Vikings 2x07

Schwer zu glauben, doch mit der siebten Episode der zweiten Staffel von Vikings nähern wir uns allmählich schon wieder dem Staffelfinale des Historiendramas. So werden in Blood Eagle einige wichtige Charaktere für das Finale in Position gebracht. Undurchsichtige Andeutung lassen uns nur erahnen, was Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) und Co. am Ende dieser Staffel erwarten wird. Gleichzeitig erzählen die Autoren eine essentielle Geschichte der akuellen Staffel zu Ende und liefern so wohlmöglich einer der bisher stärksten Episoden der zweiten Staffel ab.
Interessant ist dabei, dass man sich nicht auf altbekannt mitreißende Kampfsequenzen verlässt, sondern eher sehr ruhig und bedächtigt gleich mehrere Handlungsstränge zusammenführt und auflöst. Und zeitgleich auch die Erwartungen angesichts der finalen drei Episoden hochhält. Blood Eagle versteht es vor allem durch seine unvergleichliche atmosphärisch hohe Dichte zu überzeugen. In Kombination mit einem lange erwarteten ausführlichen Abstecher in die eigentümliche Kultur der Wikinger ist man als Zuschauer förmlich dazu gezwungen, wie gebannt die Handlung zu verfolgen.
Revenge
Schon zu Beginn von Blood Eagle warten die Serienmacher um Micheal Hirst mit einer wunderbar gefilmten und atmosphärisch dichten Szene auf. King Horik (Donal Logue) sucht im eisigen Kattegat Ragnar auf, um mit ihm über die bevorstehende Hinrichtung von Jarl Borg (Thorbjorn Harr) zu sprechen. Ganz davon abgesehen, dass Borgs Männer und Schiffe für Horiks Rachepläne gegen King Ecbert (Linus Roache) große Bedeutung haben, könnte eine brutale Hinrichtugn wie der „Blutadler“ - worauf wir später genauer eingehen werden - neue potentielle Verbündete abschrecken.
Ragnar willigt ein, die Hinrichtung zu verschieben, bis man einen neuen Verbündeten gefunden hat. Doch verrät das Funkeln in seinen Augen auch, dass Borg für das, was er Ragnar und seiner Familie angetan hat, noch bitter bezahlen wird. Ragnars Starrsinn in dieser Angelegenheit und die Unfähigkeit, trotz Rachegedanken an Borg mit kühlen Kopf zu denken, zieht sich wie ein roter Faden durch Blood Eagle. Es wird sich wieder einmal von seiner unberechenbaren und für seine Mitstreiter äußerst gefährlichen Seite zeigen - was für ihn persönlich nicht unbedingt ein gutes Ende haben könnte.
Ein Beispiel, mit dem die Autoren Ragnars komplizierten Charakter verdeutlichen, ist in dieser Episode Floki (Gustaf Skarsgard). Diese Figur gehört sicherlich auch zu einer der Lieblingen der Zuschauer, mit ihm verband man immer bedingungslose Loyalität gegenüber Ragnar. Doch auch Floki scheint langsam Zweifel ob des immer egozentrisch denkenderen Ragnar zu bekommen, welcher meint, er müsse alles kontrollieren. So soll Ragnar auch nicht an Flokis Hochzeit teilnehmen, welche dieser mit seiner schwangeren Frau Helga (Maude Hirst) vollziehen wird. Wenn selbst der treue Floki, der schon in England im Zusammenspiel mit Ragnar und Athelstan (George Blagden) auffällig agierte, Ragnar langsam in einem anderem Licht sieht, was kann Ragnar dann erst von seinen anderen „Verbündeten“ erwarten?

I'm just a joker
Einer von diesen ist auch King Horik, doch auch er ist sich nicht mehr sicher, inwiefern er Ragnar vertrauen kann. Siggy (Jessalyn Gilsig) hat ihren Teil dazubeigetragen, dass innerhalb der Wikingergemeinschaft keiner mehr so recht dem anderen trauen kann. Horik sieht in Borg nach wie vor einen wertvollen Verbündeten, dessen Hinrichtung seine eigenen Pläne auf Eis legen könnten. Also sichert er dem eingekerkerten Borg noch etwas Bedenkzeit zu, ihm bei seiner Flucht zu helfen. Dieses Versprechen hält der Wikingerkönig zum Ende von Blood Eagle zwar nicht ein, doch bestehen wohl kaum Zweifel daran, dass er seine Absicht, Ragnar früher oder später zu töten, in die Tat umsetzten wird. Zu groß ist das Misstrauen, zu groß ist die Angst, dass der junge Earl nach Horiks Posten des Wikingerkönigs streben wird.
Es kriselt also gewaltig im beschaulichen Kattegat, unter anderem auch zwischen Vater und Sohn. Abermals präsentiert sich Ragnar von seiner eher ungeliebten Seite, als er im Gespräch mit Sohnemann Bjorn (Alexander Ludwig) diesen eher unfair und ungerecht behandelt. Ragnars Vorwurf, Bjorn würde mehr mit seinem besten Stück als mit seinem Kopf denken, wirkt da schon etwas scheinheilig, hatte er sich einst doch selbst zu einer unüberlegten Affäre mit Aslaug (Alyssa Sutherland) hinreißen lassen. Bjorn versucht nach wie vor seinem Vater zu gefallen, doch wünscht man sich als Zuschauer auch, dass er bald erkennt, dass es vielleicht doch nicht so weise wäre, Ragnar nachzueifern. Man bekommt sogar schon leichte Anzeichen zu sehen, dass in Bjorn ein weitsichtigerer und weniger impulsiver Charakter als in seinem Vater schlummert.
Die perfekte Zusammenfassung für die undurchschaubaren Unruhen und sich anbahnenden neuen Konflikte in Kattegat kommt dann in Form einer kleinen Feier daher, welche auf den ersten Blick weniger spektakulär wirkt, aber einen treffenden Einblick in die aktuelle, spannungsgeladene Lage gibt. Während Ragnar abseits hinter ein paar Gitterstäben das wilde Treiben verfolgt, wechselt die Kamera ständig zwischen den verschiedensten Figuren, wodurch die Komplexität der bevorstehenden Reibungen erst richtig deutlich wird. Skeptisch beäugt Ragnar die feiernden Gäste aus dem Schatten heraus. Wem kann er noch trauen, wer steht wirklich auf seiner Seite? Eine einfache Szene, die clever gefilmt und vielsagend zugleich ist.
God save England
Auch in England muss sich King Ecbert gut überlegen, mit wem er etwaige Allianzen eingeht, um sich zum einen vor den Angriffen der Wikinger zu schützen, und zum anderen seine eigenen Pläne umzusetzen. Er empfängt King Aelle (Ivan Kaye) von Northumbria, welchen wir bereits in der ersten Staffel von Vikings kennengelernt haben. Mit diesem will sich Ecbert verbünden, doch nicht nur gegen die Wikinger, sondern auch, um ein benachbartes und im Chaos versunkenes Königreich, Mercia, zu erorbern. Die Ländereien sollen unter ihm und King Aelle gerecht aufgeteilt werden, doch der König von Northumbria traut dem Braten noch nicht ganz. Wie der Zuschauer erkennt er, dass Ecbert ein äußerst ambitionierter und kalkulierenden Mensch ist, der seine Schritte weit voraus plant.
Doch als ihm Ecbert anbietet, dass Aelles Tochter seinen Sohn heiraten soll, um die Allianz abzusichern, schlägt Aelle freudig ein. Ecbert entwickelt sich mehr und mehr zu einem der interessantesten Charaktere der zweiten Staffel. Gerade sein weltoffener Auftritt in der letzten Episode hat Eindruck hinterlassen. Es handelt sich bei ihm um eine sehr facettenreiche Figur, doch geht von Ecbert auch eine noch schwer zu beschreibende Gefahr aus. Athelstan wurde unter seiner Obhut wieder komplett umgedreht. Ecbert hat eine ähnliche Aura wie Ragnar, außerdem scheint er eine vergleichbare Faszination wie der Wikingerherr auszustrahlen. Ein erneutes Zusammentreffen der beiden (und welche Position dann Athelstan einnehmen wird) dürfte bis jetzt mitunter eine der interessantesten Szenen sein, die den Zuschauer in dieser Staffel noch erwartet.

In the eyes of God and the Gods
Neben den verheißungsvollen Foreshadowing an gleich mehreren Stellen, kann man in Blood Eagle auch seit langer Zeit mal wieder ausführlich einen Einblick in die historische Komponente von Vikings gewinnen. So findet hier eine christliche Verlobung wie auch die Wikingerhochzeit zwischen Floki und Helga statt. Hier kann man sich zurücklehnen und interessiert die unterschiedlichen Abläufe bestaunen. Dabei entsteht ein interessanter Kontrast zwischen den beiden Kulturen, welche viele Unterschiede, aber ebenso auch Gemeinsamkeiten haben. Solche Momente haben „Vikings“ in der ersten Staffel einen eigenen Charme gegeben und die Komplexität der Serie somit erweitert. In der zweiten Staffel war man mit derartigen Szenen bisher eher sparsam, doch „Blood Eagle“ bietet uns gleich wieder mehrere an.
Nach den Feierlichkeiten spitzt sich die Anspannung in Kattegat weiter zu. Während Ragnar und Torstein sich einem riskanten Trinkspiel zuwenden, kommt ein Botschafter an und berichtet von einem neuen Verbündeten, der sich Ragnar und Horik anschließen will. Zuvor hatte Ragnar seinen Sohn Bjorn über das furchtbare Ritual des „Blood Eagle“ aufgeklärt, welches Jarl Borg bevorsteht. Dabei wird dem zu Tode Verurteilten der Rücken aufgeschnitten und von hinten die Rippen von der Wirbelsäule nach außen weggebrochen, sodass die beiden Lungenflügel frei liegen. Diese werden dann über die Schultern des Gestraften gelegt, womit der Eindruck ensteht, er hätte zwei blutige Flügel auf dem Rücken. Dieses Ritual existierte unter den Wikinger wirklich, was abermals zeigt, was für eine gnadenlos Volk die stolzen Nordmänner waren.
Während der Zuschauer mit seinen Gedanken noch bei dem verdammten Jarl Borg und dessen bevorstehender Tortur ist, trifft sich Ragnar mit dem geheimnisvollen Earl Ingstad in den Wäldern nahe Kattegat. Zu seiner Überraschung - und zu der großen Freude vieler Vikings-Fans - handelt es sich bei Earl Ingstad um niemand geringeres als Lagertha (Katheryn Winnick), welche nach der Enthauptung ihres Gattens selbst zu einem weiblichen Earl aufgestiegen ist. Das lässt das Fanherz gleich höher schlagen, wäre die Serie ohne diese starke Frauenfigur doch nur schwer vorstellbar. Lagertha schließt sich also Ragnar mit ihren Schiffen und Kriegern an, womit die Autoren auf geschickte Weise die beliebte Wikingerbraut wieder in den Hauptplot einbinden und so wieder regelmäßig auf eines ihrer stärksten Pferde zurückgreifen können.
Rollo (Clive Standen) konfrontiert in der Zwischenzeit Siggy, denn er weiß nun, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit durch Floki, dass sie ihn mit Horik betrogen hat. Siggy plant schon eine ganze Weile den Fall von Ragnar und den Aufstieg von Rollo, um so selbst wieder ihre alte Position einnehmen zu können. Auch sie ist eine gefährliche Spielerin, welche nicht unbeachtet bleiben sollte. Wohin ihr Weg sie führen wird, ist bis jetzt nur zu erahnen. Zweifelsohne wird auch sie in zukünftigen Folgen eine gewichtige Rolle innerhalb der Handlung einnehmen.
Blood Eagle
Wohin der Weg von Jarl Borg führt, wird uns am Ende der Episode gezeigt. Entgegen seiner Annahme, von Horik befreit zu werden, muss er den schweren Gang zum Wikinger-Schafott antreten, wo auch schon Ragnar mit gewetzten Klingen auf ihn wartet. Was folgt ist eine der besten Sequenzen der gesamten zweiten Staffel. Erinnerung an die atemberaubende Szene aus der sechsten Episode der ersten Staffel (Burial of the Dead) erden hier weckt, in der eindrucksvoll die Geschichte und der Untergang der nordischen Gottheiten dargelegt wurde, das sogenannte Ragnarök.

Zwar verzichtet das Blutadler-Ritual auf visuelle Experimente, dafür ist die Spannung und Atmosphäre umso mehr greifbar und hypnotisierend. Das Ritual selbst stellt sich als genauso blutig und bestialisch heraus, wie es von Ragnar zuvor noch beschrieben wurde. Selbst einige hartgesottene Wikinger wenden da ihre Blicke ab. Borg lässt die Qual stumm über sich ergehen und wahrt somit seine Ehre, wodurch ihm ein Platz in Walhalla sicher ist. Ragnar nimmt derweil mit stoischer Miene den Gescholtenen aus. Tavis Fimmels Schauspiel über ein paar wenige Gesichtszüge fesseln den Zuschauer, die Szene strotzt geradezu vor Intensität.
Borg hebt ein letztes Mal den Blick und sieht einen Adler, sich selbst sozusagen, so wie es ihm der Seher prophezeite. Doch auch Assoziationen zu Ragnar schießen einem durch den Kopf. Dieser hat auf grausame Weise seine Rache bekommen, und man fragt sich erneut, wohin die Demontage dieser Figur noch führen soll. Aslaugs Prophezeihung, dass sie ihm ein Monster gebären wird, könnte ein Übel sein, das unserem Helden bzw. Antihelden erwartet. Da Ragnars Figur selbst jedoch schon monströse Züge annimt, fragt man sich, ob es überhaupt ein weiteres Monster in Vikings benötigt.
Fazit
Mit einem wahren Paukenschlag endet Blood Eagle und stimmt somit erneut nachdenklich, was man als gemeiner Zuschauer noch alles von Ragnar erwarten kann. Die Zeichen stehen auf Unglück und Verrat, dies wird in der siebten Episode der zweiten Staffel von Vikings mehr als deutlich. Überall lauern Gefahren, und man findet sich im Zwiespalt wieder, ob man für Ragnar hoffen oder ihn wie so oft verfluchen soll.
Blood Eagle ist ohne Zweifel eine der atmosphärisch stärksten Episoden der gesamte Serie bis zu diesem Zeitpunkt. Mit einfachen Mitteln werden hier gekonnt Spannung aufgebaut und unheilvolle Andeutungen gemacht. Der Großteil der Szenen ist eher ruhig und unspektakulär, manch einer mag vielleicht einen gut choreographierten Schwertkampf vermissen. Auch wenn es so einen hier nicht gibt, „Blood Eagle“ bleibt von der ersten bis letzten Minute packend.
Das grässliche Blutadler-Ritual am Ende markiert den Höhepunkt in einer sehr starken Episode. Die Gefühlslage in dieser Szene lässt sich nur schwer beschreiben, schwankt man doch zwischen Abscheu und Faszination zugleich. Solche Augenblick heben die History-Serie auf ein anderes Level und zeugen von der hohen Qualität des Formats. Gespannt dürfen wir nun auf die letzten drei Episoden der zweiten Staffel blicken, die uns allem Anschein nach zurück nach England führen werden. Es stehen uns stürmische Zeiten bevor.
Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 13. April 2014(Vikings 2x07)
Schauspieler in der Episode Vikings 2x07
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