt, doch nun braucht er einen Beweis, dass Floki es wirklich ernst meint. Jemand muss sterben, jemand aus dem engen Kreis Ragnars mit Bedeutung für ihn. So entspinnt sich früh eine spannende Dynamik in The Lord's Prayer, in deren Folge so manche falsche Fährte ausgelegt wird, wodurch wiederum die generelle Anspannung des Zuschauers hochgehalten werden kann.

A score to settle

Dabei halten die Serienmacher auch nicht mit einigen mehrdeutigen Szenen hinter dem Berg. Besonders auffällig ist die Sequenz, in der Ragnar und seine Freunde sich mit einem Münzspiel vergnügen, aus dem Floki als Gewinner hervorgeht. In einer verlangsamten Aufnahme sehen wir, wie Horik die einzelnen Charaktere beäugt, sei es Athelstan (George Blagden), Bjorn (Alexander Ludwig), Torstein (Jefferson Hall) oder Ragnar selbst. Das mulmige Gefühl wird stärker, die Sorge um die verschiedenen Personen wächst. Wen könnte es treffen, wen sucht sich Floki für sein Attentat aus? Die Macher spielen mit diesem Element und der Unsicherheit der Zuschauer, sodass man gebannt auf die Auflösung dieser Frage wartet.

Horik (Donal Logue) und sein Sohn Erlendur (Edvin Endre) führen nichts Gutes im Schilde. © History
Horik (Donal Logue) und sein Sohn Erlendur (Edvin Endre) führen nichts Gutes im Schilde. © History

Man lässt uns jedoch weiter im Dunkeln tappen. So entsteht zum Beispiel zuallererst der Eindruck, dass Athelstan Flokis Ziel sein könnte, hatte er doch nie viel für den wieder bekehrten Mönch übrig. Dann rückt wiederum der schwer verletzte Rollo ins Visier, der angesichts der früheren Geschichte zwischen den beiden auch nicht unbedingt weit oben in Flokis Gunst steht und prompt einige seltsame Pilze von diesem verabreicht bekommt. Im Zusammenspiel mit der musikalischen Untermalung wächst unser Misstrauen gegenüber Floki und dessen undurchsichtigen Plänen.

Auch Aslaug (Alyssa Sutherland) wird kurz als mögliches Zielobjekt Flokis fokussiert, ehe mit Torstein dann schon der nächste Todeskandidat ins Auge gefasst wird. Dieser bekommt ebenfalls ein paar Pilze von Floki serviert und vertilgt diese ohne weiter nachzufragen. Das Ergebnis ist dann ein kleiner Schocker, denn ohne weitere Umschweife bekommen wir wie aus dem Nichts den leblosen Torstein präsentiert, der offensichtlich vergiftet wurde. Floki schwört öffentlich Rache für diese Tat, doch wir sind uns sicher, dass dies das Werk von ihm und seinen Pilzen gewesen sein muss.

I will kill them all

Diese Tat ist Vertrauensbeweis genug für Horik, der nun Floki in seinen simplen, aber sehr blutrünstigen Plan einweiht. Alle sollen sterben, Ragnar, seine Frau, seine Kinder, Lagertha (Katheryn Winnick) - niemand soll verschont werden, sodass sich auch niemand für diese Gräueltat rächen kann. Während wir diese finsteren Pläne zu hören bekommen, zieht ein mächtiger Sturm auf. Eine erneute Referenz an die nordischen Gottheiten, die ob der baldigen Ereignisse erzürnt auf die Erde hinabblicken. Gleichzeitig wird hier visuell groß aufgefahren, sei es das bedrohliche Bild des Himmels über dem angrenzenden See und Fjord aus der Perspektive Aslaugs und Lagerthas, die sich am Ufer unterhalten, oder auch Flokis Silhouette, die sich im gewaltigen Blitzgewitter immer wieder abzeichnet.

Horik lockt dann auch noch Siggy (Jessalyn Gilsig) mit in diese Intrige. Für sie bietet sich die Möglichkeit an, endlich wieder in ihre mächtige Position von früher zurückzukehren. Dafür muss sie die Söhne Aslaugs und Ragnars töten, zu denen sie Zugang hat. Auch ihr Gesichtsausdruck deutet darauf hin, dass sie durchaus bereit zu einer solchen Tat ist. Horiks Vorhaben nimmt immer weiter Formen an, doch gerade eine Personalie sorgt noch für Unklarheiten: Ragnars Sohn Bjorn.

Dieser bekommt in The Lord's Prayer etwas Freiraum, seine offensichtlich komplizierte Romanze mit Porunn (Gaia Weiss) mehr Gehalt zu verpassen. Dies gelingt weitestgehend auch, doch kommt man nicht umher den Eindruck zu gewinnen, dass diese Szenen vielleicht ein klein wenig deplatziert sind. Es ist löblich, dass auch Porunn anstrebt, eine eigenständige und starke Persönlichkeit zu entwickeln. Die Serienschöpfer wissen mit überzeugenden Frauenfiguren umzugehen, das haben sie zuvor schon mehrmals beweisen können. Die jugendliche Liebe zwischen den beiden geht im Endeffekt zwar auf, dennoch ist man weit mehr daran interessiert, wie sich die Geschichte um Horik und Ragnar weiterentwickeln wird. So gewinnt das Techtelmechtel zwischen Bjorn und Porunn erst richtig an Spannung, als man plötzlich Floki im tiefen Gras mit gezückter Klinge erspäht. Dieser wird doch nicht die Gunst der Stunde nutzen und den unwissenden Bjorn attackieren?

True to the Gods

Es folgt der finale Teil von The Lord's Prayer, in dem die Karten nun endlich offen gelegt werden. Horik schwört Sohnemann Erlendur (Edvin Endre) auf den bevorstehenden Angriff ein und während Horiks Männer an den Ufern nahe Kattegat an Land gehen, sendet Ragnar gemeinsam mit Athelstan ein letztes Stoßgebet gen Himmel. Es ist das erste Mal in dieser Episode, dass wir die Stimme des jungen Wikingers vernehmen können, und spätestens jetzt durchschauen vielleicht so manche Zuschauer das perfide Spiel, das hier mit uns getrieben wurde.

Treibt ein undurchsichtiges Spiel mit uns: Der eigentümliche Floki (Gustaf Skarsgard). © History
Treibt ein undurchsichtiges Spiel mit uns: Der eigentümliche Floki (Gustaf Skarsgard). © History

Horiks Mannen greifen Kattegat an und gehen dabei äußerst skrupellos vor. In einer Nacht- und Nebelaktion herrscht schnell Chaos, von den Leuten Ragnars ist nur wenig Gegenwehr zu sehen. Zielsicher stößt Horik immer tiefer in das Dorf vor, bis hin zur Great Hall, dem Sitz von Ragnar. Gemeinsam mit ein paar Kriegern und seinem Sohn betritt er den geräumigen Hallenbau und ist sich sicher, Ragnar ein für allemal gestellt zu haben. Die vermummte Gestalt in der Mitte des Raumes erhebt sich und siehe da, der totgeglaubte Thorstein kommt zum Vorschein. Schnell sind Horiks Männer erledigt, Ragnar und seine Anhänger treten auf den Plan, unter denen sich auch Floki befindet.

Es ist die Überraschung des Staffelfinales und wie bereits erwähnt, haben es einige sicherlich schon so in etwa kommen sehen. Es war für viele einfach schwer vorstellbar, dass Floki sich wirklich gegen Ragnar entscheiden würde. Dennoch ist es den Serienmachern vortrefflich gelungen, uns derartig auf die falsche Fährte zu führen. Skarsgards Schauspiel war in den letzten Episoden äußerst überzeugend, sodass viele nicht zu Unrecht den Eindruck bekamen, dass sich der skurrile Schiffsbauern endgültig gegen Ragnar gewandt hatte. Doch Horik wurde getäuscht, ähnlich wie viele Zuschauer. Und zwar nicht nur von Floki, sondern auch von Siggy, die ebenfalls Horik hintergangen hat, obwohl man auch ihr einen Verrat an Aslaug und Ragnar hätte zutrauen können. Doch auch sie erkannte wohl rechtzeitig, dass Horik an Ragnar scheitern würde, und entschied sich dann in weiser Voraussicht für die richtige Seite.

Thy will be done

Nun entlädt sich der komplette Zorn Ragnars auf Horik und dessen Familie. Lagertha streckte zuvor im Zweikampf noch Horiks Frau nieder, und als sie einen Blick in ein Zimmer wirft und dort den zahlreichen Töchtern Horiks in die Augen blickt, weiß sie, was geschehen wird. Horik stellt sich derweil seinem Schicksal und wird von Ragnars Anhängern fatal verletzt. Diese verlassen dann den Raum, sodass ihm nur Ragnar gegenübersteht. Horiks Sohn gegenüber hatte er sich vorher augenscheinlich noch gnädig gezeigt, doch Horik kommt nicht so glimpflich davon. Nach einem fulminanten Dolchstoß zerschmetter Ragnar Horik mit seiner blanken Stirn, danach dreht er völlig durch und lässt einen Axthieb nach dem anderen auf den vermutlich schon längst Toten niederfahren. Und so ist auch Horik an Ragnar zugrunde gegangen, auch er musste leidvoll einsehen, dass der ambitionierte Earl nicht zu übertrumpfen ist.

The Lord's Prayers endet schließlich auf einer äußerst interessanten Note, die in gewisser Weise als Vorschau auf die kommende dritte Staffel gelesen werden könnte. Bjorn ist sichtlich entsetzt ob des Abschlachtens von Horiks Familie und verhilft den restlichen Überlebenden zur Flucht - ein Verhalten, dass ihn deutlich von seinem gnadenlosen Vater abgrenzt. Er entdeckt dann Horiks Königsschwert und hält es vielsagend in seinen Händen. Sehen wir hier einen potentiellen Wikingerkönig? Die Geschichte gibt uns hier recht bezüglich dieser Spekulation, dementsprechend muss es auch zwangsläufig zum Konflikt zwischen Ragnar und Bjorn kommen.

Göttlicher Beistand? Athelstan (George Blagden) und Ragnar (Travis Fimmel) beim gemeinsamen Gebet. © History
Göttlicher Beistand? Athelstan (George Blagden) und Ragnar (Travis Fimmel) beim gemeinsamen Gebet. © History

Auch die finale Einstellung weiß zu überzeugen, wir sehen Ragnar mit eben jenem Schwert und in edle Pelze gehüllt auf einem hochgelegenen Gebirgsplateau sitzen. Am Ende der zweiten Staffel von Vikings ist er zum alleinigen Herrscher der Wikinger aufgestiegen, er ist nun wahrlich der König der Nordmänner. Doch zu welchem Preis? Der Weg dorthin wird Narben auf Ragnars seelischem Innenleben hinterlassen haben. Nicht umsonst steht er in dieser wunderbaren und abschließenden Aufnahme weit oben in den Bergen ganz allein da. Ein ambivalenter Schlusspunkt einer Staffel, die viele Veränderungen mit sich brachte und sofort wieder die Vorfreude auf die dritte Staffel im nächsten Jahr steigen lässt.

Fazit

Das Ende der zweiten Staffel von Vikings mag in gewisser Weise erwartbar gewesen sein, dennoch stellt es zufrieden und markiert einen würdigen Abschluss dieser Staffel. Man hat viel Zeit investiert, um bei den Zuschauern Zweifel zu streuen und Konflikte innerhalb der Wikingergemeinschaft aufzubauen. Durch das überzeugende und glaubhafte Schauspiel der einzelnen Darsteller ging der Plan und die große Überraschung am Ende von The Lord's Prayer auf. Auch wenn das Endergebnis nicht groß verwundert, der Weg dorthin war gelungen und fesselnd gestaltet.

Auch hier beweisen die Serienmacher, dass sie einiges aus ihrer Inszenierung herausholen können, sei es die packende musikalische Untermalung oder auch einige visuelle Aspekte, die ein toller Bonus für die Zuschauer sind. Die zweite Staffel der[ sender=History]-Serie ist sicherlich nicht perfekt gewesen, doch das zweite Jahr stellt sich generell oft als problematisch heraus, was im Falle von Vikings wiederum absolut nicht zutrifft. Vielmehr hat man gezeigt, dass man sich probiert und dramaturgisch neue Wege einschlägt, was sehr positiv ist. So freut man sich bereits jetzt auf die Fortsetzung der Geschichte um Ragnar Lothbrok, die sicher noch einige weitere Überraschungen für uns bereithalten wird.

Wie hat Euch das Finale der zweiten Staffel von Vikings gefallen? Wie ist Eure Meinung zur zweiten Staffel im Gesamtbild? Teilt Euch im Kommentarbereich mit und diskutiert mit uns und den anderen Lesern!

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 2. Mai 2014
Episode
Staffel 2, Episode 10
(Vikings 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Das Gebet des Herrn
Titel der Episode im Original
The Lord's Prayer
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Donnerstag, 1. Mai 2014 (History)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 15. Juni 2014
Autor
Michael Hirst
Regisseur
Ken Girotti

Schauspieler in der Episode Vikings 2x10

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